Ankommen in Marokko

Wir haben die Fahrräder heute aus den Kartons geholt. Das ist immer ein heikler Augenblick, denn nach der rauen Reise mit drei Flugzeugen und über die Förderbänder und durch die Hände hartgesottenen Rollfeldpersonals sehen die Kartons erbärmlich aus. Außerdem hat das amerikanische Sicherheitspersonal unsere panzertapeverklebten Kartons natürlich geöffnet, Fahrräder waren ja schon immer ein Sicherheitsrisiko! Aber den Rädern geht es den Umständen entsprechend gut und ich bin sehr erleichtert, dass nur eine der GPS-Halterungen abgebrochen ist. Speichen, Schaltung, Rahmen und Reifen sind funktionsfähig. Das ist mehr als ich erwartet hatte. Große Erleichterung.

Das Fahrrad scheint hier wieder offiziell Verkehrsmittel zu sein, was das aber heißt kann ich noch nicht sagen
Das Fahrrad scheint hier wieder offiziell Verkehrsmittel zu sein, was das aber heißt, können wir beim besten Willen noch nicht sagen

Wir hingegen sind ziemlich derangiert, weil unsere innere Uhr immer noch Pazifiktime anzeigt und uns nachts nicht schlafen und zur unpassendsten Zeit hungrig werden lässt. Ich habe heute nacht in den zwei Stunden schlaf mindestens eineinhalb Stunden von Essen geträumt, weil ich wohl das Essen zu den amerikanischen Zeiten vermisse. Nicht allerdings vermisse ich das amerikanische Essen. Da geht es hier doch ganz anders zu. An jeder Ecke gibt es Grillstände und Gemüseeintöpfe, herrlich für den Fahrradhungermagen.

Der erste thé à la menthe in einer langen Reihe
Der erste thé à la menthe (hier klicken für den ersten Geschmack) in einer vermutlich langen Reihe zuckersüßer Nationalgetränke der arabischen Welt

Imke hat sich unterdessen auch schon von der marokkanischen Damenwelt beraten lassen und sich förmlich und farblich dem Land angenähert. Die Dame im Laden riet zu einem neonpinken Schal, der hier nicht auf dem Bild zu sehen ist, ihr aber natürlich hervorragend steht.

Vom Safrangelb habe ich abgeraten
Vom safrangelben Knöchellangen habe ich abgeraten

Am Ende des zweiten Tages drängt es uns schon wieder auf die Karte zu schauen und auf der Dachterasse die nächsten 400 Kilometer über den Hohen Atlas zu planen, während die Störche nebenan auf den Mauern des Königspalastes klappern und der Muezzin zum Abendgebet ruft. Der Wechsel der Kulturen ist scharf, aber die Einöde wird uns wohl erhalten bleiben, denn sind wir erstmal aus Marrakesch herausgefahren, werden wir wieder mal nicht viel Örtchen auf dem Weg liegen haben, bis wir etwa eine Woche später in Tafraoute, der Berberstadt im Antiatlas, in Reichweite der Sahara ankommen.

Und dazu gibt es Tee mit schweren Süßigkeiten
Und dazu gibt es Tee mit schweren Süßigkeiten

Lands End

Die Brücke fahren und sich verabschieden
Die Brücke fahren und sich verabschieden

 

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebauten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittiche gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehrn.

Friedrich Hölderlin, Patmos

 Lands End

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Imke redet seit Tagen vom Ozean. Noch hatte sich die Landschaft nicht wirklich verändert. Wir sind zwar aus der unbesiedelten Wüste herausgefahren, zuletzt mit unseren französischen Freunden hart gegen den Sturm. Jetzt waren wir in der ersten größeren Stadt nach der Durchquerung der Mojavewüste angekommen. Ridgecrest lebt von und für den größten Truppenübungsplatz der US-Navy, China Lake Naval Air Warfare Center. Hier, eine weitere Gebirgskette vor uns, hat man in der Stadt zwar den Eindruck, die Wüste läge hinter uns, aber kaum fahren wir aus den Wohngebieten des Stadtrandes hinaus, befinden wir uns schon wieder in der Wüste. Wir wundern uns, denn Südkalifornien ist die Obst- und Fruchtkammer der USA. Wir fahren über einen weiteren Pass hinab in den südlichen Teil des Central Valley und befinden uns in der Wüste, in der Obstbaumwüste und der Ölfeldwüste.

Bakersfield Ölfeld direkt in den Obstanbaufeldern
Bakersfield Ölfeld direkt in den Obstanbaufeldern

Hier regnet es kaum öfter als in der zentralen Mojavewüste, aber 25% des in der USA produzierten Obstes kommt aus diesem Tal. Alles hier hängt ab von der künstlichen Bewässerung. Gleichzeitig hat der Klimawandel hier im Süden Kaliforniens dramatische Folgen. Der Brigadier der Feuerwehr, der für uns auf dem Pass anhält, erzählt uns, dass Waldbrände zum Sommeralltag gehören und gerade da, wohin wir fahren wollen, der größte Waldbrand wütet, den die USA in ihrer Geschichte erlebte. Das Feuer, das in der Region um Big Sur seit 100 Tagen wütet, wird nicht gelöscht, es kann nur „verwaltet“ werden. Die Verzweiflung eines Feuerwehrmannes, der löschen möchte, aber kein Wasser dafür hat, spricht aus seiner Erzählung.

Wir erhalten mal wieder Bewunderung und Hilfe von den amerikanischen Helden
Wir erhalten mal wieder Bewunderung und Hilfe von den amerikanischen Helden

Wir werden es noch hautnah erleben, mal wieder, denn unsere Route wird uns einige Tage später nach Big Sur führen. Jetzt aber fahren wir tagelang durch Monokulturen: einen Tag lang nur durch Kirschbäume, am nächsten Tag wechseln die in militärischen Reihen bis zum Horizont gepflanzten Obstbäume zu Birnen und Pfirsichen. Alles wird intensiv bewässert, denn wir könnten es fast vergessen: Wir befinden uns immer noch in der Wüste, auch in einer traurigen Landwirtschaftswüste. Der Irrsinn wird dann greifbar, wenn der Feuerwehrmann davon berichtet, dass die Geräte zum Bohren der Grundwasserbrunnen auf die nächsten drei Jahre in Kalifornien ausgebucht sind. Seit rund fünf Jahren gab es in den meisten Gebieten keinen ernsthaften lange bewässernden Regen mehr. Die Campingplätze auf den Stateparks waren entweder aufgrund der Trockenheit unterdessen seit rund drei Jahren entweder ganz geschlossen, oder sie hatten das Wasser abgedreht und die Klohäuschen ganz zugemacht. Überall in den Städten hängen Plakate, die auffordern nicht mehr das Auto zu waschen oder den Garten nur noch an drei Tagen der Wochen zu bewässern. Manche Städte haben Wasserspar-Marshalls angestellt. Diese patrouillieren und zeigen Wasserverschwendung an oder beraten beim Wassersparen. Das sind niedliche Maßnahmen angesichts des allgemeinen Wahnsinns der großflächigen Bewässerung von Golfplätzen und Obstanbau in der Wüste. Wir sprachen mit einem Einwohner von Palm Springs, der sich rühmte, dass im 10-Meilen Umkreis seines Anwesens sich mehr als ein Dutzend Golfplätze befinden. Palm Springs befindet sich noch mitten in der Mojavewüste! So erleben wir, wie der amerikanische way of life das Klima zu Schrott fährt, wie James Dean damals hier seinen Porsche. An dessen Unfallkurve schlagen wir mangels Campingplatz unser Zelt auf. Der Verkehr reißt auch nachts nicht ab und uns gruselt, denn diesen Irrsinnsverkehr kann unser Planet sicher nicht viel länger aushalten.

Die Autogesellschaft verehrt ihre Helden: Hier kaufte er seine letzte Tankfüllung
Die Autogesellschaft verehrt ihre Helden: Hier kaufte er seine letzte Tankfüllung

Jetzt könnt Ihr wohl eher verstehen, dass Imke seit Tagen davon spricht, endlich am Ozean anzukommen. Fast als befände sich dort der Beginn des gelobten ersehnten Landes, sehnte sie diesen Anblick herbei. Daher war es ein wirklich bewegender Moment, nachdem wir die Weinhügel um Paso Robles durchquert hatten und wir auf der letzten Anhöhe angelangt waren. Plötzlich ebnete sich vor uns der Horizont und ein silbernes Band lag ausgebreitet, das das Ende der Wüste und das Ende dieses Landes markierte. Der Pazifik. Es war ein bewegender Moment, weil wir ein greifbares Ziel erreicht hatten: Lands End. Der Gedanke, dass das Ende unserer zweijährigen Tour auf der anderen Seite dieses Ozeans liegen würde, rührte mich tief an. Wir würden auf der anderen Seite stehen, in Malaysia und Australien, und wir würden dort mit dem Rad hingefahren sein – es ist nach wie vor unvorstellbar. Wir haben uns ans Fahren gewöhnt, wir bewältigten Probleme, wir planten voraus, aber richtig begriffen haben wir immer noch nicht, dass diese Tour noch lange weiter gehen würde und wir auf dem Weg um die Welt waren. Allerdings hätten wir mit den rund 5500 Kilometern schon von Biberach aus die Seidenstraßenländer erreicht: Tadschikistan oder Usbekistan. So standen wir auf der Anhöhe über dem Pazifik und hatten beide feuchte Augen.

Lands End
Lands End

Seither sind wir immer dem Highway 1 nach Norden der Pazifikküste entlang gefolgt. Im Statepark San Simeon Creek haben wir 6 Tage Pause am Strand gemacht und mit Entsetzen der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten zugesehen. Weil schon im Vorfeld einige von Euch uns zu unserer Meinung zur politischen Lage in den USA gefragt haben, schrieben wir unsere Sicht der Dinge am Morgen nach der Wahl nieder und versendeten sie als Email an alle Abonnenten. Im Folgenden findet Ihr noch einmal diesen Text, auch weil wir unterdessen mindestens eine Leserin im Iran haben und dieser Text dank des Übersetzungsknopfes auf der Homepage (die kleinen Flaggen) in die Sprachen unserer Reiseländer übersetzt werden kann. Ein Abschluss entspricht auch unserer gegenwärtigen Stimmung, denn nach allen Erlebnissen in den USA sind wir unterdessen dabei, uns von diesem Land zu verabschieden. Wir merken, dass wir innerlich schon Marokko vorbereiten. Dazu passt auch, dass wir hier zum ersten Mal so etwas wie einen Herbst spüren. Die Temperaturen sind kühler geworden und die Tage deutlich kürzer. In den nächsten beiden Tagen werden wir vollends den Küstenhighway nach San Francisco fahren, vermutlich im Regen. Dann werden wir ab dem 27. November bei Warmshowers.org-Fahrradfahrern unterkommen, die in Oakland wohnen. Dort werden wir Kartons für den Flug der Fahrräder organisieren und einige Einkäufe erledigen, die für Marokko nötig sind. Ab dem 3. Dezember werden wir uns ein paar Tage in Marrakesch bei Andrea Recks Freundin in einer kleinen schönen Pension im Zentrum kulturell akklimatisieren. Die erste Herausforderung, die uns dann auf unserer marokkanischen Strecke erwartet, wird die Winterüberquerung des Hohen Atlas sein. Wie dann später im Februar für die Alpenüberquerung müssen wir dort auf günstiges mildes Wetter hoffen, so dass wir möglichst schneefrei über die höchsten Pässe kommen. Danach wird uns unsere geplante Route immer südlich des Atlas am Rand der Sahara entlangführen. Wir werden nicht nur in die völlig andere Kultur, sondern auch vom Englischen ins Französische wechseln müssen.

Bei Jan und Bill in Santa Cruz
Bei Jan und Bill in Santa Cruz

Es heißt jetzt also das Eine abzuschließen und uns aufs Neue vorzubereiten. Heute feiern die Amerikaner Thanksgiving und das passt sehr gut. Denn wir haben viel, wofür wir dankbar sind in diesen vergangenen vier Monaten in den USA. Wir sind rund 5500 Kilometer gefahren und haben dabei gigantische 45.000 Höhenmeter erklettert. Wir sind durch die Wildnis gefahren, haben Wüsten bewältigt und sind dabei immer gesund geblieben. Wir sind durch die dünnstbesiedelsten Gegenden gekommen und haben viele herzensfreundliche Menschen getroffen. Wir haben fast täglich Schwierigkeiten überwunden, die sich uns in den Weg gestellt haben. Wir mussten unsere Fahrräder reparieren (lassen) und irgendetwas unserer restlichen Ausrüstung war immer kaputt. Unser Rückflug wurde gestrichen und unsere Kreditkarte von Betrügern benutzt. Die verschiedenen Telefongesellschaften waren die einzigen Wegelagerer, die uns regelmäßig ausgeraubt haben und ohne Netz zurückließen. Nie haben uns die Schwierigkeiten überwältigt. Nie hat uns der kleine und große tägliche Kampf zermürbt. Immer überwog die Begeisterung für die Welt, die Neugier auf den Horizont und die Freude am Radfahren. Wir haben die gigantischen Landschaften wie Geschenke entgegengenommen und sind der festen Überzeugung, dass all das nicht ohne Fahrrad zu erleben gewesen wäre. Ihr, unsere Freunde, habt uns nie allein gelassen. Immer hatten wir eine Nachricht und liebe Worte von Euch, die wir uns beim Sonnenuntergang oder im Schlafsack gegenseitig vorlesen konnten. Viele Schwierigkeiten haben wir mit Eurer Hilfe fröhlich überstanden, auch wenn Euch das oft sicher nicht bewusst war, wie gut Ihr uns getan habt. Danke auch nicht zuletzt für Euch! Wir teilten auf unserem Roadtrip die Welt Jack Kerouacs, Ernest Hemingways, Mark Twains und John Steinbecks. Aber am Ende wollen wir einen Württemberger zitieren. Und voll Überzeugung können wir in diesem Fall mit dem wirren, weitsichtigen Hölderlin sagen: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Mit Blumen im Haar
Mit Blumen im Haar

  1. November 2016

Ein passender Präsident

Am Morgen nach der Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der USA überschlagen sich die Kommentatoren der Weltpresse mit Metaphern, die dieses schockierende Ereignis beschreiben sollen. Aus den meisten Kommentaren, die auch hier in den USA jetzt dazu zu lesen und zu hören sind, spricht vor allem eines, die Hilflosigkeit diese Tatsache zu erklären. Wir hatten uns nach längerer Überlegung schon vor einigen Monaten entschieden auf unserer Homepage das Politische eher im Hintergrund zu lassen, obwohl wir beide großes Interesse am politischen Denken haben. Jetzt wollen wir aber nicht zu den Ereignissen schweigen. Es drängt uns zu kommentieren, was wir hier erleben und wir geben natürlich unsere subjektive und damit auch tendenzielle Sicht der Dinge wider. In den letzten Tagen haben wir einige Emails erhalten, die nach unserer Sicht gefragt haben. Hier ist sie.

Die Wahl Donald Trumps ist anders als manche Analysen nahelegen kein „Hurrikane“, kein „Erdbeben“ oder keine „Katastrophe“, die dieses Land trifft. Diese Metaphern suggerieren, dass es sich hier um eine traurige Zufälligkeit handelt. Nein, diese Wahl ist das folgerichtige Ziel von Irrwegen, denen die US-amerikanische Gesellschaft seit langen Jahrzehnten gefolgt ist und die sie weiter begeht. Diese Wahl ist nicht ein tragischer Schicksalsschlag, sondern sie kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Wir haben dieses Land jetzt über drei Monate intensiv bereist und viele Gespräche geführt. Dabei waren die Menschen offen und freundlich zu uns. Was wir dabei erfahren und gehört haben, lässt uns klarer sehen, wie es zu dieser 45. Präsidentschaft kam. Es gibt drei wesentliche Gründe, warum Donald J. Trump der passende Präsident für dieses Amerika ist. Drei Entwicklungen, die schon seit Jahrzehnten diese Gesellschaft prägen und schließlich zu diesem Präsidenten führen mussten.

Erstens: Gewalt ist gesellschaftlich akzeptiert

Wir haben es schon auf unserer ganzen Fahrt immer wieder erlebt: Auf dem Campingplatz neben uns schießt ein Besoffener von seinem Campingstuhl aus den ganzen Abend auf Kaninchen; aus dem Autofenster wird auf Straßenschilder geschossen; die Jagd gehört zum amerikanischen Männlichkeitsritual dazu. Hauptsache das Gejagte muss dabei ebenso wie die Waffen möglichst groß und zahlreich sein; das Militär ist allgegenwärtig und Söldnersammelbecken der vorwiegend ungebildeten, armen Unterschicht, die für die unverantwortliche Energieverschwendung des american way of life mit ihren Leben bezahlt. In diesem Amerika gehört die private Handfeuerwaffe so selbstverständlich zum Alltag auch der Mittelschicht, wie bei uns der Rasenmäher oder der Thermomix. Selbst von den gebildeten, etablierten Familien der weißen Mittelschicht hören wir immer wieder ganz selbstverständlich, dass dies ja das gute Recht sei und eine vermeintlich logische Notwendigkeit um für Ruhe und Ordnung zu sorgen: Notfalls eben mal jemand über den Haufen zu schießen. Es scheint hier wirklich niemand zu geben, den wir darauf ansprachen, den es wundert, dass in USA mehr Opfer von Schusswaffen zu beklagen sind als in manchen Bürgerkriegsgebieten von Bananenstaaten. Auch die Tatsache, dass nur in wenigen Staaten dieser Welt mehr Waffen pro Einwohner in Umlauf sind, scheint bei der überwiegenden Mehrheit kein Nachdenken auszulösen. Damit ist die USA etwa mit der seit Jahrzehnten durch Clankriege zerrissenen Volksrepublik Jemen vergleichbar. Ein abstruser Vergleich? Mitnichten, denn hier wie dort sind ähnlich viele Waffen pro Person in Umlauf und die breiten Massen der Bevölkerung scheinen sich damit einverstanden zu geben, dass Konflikte eben nur effektiv mit Waffen zu lösen seien. Die Argumentation hier in Amerika: Die Guten müssen sich gegen die Bösen, die ja auch Waffen tragen, verteidigen. Selbstzweifel am primitiven Schwarz-Weiß-Denken von Gut und Böse kommen nicht auf. Die einfache Lösung ist schnell zur Hand, gut für denjenigen, der schneller abdrückt. Eine solche Haltung hat aber Folgen für eine Gesellschaft und das ist nicht nur an dieser Wahl, sondern auch schon am vorausgegangen Wahlkampf zu sehen: Hass ist akzeptabel; Bedrohung der Gegner wird normaler Bestandteil der Taktik; der nächste Krieg mit Iran, Nordkorea oder China ist nur ein normales Mittel zur (ökonomischen) Selbstbehauptung. Warum auch nicht? Der Einsatz von Waffen ist ja auch im Privaten ok. Wer so denkt, muss Donald J. Trump wählen und hat es ja offensichtlich auch getan.

Zweitens: Es geht auch ohne Bildung

Wir haben Euch in unserem letzten Beitrag „Im Tal des Todes“ das vermeintlich lustige Video der bekifften Hippies mitgeliefert. Bewusst haben wir am Schluss den Spitzensatz von Chris dreimal hintereinander geschnitten: „Americans are so confused!“ Das ist auch eine Beobachtung, die wir immer wieder gemacht haben: Abstruse Verschwörungstheorien sind hier fast gesellschaftliches Allgemeingut; Einfache Zusammenhänge werden nicht erkannt (in Kalifornien wird das Trinkwasser aufgrund von jahrelanger Trockenheit knapp, der Klimawandel wird aber geleugnet); das Unterscheiden von Relevantem und Unwichtigem geht in der Flut von Belanglosigkeiten besonders auch in den Mainstreammedien völlig unter; einen breiten Bildungshorizont über die Grenzen der USA hinaus gibt es nicht (nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung besitzt überhaupt einen Reisepass); der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion ist längst verschwommen, denn Sensation verkauft sich immer besser als Information. So kommt es, dass auch im Wahlkampf nur peripher von politischen Programmen höchst primitiv die Rede ist und charakterliche Eigenheiten zehnmal breiter diskutiert werden als politische Visionen für die Welt im 21. Jahrhundert. Nur die elitären Medien wie etwa die New York Times oder die Washington Post nehmen solche haarsträubenden Entwicklungen überhaupt noch wahr und stellen die Frage nach den Konsequenzen einer schockierend tiefsitzenden Dummheit der Mehrheit der Wählenden. Es geht hier nicht um Lesen, Schreiben, Rechnen. Erschütternderweise ist allerdings Amerikas Analphabetenrate höher als in manchem afrikanischen Staat. Nein, es geht nicht um Ausbildung, sondern um Bildung. Denn Bildung hat über das rein Lebenspraktische auch mit der einordnenden Priorisierung von Fakten, mit dem Erkennen relevanter Zusammenhänge und mit überindividuellen Verantwortlichkeiten zu tun. Wenn diese Art von Bildung in einer Gesellschaft aufgegeben wird, dann hat das Folgen. Die Wahl des 45. Präsidenten der USA ist eine logische Folge davon. Donald J. Trump verkörpert diese Bildungsverachtung perfekt. Man kann ja auch ohne Bildungshorizont Millionär werden. Schließlich ist das einzig Relevante ja der Kontostand. Solidarität? Gesellschaftliche Verantwortung? Wahrhaftigkeit? Allgemeinwohl? Rechnet sich nicht! Gläubiger verprellen, Fakten zurechtlügen, den eigenen Vorteil anbeten ist ok. Wenn Unbildung das Fundament einer Gesellschaft bildet, dann ist gegen Verschwörungstheorien, gegen irrationale Angstmache, gegen aberwitzige Ablenkungsmanöver und gegen das beharrliche Leugnen von Fakten kein Kraut mehr gewachsen. Die moderne Demokratie braucht zur vernünftigen Meinungsbildung eine breite Bildung der wählenden Bevölkerung. Diese gibt es in den USA längst schon nicht mehr. Und darum wird der irrationale Hanswurst gewählt gegen das politische Establishment. Donald J. Trump ist Förderer und Nutznießer dieses gesellschaftlichen Bildungsvakuums.

Drittens: Humanismus geopfert für die Wirtschaft

Der unregulierte Turbokapitalismus hat in den USA die Demokratie zu seiner Dienerin degradiert. Spricht man im alten Europa öfter noch vom Primat der Politik, auch über die Wirtschaft, so ist dieser demokratische Fundamentalsatz mindestens in den USA nur noch lästige Bremse für eine noch weiter zu entfesselnde Priorität der Wirtschaft über alle Lebensbereiche. Welche praktischen Folgen das in den USA schon seit Jahrzehnten hat, ist uns auf unserer Reise immer wieder schockierend ins Auge gestochen. Im vermeintlich reichsten Land der Erde leben große Teile der Bevölkerung in widerwärtiger Armut. Wir sind an hunderten von Trailerparks vorbeigefahren, in denen Familien in entwürdigenden Verhältnissen dahinvegetieren. Die Selbstaufgabe ganzer Bevölkerungsschichten ist für jeden Vorbeifahrenden offensichtlich. Mit mehreren Vollzeitjobs halten sich Millionen von Menschen rund um die Uhr beschäftigt ohne wirklich genügend Geld für einen Platz in der unteren Mittelschicht dieser Gesellschaft zu ergattern. Sie leben in Wohnwagen oder in offensichtlich selbstgezimmerten Sperrholzhütten, an Stadträndern oder gleich ganz in der Wüste. Die Wirtschaft wächst, die Börsen machen Gewinne aber die Mittel- und Unterschicht verliert immer weiter reale Kaufkraft und persönliche Würde. In Folge der Finanzkrise wurden hunderttausende Häuslebesitzer der Mittelschicht obdachlos: „Das Haus geklaut durch windige Finanzkonstrukte der Banken und Versicherungen“, so wird immer wieder von Nachbarn und Bekannten berichtet.  Die Vermögen der reicheren 10 Prozent der Nation wuchsen in Folge der Finanzkrise signifikant an. Die Armen aber wurden noch ärmer. In den seither vergangenen 8 Jahren wurden die Verursacher der Immobilienkrise durch den Rechtsstaat nicht zur Verantwortung gezogen. Die Bundesregierung hat keine wirkliche Regulierung der Banken und Börsen auf den Weg bringen können. Die moralische Message an die breite Bevölkerung: Private Bereicherung gegen das Allgemeinwohl ist unter dem Primat des Kapitalismus ok. Im Originalton heist das dann bei Donald J. Trump „If you are famous you can do everything.“ Oder: Was juckt es mich, wenn ich 18 Jahre keine Steuern zahle, schuld daran ist doch die Politik, die solche Schlupflöcher nicht stopft. Dass mit diesen nicht gezahlten Steuern Schulen nicht gebaut wurden, Sozialversicherungsbeiträge für die Armen gestiegen sind und das Rekordhaushaltsdefizit der USA noch größer wurde, diesen Zusammenhang zu ziehen, würde ja eine gewisse Bildung erfordern. Es ist beunruhigend, wenn der Bewerber für das höchste Staatsamt sich solcher gesellschaftsschädigender Haltungen und Taten rühmt. Aber mangels Bildung fällt das offensichtlich der Mehrheit der Bevölkerung nicht auf. Donald J. Trump wurde gerade von der sozial abgehängten und von wirtschaftlichen Existenzängsten verstörten Arbeiterschaft und ländlichen Unter- und Mittelschicht gewählt.  So legen es zumindest die Analysen der ersten Stunden nach der Wahl nahe. Seltsam und doch auf abstruse Weise konsequent, dass diese im skrupellos ausbeutenden Milliardär, der Steuerbefreiungen für die Reichsten ankündigt ihren Retter suchen. „Wer Milliardär ist, der muss ja etwas von Wirtschaft verstehen und eine gute Wirtschaft brauchen wir“, so fasst es Chrystal zusammen, mit der wir noch einen Tag vor der Wahl gesprochen haben.

Ergo: Wer (Erstens) aufgrund seiner fehlenden Bildung die Zusammenhänge im 21. Jahrhundert nicht mehr durchblickt, frisst jedes Argument unkritisch, das ihm vorgesetzt wird – und sei es auch die abstruseste Verschwörungstheorie oder die primitivste Bauernfängerei durch Angstmache. So verunsichert und in Rage gebracht bevorzugt man dabei dann die einfachen Lösungen, bevorzugt diejenigen, die (Zweitens) gewürzt sind mit Schwarz-Weiß-Denken und Gewalt. Schließlich muss man schauen, wie man privat aus den Schulden kommt oder den Anschluss an die Mittelschicht ökonomisch nicht ganz verlieren möchte und da ja längst nur noch Geld zählt, wählt man (Drittens) denjenigen, der die Wirtschaft vertritt. Denn Wirtschaft ist gut und Politik ist böse. Donald J. Trump ist als Präsident kein Zufallsprodukt sondern der passende Kandidat dieser gesellschaftlichen Grundtendenzen.

Ja, auch wir haben den Wahlabend live mitverfolgt, es gab hier auf dem Campingplatz Wi-Fi und wir haben CNN geschaut auf dem Smartphone in der Dunkelheit mit einem recht ordentlichen Cabernet-Sauvignon. Bezeichnenderweise saßen wir im Statepark San Simeon Creek, der seit drei Jahren aufgrund der katastrophalen Trockenheit in Südkalifornien die Wasserhähne abgedreht hat und so schauten wir recht passend der Wahl eines Klimawandelleugners zu. Wir saßen unterhalb des verschwenderisch geschmacklosen Protzschlosses des damals reichsten Mannes der Welt, William Randolph Hearst, der seine Verlegermillionen mit Kriegstreiberei (Spanisch-Amerikanischer Krieg) und der Einführung des Primats von Sensation über Information verdient hatte. So mussten wir tatenlos zuschauen, wie ein in seinem Wahlkampf kriegstreibender von der Sensationspresse Großgemachter Präsident wurde. Auch recht passend. Wir haben den Ort unserer Wahltrauerfeier also mit Bedacht gewählt. Wie also jetzt mit der Wahl umgehen? Mit schwarzem Humor! In der Nacht gab es die ersten Übergriffe auf Ausländer: ein Stinktier und ein Pack Waschbären griffen unsere Nahrungsmittelvorräte an und erbeuteten mexikanische (!) Taccowürzmischungen und italienische Nudeln. Wir sind uns einige: das konnte nur unter Donald J. Trump passieren.

Es ist heute der 9. November, wir in Deutschland sollten auch besonders an diesem historischen Datum über Gewalt, Bildung und wirtschaftliche Verwertung des Menschen nachdenken. Denn unser Kommentar zur politischen Lage soll nicht ohne Selbstkritik bleiben. Auch in den großen europäischen Demokratien gibt es diese drei oben beschriebenen gesellschaftlichen Tendenzen. Darum unser Wunsch zum Schluss: Möge das alte Europa genug Geschichtsbewusstsein bewahren, um die Fundamente seiner Demokratien nicht auf ähnliche Art zu verhökern!

Im Tal des Todes

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Es war ein schmerzhafter und sehr langsamer Abschied. Ein Abschied in Zeitlupe. Nein, eigentlich war es sogar ein Abschied in Superzeitlupe, ähnlich wie in Tierfilmen, in denen man die Schmetterlinge ganz langsam mit den Flügeln schlagen sieht. Wir entfernten uns erst nur ein paar wenige Zentimeter voneinander, dann war ein Meter zwischen uns, der sich auf fast eine Minute ausdehnte. Bis uns einige dutzend Meter voneinander trennten, dauerte es rund zehn Minuten. Über eine Stunde lang konnten wir sie noch sehen und es tat wirklich weh, sie ziehen zu lassen. Wir hatten sie in der Wüste getroffen, wo man eigentlich eher nur seltsame Typen antrifft. Weiterlesen