Wir kommen heim!

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Am 9. August um 5:25 Uhr wird das Flugzeug, das uns wieder heim bringt, auf dem Flughafen München landen (LH 791 von Singapur an 5:25 Uhr International Terminal 2). Dann werden wir in vier Etappen zurück nach Biberach mit dem Fahrrad fahren. Mit was sonst! Ihr könnt uns dabei begleiten mit dem Fortbewegungsmittel Eurer Wahl. Hubert Hagel und Dennis Maile haben eine tolle Planung dieses letzten, wichtigen Abschnittes unserer Reise übernommen. Wir sind Ihnen dafür sehr dankbar, denn ob wir uns in Süddeutschland ohne Hilfe noch zurechtgefunden hätten… Hier die Etappen und die Übernachtungsorte im Detail:

  1. Tag, 9. August 2018: Nach dem Zusammenbau der Fahrräder am Flughafen und ersten emotionalen Wiedersehensmomenten, nehmen wir ein gemeinsames Frühstück im Mövenpick Hotel München Airport (https://www.movenpick.com/de/europe/germany/munich/hotel-munich-airport/overview/) ein. Die erste Tagestour führt uns dann über 47 km zum Campingplatz am Ampersee (http://www.campingampersee.de/), beziehungsweise ins Hotel Alpenglühen (http://www.hotel-alpengluehen.de/)  oder Hotel Schiller (http://www.hotel-schiller.de/de/home/), beide Hotels befinden sich ebenfalls in Olching.
  2. Tag, 10. August: 53 km mit Übernachtung im Hotel Goggl (http://www.hotel-goggl.de/)  in Landsberg am Lech, sowie auf dem Romantik Campingplatz an gleicher Stelle (http://camping-landsberg-am-lech.de/).
  3. Tag, 11. August 2018: Ziel dieses Tages, nach 74 km, ist der Campingplatz Christophorus in Kirchberg an der Iller (www.camping-christophorus.de), sowie das Hotel Gasthof zum Rössle (http://www.gasthof-roessle.de/)  in Altenstadt.
  4. Tag, 12. August 2018: Wir rollen die letzten 30 km gemütlich nach Biberach. Genügend Raum und Zeit für ein gebührendes „Willkommen zurück“, sowie für das eine oder andere Getränk in Kombination mit Gegrilltem, werden wir dort sicherlich finden.

Wir können nicht die Buchungen und Vorabreservierungen für Euch übernehmen, freuen uns jedoch über eine Nachricht von Euch, ob, und welchen Abschnitt Ihr mitradeln möchtet. Das Frühstück in München (reichhaltiges Buffet für 12 €) müssten wir vorbestellen und würden dies auch gebündelt tun, Vorschläge für alle Unterkünfte sind oben ersichtlich und sollten von Euch selbst gebucht, bzw. reserviert werden. Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit Euch, ob auf diesen letzten Etappen oder in den Tagen und Wochen danach.

Wenn Ihr mitfahren wollt, schreibt bitte eine kurze Mail an Hubert Hagel oder Dennis Maile (mit Angabe der Streckenabschnitte und eventueller Teilnahme am Frühstück am Flughafen):

Hubert Hagel, hagel.gms@gmx.de

Dennis Maile, maile.dennis@gms-bc.de

 

Es ist für uns selbst noch ein abstrakter, unglaublicher Gedanke. Aber er gewinnt in diesen Tagen immer mehr Gestalt: Wir kommen bald wieder zurück nach Hause! Nach zwei Jahren Weltreise auf dem Fahrrad rückt der Tag näher, an dem wir mit unseren Rädern, auf denen wir über 700 Tage lang zu Hause waren, im vertrauten Biberach einrollen. Unsere Vorfreude steigt von Tag zu Tag, Euch alle wiederzusehen. Bei dem Gedanken bekommen wir jetzt schon Gänsehaut.

Auf das Wiedersehen!

Eure Imke und Ralph

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Hallo vertraute Gefährten!

Wir haben zum Ende nochmal die alten Gefährten um uns versammelt. Wie wir unterdessen wissen: die Landmasse dieser Welt besteht, abgesehen von einigen kleinen Ausnahmen in Zentraleuropa, aus Wüste. Und genau da, in der Wüste, sind wir wieder. Der letzte Abschnitt unserer Weltreise im Nordwesten Australiens, nördlich von Geraldton, hat uns die vergangenen Tage durch rund 500 Kilometer Busch-Staub-Landschaft geführt, in der es außer drei Tankstellen nichts gibt und in der es im vergangenen Jahr insgesamt 7 mm geregnet hat (vor dem Beginn des momentanen Klimawandels waren es dort mal 100 mm durchschnittlich, was auch nicht viel ist). Über 1500 Kilometer Wüste liegen noch vor uns. Also: Mitnichten ist die wasserlose Passage beendet! Und das ist eigentlich gar nicht schlimm – im Gegenteil. Wir drehen nochmal eine Ehrenrunde mit den Vertrauten – for the good old times.

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Jetzt, zum Abschluss, haben wir nochmals alle so anhänglichen Altbekannten um uns versammelt, in familiärer Eintracht. Und wie bei Familientreffen geht das nicht ohne Sentimentalität und nicht ohne Konflikte ab. Sentimental freuen wir uns über das Wiedererkennen und erinnern uns an die trockenen Steppen der Rocky Mountains, die Wüsten Utahs, Arizonas und Kaliforniens, die Sahara südlich des Atlas, den Iran, die Hitze Usbekistans, den Staub Tadschikistans, die Weite Kasachstans, die Taklamakan, die Gobi, die Wüste Thar in Rajasthan und den Himmel über dem tibetischen Hochland. Wir haben sie also wieder, die alten Gefährten: Den Staub, die Hitze, die endlosen, geraden Straßen bis zum Horizont, den Wind, die gelinde gesagt „unaufregende“ Wüstenlandschaft, die Trockenheit, den Wasser- und Schattenmangel, die stechende Sonne und die Wüstentiere (Fliegen, Ameisen, Eidechsen, Schlangen, Skorpione, Spinnen, Dingos und Kängurus – in absteigender Rangfolge der Nervigkeit). Hab ich noch was vergessen? Ja natürlich: Die Anmut der Ödnis, die Weite für die Seele, den endlosen Himmel, die Galaxien am klarsten Sternenzelt, das überwältigende Blau, das stechende Rot, das erhabene Gleißen, die Größe im Geist, die Sehnsucht am Horizont, die Ergriffenheit über die eigene Winzigkeit und die eigene Größe. Und noch immer: die Gänsehaut mit dem Fahrrad um die Welt fahren zu dürfen und jeden Tag neu den Horizont als Ziel vor sich zu sehen.

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Fahrradfahren

Ich schiebe das Rad durch den roten Staub zurück auf die Straße. Als wären wir nie dagewesen, liegt hinter uns ein verstecktes Plätzchen im australischen Busch, weit entfernt von jedem zivilisierten Ort. Stolz sind wir immer wieder aufs Neue, dass wir keine Spuren hinterlassen. Wenn der Wind der nächsten Tage unsere Rad- und Fußspuren hier im Staub verwischt haben wird, erinnert nichts daran, dass hier einmal unser Zelt stand und unseren Schlaf unter dem weiten Sternenhimmel bewachte. Gerade erst ist die Sonne langsam orangen über dem östlichen Horizont aufgegangen. Das warm gefärbte Morgenlicht wirft noch lange Schatten, die bald in der Mittagshitze verschwunden sein werden. Jetzt aber ist alles still, so früh gibt es noch keinen Verkehr auf dem schmalen Asphaltstreifen, der sich kerzengerade von Horizont zu Horizont erstreckt. Es ist die einzige geteerte Straße hier im riesigen menschenleeren Nordwesten Australiens, der Northwestern Costal Highway Nummer 1. Wir suchen die Reifen noch kurz nach Dornen ab, setzen die Helme auf und ziehen die Fliegennetze über unsere Köpfe. Dies alles ist uns unterdessen so zur täglichen wortlosen Routine geworden, dass wir es schon unbewusst parallel machen, wie Synchronschwimmer in der weiten Sphäre der klaren Wüstenluft. Unsere morgendliche Portion Sonnencreme haben wir schon am Zeltplatz auf die Haut geklatscht. Die Pferde sind aufgepackt, nichts bleibt zurück und wir schwingen uns in den Sattel.

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Meine Beine treten mit Macht in die Pedale und bringen das schwere Rad in Fahrt. Meine Muskeln haben die Strapazen des Vortages vergessen und erinnern sich nur an die meditative runde Routine: Voran zum Horizont! Auf hinaus in die Welt! Rad und Körper schmiegen sich in eine gemeinsame Bewegung und das Summen der rollenden Reifen ist die Filmmusik zur Welt, die sich um mich her entfaltet. Die Bewegung meiner Beine beobachte ich manchmal selbst mit Wundern. Es ist nicht Sport, nicht Mühsal, die ich hier betreibe. Unterdessen ist es oft eine sagenhafte Befriedigung, mich selbst im Ausüben meiner eigenen Wirkmächtigkeit zu erleben. Bringt die Kraft auf die Straße, fliegt zum Horizont, durchstrebt die Wüste, ihr Kräfte, die in mir wohnen! Besonders hier, wo die Landschaft die pure Kargheit ist und die Straße eine flüchtende Linie zum Horizont, die sich zwischen den Augen hinter meiner Stirn am Ende in einem Punkt vereinigt. Dort aus diesem einen Punkt im Geist entsteht alle Macht, die uns jede Wüste durchqueren lässt. Ein Mantra, eine Meditation, eine Erleuchtungserfahrung als Bewegung, das ist Fahrradfahren. Oder wie es Emil Zátopek, der legendäre Langstreckenläufer einmal sagte: „Der Vogel fliegt, der Fisch schwimmt, der Mensch läuft.“ Aber nur wenn er halt grad kein Fahrrad hat – füge ich für mich hinzu.

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Wie wirre Metallspäne auf einer Werkbank unter dem Einfluss eines starken Magneten richten sich meine Gedanken in klare Linien und Figuren purer Konzentration aus. Die Beine drehen rund die Pedale und der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht. Die helle Kargheit der Wüst räumt mich innerlich auf und die Kraft erschließt neue Welten, in den Muskeln und im Kopf. Ich fühle mich großartig und winzig zugleich in dieser Weite und möchte in diesem Augenblick nirgends sonst sein als im Sattel. Die Bewegung ist ein Fließen der Freude und inneren Erfüllung. Ein Surfen auf einer sich selbst nährenden Welle. Bald sind es 1300 Stunden, die wir auf dieser Reise im Sattel verbracht haben. Ist das die Übung in Demut und Meditation, die dann schließlich zur Erleuchtung in Bewegung führt? Zu dieser fließenden Einheit von meinem Fahrrad und mir? Zum Tanz mit der Straße?

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Im Outback

Wir wussten, worauf wir uns einlassen. Alle Australier, mit denen wir über unsere geplante Route von Perth nach Norden in den Karijini Nationalpark sprachen, warnten uns. Stets hörten wir besorgte Hinweise wie: „Es ist ein langer Weg, den ihr da vorhabt. Da draußen gibt es nichts, wirklich NICHTS.“ „Wollt ihr das wirklich mit dem Fahrrad machen? Die Distanzen sind riesig!“ Es ist zwar eine schöne Vorstellung, eine unendliche rotfelsige Weite vor sich liegen zu haben, in der man endlos Radfahren kann. In der Praxis stellt sich das aber mal wieder etwas schwieriger dar. An den wenigen Straßenschildern, an denen wir vorbeifahren, lässt sich erkennen, dass die Größe Australiens nicht für Fahrradfahrer gemacht ist. Hier werden selbst Autofahrer gewarnt, dass es zum Beispiel „nördlich von Geraldton“ kein Wasser gebe, oder dass es mehr als 200 km bis zur nächsten Tankstelle sind.

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Wir verbringen in Perth wieder einmal einen gesamten Tag mit genauer Recherche über die Versorgungspunkten der Strecke, die vor uns liegt. Das Ergebnis ist ein handgeschriebener Zettel, auf dem in einer langen Reihe Kilometerangaben und Informationen darüber stehen, was dort zu finden ist. Das sieht dann etwa so aus: „km 1350: Exmouth, Laden, Camping, Tankstelle; km 1450: Bullara Station: Wasser; km 1646: Nanutarra Roadhouse, Wasser.“

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Die Fixpunkte, an denen entlang wir uns durch das Outback hangeln, bestehen aus drei Kategorien: zum einen Tankstellen („Servos“), dann die sogenannten „Stations“ (Farmen, auf deren Grund man auch campen kann und wo man Wasser bekommt) oder Roadhouses, eine kombinierte Tankstelle mit kleinem Restaurant und Laden. Diese Roadhouses sind unter den Australiern verschrien wegen der unverschämten Preise und der Unfreundlichkeit ihres Personals: shitholes, Scheißlöcher werden sie genannt. Für uns sind die Roadhouses jedoch schattige Oasen, Zielpunkte eines meist mehrtägigen Streckenabschnitts durch das heiße rote Wüsten-Nichts mit über 100 km langen Tagesetappen.

Oft hörten wir, dass man in den Roadhouses ja etwas kaufen könne. Ja, das kann man. Aber was? Motoröl, Snickers, Chips, Fanta, Cola, Malzbier. Aber nichts, was Fahrradfahrer als vernünftigen langfristig nährenden Treibstoff verwerten könnten. Die 1,5 Literflasche Wasser kostet 5 Dollar. Unser Tagesbedarf an Wasser kostet hier einfach mal kurz 50 Dollar. Zum Glück gelingt es mir immer wieder mit Charme und Offenheit, die Herzen der mies gelaunten und schlecht bezahlten Menschen hinter der Theke zu erweichen, und uns Sonderkonditionen zu erhandeln.

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Größere oder auch kleinere Orte gibt es schon lange nicht mehr. Wir müssen Essen für Distanzen von 500 und 600 Kilometern mitnehmen. Wir nehmen auf diese Distanzen zur Sicherheit Essen für acht oder neun Tage mit.

Aber das eigentliche zusätzliche Gewicht ist natürlich das lebensnotwendige Wasser. Zwischen den verschiedenen Punkten, an denen wir Wasser bekommen, liegen oft zwei oder drei Tage. In dieser Hitze brauchen wir zusammen zwölf Liter Wasser pro Tag zum Trinken und Kochen (nicht zum Waschen). Da könnt Ihr Euch schnell ausrechnen, wie weh diese Extrakilos tun. Ich frage mich oft, wie Ralph sein Rad überhaupt noch vorwärts bewegt, wenn ich den riesigen vollen Wassersack auf seinem Gepäckträger vor mir hin- und herschwanken sehe.

Obwohl wir stets versuchen, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, ist es uns manchmal schlicht nicht möglich, die gesamte Menge Wasser selbst zu tragen. Bisher haben wir aber erst einmal um Hilfe gebeten. Der freundliche junge Jeepfahrer hat dann einen Wassersack für uns mit dem Auto mitgenommen viele Kilometer weiter unter einem Busch für uns deponiert. Was für eine Freude und Erleichterung, wenn wir dies kostbare Gut, von unserem Freund sorgsam versteckt, unter Staub und trockenen Ästen hervorziehen!

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Auf dem langen Weg von Geraldton nach Carnarvon standen einst acht große Regenwassertanks in regelmäßigen Abständen an der Straße, gebaut in den 30er Jahren, um Reisende vor dem Verdursten zu retten. Heute gibt es davon noch einen, den sogenannten 200 Mile Tank, mitten im Nirgendwo. Als wir ihn erreichen, drehen wir mit Herzklopfen den ersten Wasserhahn auf – der erste Zwillingstank ist leer. Wie froh sind wir, als aus dem Wasserhahn am zweiten Tank Wasser kommt! Auch wenn wir es filtern müssen, sind wir an diesem heißen Mittag dankbar, dass an dieser einen Stelle die Tanks bis heute stehen.

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Wir sind geschulte, verantwortungsvolle Planer. Wir sind hart im Nehmen. Wir sind geübt darin, uns zu quälen und zu disziplinieren. Aber wir müssen hinnehmen, dass uns die lebensfeindliche Natur Australiens in die Schranken weist. Und wir merken zusätzlich, dass wir jetzt am Ende unserer Reise auch nicht mehr so selbstverständlich bereit sind, das Extremste auf uns zu nehmen. Einige von Euch schrieben uns scherzhaft, dass im Vergleich zu dem, was wir bisher so erlebt haben, die Zeit in Australien ja ein richtiger Urlaub sei. Das stimmt (leider) nicht. Im Gegenteil, die altbekannten Herausforderungen sind so groß wie immer.

Es ist schade, doch wir müssen akzeptieren, dass wir an viele schöne Strände und Campingplätze mit dem Rad nicht kommen, weil es kein Wasser dort gibt oder weil die Straße zu sandig ist. Das riesige, wüstenhafte Outback, in dessen Mitte wir als kleine Pünktchen vor unserem Zelt im roten Staub sitzen, beschränkt unsere Möglichkeiten. Auch die Straßen tun dies. Denn es gibt hier oben im Norden nur noch eine einzige. Weiter oben Richtung Port Hedland wird diese von über 50 Meter langen sogenannten „Roadtrains“ befahren. Das sind Sattelschlepper mit drei oder vier langen Anhängern, die vor allem Eisenerz von den Minen im Inland zum Verschiffungshafen transportieren. Schon jetzt war der einzige schmale Highway ohne Seitenstreifen in langen Teilen mit seinem vielen Verkehr sehr gefährlich, so dass das Radfahren keinen Spaß mehr machte. Wir haben noch keine Lösung, wie es hinter dem Karijini Nationalpark weitergehen soll. Im Moment sehen wir dort keine sinnvolle Route mit dem Rad. Diese traurige Einsicht gehört leider auch zu den Realitäten einer Weltumrundung mit dem Fahrrad: Wo es nicht politisch unmöglich ist, sich mit dem Rad zu bewegen, da verunmöglichen es einem der irrsinnige Autoverkehr.

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Das klingt jetzt vielleicht, als seien wir entmutigt. Das ist nicht der Fall. Noch immer macht uns das Radfahren großen Spaß. Eine Tatsache, über die wir uns nach nun fast zwei Jahren manchmal selbst wundern. Aber vielleicht liegt es an den extremen klimatischen und landschaftlichen Bedingungen Australiens, dass uns in diesen Tagen besonders vor Augen steht, wie nah die krassesten Widersprüche einander sind bei einer Weltumrundung mit dem Fahrrad. Die Gegensätze, die uns immer begleiten, spiegeln sich auch in diesem Bericht wider. Uns fällt auf, dass wir diesmal nicht über die politischen und kulturellen Besonderheiten des Landes schreiben. Wir sind stattdessen zurückgeworfen auf das ganz Elementare unserer Reise: Das Schöne am Radfahren und die Härte, sich gegen die Wüste zu behaupten.

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Wir haben uns schon an so viel gewöhnt. Die endlose Straße, die schnurgerade in den Horizont führt. Ich lächle und denke: Das muss man psychisch erst mal verkraften! Die steppenartige Landschaft, in der sich das Auge an nichts festhalten kann und der Geist durch nichts angeregt wird außer durch die eigenen Gedanken. Der Wind, der mal gnädig von hinten kommen kann, und gegen den wir ebenso oft mühsam ankämpfen. Die Sonne, die erbarmungslos brennt. Während der letzten 500 km sind die trockenen Bäume mit jedem von uns zurückgelegtem Kilometer einen Zentimeter kleiner geworden. Zu Anfang waren sie noch mannshoch, dann schrumpften sie zu hüfthohen Büschen und sind nun nur noch Gräser. Das bedeutet für uns auch: Es gibt keinen Schatten. In der Hitze auf dem Rad zu sitzen und sich klarzumachen, dass ich, wenn ich mich erschöpft fühle, keine Möglichkeit habe, mich irgendwo in den Schatten zu setzen, hat etwas Beängstigendes. Wir sind der Sonne ausgeliefert. Wir stehen vor der Morgendämmerung auf, um möglichst viele Kilometer vor 11 Uhr zu machen. Danach wird es unangenehm.

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Doch auch nachmittags können wir nicht einfach Schluss machen und an einem schönen Platz im Busch unser Zelt aufstellen und ausruhen. Wenn wir zu früh aufhören, ist es schlicht noch zu heiß, um im Staub zu sitzen. Das bedeutet, wir fahren bis vier, halb fünf Uhr. Dann aber müssen wir uns mit dem Einrichten des Zeltplatzes und Kochen beeilen, denn um halb sieben ist es dunkel, und im Outback möchtest Du so wenig wie möglich im Dunkeln auf dem Boden sitzen. Die Fliegen stehen vor uns auf und gehen nach uns ins Bett. Nach der Dämmerung kommen noch die Mücken hinzu, auch wenn ich immer wieder hoffe, für die müsse es doch nun endgültig zu trocken sein. Wir sitzen einander mit dem Fliegennetz über dem Kopf auf der Picknickdecke gegenüber und müssen selbst darüber lachen, wie wir versuchen, unsere Löffel mit den Nudeln unter das Netz zum Mund zu führen, ohne dass Fliegen sich vorher darauf gestürzt haben. Die Wildnis ist nicht romantisch.

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Und doch ist auch das Gegenteil wahr. Die Wildnis ist romantisch. Wenn es dunkel wird, die Wärme des Tages weicht und der kühle Wind über die Picknickdecke weht, sitzen wir da, irgendwo mitten im Busch, umgeben von roter Erde und knorrigen, windgebeugten Stämmen. Die Grillen zirpen, irgendwo schreit merkwürdig und fremd ein Vogel, wir spüren auf der Erde die Erschütterung eines Kängurus, das vorbeihüpft. Sonst ist es still. Der Mond geht als orangeleuchtender großer Ball auf und wirft sein Licht auf unsere Räder, die neben dem Zelt stehen. Mit diesen Rädern sind wir hierhergefahren. Von Zuhause aus. Noch immer kann ich diese Tatsache weder mit dem Kopf noch mit meinem Herzen erfassen. Die klare Milchstraße wölbt sich in einem glitzernden Bogen über uns. Darunter wir zwei, Giganten und Staubkörner zugleich. Meine Seele weitet sich in die Unendlichkeit des Dunkels hinein und kann die Größe der Dankbarkeit und des Glücks, die mich erfüllen, doch nicht fassen.

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Terra Nullius

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Als würde sie schweben über einem kristallklaren grün und tiefblau schimmernden Wasser, liegt still vor der weißsandigen Bucht und den rotbraunen Felsen eine Flotte von elf Schiffen mit gerafften Segeln. Es sind majestätische Schiffe, wie aus einem Piratenfilm, nicht nur im Anblick, sondern im wörtlichen Sinn. Seine Majestät  Georg III., der schon ziemlich verwirrte König von England, hatte sie entsandt, und heute, am 7. Februar 1788, war es endlich so weit. Stellvertretend für die englische Krone nahm der Kommandant der Ersten Flotte am Strand das neue Land in Besitz, mit der Begründung, es sei ja schließlich „terra nullius“, Niemandsland. Die knappe Million Ureinwohner, die dieses Land schon mehrere 10.000 Jahre bewohnten, wurde dabei ganz beiläufig übersehen. Zweifel über die Rechtmäßigkeit dieses völkerrechtlichen Aktes gab es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der selbstbewusste Salut der Gewehrschüsse hallte in die Weite der Buschlandschaft, die jenseits des Strandes begann und sich über Tausende Kilometer extrem unwirtlichen, wasserarmen Gebietes erstreckte. Dann wurde die britische Flagge am Strand des neuen Kontinents gehisst. Die Namensgebung des für die Europäer neuen Landes war nicht besonders einfallsreich, hält sich aber bis heute hartnäckig: Terra Australis – das südliche Land.

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Roter Staub unter den Reifen sieht nicht nur auf Fotos cool aus – als Schicht über der mit Sonnencreme grundierten Haut ersetzt er am Ende des Radtages auch eine teure Bräunungsschminke.

Auch für uns, ziemlich genau 230 Jahre später, ist Australien so eine Art „Terra Nullius“ – nicht ein Niemandsland, sondern ein Land des Neuanfangs – ein Nullpunkt, von dem aus wir noch einmal starten. Als wir am 1. März in Australien landen, sitzt uns der Schreck über das Denguefieber in den Knochen. Alles ist glimpflich verlaufen, schließlich. Aber uns wird erst allmählich deutlich, wie sehr uns die Sache innerlich mitgenommen hat. So als sähen wir erst nach dem schlimmen Unwetter, das einen mit seinem Lärmen betäubt, das volle Ausmaß der Vernichtung. Immer wieder kehren unsere Gespräche und auch unsere Träume zurück zu dem was war und hätte alles sein können. Zu dem, was durch den Abbruch der Reise in Südostasien nicht sein wird und zu dem, was stattdessen plötzlich vor uns liegt. Wir sind einmal mehr dankbar für die Bewahrung und haben erst jetzt, hier in der westlich geprägten Welt Australiens, vieles klar vor Augen, was in Asien seit unserem Aufbruch in Georgien zur exotischen Normalität geworden war.

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No worries! – Macht Euch keinen Kopf!

Australien begann für uns mit Gary, unserem Taxifahrer, der uns vom Flughafen Perth zu Jane, unserer Warmshowers-Gastgeberin, brachte. Nach dem stets nervenaufreibenden Verpacken der Räder in Kartons, Organisieren eines Transports zum Flughafen in Chiang Mai und Einchecken mit einem Berg von Gepäck, stimmte mich Gary darauf ein, wie die Uhren in Australien ticken: sehr, sehr entspannt. Er begrüßte uns wie alte Freunde, mit einem breiten Lächeln und festem Handschlag, „Hi, I am Gary, how are you doing today?“ Er fuhr langsam und gemütlich durch den nicht vorhandenen Verkehr die wenigen Kilometer nach Perth hinein und gab uns in dieser kurzen Zeit väterlich-fürsorglich alle wichtigen Ratschläge für unseren Australienaufenthalt mit auf den Weg. Ohne dass wir ihn irgendetwas fragten, empfahl er uns die billigsten Outdoorshops, um Mückenspray und Fliegenhüte zu kaufen, beschrieb uns die schönsten Strände und die beste App für Campingplätze. „Und selbst wenn es bedeckt ist, cremt euch immer schön ein!“ Er verabschiedete uns mit den Worten: „See you later on. And have fun. No worries!“ Ich konnte nur schmunzelnd denken: Sie sagen es wirklich! Und fühlte mich von Australien sofort willkommen geheißen.

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Auch beim ÖPNV-Personal herrscht fröhlich entspannte Buddy-Stimmung. Wo man als Radfahrer auf deutschen Bahnsteigen eher ein Anschnauzen erwartet, lässt der australische Kollege einem sogar noch die Fahrkarten aus dem Automaten und wünscht viele schöne Erlebnisse auf der Tour.

Drei Tage verbrachten wir bei Jane in Perth und bereiteten uns auf den neuen Kontinent vor, der vor uns liegt. Dass wir ausreichend ausgerüstet waren für das, was wir vorhatten, wussten wir, als Ralph Jane unser neues Fliegennetz über seinem Crocodile-Dundee-Hut präsentierte und Jane anerkennend lachte: „You look like a local.“ Abende lang saßen wir gemeinsam über Landkarten, und sie gab uns Tipps zu schönen Strecken. Bezeichnenderweise waren ihre Kommentare zu meinen Plänen, wo wir durchfahren wollten, meist: „You can do this. But it´s a loooooong way. There is nothing out there.“

Gemeinsam mit Jane machen wir eine Radtour in die City von Perth. Hier springt uns der krasse Gegensatz zu der exotisch-fremden Welt und der Armut, aus der wir kommen und die für uns zur Normalität geworden sind, besonders ins Auge. Alles erscheint uns wie in einem Heile-Welt-Werbespot einer Versicherung oder einer Bank: Die Farben überdreht, das Licht zu hell, der Himmel zu klar, die Menschen zu freundlich, die Stadt zu modern. Mit dem Flug von Thailand nach Perth sind wir mit einem Satz zurückgekehrt in die westliche Kultur. Wir wundern uns über die sauberen Gehwege, die aufgeräumte moderne Stadtlandschaft, die stille Vorstadt mit Holzhäusern und Rasenstück davor. Es gibt plötzlich wieder Radwege. Endlich dürfen wir wieder ungeschältes Obst und Salat essen. Das hat mir sehr gefehlt. Abends beim Zähneputzen greife ich zum Mundausspülen automatisch zur Wasserflasche – bis mir einfällt, dass ich das Wasser einfach direkt aus dem Hahn trinken kann. Das haben wir nicht mehr gemacht, seit wir vor über einem Jahr Deutschland verlassen haben.

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Auch Einkaufen ist ein neues Erlebnis für uns. Verwirrt schieben wir unseren Einkaufswagen (!) durch Aldi West(australien) und stehen hilflos vor 25 Sorten Joghurt. Endlich müssen wir nicht mehr nur essen, was es gibt, sondern können einkaufen, worauf wir Lust verspüren. Nur überfordert uns die Entscheidung, und am Ende haben wir nicht viel mehr im Korb als sonst. Es fühlt sich seltsam an. Ich wundere mich selbst, dass ich keine besonders große Freude verspüre, endlich wieder dies und das essen oder machen oder haben zu können, völlig easy, ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Vielleicht ist der Gegensatz zur Armut und Exotik, aus der wir kommen, einfach zu groß. Ich habe das Gefühl, mit allem, das sich mir hier bietet, nicht viel anfangen zu können, obwohl es schön ist. Es bleibt eine Stimmung des verwirrten Staunens. Wir sind froh, als wir wieder aus der Stadt hinausfahren können und die vertrauten Gefährten um uns her haben: Die Straße, den Horizont, weiten Himmel und den nächsten Schlafplatz in der Wildnis.

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Der Südwesten – Australien für Rentner

In den letzten drei Wochen sind wir von Perth an der Westküste Australiens immer an der Küste entlang nach Süden bis Denmark gefahren. Der Südwesten Australiens ist durch grüne Landschaften geprägt und im Vergleich zum restlichen Westaustralien „dichter“ besiedelt. Was das allerdings wirklich bedeutet, machen einige wenige Zahlen deutlich: Der Bundesstat Westaustralien ist sieben Mal größer als Deutschland. In ihm leben aber nur rund 2,7 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der Bevölkerung von Berlin. Von diesen 2,7 Millionen wohnen allerdings rund 1,9 Millionen in Perth und seinen Vorstädten. Das heißt, dass die Bevölkerungsdichte außerhalb von Perth weniger als einen Einwohner pro Quadratkilometer beträgt, 400 mal weniger als in Deutschland und etwa so viel, dass Bunbury mit nur 55.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Westaustraliens ist. Das Klima ist hier mediterran gemäßigt und es ist noch ziemlich grün, ein Rentnerparadies in diesem sonst größtenteils unwirtlichen Kontinent. Dementsprechend begegnen uns auf den Straßen meist Pensionäre mit Wohnmobilen oder Wohnwagen. Wir meiden die Wohnmobil-Parks und campen meist wild.

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Eine alte Holzbank im Wald gefunden, eine Wäscheleine gespannt – fertig ist das Rentnerparadies.

Wir sind hier also in der dichtbesiedeltsten Region unterwegs und haben trotzdem schon jetzt manchmal Schwierigkeiten, uns am Tag rechtzeitig in einem Einkaufsladen zu versorgen. Seit mehr als drei Wochen leben wir ausschließlich draußen und im Zelt. Die Zeltplätze sind sagenhaft schön – meist Wildcampingplätze, die wir uns selbst aussuchen an der Küste oder in Waldlichtungen. Aber auch schon hier im grünen Südwesten ist Wasser ein ganz großes Thema – weil es nicht genug davon gibt. Wenn jemand angeben möchte mit seinem Besitz, dann prahlt er mit der Größe seines Wassertanks. Ab 110.000 Liter ist man wer hier auf dem Land. Die meisten Menschen in Westaustralien versorgen sich über riesige Regenwassertanks, und auch wir haben in den vergangenen Wochen unsere Flaschen fast ausschließlich an Regentonnen füllen können. Dort wird das Wasser über die Dachrinnen gesammelt und hält sich über die trockenen Monate, wenn man nicht zu verschwenderisch damit umgeht. Gut, dass wir ja unseren Wasserfilter haben, denn was in den riesigen Sammeltanks noch alles schwimmt und verwest, wollen wir am besten gar nicht wissen. Oft liegen diese Wassertanks jedoch schon in dieser dichter besiedelten Region für uns so weit auseinander, dass wir für zwei Tage Wasser auf unser Rad laden müssen.

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Vorsicht! Vor dem Ansetzen des Bechers das Fliegennetz anheben. Andererseits kann der versierte Australier sein Bier sicher auch durch das Fliegennetz hindurch trinken. Wir experimentieren noch.

Es ist also ein zwiespältiges neues Erlebnis hier in Australien. Einerseits fühlen wir uns so viel freier, uns auch wieder mehr der Muße und den Pausen am Strand zu widmen. Auch innerlich fühlen wir uns plötzlich mit viel mehr Energie erfüllt, die uns zur Verfügung steht. Wir spürten das erst allmählich und fragten uns, woher das kommt. Uns wurde klar, dass wir es mit einer vierfachen Erleichterung unserer Reise hier in Australien zu tun hatten: Zum einen mussten wir nicht mehr die großen kulturellen Unterschiede überbrücken, da wir jetzt trotz der riesigen Entfernung zur Heimat eine westliche Kultur bereisen – und in der kennen wir uns ja hinlänglich aus. Zum anderen haben wir eine gemeinsame Sprache mit den Einwohnern unseres Reiselandes und ein Klima, das uns bis jetzt ziemlich gemäßigt erscheint – nicht zu heiß und nicht zu kalt (wie wir es in Asien zu oft erlebten). Und schließlich, nicht zu unterschätzen für Radfahrer, die fast immer hungrig sind: Die Supermärkte und Tanteemmaläden, auch wenn sie rar gesät sind, führen alles, was wir so kennen. Wir müssen uns also nicht mehr von Keksen und Chips und Bananen und Toastbrot ernähren. Eine große Erleichterung für uns! Nach den Keksstrecken in Zentralasien und China lehnte Ralph in den letzten Wochen überdrüssig alle Keksangebote unserer Gastgeber ab mit dem gemurmelten Satz: „Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder freiwillig Kekse zu essen.“

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Zwei UFOs sind am Strand gelandet. Erster Eindruck: Dieser Planet ist unbewohnt. Super!

 

Martha, Estelle und Ramon

Alle unsere ersten australischen Erlebnisse überragend, sind einmal mehr die Begegnungen mit besonderen Menschen. Schon auf unserer ganzen bisherigen Reise war das ein markanter roter Faden: Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen. Diese aber stachen uns ins Herz und bewegten uns in ihrer Eindringlichkeit wie nur selten. Vor allem Martha Titze, die – aber nein, wir fühlen uns immer noch nicht in der Lage, diese Begegnung in angemessene Beschreibungen zu fassen. Was können wir sagen? Nur so viel: Wir trafen Martha nicht zufällig. Freunde sagten uns schon vor Jahren, als unser Reiseziel Australien feststand, dass wir auf diesem Kontinent eine Seelenverwandte hätten, die wir unbedingt treffen müssten. Martha ist 83 und eine der coolsten und intensivsten Frauen, die wir kennen, so viel lässt sich schon nach dieser kurzen dreitägigen Begegnung sagen. Sie wanderte vor rund 15 Jahren nach Australien aus und fuhr mit ihrem eigentlich zu einem langhaarigen, braungebrannten Surfer passenden Camper rund 50.000 Kilometer durch den Kontinent – mitten durch und einmal drumherum. Das ist aber nur ein Bruchteil ihrer Abenteuer. Ihre Wohnung ist eine Sammlung der Kultur Südostasiens und der Südsee. Ihre Herzlichkeit ist weltumspannend und ihre Fähigkeit, mit dem Einfachsten zufrieden zu sein, kann selbst uns noch viel lehren. Das nächste Mal, so verabschiedete sie uns, müsst ihr mit meinem Camper losziehen – der größtvorstellbare Vertrauensbeweis, wie ihre Freunde uns versichern. Über Marthas Leben sollte ein Buch geschrieben werden. Wir können hier nur andeuten und auch das bisher Gesagte hört sich schal an im Vergleich zur Wirklichkeit.

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Estelle und Ramon treffen wir, als wir unsere schweren Räder durch den Sand schieben. Die Sonne sticht und Schweiß rinnt uns am staubigen Körper hinab. Wir wollen einen abgelegenen Strandplatz erreichen. Auch die Ranger warnten uns vor dieser sandigen Strecke, in der selbst Allradfahrzeuge manchmal stecken bleiben. Dann brausten sie in ihrem V8-Geländewagen weiter und lassen uns in einer Staubwolke stehen. Ihre Ladefläche ist leer und wir ärgern uns: „Diese Sesselfurzer hätten uns auch mitnehmen können.“ Aber so treffen wir Estelle und Ramon. Sie nehmen unser Gepäck in ihrem Camper mit, und auch unbeladen haben wir noch eine gute Stunde harte Arbeit vor uns, bevor wir den besten Campingplatz der Welt erreichen. Dort sind nur wir vier. In den nächsten drei Tagen führen wir wunderbare Gespräche über Gott und die Welt, fischen (vor allem Ramon) und werden durchgefüttert mit „Glamping“-Futter, wie die beiden es nennen: Glamour-Camping. Vor allem in Abgrenzung zu unserem Unterwegssein fällt dieser neue Begriff immer wieder. Ramon und Estelle sind beide Schweizer, aber Ramons halbe Familie ist über die Südseeinseln, Papua-Neuguinea und Australien verteilt. Seine Schwester betreibt mit ihrem Mann in Australien eine Farm, die etwa so groß ist wie der Landkreis Biberach.

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„Stay hydrated!“

Vor allem in den letzten Tagen erreichten uns immer mehr Mails, in denen die Freunde besorgt nachfragten. Warum dauert es so lange, bis der nächste Bericht kommt? Wie geht es Euch, wir hören nichts von Euch? Geht es gut weiter, nachdem der letzte Bericht so schlechte Nachrichten gebracht hat?

Ja, es geht gut weiter und es gibt eigentlich nichts Besonderes zu erzählen – und genau das ist es, was wir im Moment so genießen. Wir sind in der gemäßigten Zone unterwegs. Australien kommt uns, nach dem, was wir bis hierher durchgefahren und durchgemacht haben, wie ein Outdoor-Vergnügungspark vor. Die Australier sind in ihrer knorrigen Direktheit immer wieder ein Verwundern wert und gleichzeitig begegnen sie uns meist herzensfreundlich und hilfsbereit. Ein insgesamt nach unserer bisherigen Erfahrung sehr angenehmer und unkomplizierter Menschenschlag. Wir ernten viel Anerkennung und aus Autos gehaltene Daumen nach oben oder gleich den coolen Surfergruß. Viele scheinen sich tatsächlich zu freuen uns zu sehen, und oft hören  wir den begeisterten Wunsch: „Have a good one! And stay hydrated!“ Den australischen Humor langsam durchschauend, vermuten wir, dass uns dieser Wunsch auch in der nächsten Kneipe zugerufen werden würde.

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Natürlich gibt es noch genügend Herausforderungen jeden Tag, aber nichts grundsätzlich Neues. Die Distanzen zwischen den Ortschaften sind auch hier im dichter besiedelten Südwesten teilweise recht groß. Wir haben also immer noch die Aufgabe, unsere Etappen gut vorauszuplanen, damit uns das Essen und vor allem das Wasser nicht ausgehen. Das nimmt dann alle paar Tage immer wieder einige Stunden in Anspruch und ist uns manchmal etwas überdrüssig. Wir nennen das unsere „Verwaltungsarbeit“. Darüber hinaus haben wir es mit den üblichen Eigenheiten des ständigen Draußenseins zu tun. Wir zelten ausschließlich und teilen unseren Lebensraum wieder unmittelbar mit vielen Tieren. Das geht nur gut, wenn man weiß, womit man es eventuell zu tun bekommt und wo die unangenehmen Mitbewohner leben. Wir mussten uns also auf eine ganz neue und sehr anspruchsvolle Tierwelt einstellen. Gibt man „Tiere“ und „Australien“ in eine Internetsuchmaschine ein, dann erhält man überwiegend den Hinweis, dass Australien von allen giftigen Tieren dieser Welt die giftigsten beherbergt. Wir machen also keinen Schritt oder Schwimmzug, der nicht mit der Gegenwart von etwas Bedrohlichem rechnet. Wir treten nachts nie aus dem Zelt, ohne die Schuhe, in die wir schlüpfen wollen, genau zu untersuchen: Wärmt sich eine Schlange in unserem körperwarmen Vorzelt? Sitzt ein Skorpion unter dem Zeltboden genau an der Ecke, in die ich greife, um den Außenzeltreißverschluss zu öffnen? Sitzt eine Spinne in meinem Schuh und freut sich über die gemütliche neu gefundene Höhle? Haben Bulldoggenameisen (bis zu vier Zentimeter lang) unsere Wassersäcke besetzt, aus denen doch der eine oder andere Tropen floss, und fühlen sich durch meinen suchenden Fuß bedroht?

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Was uns gar nicht gefiel, war, dass wir kurz vor einem unserer ersten Campingplätze ein großes Warnschild sahen: „Moskito Risk Area“. Nicht schon wieder, dachte ich, bitte nicht schon wieder. Moskitos können in Teilen der Westküste Australiens das Ross River Fieber übertragen, das mit wochenlanger Schwäche und starken Gelenkschmerzen einhergeht, eine durch Viren verursachte Polyarthritis. Auch das könnte das Ende unserer Fahrradreise in Australien bedeuten. Entsprechend nervös und übergenau tragen wir lange Kleidung, wann immer es geht, sprühen auf die klebrige Schicht Schweiß und Sonnencreme noch eine Schicht Mückenspray und verziehen uns mit Einbruch der Dämmerung ins sichere Zelt.

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Kein Problem. Sich am Bauch kratzen und die Freunde begrüßen ist gleichzeitig möglich.

Unsere Tiererlebnisse sind bisher jedoch alle ganz harmlos und überaus erfreulich verlaufen. Ich stoppe immer noch abrupt mein Rad, wenn ich sie sehe, rufe ganz aufgeregt „Guck mal Ralph, guck mal!“ und kann mich nicht sattsehen, denn sie machen einfach gute Laune. Es gibt sie wirklich hier! Überall! Kängurus! An unserem ersten Campingplatz besuchte uns eine ganze Kängurufamilie zum Frühstück. Sie lagern sich gerne gemütlich in abgeernteten Feldern, mümmeln das trockene Gras und sehen einen erstaunt an. Oft schieben wir unsere Räder zu einem versteckten Schlafplatz auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald, und plötzlich springt ein Känguru erschrocken auf und hüpft vorbei. Ich kann mich immer noch kaputtlachen über ihre comichafte Art sich zu bewegen. Auch nachts, wenn wir im Zelt liegen, spüren und hören wir ihre Sprünge. Morgens weckt uns das Geschrei der Kakadus und grünen Papageien, und in der Dämmerung lacht der Kookaburra auf seine psychedelische Weise:  speaker (klick hier)

Ansonsten ist der australische Wald sehr, sehr still, wie wir immer wieder verwundert feststellen, wenn wir im Schlafsack liegend in die Dunkelheit lauschen.

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Die drei Kookaburras versuchten uns über unserem Abendessen eine halbe Stunde lang schweigend zu hypnotisieren.

Nach den langen Tagen der Krankheit finden wir endlich zurück in unseren großen Alltag auf der Straße, und die vertraute Routine des Campinglebens tut gut. Obwohl Ralph sich besser fühlt als man nach überstandenem Denguefieber erwarten könnte, muss er doch feststellen, dass die Krankheit mehr Spuren hinterlassen hat als gedacht. Die ersten Tage auf dem Rad fallen ihm schwer und tun weh. Er erzählt, es fühle sich beim Treten am Berg an wie manchmal beim Wasserfiltern: Man pumpt und pumpt, aber im Ansaugstutzen ist nur Luft. Wir lassen es langsamer angehen und fahren kleinere Etappen.

Trotzdem genießen wir das Radfahren und Draußensein in vollen Zügen und freuen uns sogar über das meditative ständige Auf und Ab der Rolling Hills durch die endlosen Wälder voller hoher Karribäume, bei dem wir ziemlich viele Höhenmeter machen. Oft fahren wir durch dschungelartigen Wald mit dichtem Unterholz. Dann, ganz unvermittelt, kommen wir über eine kleine Anhöhe und in der folgenden Abfahrt bleibt das Blätterdach einfach am Himmel kleben, während wir immer weiter in die Tiefe fahren. Das Unterholz ist plötzlich verschwunden und die riesigen Stämme, die ohne Rinde glatt in die Höhe reichen, sind astlos. So gleiten wir plötzlich durch einen lichtgedämpften hohen Raum, eine lichte Naturkathedrale. Weit über uns die gotischen Bögen der obersten Äste, die das grüne Dach halten, neben uns die Säulen, die die Welt des Waldes tragen. Stille herrscht an diesem hohen, sakralen Ort. Die Luft duftet nach Eukalyptusöl und wir segeln still auf unseren Rädern durch eine Zwischenwelt. Die Welt ist großartig und liegt vor uns ausgebreitet.

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Oft sind wir allein weit und breit. Auf den Straßen sind manchmal weniger Autos unterwegs als auf deutschen Radwegen. Es ist wirklich genau so, wie ich es mir in Thailand gewünscht habe. Wenn der Tag zu Ende geht, suchen wir uns irgendwo im Busch oder an einem einsamen Strand einen Platz für unser Zelt. Wir haben Zeit und Kraft übrig, auf der Picknickdecke oder auf einem Felsen am Meer zu sitzen, uns zu unterhalten oder einfach vor uns hin auf das unwirklich türkisgrüne Blau des Wassers zu schauen. Das ist für mich das reine Glück des Unterwegsseins. Auch ich spüre jetzt, dass das Denguefieber und die Angst um Ralph tiefere Spuren bei mir hinterlassen haben, als ich zuerst selbst bemerkte. In den ersten Wochen hier in „Terra Nullius“ wird mir bewusst, wie wichtig und genau richtig dieser Neuanfang für mich ist. Beim Anblick der sich weiß brechenden wilden Wellen, die in den sich über uns öffnenden weiten Himmel übergehen, komme ich zurück zum „Nullpunkt“ unserer Reise, der für mich in Australien auch ein Neubeginn wird. Mich erfüllt ein tiefes überfließendes Gefühl der Dankbarkeit und Freude über alle Bewahrung, unser Zusammensein, unser Leben und das Geschenk, sich die Welt aus dem Fahrradsattel anschauen zu können.

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Denguefieber

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Von Myanmar nach Thailand

Der Grenzübertritt von Myanmar nach Thailand verlief schneller und reibungsloser als gedacht. Auf der einen Seite der Myanmar-Thailand Friendship-Bridge im kleinen Ort Myawaddy stempelte der burmesische Grenzbeamte unsere Pässe, wir schoben unsere Räder 50 Meter weiter und erhielten vom nächsten thailändischen Grenzer unser 30-Tage-Visum. Wieder ein neuer Stempel, wieder ein neues Land. Das wievielte jetzt eigentlich auf unserer Reise? Ich weiß es nicht.

Ein kurzer Halt am Straßenrand, wir rollen unsere burmesische Flagge ein und hissen die des Königreiches Thailand. Seit Indien weht an unserem Rad auch wieder eine neue Deutschlandflagge, nachdem wir die erste, die bereits fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst und zerrissen war, in den Weiten der kasachischen Steppe verloren hatten. Alles fast schon Routine, so ein Länderwechsel. Diesmal brachte er jedoch eine bisher unbekannte Neuerung: Linksverkehr! Trotzdem ich etwas nervös war, ob ich im Verkehr auch immer über die richtige Schulter schauen würde, rollten wir entspannt die 15 Kilometer bis zum kleinen Ort Mae Sot auf thailändischer Seite, wo wir uns ein kleines Zimmer nahmen, um uns auf das neue Land vorzubereiten.

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