Der Gesang der Mönche

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„Wenn Du jemanden ohne Lächeln siehst –  schenke ihm Deines.“

Sprichwort aus Myanmar

Die Dunkelheit und der Singsang vermischen sich zu einem kühlenden Brei. Sechs Worte auf einem Ton gehalten, dann ein Schlusston. In pausenloser Wiederholung sickert das gesungene Mantra in das Bewusstsein, wie das braune Wasser im Bad nebenan aus der rostigen Leitung. Wann haben die Mönche mit dem Gesang begonnen? Ich weiß es nicht. Er war schon immer da. Schon immer da: der Gesang und die Bäume, die hier zwar ganz ohne Unterholz in lichtem Abstand stehen, deren hohes, mächtiges Blätterdach allerdings auch noch das geringste Sternenlicht abschirmt. Die Dunkelheit und der Singsang sind hier undurchdringlich. Das Zeitempfinden verliert sich in dieser monotonen Finsternis der burmesischen Nacht. Vielleicht ist es erst Mitternacht, vielleicht aber fängt es in einer halben Stunde auch schon zu dämmern an. Das endlose Mantra könnte die Zeit dehnen oder komprimieren, beides erscheint mit gleich gültig. Habe ich überhaupt schon geschlafen? Was, wenn sie nie mit Singen aufhören werden? Sechsfacher Gleichton, tieferer Abschlusston. Sechsfacher Gleichton, tieferer Abschlusston. Würde ich weghören können, wenn ich es wollte? Sechsfacher Gleichton, tieferer Abschlusston. Liegt es ganz bei meinem Hören, ob es einschläfernd oder beklemmend klingt? Ich lausche in die Dunkelheit und fühle mich umschmeichelt vom Gesang der Mönche, ein beruhigendes Gefühl, als ob jemand an meinem Bett über meinem fiebrigen Schlaf wachen würde. Es ist beinahe das einzige Geräusch dieser Nacht. Alle paar Minuten mal der beiläufige Schrei eines Tieres, ein Vogel oder ein Affe? Dahinter, darüber, alles ausfüllend der gezeitenhaft an- und abschwellende Gesang der buddhistischen Mönche. Mehr als 50 Meter entfernt sind sie nicht. Wir haben das Kloster nicht gesehen, aber es gibt sie überall. Kleine, meist mit Blattgold belegte Stupas stehen überall in der Landschaft, manchmal im Dickicht des lichten Dschungels versteckt, manchmal alles überragend. Myanmar ist reich an Goldvorkommen. Aber fast alles Gold bleibt im Land und wird als Blattgold über Zehntausende von Buddhastatuen und Stupas der Klöster und Tempel gelegt. Zehntausende buddhistischer Sonnen werfen ihr Licht in den roten Staub Burmas. Nachts jedoch ist das Land dunkel. Selbst in den Städten ist Licht rar und Strom öfter nicht zuverlässig. Tagsüber ist es die Sonne, die vom Blattgold zurückgeworfen wird, nachts ist es der Widerhall des Mantras, der dem Buddha Form gibt. Sechsfacher Gleichton, tiefer Abschlusston.

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Die unabsehbare Wiederholung schmeckt metallisch unter der Zunge. Wir sind in Myanmar. Seit drei Tagen liege ich hinter der dämpfenden Milchglasscheibe des leichten Fiebers. Die Welt dringt weniger als Geschichte zu mir hindurch als durch Stimmungen. Ein schaler Geschmack der Wiederholung und des Wartens zermürben mich. Ich möchte weiterfahren, muss mich aber einmal mehr gedulden. Heftiger Husten und Fieber in den Tropen – das könnte vieles sein. Ein Arzt mit verlässlicher Diagnose ist in Myanmar nicht einfach zu finden. Für manche Erkrankung sind wir selbst vorbereitet. Unsere Reiseapotheke ist beeindruckend und beruhigend gleichzeitig. Ich erinnere mich an den Ratschlag unseres Tropenmediziners, bei unklarem Fieber und diffusen anderen Symptomen immer auch an Malaria denken! Ich mache einen Malaria- Bluttest. Malaria habe ich zum Glück nicht. Schließlich geht das Fieber weg, der Husten bleibt. Wir warten noch zwei fieberfreie Tage. Dann fahren wir los. Der Straßenbelag ist schlecht, das Treten geht zäh. Wir quälen uns über die ersten Tage. Ist es die Klimaumstellung? Die Schwächung durch die Krankheit? Die lange Pause vom Radfahren? Es könnte besser laufen. Aber wir sind froh, dass wir wieder fahren. Die Länge der Etappen wird bestimmt durch die Entfernungen zwischen den Unterkünften. Hier in Myanmar, das sich erst vor rund drei Jahren dem Ausland und dem Tourismus überhaupt geöffnet hat, ist es streng verboten zu zelten. Wir sind auf die einfachen Gästehäuser und Hotels der Kleinstädte angewiesen. Zum Glück sind die Etappen der ersten Tage machbar.

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Dazwischen gibt es fast nur von Palmblättern gedeckte Hütten. Sie sind aus Bambus gebaut, oft mit fein geflochtenen Wänden, und stehen auf Stelzen. Im Schatten der breitblättrigen Bananenpalmen liegen die Ochsen im Schatten. Schweine und Hühner suchen nach etwas Essbarem. Kinder sind auf dem Fahrrad oder zu Fuß auf dem Weg zur Schule und winken begeistert, stoßen sich gegenseitig an und rufen ihre Freunde herbei, wenn sie uns sehen. Alle Menschen, Männer und Frauen, tragen lange, eng gewickelte Röcke. Ein Anblick, der für uns zunächst ungewohnt ist. Schmunzelnd denke ich, dass es den Burmesen mit uns genauso geht. Auch wir sind ein exotischer Anblick, denn sie nennen uns „die Hosenmenschen“.

Männer, Frauen und Kinder sind mit einer Art Kriegsbemalung vor allem auf den Backenknochen geschminkt, einer Paste, die vor der Sonne schützen soll. Sie heißt „Thanaka“ und ist ein gelblich-weißer Brei aus fein geriebener Baumrinde. Sie hat auch den Ruf, gegen Hautalterung sowie Husten und Erkältung zu wirken. Vermutlich hustet Ralph nur deswegen noch, weil er sich weigert, sich schminken zu lassen.

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Wir sehen Bauern, die mit Ochsen ihre Felder pflügen oder auf Ochsenkarren Wasser in rostigen Tonnen zu den Dörfern transportieren; Frauen, die mit breiten Basthüten auf den Köpfen Unkraut aus der roten Erde auf den Feldern reißen. Wie in so vielen Ländern staune ich, was und wie viel man auf dem Kopf transportieren kann – Wasserkrüge, riesige Holzbündel, ganze Palmstämme. Egal, welche Arbeit verrichtet wird, ob Frauen beim Straßenbau Teerbrocken mit der Hand zerkleinern, Baumstämme zersägt oder Felder bepflanzt werden – alle Menschen tragen ausschließlich Flipflops, bei jeder Tätigkeit. Ich sehe kein einziges Paar Schuhe. Das hat aber sicherlich nichts mit der Wärme zu tun, sondern mit der Armut. Myanmar ist das ärmste Land Südostasiens. Wir bekommen das einmal mehr täglich auf der Straße zu sehen.

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Während der Mittagsstunden herrscht eine entspannte friedliche Stimmung in den Dörfern. Die Burmesen liegen im Schatten vor den Hütten, mit ihren Kindern auf dem Schoß, auf sehr gemütlich aussehenden kunstvoll geflochtenen Bastliegen. Anatomisch perfekt geformt, könnte ich schon bei ihrem Anblick einschlafen, wenn ich schwitzend an ihnen vorbeifahre, und ich wünsche mir so eine Liege in der sehr weit entfernten Vorstellung, in der ich mal wieder zu Hause in einem Garten liegen werde, in der gemäßigten Klimazone. Wenn wir irgendwo im Dorf im Schatten eine Pause machen und ein paar Kekse essen, werden wir freundlich-zurückhaltend bemerkt, man lächelt uns zu, nickt verständnisvoll – ja, ein wenig im Schatten sitzen, das muss sein! Aus Interesse kommt man auf einen kleinen Schwatz vorbei, lächelt viel, hat wenig gemeinsame Sprache aber viel gegenseitiges Verständnis – und lässt uns dann gleich wieder in Frieden ausruhen.

Bei unseren Fahrten über Land gibt es nicht viel Abwechslung. Am Straßenrand ein kleiner Stand, mit einer vergilbten chinesischen Thermoskanne, selbstgemachtes Fettgebäck oder kleine Tütchen voll Weißnichtwas, die zum Verkauf am Baum hängen. Mir fällt auf, dass die Burmesen Blumen lieben. Die Frauen tragen sie im Haar, morgens werden sie frisch vom Moped weg verkauft und vor den vielen Buddhastatuen und goldenen Pagoden, die zu Hauf in jedem Dorf stehen, niedergelegt. Eine einzelne Blume in einem Glas ziert auch den kleinsten Bananen- oder Kokosnussstand am staubigen Straßenrand unter dem kühlenden Schattendach des Luftwurzelbaums.

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Es ist nicht zu übersehen, wie tief verwurzelt der Buddhismus in diesem Land ist. Was uns zunächst noch exotisch vorkam, ist längst zu eine gewohnten Anblick geworden: Mönche und Nonnen jeden Alters, in dunkelrote oder zartrosige Tücher gewickelt, sehen wir in jedem Dorf. Sie besuchen mit den anderen Kindern die Schulen oder sind in der dunstigen Morgenkälte in Reihen mit Töpfen unter den Armen auf den Straßen unterwegs, um die Essensspenden der Dorfbewohner einzusammeln. Vor jedem Haus und jedem kleinen Straßenrestaurant machen sie Halt. Die Menschen ziehen ehrfürchtig ihre Schuhe aus, wenn sie sich ihnen nähern, und füllen ihnen Reis, scharfe Soße und Früchte in die Gefäße – die einzige Mahlzeit des Tages für die Mönche und Nonnen.

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Noch eines lieben die Burmesen: Musik. Immer laut und scheppernd, gerne romantisch-kitschig. Sie dröhnt von den kleinen Pickup-Taxis herunter, von deren Ladefläche uns ein Dutzend kichernde, auf Säcken sitzende Frauen zuwinken und sich begeistert quietschend gegenseitig in die Arme kneifen, wenn wir fröhlich zurückwinken. Immer ist gerade irgendwo ein Fest, eine Hochzeit oder eine Klostereinweihung, die schon von weitem von Musik angekündigt werden, die die Lautsprecher scheppern lässt. Jeden Tag passieren wir mehrere gut gelaunte, natürlich von dröhnender Musik untermalte Straßensperren, bei denen die Dorfbewohner Geld für ihre vielen Klöster von den Vorbeifahrenden sammeln. Zum Dank für unsere Spende erhalten wir zwei Rosen überreicht. Vermutlich war es aber weniger unsere mickrige Spende als die Fremdenfreundlichkeit, die uns die liebevoll an unsere Räder angesteckten Rosen bescherte.

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Dann wieder viele Kilometer rote Erde, locker bestanden von vereinzelten Palmen oder weit ausladendend Blätterschirmen der Luftwurzelbäume. Verkehr ist nicht viel, dafür, dass wir uns fast immer auf den wenigen Überlandhauptstraßen bewegen. 90 Prozent Motorroller, daneben Kleinlastwagen als Sammeltaxis, die auf ihrer überdachten Ladefläche an Personen alles aufladen, was am Straßenrand die Hand hebt. Dritter Verkehrsbestandteil: Ochsenkarren. Für sie gibt es immer neben dem schlechten Teerbelag einen tief gefurchten Staubabschnitt. Jenseits davon beginnt der Dschungel oder die roterdige Steppe.

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Wen wir nicht auf den Straßen treffen, sind die Militärs. Es gibt keine Checkpoints, keine Truppentransporte, keine Jeeps. Einfach gar nichts, was auf die jahrzehntelange brutale Geschichte Burmas als Militärdiktatur hinweist. Wir wundern uns. Hier und da fahren wir an einer Kaserne vorbei. Anders als wir es aber aus China gewohnt sind, gibt es keine martialische Waffenshow für das vorbeireisende Publikum. Das will nichts heißen und nicht viel aussagen über den Zustand dieses Landes im Jahr 2018. Allerdings ist es unterdessen erst eine demokratische Wahlperiode nach dem Ende der absolutistischen Herrschaft der Generäle über dieses Land. Inoffiziell regiert immer noch das Militär. Auch Polizei begegnet uns nur ausnahmsweise. Kaum, dass wir ein Land nennen könnten, in dem uns weniger Staatsmacht auf den Straßen begegnet wäre. Die jüngste Geschichte hier würde anderes nahe legen. Noch in den 90er-Jahren wurden die Proteste für mehr Demokratie brutal niedergeschlagen. Zehntausende wurden bestialisch ermordet und viele, die sich gegen die Militärherrschaft aussprachen, verschwanden einfach in den Folgejahren. Die demokratischen Wahlen 1990, die einen überwältigenden Sieg der Demokratiebewegung zur Folge hatten, wurden einfach für ungültig erklärt. Es dauerte noch ein Vierteljahrhundert, erst 2014 gab es in Myanmar Wahlen, die eine erste Öffnung zur Demokratie versprachen. Aber gerade an der jüngsten Rohingya-Krise ist zu sehen, wie schwer das Machtgemisch hier in Myanmar zu durchschauen ist. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi äußert sich nicht zu den Vertreibungen. Von der internationalen Gemeinschaft wird sie dafür scharf kritisiert. Vermutlich zeigt aber ihr Schweigen, wie wenig sie trotz ihres Wahlsieges im Land an den bestehenden Machtverhältnissen ändern kann. Ein Viertel der Sitze im Parlament sind immer noch für die Militärs reserviert und kaum ein Land dieser Welt hat einen prozentual so hohen Verteidigungshaushalt. Da zeichnet sich ab, wer immer noch die eigentlichen Herren im Haus Myanmar sind.

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Gerade angesichts der historischen Narben, die dieses Vielvölkerland trägt, fanden wir es fast schon zynisch, Myanmar das „Land des Lächelns“ zu nennen. Ein Tourismusprospekt-Etikett? Aber das ist es, was uns auf den Straßen begegnet, nicht das Militär, sondern das Lächeln der Zivilisten. Nicht das plakative Prospektlächeln. Überall begegnet uns fast verlegene Zurückhaltung, vielleicht sogar etwas Furcht vor den Fremden. Wir sind es ja gewohnt durch Regionen zu reisen, in denen sonst keine Touristen durchkommen, geschweige denn Halt machen. Daher ist diese erschrockene Zurückhaltung, die verlegen-überraschte Reaktion über uns Fremde nichts Neues. Hier allerdings befinden wir uns nicht nur in einer abgelegenen Region. Burma hat sich erst vor kurzer Zeit aus der internationalen Isolation zaghaft geöffnet. Engster politischer Verbündeter des Landes war lange Zeit Nordkorea, was allein schon genug sagen würde über den Grad der Isolation, die das Militär über dieses Land verhängt hat.

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Jetzt plötzlich kommen Fremde. Aber auch die Touristen bewegen sich natürlich nur auf schon ausgetreten Pfaden. Sie kommen nach Bagan, der Tempelhauptstadt, nach Mandalay, sie fahren zum idyllischen Inle-See. Sie möchten Fotos der Streckhals-Frauen aus dem Dschungel machen und von den Fischern, die sich ein Ruder ans Bein binden. Wer fährt schon durch die roterdige hügelige Steppe? Wer hält in den Provinznestern, die wir ansteuern müssen, weil es dort die einzigen Gästehäuser gibt. Die burmesische Regierung schreibt uns vor, dass wir in Hotels und Gästehäusern übernachten müssen – denen, die für Ausländer zugelassen sind. Wir kennen das ja schon aus China und fügen uns. Aber so kommen wir mal wieder in die Ecken, in die sonst keiner schaut, der hübsche Fotos machen möchte und einen 14-tägigen Pauschaltrip gebucht hat. Wir fahren stundenlang über Land, die einzige Abwechslung sind immer wieder kleine Schreine, in denen ungebrannte Tonkrüge stehen mit Trinkwasser für Reisende. Daneben ein grob aus Bambus gezimmerter auf Stelzen stehender und mit Palmblättern überdachter Wartestand.

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Leider waren wir die letzten Wochen immer wieder krank. Nach der längeren Radpause in Indien fiel uns das Weiterfahren ohnehin wieder recht schwer. Die Bedingungen hier in Myanmar machten es nicht einfacher. Erst hatte ich Fieber, dann ging es Imke schlecht. Gestern hatte ich dann wieder Fieber. Wir wollen aber weiter, wollen dass die Reifen wieder rollen über den holprigen hügeligen Asphalt hier auf den Landstraßen Burmas. Wir sind leider etwas frustriert. Nach einer Woche hatten wir das Gefühl, dass wir jetzt wieder in eine gute Routine kommen, dann warf uns die nächste Krankheitsphase wieder aus der Bahn. Heute machen wir also noch einmal einen erzwungenen Ruhetag und nutzen die Zeit, um Euch einen ersten etwas unvollständigen Bericht zu schreiben. Es ist lange her, seit wir von der Schule in Indien berichtet hatten und so wird es Zeit für ein Lebenszeichen für Euch. Wir hoffen, dass wir morgen wieder weiterfahren können. Wir wollen zurück auf die Straße zu den Burmesen, deren sanfte Freundlichkeit uns über die heißen Hügel des Dschungels trägt.

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Denn obwohl uns der Tourismus-Slogan „Land des Lächelns“ angesichts der offensichtlichen Armut der Menschen und der nicht sichtbaren grausamen Geschichte Myanmars zynisch vorkommt, ist es doch das Lächeln der Menschen, das uns hier am meisten vorwärts trägt. Seit dem Iran haben wir uns von den Leuten, die wir auf der Straße treffen, nicht mehr so willkommen gefühlt. Die Burmesen begegnen uns auf eine unaufdringliche, sanfte und zurückhaltende Art, die sehr angenehm ist. Schon nach den wenigen Radtagen hier sehe ich immer noch viele lächelnde Gesichter wie Momentaufnahmen vor mir, die sich mit tief ins Herz eingesenkt haben. Da ist das ungläubig-staunende Lächeln des Ochsenkutschers, das sein schmales ausgemergeltes Gesicht unter dem Strohhut kurz hell macht, als er uns bemerkt.  Da ist das begeistert-aufgeregte Lachen der Frau, die vor ihrer Hütte gerade noch im Staub saß und Wäsche wusch, und die nun von meinem Winken aus der Hocke hochgerissen wird. Sie springt auf, winkt lachend zurück, nimmt schnell ihr Kleinkind hoch und wedelt mit dessen kurzem Arm, damit es auch der wundersamen Fremden ein „Bye-bye“ hinterherruft. Und da ist das Lächeln der Straßenarbeiterin, die gerade noch Steine kleingeklopft hat, als ich ihr zuwinke. Unsere Blicke begegnen sich, zwei Fremde aus völlig unterschiedlichen Welten sehen sich für einen Augenblick in die Augen. Sie richtet sich auf, dreht abwesend und fassungslos verlegen über diese Begegnung den Hammer in ihren Händen, und ein Strahlen tief von innen heraus erfüllt ihr Gesicht. Sie lächelt.

 

Oh, Ost ist Ost, und West ist West, und es verbindet sie nichts,

bis Himmel und Erde stille stehen, am Tage des Jüngsten Gerichts.

Doch zählen weder Ost noch West, Erziehung, Geburt oder Geld,

wenn zwei starke Menschen ins Antlitz sich sehen, und kämen sie von den Enden der Welt.

Rudyard Kipling, Die Ballade von Ost und West

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Die Armen zuerst!

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„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“

Matthäusevangelium 25,40

Unsere Kerala-Bhakar-Schule

Sanji, unser Fahrer, schaltet das Allradgetriebe ein. Wir spüren, wie die Reifen sich in den Sand graben und der Jeep zu schlingern beginnt. Wir ziehen eine Staubwolke durch die Wüste. Die geteerte Straße haben wir längst verlassen. Hier gibt es keinen befestigten Weg mehr. Sanji steuert den Wagen quer über die Sanddünen, im Zickzackkurs um dornige Büsche herum, vorbei an strohgedeckten Lehmhütten. Ziegen laufen über die Piste.

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Früher Wohnhaus, jetzt aber Speicher für Ziegenfutter. Die Gebäude in der Thar-Wüste werden mit den spärlichen Materialien gebaut, die die Natur zur Verfügung stellt.

Wir sind auf dem Weg zur Kerala Bhakar Schule – „unserer Schule“. Endlich. Von Kunming aus flogen wir nach Delhi, weil wir auf dem Landweg nicht von China nach Indien einreisen dürfen. Wir beschlossen, dass in Indien unser Schwerpunkt nicht auf dem Radfahren liegen sollte, sondern auf dem Besuch unserer Schule und der indischen Hilfsorganisation GRAVIS, mit der wir zusammenarbeiten. Deshalb ließen wir unsere Räder in Delhi und fuhren mit dem Zug nach Jodhpur in Rajasthan, ganz im Nordwesten Indiens, fast an der Grenze zu Pakistan. Nun sind wir mit einigen Mitarbeitern von GRAVIS unterwegs zur Kerala Bhakar Schule.

Seit 2014 finanzieren die Schülerinnen und Schüler der Gebhard-Müller-Schule Biberach gemeinsam mit vielen anderen Spenderinnen und Spendern eine Schule für Steinbruchkinder mitten in der Wüste Thar. 65 Kinder von Familien, die im nahegelegenen Steinbruch arbeiten, können nun Lesen und Schreiben lernen, statt wie ihre Eltern Steine zu klopfen. Denn erst eine Schulbildung ermächtigt die nächste Generation, selbstbestimmt ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Schulbildung ist zusammen mit einem unterstützenden Konzept von Hilfe zur Selbsthilfe der einzige Weg in ein würdevolleres Leben und die Aussicht auf einen Ausweg aus der größten Armut. (Mehr über das Indienprojekt erfahrt ihr auf dieser Homepage unter „Projekt“.)

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Was als Idee bei einem Sonntagmorgenkaffee im Februar 2014 begann, ist mittlerweile zu einem erfolgreichen Projekt geworden. Das Herzstück unserer Fahrradreise um die Welt ist die Strecke von unserer Schule in Biberach zu „unserer Schule“ in Indien. Seit August 2016 fahren wir mit dem Fahrrad um die Welt, am 8. Februar 2017 brachen wir von Biberach aus auf, um bis nach Indien mit dem Rad zu fahren. 302 Tage lang waren wir nun unterwegs. Rund 17000 Kilometer haben wir zurückgelegt, durch Wüsten, durch Steppen, durch Schnee. Über die Alpen, den Hohen Atlas, den Kaukasus, das Zagrosgebirge, den Pamir, den Tienshan, den Himalaya. So oft haben wir davon gesprochen: „Wenn wir dann irgendwann einmal an unserer Schule in Indien ankommen werden…“ Wir versuchten es uns unterwegs so oft auszumalen, doch es blieb stets unvorstellbar: Unsere Schule tatsächlich zu sehen, unsere Schüler zu treffen, zu sehen, was unsere Schüler und die Spender erreicht haben. Und doch waren wir uns immer sicher: Dies wird der Höhepunkt unserer Weltreise mit dem Fahrrad sein. Vor den Kindern der Kerala Bhakar Schule zu stehen ist das eigentliche Ziel unserer Reise.

Nun ist es soweit. Jetzt sind wir hier, irgendwo in der Weite der Wüste Thar, rund 100 Kilometer nordwestlich von Jodhpur. Sanji bringt den Jeep am Fuß eines kleinen Hügels zum Stehen. Wir steigen aus, und sofort fällt unser Blick auf den einfachen Backsteinbau oben auf der Anhöhe. Wir sind angekommen. Da ist sie – unsere, Eure Kerala Bhakar Schule! Wir erkennen sie sofort, sie sieht wirklich genauso aus wie auf den Fotos, die wir zuvor erhielten und die in unserem Flyer zu sehen sind. Wir haben den Eindruck, schon einmal hier gewesen zu sein. Beide schweigend und voll von Gefühlen, die schwer in Worte zu fassen sind, laufen wir durch den Sand und über Steine hinauf zur Schule. Wir verlangsamen unsere Schritte, bleiben hinter den anderen zurück, müssen uns immer wieder gegenseitig anschauen: Eigentlich geht das alles zu schnell hier, nach über 300 Tagen Anfahrtsweg. Wir sind aufgeregt.

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Alle Schüler sind in den beiden Klassenzimmern. Der Unterricht ist im Gange, wir hören ein Durcheinander von Kinderstimmen, die auf Hindi etwas rezitieren. Bevor wir hineingehen, halten wir kurz inne: Vor dem Gebäude sind die Sandalen der Kinder ordentlich aufgereiht, eine bunte Reihe staubiger kleiner Schuhe. Wir stellen unsere geschundenen Radschuhe daneben, eigentlich passen sie ganz gut in diese Reihe. Dann betreten wir auf Socken die Schule.

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Die Kinder verstummen und erstarren förmlich, als wir ins Zimmer kommen. Alle sitzen im Schneidersitz auf dem Fußboden, die Schiefertafel oder das Hindibuch im Schoß, und halten mitten im Schreiben inne. Bewegungslos verharren sie und starren uns aus großen Augen und mit offenem Mund fassungslos an.

Zwei Welten treffen aufeinander, als wir da plötzlich riesenhaft direkt vor ihnen stehen. Ich bin mir sicher, viele von ihnen haben selten zuvor Hellhäutige gesehen. In ihren Blicken mischen sich Erschrecken, Neugier, Staunen und Aufregung. Wir haben für jedes Kind ein kleines Geschenk mitgebracht. Süßigkeiten wären zwar naheliegender gewesen, doch wir möchten, dass alle eine kleine Erinnerung mit nach Hause tragen können. So hocken wir uns auf den Boden zu den Kindern, mischen uns unter sie und überreichen jedem einzelnen unsere Dankespostkarte.

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Ich kann mir nicht vorstellen, was in den Köpfen der Kinder vorging, als wir ihnen unsere Geschichte erzählten. Dass wir auch Lehrer sind und dass wir mit dem Fahrrad von Deutschland hierher zu ihnen gefahren sind, um ihnen die Grüße unsere Schüler zu überbringen. Aber in ihren Augen ist zu lesen, wie sie sich dies unfassbare Wunder vorzustellen versuchen: Dass es so weit weg von Indien andere Schüler gibt, die an sie denken und sich für ihre Zukunft einsetzen. Was muss das für diese Kinder bedeuten, diese Hinterletzten in der Welt hier mitten im Nichts.

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Es gelingt uns allmählich, die Schreckstarre der Kinder zu überwinden. Ralph fragt sie nach ihren Lieblingstieren und erntet große Freude, als er Elefant, Kuh und Hase vorspielt, denn er kann ja kein Hindi sprechen. Mitleidig sehen uns die Kinder an, als wir zugeben müssen, dass bei uns in Deutschland keine Mangos, Granatäpfel und Guaven wachsen. Nun haben die Kinder keine Scheu mehr, umringen uns und drängen ihre Köpfe über uns zusammen. Ich hocke auf dem Boden, schaue nach oben und blicke in einen Kreis freudig lachender Mädchengesichter.

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Mittlerweile ist das halbe Dorf herbeigelaufen, um die fremden Besucher zu bestaunen. Die Jugendlichen bringen zwei Trommeln und rufen mir mutig zu: „Dance, Madam, dance!“ Spätestens nun ist das Eis gebrochen. Ralph und ich machen uns gern ein wenig zum Affen, versuchen ein paar Tanzschritte, werden freundlich belächelt und schnell abgelöst von den Mädchen und Jungen der Schule, die uns zeigen, wie das in Indien richtig geht.

Höhepunkt für die Schüler wird unser Eintrag ins Gästebuch der Schule. Ralph sitzt im Schneidersitz auf dem staubigen Vorplatz, das große Buch im Schoß, und beginnt zu malen: uns, zwei Fahrräder, ein Zelt, unsere Schule in Biberach und die Kerala Bhakar Schule. Alle wollen sehen, was er zeichnet, und obwohl die Lehrer für Ordnung sorgen wollen, hält es kein Kind mehr auf seinem Platz. Sie drängen und schieben und recken die Köpfe, um möglichst nah bei Ralph zu sein. Manesh, ein kleiner Junge mit gelber Mütze, darf stellvertretend für alle Kinder der Kerala Bhakar Schule unterschreiben. Der Stolz steht ihm in sein strahlendes Gesicht geschrieben.

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Leider müssen wir irgendwann wieder aufbrechen. Alle Kinder und Lehrer versammeln sich vor der Schule und winken. Der Abschied fällt uns schwer. Auch die Schüler wollen noch nicht, dass das exotische Unterhaltungsprogramm endet. Die Lehrer müssen sie regelrecht in die Klassenzimmer zurückscheuchen. Immer wieder steckt noch einmal ein Kind seinen Kopf aus der Türöffnung, wedelt heftig mit den Armen und ruft uns zu: „Namaste! Bye-bye!“

Wir drehen uns noch einige Male um, als wir den Hügel wieder hinablaufen. Was wir fühlen ist schwer, vielleicht unmöglich in Worte zu fassen. Bis heute, wenn ich diese Zeilen aufschreibe, kann ich kaum genau sagen, welche Gedanken und Gefühle mich erfüllten. Ich sehe viele Momentaufnahmen von einzelnen Kindergesichtern vor mir und muss an etwas denken, was mein Vater mir vor unserer Abreise sagte: „Stellt euch vor, was es für diese Kinder bedeutet, zu wissen, dass es irgendwo in Deutschland andere Schüler gibt, die an sie denken. Denen ihr Leben wichtig ist. Das wird sie enorm aufrichten und sie werden ganz anders in ihre eigene Zukunft schauen. Wenn du weißt, dass es jemanden gibt, dem du nicht egal bist, dass da jemand ist, der sich für dich einsetzt. Das ist der entscheidende Unterschied.“

Ich glaube, wir haben das in den Gesichtern gesehen.

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Den Regen ernten – Leben in der Wüste

 Schwungvoll lässt Ajitha das Seil in den Brunnen fallen und zieht den gefüllten Blecheimer mit gleitend gleichmäßigen Bewegungen ans Tageslicht. Mit stolzer Geste weist sie auf das klare Wasser im Eimer, das im Sonnenlicht glitzert. Ajitha rückt ihren Sari zurecht. „Mach ein Foto!“ bedeutet sie mir und setzt sich auf dem Brunnenrand in Pose. Sie ist stolz, denn dieser Brunnen gehört ihr. Sie weist auf das gelbe Schild am Rand des Tanks: Da steht mein Name!

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Wir sind mit Rajendra Kumar von der Hilfsorganisation GRAVIS aus Jodhpur in der Wüste Thar unterwegs. Er hat sich zwei Tage lang Zeit genommen, um uns einen Einblick in die zahlreichen Bereiche zu geben, in denen GRAVIS sich für die Bewohner in dieser entlegenen Gegend einsetzt. Heute zeigt er uns die einfachen, aber enorm wirksamen Verbesserungen in der Bewässerung, der Bepflanzung, beim Anlegen von Wasserreservoirs und beim Verbessern der Stellung der Frauen innerhalb der Familien und des Dorfes. Die unter Mithilfe von GRAVIS konstruierten unterirdischen Wassertanks, die das Leben der Familien sagenhaft verbessern, tragen alle eine Aufschrift. Dort kann man neben dem Fertigstellungsdatum und dem Projektpartner GRAVIS auch den Namen der Eigentümerin lesen. GRAVIS erstellt die Brunnentanks nur mit den Frauen der Familie, ihre Namen allein stehen in schwarzer Schrift auf gelben Grund. Warum? Zum einen weil Wasser in der Wüste schon immer Frauensache war, zum anderen, weil dies der wertvollste und prestigeträchtigste Besitz der Familie ist, und wenn der Name der Frau des Hauses draufsteht, dann wertet das ihre Position in Familie und Dorf enorm auf.

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Der dünne Stoff der Sarees ist gegen Vieles gut: Gegen die Fliegen im Gesicht, gegen die Sonne und gegen die Verlegenheit vor den fremden Besuchern.

Wir trinken gemeinsam einen süßen Masala-Tee vor ihrem Haus. Ajitha erzählt: „Es gibt ein Sprichwort, hier bei uns in der Wüste: Jeder Mensch badet in seinem ganzen Leben drei Male. Einmal zu seiner Geburt, einmal vor seiner Hochzeit und einmal nach seinem Tod, bevor er zu Grabe getragen wird.“ Sie macht uns damit eindrucksvoll deutlich, wie wertvoll Wasser hier schon immer war. Wir erfahren, wie das Leben ihrer Familie war, bevor sie mit Hilfe von GRAVIS diesen Brunnentank bauen konnten. „Meine Töchter und ich mussten zu einem sieben Kilometer entfernten Wassertank gehen und die schweren Wasserkrüge für die Familie auf unseren Köpfen wieder die sieben Kilometer zurück tragen. Wenn wir Glück hatten, konnten wir ein Kamel eines Nachbarn ausleihen, um mehr Wasser zu transportieren. Aber dafür fehlte uns meist das Geld. In dieser Zeit hatten wir für unsere 10köpfige Familie rund 15 Liter am Tag Wasser zur Verfügung.“

Ich versuche mir vorzustellen, wofür ich jeden Tag Wasser verbrauche – Trinken, Waschen, Duschen, Kochen, Wäsche waschen, Toilette – und wie mein Leben aussähe, wenn ich pro Tag für all das nur eineinhalb Liter zur Verfügung hätte. Und zwar in der Wüste, wo es im Sommer bis 50 Grad heiß werden kann. „Seit wir dank GRAVIS den Brunnentank haben, gibt es für uns genügend Wasser, auch zum Waschen“, Ajitha lächelt stolz. Vor dem Tank befindet sich eine Auffangfläche für Regenwasser, so dass die wenigen, aber starken Monsunregenfälle die Familie jetzt für das ganze Jahr mit Trinkwasser versorgen.

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Das Dorf direkt neben der Kerala Bhakar Schule. Hier wohnen unsere Schüler.

 

Das Fahrrad, ein Werkzeug der Freiheit

Gemeinsam mit Rajendra Kumar von GRAVIS sind wir bei vielen Familien in der Wüste zu Gast. Überall werden wir als Ehrengäste empfangen. Viele, sehr viele sehr süße Tees werden uns gereicht. Wer unseren seit den Stanstaaten gültigen strikten NO-TEA-Grundsatz kennt (abgeleitet von unserem Motto „alles besser als Durchfall“), der kann sich vorstellen: Zunächst hatten wir immer den Impuls, höflich abzulehnen. Rajendra ist entsetzt: „Das geht nicht, das ist eine große Ehrerbietung. Hier in der Thar gilt: Der Gast ist Gott, der zu Besuch kommt. So wird er auch empfangen.“

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Wir wissen schon wie es läuft: Das Familienoberhaupt sitzt mit den Gästen beim süßen Tee auf den eilig herausgetragenen Betten zusammen und bespricht das Neueste. Alles andere kann warten.

Der Tag hat erst begonnen und wir haben schon den sechsten Tee entgegengenommen. Uns wird klar, Gottsein verpflichtet und ist auch nicht immer leicht. Je mehr kleine Tässchen Tee wir trinken, mindestens halb mit Zucker gefüllt, je länger wir vor den einfachen Häusern sitzen und mit den Menschen sprechen, desto mehr setzt sich die Arbeit, die GRAVIS hier leistet, in unseren Köpfen wie Puzzleteile zusammen. Ein Puzzle zusammengeklebt mit süßem Chai. Wir lernen, was ein Brunnen mit Schule und was ein Fahrrad mit Gleichberechtigung zu tun hat.

„Früher mussten die Mädchen ihre Mütter begleiten, um Wasser für die Familie zu holen. Das nahm oft einen Großteil des Tages in Anspruch. Dank der Brunnentanks, die Regenwasser ernten, müssen die Frauen kein Wasser mehr heimtragen. So haben sie nicht nur mehr Zeit für andere Arbeiten – etwa für die Landwirtschaft oder für Handarbeitsprojekte, bei denen sie gemeinsam mit anderen Frauen Genähtes verkaufen und so ein eigenes Einkommen zu ihrer persönlichen Verfügung haben. Besonders für die Mädchen verbessert sich die Situation. Statt mit ihrer Mutter Wasser zu holen und ihre Ausbildung zu vernachlässigen, haben sie nun Zeit zur Schule zu gehen. So führt das sogenannte Rainwater-Harvesting, das Regenernten, zur Stärkung der Frauen in Familie und Dorfgemeinschaft.

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Frauenpower: Schülerinnen der Kerala Bhakar Schule mit ihren Hilfslehrerinnen

„Die Mädchen und Jungen hier in der Wüste werden unterschiedlich erzogen“, erläutert uns Rajendra. „Die Menschen denken: Ein Junge kann allein überall hingehen, ein Mädchen jedoch muss von der Familie beschützt werden und darf allein nicht so weit unterwegs sein. Der Radius, den Mädchen sich vom Haus selbstbestimmt entfernen dürfen, ist kaum größer als ein Kilometer. Wenn die Schule mehrere Kilometer entfernt liegt, halten es viele Eltern für zu gefährlich, ihre Töchter allein dorthin gehen zu lassen. „Das war bisher leider in den Köpfen so drin. Deshalb besuchen trotz Schulpflicht viele Töchter in abgelegenen Dörfern keine Schule oder brechen sie sehr früh ab, weil die weiterführende Schule zu weit entfernt liegt.“

GRAVIS ändert dies, in den Köpfen der Eltern und faktisch, indem sie jedes Jahr Fahrräder für die Mädchen hier in der Wüste kaufen. Auf einem Fahrrad darf ein Mädchen allein unterwegs sein. Es kann nicht nur schneller und sicher auch die Strecke zur weiter entfernten weiterführenden Schule zurücklegen, es kann auch selbständig ins Dorf fahren, um z.B. einzukaufen. „Ein Fahrrad sichert nicht nur die Bildung der Mädchen und stärkt ihr Selbstvertrauen, es erhöht auch das Ansehen der Familie im Dorf“, erzählt Rajendra. „Dann heißt es nämlich im Dorf anerkennend: `Seid ihr die Familie, die ein Fahrrad besitzt? Wir haben heute eure Tochter auf dem Markt gesehen.´ Auf diese Weise profitiert eine ganze Familie von einem Fahrrad.“ Wir zu Hause können uns kaum vorstellen, dass die Menschen hier in der Wüste oft so arm sind, dass das Fahrrad das einzige Transportmittel ist, das sie besitzen.

Aber dieses Konzept gefällt uns zweien natürlich sehr gut. Rajendra formuliert es so: “The bicycle is a tool for empowerment and freedom!“ Das Fahrrad, ein Werkzeug der Freiheit! Absolut!

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Das Fahrrad, ein Werkzeug der Freiheit! Wir können es gar nicht oft genug hören.

 

Sarvodaya – die Armen zuerst!

Mahatma Gandhi saß im Zug nach Durban. Die Fahrt dauerte insgesamt 24 Stunden und in seiner Erinnerung füllte er diese ganze Zeit mit der Lektüre eines einzigen Buches, das ihn so sehr fesselte, dass er nicht schlafen wollte. Es war das Jahr 1904 und Gandhi arbeitete noch als Rechtsanwalt in Südafrika. Erst viel später würde er weltbekannt werden als der Asket, der nur durch gewaltlosen Widerstand und durch seine moralischen Prinzipien ganz Indien revolutionierte. Später im Leben sollte er sich an jene Nacht erinnern mit den Worten: „Ich entschied mich (in dieser Nacht) mein Leben zu ändern gemäß den Idealen dieses Buches.“ Als er dieses Buch schließlich in seine Muttersprache übersetzte, gab er ihm den Titel „Sarvodaya“; ein Begriff, der Gandhis ganzes Streben auf den Punkt bringt: „Wohlergehen für alle“.

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Gandhi ist auch im Lehrerzimmer der Kerala Bhakar Schule anwesend. GRAVIS hat sich seine Prinzipien zum Grundsatz ihrer Arbeit gemacht. Sein Bild hängt in allen GRAVIS-Gebäuden.

Gandhis Sarvodaya meint allerdings wesentlich mehr als „Allgemeinwohl“. Es ist ein scharfer Begriff, an dem man sich gerade heute leicht schneiden kann. Warum? Das wird schnell klar, wenn man sich anschaut, wie das Allgemeinwohl-Ziel in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend von der Wirtschaftspolitik vereinnahmt wurde. Es lautet: Wohlergehen für alle, die Reichen aber zuerst. Deren heute kaum mehr hinterfragte Behauptung möchte glauben machen, dass eine Förderung der wirtschaftlichen Eliten schließlich auch den Armen zugutekommt. Beispielhaft ist das zu sehen an der Politik, die Donald Trump gerade in den USA umsetzt: Steuerbefreiung für große Konzerne, Abschaffung des Schutzes der Armen und Schwachen (Deregulierung), Staatsgeschenke für die Reichen (bezahlt von der Allgemeinheit). Die Behauptung, um diese Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen: Letztlich wird das dem einfachen Arbeiter zugutekommen, indem mehr Arbeitsplätze geschaffen werden und die Löhne steigen. Das ist, wenn man die wirtschaftlichen Statistiken aller westlichen Industrieländer der letzten Jahre betrachtet, nichts anderes als eine freche Lüge.

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Gandhi hingegen stellt das Allgemeinwohl-Ziel vom Kopf auf die Füße. Er fordert: „Wohlergehen für alle – die Armen zuerst!“ Er wendet sich damit gegen die moderne Ausbeutung der Armen durch die Reichen. Mahatma Gandhi kämpfte vor 100 Jahren für dieses Ziel. Diese scharfe Kritik am Kapitalismus und die Positionierung auf Seiten der Armen ist längst keine linksrevolutionäre Position mehr. Die evangelische Kirche in Deutschland und die katholische Kirche vertreten diese Position schon seit Jahrzehnten. Sie berufen sich dabei auf zentrale Bibelstellen und machen klar, dass dies eine Kernposition des christlichen Glaubens ist. Besonders auch die Weihnachtsgeschichte könnte nicht klarer sein in dieser Hinsicht: Gott kommt zu allen Menschen, zu den Armen aber zuerst! Mehr noch: Gott selbst wird ein Armer!

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Dieses Jahr feierte Indien den 70. Geburtstag seiner Unabhängigkeit. Geht es den Armen heute besser in Indien? Wenn wir auf den indischen Menschenrechtsanwalt Colin Gonsalves hören, der in diesen Tagen den Alternativen Nobelpreis erhält: Nein! Schlimmer noch als nach Indiens Unabhängigkeit, werden die Rechte der Armen verletzt, Ausbeutung und Menschenhandel systematisch betrieben und von der Weltgemeinschaft im eigenen Interesse übersehen. Die Millionen Kinderarbeiter sind ein moralisches Weihnachtsthema, niemand ist aber bereit Grundsätzliches zu ändern, denn alle wollen billige Waren. Die Interviews mit Gonsalves lesen sich düster und deprimierend.

Besteht Hoffnung? Ja! Wo? Wir haben sie gefunden in der Wüste Thar, einem unwirtlichen Gebiet in Rajasthan, im Nordwesten Indiens. Dort hat sich die Hilfsorganisation GRAVIS schon seit Jahrzehnten den Idealen und Prinzipien Mahatma Gandhis verschrieben. Sie setzt den Grundsatz „die Armen zuerst!“ ganz konkret und entschieden im Alltag der Landbevölkerung um. Vor rund 40 Jahren gegründet durch ein Ehepaar aus den wohlhabenderen Schichten Indiens, das sich entschloss, trotz hervorragender Karriereaussichten alles aufzugeben und zu den Ärmsten aufs Land zu ziehen und dort Hilfe zu leisten. Nach ihrem Jura- beziehungsweise dem Pädagogikstudium gründeten sie die Hilfsorganisation GRAVIS, die heute mit etwa 130 Mitarbeitern Hilfe für rund eine Million Menschen leistet, die in einem riesigen Wüstengebiet von rund 120.000 Quadratkilometern wohnen. Wir haben zwei ihrer Mitarbeiter, den Koordinator der Schulprogramme und einen Landwirtschaftsexperten, drei Tage lang begleitet.

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Rajendra Kumar, der GRAVIS-Experte für Landwirtschaft und Bewässerung, geht mit großen Schritten durch den Sand und streckt seine Hand entschieden aus. Die Begrüßung mit dem Dorfältesten fällt so herzlich aus wie zwischen alten Freunden. Sie kennen sich schon lange und haben gemeinsam bereits viele Bauern vom Bewässerungsprogramm überzeugt. Allerdings ist dies Kooperation auf Augenhöhe, so betont es Rajendra immer wieder: „Wir arbeiten auf Augenhöhe mit der Landbevölkerung zusammen. Ich bin zwar Agrarwissenschaftler und kann viel Wissen weitergeben an die Bauern. Aber ich musste von ihnen erst vieles lernen über die Wüste hier, was von ihnen als Wissen über viele Generationen hinweg durch lange Erfahrung erworben wurde. Das ist ein sehr wichtiger Erfahrungsschatz über die Wüste. Wenn ich mein Wissen nicht mit ihrem Wissen abstimme, dann hilft alles nichts. Also höre ich erst einmal zu, was ihre Erfahrungen und ihre Probleme sind.“ GRAVIS verwirklicht den Grundsatz „Die Armen zuerst“ auf allen Ebenen, auch im persönlichen Umgang mit den Bewohnern der Wüste hier. Wir sind drei Tage lang bei diesen Gesprächen dabei. Mit dem Jeep fahren wir immer wieder stundenlang durch die Wüste, dann erneut Tee, wir sitzen auf den einfachen Bettgestellen, die für uns vor das Haus getragen werden, Stühle besitzen die Armen hier meist nicht. Unser Besuch ist eine besondere Ehre. Nach dem Tee wird uns das Wichtigste gezeigt, das, auf was die Familie besonders stolz ist: die Enkelkinder, der Brunnentank, die Kuh.

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Wir sitzen auf den Betten in der Wüste und halten einen weiteren unvorstellbar süßen Begrüßungstee in den Händen. Wir hören die Erzählungen, wie die Menschen unter der Tyrannei des Wassermangels leiden, wie sie die Armut hier in der Wüste gefangen hält. Wir sehen mit eigenen Augen, wie groß die Befreiung für die Familie ist, wenn genügend Wasser da ist, wenn ein Arzt aufgesucht werden kann, wenn die Tochter ein Fahrrad hat und in die Schule gehen darf. Das sind nicht nur Werkzeuge der Freiheit, das ist Befreiung. Hier findet Befreiung statt, man kann sie sehen. Wir hingegen haben in den letzten Tagen darüber nachgedacht, wo und wie wir Weihnachten verbringen wollen. Uns fällt der Gegensatz auf zu dem, was diese Bäuerinnen, Steinbrucharbeiter und Schüler umtreibt. Unsere Überlegungen zu Weihnachten kommen uns daneben mickrig vor.

Warum eigentlich? Weihnachten hat doch genau das zur Botschaft: Gott kommt, um uns zu befreien. Alle unsere Weihnachtsbräuche haben ursprünglich doch nur den einen Zweck, Ausdruck zu geben dieser Freude auf und über unsere Befreiung. Die Sache hat allerdings einen Haken: Wir wollen gar nicht befreit werden. Wir wissen nicht mehr, wovon und wozu wir befreit werden sollen. Wir sind satt, versorgt, etabliert. Das ist nicht schlecht. Das wollen wir auch nicht ändern. Feiern wir deswegen so laut und übertönend dieses Weihnachten, weil uns der eigentliche Zweck des Festes längst undeutlich geworden ist? Vielleicht kommt Gott deswegen zu den Armen zuerst, weil sie Befreiung heiß ersehnen und sie für sie noch süßer schmeckt als der Tee, den sie Gott zur Begrüßung reichen werden.

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 GRAVIS und das Silikoseprojekt

 Wir sind dankbar. Denn das ist vermutlich nur wenigen Menschen vergönnt, dass sie Geld für einen guten Zweck spenden und dann mit eigenen Augen sehen können, was daraus Gutes entsteht. Wir sind den Kindern in der Kerala-Bhakar-Schule begegnet und sind dankbar, dass mit Eurer Hilfe diese Kinder aus den ärmsten Familien jetzt zur Schule gehen können. Der Einsatz vieler Schüler und der SMV an der Gebhard-Müller-Schule in Biberach ist überwältigend. Sie haben mit ihrem beeindruckenden Engagement auch viele Erwachsene von dem Indienprojekt überzeugen können. Dank all dieser Unterstützung konnten seit 2014 jedes Jahr mehr als 50 Kinder zur Schule gehen. Momentan sind in den beiden Klassen 65 Schülerinnen und Schüler. Wir sind dankbar, denn auch dieses Jahr werden sieht es so aus, als würden wir wieder genug Geld sammeln können, so dass auch 2018 diese besondere Schulpartnerschaft weitergeführt werden kann. Aber wir haben noch ehrgeizigere Ziele.

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Wir haben lange mit Dr. Prakash Tyagi, dem Direktor von GRAVIS, geredet und haben ihn gefragt, was im Moment das größte Problem für die Familien unserer Schüler ist. Dr. Tyagi ist ein auf Pünktlichkeit bedachter, sehr sachlicher, introvertierter Mensch. Jetzt erleben wir ihn aber überraschend aufgewühlt. Er ist Arzt und fängt an von der Silikose zu sprechen, der Staublungenkrankheit. Fast leidenschaftlich beschreibt er seinen langjährigen Kampf gegen diese Krankheit unter den Steinbrucharbeitern. Silikose ist, einmal ausgebrochen, unumkehrbar und führt innerhalb weniger Jahre zum Tod. Fast alle Familien unserer Schüler beklagen Tote durch diese Krankheit, denn in jeder Familie muss auch Geld im Steinbruch verdient werden. Die Landwirtschaft wirft hier in der Wüste in der Regel nicht genug Gewinn für den Unterhalt einer Familie ab. Da hier die Menschen in sehr jungem Alter anfangen in den Steinbrüchen zu arbeiten, erkranken viele schon mit Anfang 30 und sterben bevor sie 40 werden. Das entreißt den Familien nicht nur Vater oder Mutter, sondern auch die wirtschaftliche Überlebensgrundlage. Oft folgt dann ein Niedergang, der in der Schuldsklaverei auch der Kinder endet. Das muss nicht sein, denn Silikose ist einfach vermeidbar, sagt Dr. Tyagi. So einfach, dass man sich die Haare ausreißen könnte darüber, dass es diese Krankheit noch immer gibt. Beim Arbeiten im Steinbruch muss die Entstehung von Steinstaub und dessen Einatmen vermieden werden. Die Maßnahmen dafür sind sehr einfach: Besprühen der Bohrlöcher mit Wasser und das Tragen von Masken.

Dr. Tyagi plant mit GRAVIS schon länger ein Vorsorge- und Präventionsprojekt, das zum Ziel hat, die nötige Aufklärungsarbeit bei Arbeitern und Steinbruchbesitzern durchzuführen. Die Infrastruktur und das Vertrauen in der Bevölkerung der Thar Wüste hat GRAVIS schon längst durch sein jahrzehntelanges Engagement dort. Bisher fehlt das Geld dafür. Ich frage ihn nach den Kosten, sie sind beschämend gering. Etwa fünf Euro würde die Silikoseprävention pro Arbeiter kosten. Ich mache mir das klar: Einen Steinbrucharbeiter vor dem frühen und qualvollen Tod durch Silikose zu bewahren, kostet fünf Euro. Ich wundere mich, warum sich dafür nicht Geld finden lässt. Dr. Tyagi erklärt uns: „Solche Präventionsprogamme sind bei Hilfsorganisationen nicht besonders populär. Denn die Spender können den Erfolg nicht in Zahlen ablesen. Dank der Prävention haben wir gesunde Menschen, die gesund bleiben. Wir können den Spendern nicht sagen, wie viele Menschen wir dadurch vor dem Tod durch Silikose gerettet haben. Das wäre unredlich.“ Innerlich schütteln wir über diese Zusammenhänge den Kopf. Besonders als wir vor dem Steinbrucharbeiter stehen, der fast stolz seine amtliche Bestätigung, dass er unheilbare Silikose hat, herzeigt. Jetzt übernimmt der Staat die Kosten für die Behandlung der Symptome, etwa 30 Euro pro Jahr. Nach seinem unvermeidlichen baldigen Tod wird seine Familie eine einmalige Entschädigung von 1200 Euro erhalten. Er hält das amtliche Schreiben wie ein Todesurteil vor seiner Brust.

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Spätestens jetzt beschließen wir, unseren Schülern in Biberach vorzuschlagen, mit dem Geld, das über die Finanzierung der Schule hinaus gespendet wird, die Silikoseprävention von GRAVIS zu finanzieren. Sie kommt, davon sind wir unterdessen überzeugt, unmittelbar unseren Schülern zugute, deren Familien in Zukunft nicht durch dieses vermeidbare Übel zerrissen werden.

Auch Euch legen wir die Kerala Bhakar-Schule und das Silikose-Präventionsprogramm von GRAVIS sehr ans Herz und bitten Euch um eine Spende dafür.

Wir denken an Euch und wünschen Euch allen frohe und gesegnete Weihnachten!

Eure Imke und Euer Ralph

 

Infobroschüre zum Indienprojekt als pdf (hier klicken)

Weitere Informationen findet Ihr hier: www.gravis.org.in und hier auf unserer Homepage unter „Projekt“.

Spendenkonto:
Verein der Ehemaligen und Freunde der Gebhard-Müller-Schule e. V.
IBAN: DE02 6545 0070 0007 0957 26
BIC: SBCRDE66
Verwendungszweck: GMS Indien + Ihr Name und Ihre vollständige Adresse (für die Spendenbescheinigung)

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Fremdenfreundlichkeit

Von Ganzi nach Chengdu

ACHTUNG: Jetzt ist auch unser Bericht über Xinjiang auf der Homepage zu lesen. Bisher wurde dieser Bericht nur an die Abonnenten unseres Newsletters verschickt. (siehe „Berichte“ hier klicken)

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Die letzte Etappe Tibet, unser letzter Radfahrabschnitt in China, führt uns von Ganzi nach Chengdu. Von den Höhen des Himalaya hinab in die tiefe Ebene von Sechuan. Wir folgen verschiedenen Flusstälern, rund 750 Kilometer immer auf der G 317, über nochmal drei 4000er-Pässe und dann nur noch runter, runter, runter. Unglaubliche 3500 Höhenmeter Abfahrt erwarten uns, allerdings verteilt auf 400 Kilometer! Weiterlesen