Terra Nullius

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Als würde sie schweben über einem kristallklaren grün und tiefblau schimmernden Wasser, liegt still vor der weißsandigen Bucht und den rotbraunen Felsen eine Flotte von elf Schiffen mit gerafften Segeln. Es sind majestätische Schiffe, wie aus einem Piratenfilm, nicht nur im Anblick, sondern im wörtlichen Sinn. Seine Majestät  Georg III., der schon ziemlich verwirrte König von England, hatte sie entsandt, und heute, am 7. Februar 1788, war es endlich so weit. Stellvertretend für die englische Krone nahm der Kommandant der Ersten Flotte am Strand das neue Land in Besitz, mit der Begründung, es sei ja schließlich „terra nullius“, Niemandsland. Die knappe Million Ureinwohner, die dieses Land schon mehrere 10.000 Jahre bewohnten, wurde dabei ganz beiläufig übersehen. Zweifel über die Rechtmäßigkeit dieses völkerrechtlichen Aktes gab es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der selbstbewusste Salut der Gewehrschüsse hallte in die Weite der Buschlandschaft, die jenseits des Strandes begann und sich über Tausende Kilometer extrem unwirtlichen, wasserarmen Gebietes erstreckte. Dann wurde die britische Flagge am Strand des neuen Kontinents gehisst. Die Namensgebung des für die Europäer neuen Landes war nicht besonders einfallsreich, hält sich aber bis heute hartnäckig: Terra Australis – das südliche Land.

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Roter Staub unter den Reifen sieht nicht nur auf Fotos cool aus – als Schicht über der mit Sonnencreme grundierten Haut ersetzt er am Ende des Radtages auch eine teure Bräunungsschminke.

Auch für uns, ziemlich genau 230 Jahre später, ist Australien so eine Art „Terra Nullius“ – nicht ein Niemandsland, sondern ein Land des Neuanfangs – ein Nullpunkt, von dem aus wir noch einmal starten. Als wir am 1. März in Australien landen, sitzt uns der Schreck über das Denguefieber in den Knochen. Alles ist glimpflich verlaufen, schließlich. Aber uns wird erst allmählich deutlich, wie sehr uns die Sache innerlich mitgenommen hat. So als sähen wir erst nach dem schlimmen Unwetter, das einen mit seinem Lärmen betäubt, das volle Ausmaß der Vernichtung. Immer wieder kehren unsere Gespräche und auch unsere Träume zurück zu dem was war und hätte alles sein können. Zu dem, was durch den Abbruch der Reise in Südostasien nicht sein wird und zu dem, was stattdessen plötzlich vor uns liegt. Wir sind einmal mehr dankbar für die Bewahrung und haben erst jetzt, hier in der westlich geprägten Welt Australiens, vieles klar vor Augen, was in Asien seit unserem Aufbruch in Georgien zur exotischen Normalität geworden war.

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No worries! – Macht Euch keinen Kopf!

Australien begann für uns mit Gary, unserem Taxifahrer, der uns vom Flughafen Perth zu Jane, unserer Warmshowers-Gastgeberin, brachte. Nach dem stets nervenaufreibenden Verpacken der Räder in Kartons, Organisieren eines Transports zum Flughafen in Chiang Mai und Einchecken mit einem Berg von Gepäck, stimmte mich Gary darauf ein, wie die Uhren in Australien ticken: sehr, sehr entspannt. Er begrüßte uns wie alte Freunde, mit einem breiten Lächeln und festem Handschlag, „Hi, I am Gary, how are you doing today?“ Er fuhr langsam und gemütlich durch den nicht vorhandenen Verkehr die wenigen Kilometer nach Perth hinein und gab uns in dieser kurzen Zeit väterlich-fürsorglich alle wichtigen Ratschläge für unseren Australienaufenthalt mit auf den Weg. Ohne dass wir ihn irgendetwas fragten, empfahl er uns die billigsten Outdoorshops, um Mückenspray und Fliegenhüte zu kaufen, beschrieb uns die schönsten Strände und die beste App für Campingplätze. „Und selbst wenn es bedeckt ist, cremt euch immer schön ein!“ Er verabschiedete uns mit den Worten: „See you later on. And have fun. No worries!“ Ich konnte nur schmunzelnd denken: Sie sagen es wirklich! Und fühlte mich von Australien sofort willkommen geheißen.

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Auch beim ÖPNV-Personal herrscht fröhlich entspannte Buddy-Stimmung. Wo man als Radfahrer auf deutschen Bahnsteigen eher ein Anschnauzen erwartet, lässt der australische Kollege einem sogar noch die Fahrkarten aus dem Automaten und wünscht viele schöne Erlebnisse auf der Tour.

Drei Tage verbrachten wir bei Jane in Perth und bereiteten uns auf den neuen Kontinent vor, der vor uns liegt. Dass wir ausreichend ausgerüstet waren für das, was wir vorhatten, wussten wir, als Ralph Jane unser neues Fliegennetz über seinem Crocodile-Dundee-Hut präsentierte und Jane anerkennend lachte: „You look like a local.“ Abende lang saßen wir gemeinsam über Landkarten, und sie gab uns Tipps zu schönen Strecken. Bezeichnenderweise waren ihre Kommentare zu meinen Plänen, wo wir durchfahren wollten, meist: „You can do this. But it´s a loooooong way. There is nothing out there.“

Gemeinsam mit Jane machen wir eine Radtour in die City von Perth. Hier springt uns der krasse Gegensatz zu der exotisch-fremden Welt und der Armut, aus der wir kommen und die für uns zur Normalität geworden sind, besonders ins Auge. Alles erscheint uns wie in einem Heile-Welt-Werbespot einer Versicherung oder einer Bank: Die Farben überdreht, das Licht zu hell, der Himmel zu klar, die Menschen zu freundlich, die Stadt zu modern. Mit dem Flug von Thailand nach Perth sind wir mit einem Satz zurückgekehrt in die westliche Kultur. Wir wundern uns über die sauberen Gehwege, die aufgeräumte moderne Stadtlandschaft, die stille Vorstadt mit Holzhäusern und Rasenstück davor. Es gibt plötzlich wieder Radwege. Endlich dürfen wir wieder ungeschältes Obst und Salat essen. Das hat mir sehr gefehlt. Abends beim Zähneputzen greife ich zum Mundausspülen automatisch zur Wasserflasche – bis mir einfällt, dass ich das Wasser einfach direkt aus dem Hahn trinken kann. Das haben wir nicht mehr gemacht, seit wir vor über einem Jahr Deutschland verlassen haben.

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Auch Einkaufen ist ein neues Erlebnis für uns. Verwirrt schieben wir unseren Einkaufswagen (!) durch Aldi West(australien) und stehen hilflos vor 25 Sorten Joghurt. Endlich müssen wir nicht mehr nur essen, was es gibt, sondern können einkaufen, worauf wir Lust verspüren. Nur überfordert uns die Entscheidung, und am Ende haben wir nicht viel mehr im Korb als sonst. Es fühlt sich seltsam an. Ich wundere mich selbst, dass ich keine besonders große Freude verspüre, endlich wieder dies und das essen oder machen oder haben zu können, völlig easy, ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Vielleicht ist der Gegensatz zur Armut und Exotik, aus der wir kommen, einfach zu groß. Ich habe das Gefühl, mit allem, das sich mir hier bietet, nicht viel anfangen zu können, obwohl es schön ist. Es bleibt eine Stimmung des verwirrten Staunens. Wir sind froh, als wir wieder aus der Stadt hinausfahren können und die vertrauten Gefährten um uns her haben: Die Straße, den Horizont, weiten Himmel und den nächsten Schlafplatz in der Wildnis.

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Der Südwesten – Australien für Rentner

In den letzten drei Wochen sind wir von Perth an der Westküste Australiens immer an der Küste entlang nach Süden bis Denmark gefahren. Der Südwesten Australiens ist durch grüne Landschaften geprägt und im Vergleich zum restlichen Westaustralien „dichter“ besiedelt. Was das allerdings wirklich bedeutet, machen einige wenige Zahlen deutlich: Der Bundesstat Westaustralien ist sieben Mal größer als Deutschland. In ihm leben aber nur rund 2,7 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der Bevölkerung von Berlin. Von diesen 2,7 Millionen wohnen allerdings rund 1,9 Millionen in Perth und seinen Vorstädten. Das heißt, dass die Bevölkerungsdichte außerhalb von Perth weniger als einen Einwohner pro Quadratkilometer beträgt, 400 mal weniger als in Deutschland und etwa so viel, dass Bunbury mit nur 55.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Westaustraliens ist. Das Klima ist hier mediterran gemäßigt und es ist noch ziemlich grün, ein Rentnerparadies in diesem sonst größtenteils unwirtlichen Kontinent. Dementsprechend begegnen uns auf den Straßen meist Pensionäre mit Wohnmobilen oder Wohnwagen. Wir meiden die Wohnmobil-Parks und campen meist wild.

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Eine alte Holzbank im Wald gefunden, eine Wäscheleine gespannt – fertig ist das Rentnerparadies.

Wir sind hier also in der dichtbesiedeltsten Region unterwegs und haben trotzdem schon jetzt manchmal Schwierigkeiten, uns am Tag rechtzeitig in einem Einkaufsladen zu versorgen. Seit mehr als drei Wochen leben wir ausschließlich draußen und im Zelt. Die Zeltplätze sind sagenhaft schön – meist Wildcampingplätze, die wir uns selbst aussuchen an der Küste oder in Waldlichtungen. Aber auch schon hier im grünen Südwesten ist Wasser ein ganz großes Thema – weil es nicht genug davon gibt. Wenn jemand angeben möchte mit seinem Besitz, dann prahlt er mit der Größe seines Wassertanks. Ab 110.000 Liter ist man wer hier auf dem Land. Die meisten Menschen in Westaustralien versorgen sich über riesige Regenwassertanks, und auch wir haben in den vergangenen Wochen unsere Flaschen fast ausschließlich an Regentonnen füllen können. Dort wird das Wasser über die Dachrinnen gesammelt und hält sich über die trockenen Monate, wenn man nicht zu verschwenderisch damit umgeht. Gut, dass wir ja unseren Wasserfilter haben, denn was in den riesigen Sammeltanks noch alles schwimmt und verwest, wollen wir am besten gar nicht wissen. Oft liegen diese Wassertanks jedoch schon in dieser dichter besiedelten Region für uns so weit auseinander, dass wir für zwei Tage Wasser auf unser Rad laden müssen.

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Vorsicht! Vor dem Ansetzen des Bechers das Fliegennetz anheben. Andererseits kann der versierte Australier sein Bier sicher auch durch das Fliegennetz hindurch trinken. Wir experimentieren noch.

Es ist also ein zwiespältiges neues Erlebnis hier in Australien. Einerseits fühlen wir uns so viel freier, uns auch wieder mehr der Muße und den Pausen am Strand zu widmen. Auch innerlich fühlen wir uns plötzlich mit viel mehr Energie erfüllt, die uns zur Verfügung steht. Wir spürten das erst allmählich und fragten uns, woher das kommt. Uns wurde klar, dass wir es mit einer vierfachen Erleichterung unserer Reise hier in Australien zu tun hatten: Zum einen mussten wir nicht mehr die großen kulturellen Unterschiede überbrücken, da wir jetzt trotz der riesigen Entfernung zur Heimat eine westliche Kultur bereisen – und in der kennen wir uns ja hinlänglich aus. Zum anderen haben wir eine gemeinsame Sprache mit den Einwohnern unseres Reiselandes und ein Klima, das uns bis jetzt ziemlich gemäßigt erscheint – nicht zu heiß und nicht zu kalt (wie wir es in Asien zu oft erlebten). Und schließlich, nicht zu unterschätzen für Radfahrer, die fast immer hungrig sind: Die Supermärkte und Tanteemmaläden, auch wenn sie rar gesät sind, führen alles, was wir so kennen. Wir müssen uns also nicht mehr von Keksen und Chips und Bananen und Toastbrot ernähren. Eine große Erleichterung für uns! Nach den Keksstrecken in Zentralasien und China lehnte Ralph in den letzten Wochen überdrüssig alle Keksangebote unserer Gastgeber ab mit dem gemurmelten Satz: „Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder freiwillig Kekse zu essen.“

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Zwei UFOs sind am Strand gelandet. Erster Eindruck: Dieser Planet ist unbewohnt. Super!

 

Martha, Estelle und Ramon

Alle unsere ersten australischen Erlebnisse überragend, sind einmal mehr die Begegnungen mit besonderen Menschen. Schon auf unserer ganzen bisherigen Reise war das ein markanter roter Faden: Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen. Diese aber stachen uns ins Herz und bewegten uns in ihrer Eindringlichkeit wie nur selten. Vor allem Martha Titze, die – aber nein, wir fühlen uns immer noch nicht in der Lage, diese Begegnung in angemessene Beschreibungen zu fassen. Was können wir sagen? Nur so viel: Wir trafen Martha nicht zufällig. Freunde sagten uns schon vor Jahren, als unser Reiseziel Australien feststand, dass wir auf diesem Kontinent eine Seelenverwandte hätten, die wir unbedingt treffen müssten. Martha ist 83 und eine der coolsten und intensivsten Frauen, die wir kennen, so viel lässt sich schon nach dieser kurzen dreitägigen Begegnung sagen. Sie wanderte vor rund 15 Jahren nach Australien aus und fuhr mit ihrem eigentlich zu einem langhaarigen, braungebrannten Surfer passenden Camper rund 50.000 Kilometer durch den Kontinent – mitten durch und einmal drumherum. Das ist aber nur ein Bruchteil ihrer Abenteuer. Ihre Wohnung ist eine Sammlung der Kultur Südostasiens und der Südsee. Ihre Herzlichkeit ist weltumspannend und ihre Fähigkeit, mit dem Einfachsten zufrieden zu sein, kann selbst uns noch viel lehren. Das nächste Mal, so verabschiedete sie uns, müsst ihr mit meinem Camper losziehen – der größtvorstellbare Vertrauensbeweis, wie ihre Freunde uns versichern. Über Marthas Leben sollte ein Buch geschrieben werden. Wir können hier nur andeuten und auch das bisher Gesagte hört sich schal an im Vergleich zur Wirklichkeit.

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Estelle und Ramon treffen wir, als wir unsere schweren Räder durch den Sand schieben. Die Sonne sticht und Schweiß rinnt uns am staubigen Körper hinab. Wir wollen einen abgelegenen Strandplatz erreichen. Auch die Ranger warnten uns vor dieser sandigen Strecke, in der selbst Allradfahrzeuge manchmal stecken bleiben. Dann brausten sie in ihrem V8-Geländewagen weiter und lassen uns in einer Staubwolke stehen. Ihre Ladefläche ist leer und wir ärgern uns: „Diese Sesselfurzer hätten uns auch mitnehmen können.“ Aber so treffen wir Estelle und Ramon. Sie nehmen unser Gepäck in ihrem Camper mit, und auch unbeladen haben wir noch eine gute Stunde harte Arbeit vor uns, bevor wir den besten Campingplatz der Welt erreichen. Dort sind nur wir vier. In den nächsten drei Tagen führen wir wunderbare Gespräche über Gott und die Welt, fischen (vor allem Ramon) und werden durchgefüttert mit „Glamping“-Futter, wie die beiden es nennen: Glamour-Camping. Vor allem in Abgrenzung zu unserem Unterwegssein fällt dieser neue Begriff immer wieder. Ramon und Estelle sind beide Schweizer, aber Ramons halbe Familie ist über die Südseeinseln, Papua-Neuguinea und Australien verteilt. Seine Schwester betreibt mit ihrem Mann in Australien eine Farm, die etwa so groß ist wie der Landkreis Biberach.

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„Stay hydrated!“

Vor allem in den letzten Tagen erreichten uns immer mehr Mails, in denen die Freunde besorgt nachfragten. Warum dauert es so lange, bis der nächste Bericht kommt? Wie geht es Euch, wir hören nichts von Euch? Geht es gut weiter, nachdem der letzte Bericht so schlechte Nachrichten gebracht hat?

Ja, es geht gut weiter und es gibt eigentlich nichts Besonderes zu erzählen – und genau das ist es, was wir im Moment so genießen. Wir sind in der gemäßigten Zone unterwegs. Australien kommt uns, nach dem, was wir bis hierher durchgefahren und durchgemacht haben, wie ein Outdoor-Vergnügungspark vor. Die Australier sind in ihrer knorrigen Direktheit immer wieder ein Verwundern wert und gleichzeitig begegnen sie uns meist herzensfreundlich und hilfsbereit. Ein insgesamt nach unserer bisherigen Erfahrung sehr angenehmer und unkomplizierter Menschenschlag. Wir ernten viel Anerkennung und aus Autos gehaltene Daumen nach oben oder gleich den coolen Surfergruß. Viele scheinen sich tatsächlich zu freuen uns zu sehen, und oft hören  wir den begeisterten Wunsch: „Have a good one! And stay hydrated!“ Den australischen Humor langsam durchschauend, vermuten wir, dass uns dieser Wunsch auch in der nächsten Kneipe zugerufen werden würde.

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Natürlich gibt es noch genügend Herausforderungen jeden Tag, aber nichts grundsätzlich Neues. Die Distanzen zwischen den Ortschaften sind auch hier im dichter besiedelten Südwesten teilweise recht groß. Wir haben also immer noch die Aufgabe, unsere Etappen gut vorauszuplanen, damit uns das Essen und vor allem das Wasser nicht ausgehen. Das nimmt dann alle paar Tage immer wieder einige Stunden in Anspruch und ist uns manchmal etwas überdrüssig. Wir nennen das unsere „Verwaltungsarbeit“. Darüber hinaus haben wir es mit den üblichen Eigenheiten des ständigen Draußenseins zu tun. Wir zelten ausschließlich und teilen unseren Lebensraum wieder unmittelbar mit vielen Tieren. Das geht nur gut, wenn man weiß, womit man es eventuell zu tun bekommt und wo die unangenehmen Mitbewohner leben. Wir mussten uns also auf eine ganz neue und sehr anspruchsvolle Tierwelt einstellen. Gibt man „Tiere“ und „Australien“ in eine Internetsuchmaschine ein, dann erhält man überwiegend den Hinweis, dass Australien von allen giftigen Tieren dieser Welt die giftigsten beherbergt. Wir machen also keinen Schritt oder Schwimmzug, der nicht mit der Gegenwart von etwas Bedrohlichem rechnet. Wir treten nachts nie aus dem Zelt, ohne die Schuhe, in die wir schlüpfen wollen, genau zu untersuchen: Wärmt sich eine Schlange in unserem körperwarmen Vorzelt? Sitzt ein Skorpion unter dem Zeltboden genau an der Ecke, in die ich greife, um den Außenzeltreißverschluss zu öffnen? Sitzt eine Spinne in meinem Schuh und freut sich über die gemütliche neu gefundene Höhle? Haben Bulldoggenameisen (bis zu vier Zentimeter lang) unsere Wassersäcke besetzt, aus denen doch der eine oder andere Tropen floss, und fühlen sich durch meinen suchenden Fuß bedroht?

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Was uns gar nicht gefiel, war, dass wir kurz vor einem unserer ersten Campingplätze ein großes Warnschild sahen: „Moskito Risk Area“. Nicht schon wieder, dachte ich, bitte nicht schon wieder. Moskitos können in Teilen der Westküste Australiens das Ross River Fieber übertragen, das mit wochenlanger Schwäche und starken Gelenkschmerzen einhergeht, eine durch Viren verursachte Polyarthritis. Auch das könnte das Ende unserer Fahrradreise in Australien bedeuten. Entsprechend nervös und übergenau tragen wir lange Kleidung, wann immer es geht, sprühen auf die klebrige Schicht Schweiß und Sonnencreme noch eine Schicht Mückenspray und verziehen uns mit Einbruch der Dämmerung ins sichere Zelt.

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Kein Problem. Sich am Bauch kratzen und die Freunde begrüßen ist gleichzeitig möglich.

Unsere Tiererlebnisse sind bisher jedoch alle ganz harmlos und überaus erfreulich verlaufen. Ich stoppe immer noch abrupt mein Rad, wenn ich sie sehe, rufe ganz aufgeregt „Guck mal Ralph, guck mal!“ und kann mich nicht sattsehen, denn sie machen einfach gute Laune. Es gibt sie wirklich hier! Überall! Kängurus! An unserem ersten Campingplatz besuchte uns eine ganze Kängurufamilie zum Frühstück. Sie lagern sich gerne gemütlich in abgeernteten Feldern, mümmeln das trockene Gras und sehen einen erstaunt an. Oft schieben wir unsere Räder zu einem versteckten Schlafplatz auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald, und plötzlich springt ein Känguru erschrocken auf und hüpft vorbei. Ich kann mich immer noch kaputtlachen über ihre comichafte Art sich zu bewegen. Auch nachts, wenn wir im Zelt liegen, spüren und hören wir ihre Sprünge. Morgens weckt uns das Geschrei der Kakadus und grünen Papageien, und in der Dämmerung lacht der Kookaburra auf seine psychedelische Weise:  speaker (klick hier)

Ansonsten ist der australische Wald sehr, sehr still, wie wir immer wieder verwundert feststellen, wenn wir im Schlafsack liegend in die Dunkelheit lauschen.

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Die drei Kookaburras versuchten uns über unserem Abendessen eine halbe Stunde lang schweigend zu hypnotisieren.

Nach den langen Tagen der Krankheit finden wir endlich zurück in unseren großen Alltag auf der Straße, und die vertraute Routine des Campinglebens tut gut. Obwohl Ralph sich besser fühlt als man nach überstandenem Denguefieber erwarten könnte, muss er doch feststellen, dass die Krankheit mehr Spuren hinterlassen hat als gedacht. Die ersten Tage auf dem Rad fallen ihm schwer und tun weh. Er erzählt, es fühle sich beim Treten am Berg an wie manchmal beim Wasserfiltern: Man pumpt und pumpt, aber im Ansaugstutzen ist nur Luft. Wir lassen es langsamer angehen und fahren kleinere Etappen.

Trotzdem genießen wir das Radfahren und Draußensein in vollen Zügen und freuen uns sogar über das meditative ständige Auf und Ab der Rolling Hills durch die endlosen Wälder voller hoher Karribäume, bei dem wir ziemlich viele Höhenmeter machen. Oft fahren wir durch dschungelartigen Wald mit dichtem Unterholz. Dann, ganz unvermittelt, kommen wir über eine kleine Anhöhe und in der folgenden Abfahrt bleibt das Blätterdach einfach am Himmel kleben, während wir immer weiter in die Tiefe fahren. Das Unterholz ist plötzlich verschwunden und die riesigen Stämme, die ohne Rinde glatt in die Höhe reichen, sind astlos. So gleiten wir plötzlich durch einen lichtgedämpften hohen Raum, eine lichte Naturkathedrale. Weit über uns die gotischen Bögen der obersten Äste, die das grüne Dach halten, neben uns die Säulen, die die Welt des Waldes tragen. Stille herrscht an diesem hohen, sakralen Ort. Die Luft duftet nach Eukalyptusöl und wir segeln still auf unseren Rädern durch eine Zwischenwelt. Die Welt ist großartig und liegt vor uns ausgebreitet.

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Oft sind wir allein weit und breit. Auf den Straßen sind manchmal weniger Autos unterwegs als auf deutschen Radwegen. Es ist wirklich genau so, wie ich es mir in Thailand gewünscht habe. Wenn der Tag zu Ende geht, suchen wir uns irgendwo im Busch oder an einem einsamen Strand einen Platz für unser Zelt. Wir haben Zeit und Kraft übrig, auf der Picknickdecke oder auf einem Felsen am Meer zu sitzen, uns zu unterhalten oder einfach vor uns hin auf das unwirklich türkisgrüne Blau des Wassers zu schauen. Das ist für mich das reine Glück des Unterwegsseins. Auch ich spüre jetzt, dass das Denguefieber und die Angst um Ralph tiefere Spuren bei mir hinterlassen haben, als ich zuerst selbst bemerkte. In den ersten Wochen hier in „Terra Nullius“ wird mir bewusst, wie wichtig und genau richtig dieser Neuanfang für mich ist. Beim Anblick der sich weiß brechenden wilden Wellen, die in den sich über uns öffnenden weiten Himmel übergehen, komme ich zurück zum „Nullpunkt“ unserer Reise, der für mich in Australien auch ein Neubeginn wird. Mich erfüllt ein tiefes überfließendes Gefühl der Dankbarkeit und Freude über alle Bewahrung, unser Zusammensein, unser Leben und das Geschenk, sich die Welt aus dem Fahrradsattel anschauen zu können.

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Denguefieber

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Von Myanmar nach Thailand

Der Grenzübertritt von Myanmar nach Thailand verlief schneller und reibungsloser als gedacht. Auf der einen Seite der Myanmar-Thailand Friendship-Bridge im kleinen Ort Myawaddy stempelte der burmesische Grenzbeamte unsere Pässe, wir schoben unsere Räder 50 Meter weiter und erhielten vom nächsten thailändischen Grenzer unser 30-Tage-Visum. Wieder ein neuer Stempel, wieder ein neues Land. Das wievielte jetzt eigentlich auf unserer Reise? Ich weiß es nicht.

Ein kurzer Halt am Straßenrand, wir rollen unsere burmesische Flagge ein und hissen die des Königreiches Thailand. Seit Indien weht an unserem Rad auch wieder eine neue Deutschlandflagge, nachdem wir die erste, die bereits fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst und zerrissen war, in den Weiten der kasachischen Steppe verloren hatten. Alles fast schon Routine, so ein Länderwechsel. Diesmal brachte er jedoch eine bisher unbekannte Neuerung: Linksverkehr! Trotzdem ich etwas nervös war, ob ich im Verkehr auch immer über die richtige Schulter schauen würde, rollten wir entspannt die 15 Kilometer bis zum kleinen Ort Mae Sot auf thailändischer Seite, wo wir uns ein kleines Zimmer nahmen, um uns auf das neue Land vorzubereiten.

Denn obwohl es uns schon zur Gewohnheit geworden ist, so benötigen wir für jeden Wechsel in ein neues Land doch ein, zwei Tage Zeit. Es ist, als würde ein entschlossen vorwärts rollender Zug kurz anhalten müssen, bis der Wechsel in eine andere Spurbreite vorgenommen ist. Bereits während der ersten Kilometer auf neuem Boden nehmen wir jede Kleinigkeit am Straßenrand wahr, die uns erste Auskunft über ein neu zu entdeckendes Land gibt. Uns ist klargeworden, dass Grenzen häufig nur künstliche Linien durch ein zusammenhängendes Landschafts- und Kulturgebiet sind.  Meist sieht es vor einer Grenze genauso aus wie dahinter, und auch die Menschen und Gepflogenheiten sind dieselben. Zwischen Thailand und Myanmar fallen mir jedoch mehr Unterschiede als erwartet auf: Hier in Mae Sot gibt es wieder gute Straßen, weniger Bambus- Häuser, viele dicke neue Autos statt Ochsenkarren, immer noch Pickup-Taxis, Menschen in westlicher Kleidung, es gibt wieder Läden, die man so nennen könnte, Cafés und Restaurants, die Leute sind größer und besser ernährt, ihre Freundlichkeit ist zurückhaltender und zeigt sich erst auf den zweiten Blick …

Nach zwei Tagen Vorbereitungen haben wir die neue Route recherchiert, eine thailändische Simkarte gekauft, haben Baht in der Tasche und können wieder in einer neuen Währung ausrechnen, wieviel Euro ein Mittagessen in Thailand so kostet (übrigens ca. 1,50 Euro) und sind in der Lage, die ersten kleinen Unterhaltungen auf Thai zu bestreiten. Wir sind bereit für die Strecke, die vor uns liegt, und freuen uns darauf, das neue Land zu erkunden.

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Maha Vajiralongkorn Bodindradebayavarangkun ist seit dem 13. Oktober 2016 König von Thailand. Damals verstarb sein vom Volk verehrter Vater, König Bhumibol der Große, der das Land seit 1946 regierte. Wir treffen ihn sehr oft am Straßenrand, öfter jedenfalls als seinen Sohn. Ob wir daraus schon Rückschlüsse über den aktuellen Zustand der Monarchie ziehen dürfen?

 

Im Dschungel

Unsere Route führt uns von Mae Sot immer in Richtung Norden, stets dicht an der Grenze zu Myanmar entlang. Die Strecke ist in mehrfacher Hinsicht abenteuerlich, weshalb wir uns vorher genau informiert hatten. Zum einen fahren wir tagelang mitten durch den Dschungel. Dschungel sagt sich so leicht, aber dies hier ist wirklich Dschungel. Schaut man sich diese kleine Straße auf Google Earth an, wird man nicht viel mehr erkennen als ein schmales Asphaltband – immerhin, Asphalt!-  inmitten von tiefem Grün. Sonst nichts. Es gibt keinen größeren Ort auf unserem Weg, nur kleinste Dörfer, deren Häuser zum Großteil mit Palmblättern gedeckte Bambushütten auf Stelzen sind. Das kennen wir schon aus Myanmar. Aber hier im bergigen Norden Thailands sind nur wenige Teile des Landes gerodet, um landwirtschaftlich genutzt zu werden. Der überwiegende Teil der Gegend besteht im wahrsten Sinne des Wortes aus undurchdringlichem Dschungel.

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Wir sind umgeben von hohen unbekannten Bäume, deren grünes dichtes Dach sich manchmal über dem Asphaltband schließt, dazwischen verweben sich verschiedenste Sorten Palmen und Bambus, dicke braune Lianen und Blumenranken in grellem Orange, Lila oder Rot zu einem so dichten Vorhang, dass man kaum ein paar Meter hineinsieht. Wir sind fast allein auf der Straße unterwegs, es ist kaum Verkehr. Angenehme Stille umfängt uns. Dafür hören wir den Dschungel umso lauter. Laute Vogelschreie, die ich noch nie gehört habe, viele unterschiedliche Zikaden, hier und da ein Kreischen oder einen Ruf, die wir keinem der uns bekannten Tiere zuordnen können. Wenn es Nacht wird und die Geräusche des Tages noch mehr in den Hintergrund treten, wird der Dschungel umso lauter. Oft liegen wir im Zelt, lauschen in die Dunkelheit, und all die Geräusche, die wir nicht einordnen können, machen uns klar, dass in diesem tiefen Grün viel lebt, dessen Namen wir noch nie gehört haben. Da klingt es fast beruhigend vertraut, wenn sich wieder von irgendwoher der Abendgesang der Mönche als Einschlaflied unter alle anderen merkwürdigen Laute legt.

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Ein weiterer Grund, der die von uns ausgesuchte Strecke abenteuerlich machte, waren ihre Höhenmeter. Wir hatten uns bewusst dafür entschieden, die großen Straßen Richtung Chiang Mai und Bangkok zu meiden, um den Verkehr zu umgehen. Lieber fahren wir viele Höhenmeter, aber ohne Verkehr, sagen wir uns immer. Diesmal warteten wirklich viele davon auf uns – und das sagen wir, obwohl wir ja schon einige davon gesehen haben. Hier im Norden Thailands fährt man sie zwar auf recht guten Straßen, dafür haben aber die Steigungen dieser Berge einen auch für uns neuen Grad der Perversion erreicht. Die Berge hier sind wirklich steil! Sie reihen sich einer an den anderen, in einer nicht enden wollenden Reihe von aufeinanderfolgenden grünen Steilwänden. Gerade hast du dich, alles ausschwitzend, was du an Wasser in dir hast, die eine Rampe hochgearbeitet und bist, den kurzen kühlenden Fahrtwind genießend, an der anderen Seite hinuntergerollt, da klebst du schon wieder am nächsten Berg, der sich senkrecht vor dir auftürmt wie eine steile Welle. Eine in der Tat beeindruckende Landschaft. Aber eine perverse Landschaft, wenn man sie mit dem Fahrrad fährt.

Das wurde mir klar, als ich auf den Tacho schaute, während mir das Wasser von der Nase tropfte, und ich mich dabei ertappte, dass ich diese 10%ige Steigung als erholsam erlebte. „Du fährst gerade die steilsten Stücke des Mont Ventoux mit einem Rad und Gepäck hoch, die zusammen 46 Kilo wiegen und bist sogar froh darüber, weil der letzte Hügel noch steiler war“, sagte ich verwundert zu mir selbst. Wenn ich dann allerdings bei 16 oder 18% anlangte, stieg ich ab und schob. Ungläubig und doch auch glücklich sah ich Ralph im Wiegetritt vor mir genau diese Steigung hochfahren, als sei es nichts. Ich musste fast lachen, aber ich war froh und dankbar darüber. War es doch ein Zeichen, dass er sich seit den zahlreichen Krankheiten und Fieberschüben in Myanmar wieder vollständig erholt hatte und ihm das Radfahren endlich wieder richtig Spaß machte. Auch wenn es absurd klingt, aber uns beiden machte das Radfahren in diesen Tagen richtig glücklich. Wir fühlten uns fit und genossen es, im Sattel zu sitzen.

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Der dritte Grund, warum diese Strecke entlang der Grenze zu Myanmar eine abenteuerliche war, ist ein trauriger. Wir sind unterwegs in einem Gebiet, in dem die Karen leben, ein Bergvolk, das die drittgrößte Bevölkerungsgruppe im Vielvölkerstaat Myanmar stellt. Seit der Unabhängigkeit Myanmars im Jahr 1948 sind die Karen, wie auch viele andere ethnische Minderheiten, massiven Menschenrechtsverletzungen durch das burmesische Militär ausgesetzt. Immer wieder kam es zu Kämpfen in den bergigen Wäldern des Grenzgebiets. Die damit einhergehende systematische Ermordung und Vertreibung der dort ansässigen Karen, Zwangsarbeit, Vergewaltigung und anderes hatten den Beginn eines Flüchtlingsdramas zur Folge, das mittlerweile schon zum Alltag im Norden Thailands geworden ist. Über eine Million Menschen sind seither davon betroffen, rund 300.000 Menschen flohen nach Thailand, etwa die Hälfte davon leben zur Zeit in Flüchtlingscamps, ohne Hoffnung auf ein normales Leben oder einen legalen Status in Thailand. Selbst die Rückkehr in ihre zerstörten Dörfer ist ihnen nicht möglich, da riesige Gebiete entlang der Grenze vom burmesischen Militär vermint wurden.

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Wir fahren tagelang vorbei an den Flüchtlingscamps der Karen. Sie sind hier überall, mitten im Dschungel. Im größten sollen 50.000 Menschen leben. Sie hausen in noch ärmlicheren Unterkünften als wir schon kennen, da es ihnen nicht erlaubt ist, sich ein Heim aus „dauerhaften“ Materialien zu errichten, obwohl viele Familien schon seit mehreren Generationen hier sind. Dicht gedrängt steht Hütte an Hütte. Soweit das Auge reicht zieht sich die Siedlung hinauf in die Berge. Kinder spielen im Dreck, es stinkt. Irgendwo in einem der Lager ist vor kurzem die Schweinegrippe ausgebrochen. Neben den hygienischen Verhältnissen sind der Mangel an Privatsphäre und Arbeitsmöglichkeiten und die Perspektivlosigkeit die größte Belastung für die Menschen. Wir können kaum beschreiben, was uns bewegte, als wir diese Lager direkt an der Straße sehen. Vor zehn Tagen kam es zu erneuten Kämpfen zwischen den Karen und dem burmesischen Militär bei einem Dorf hier ganz in der Nähe. 500 Familien flohen durch den Fluss, der die Grenze zwischen den beiden Ländern bildet, nach Thailand.

Während unserer Pause kamen wir ins Gespräch. Knapp 20 Jahre lebte er im Flüchtlingscamp, dann wurde er vom UNHCR ausgewählt und erhielt in Australien Asyl. Er vermisst seine Familie, die noch im Lager lebt und die er jetzt zum ersten Mal besucht.
Während unserer Pause kamen wir ins Gespräch. Knapp 20 Jahre lebte er im Flüchtlingscamp, dann wurde er vom UNHCR ausgewählt und erhielt in Australien Asyl. Er vermisst seine Familie, die noch im Lager lebt und die er jetzt zum ersten Mal besucht.

Die thailändische Polizei, dein Freund und Helfer

Es sind viel Militär und Polizei unterwegs hier im Norden Thailands. Zu Anfang fuhren wir vorsichtig und zögernd an den vielen Straßensperren und Checkpoints vorbei. Zum einen wohl, weil wir in China die Polizei fürchten gelernt hatten. Zum anderen auch, weil wir uns versichern wollten, ob unsere Weiterfahrt durch dies Gebiet der Flüchtlingscamps erlaubt und sicher war. Dies war uns zwar zuvor versichert worden, aber wir wissen, dass die Situation vor Ort oft noch eine ganz andere ist.

Wir konnten es kaum glauben. Zu groß ist vielleicht unser Trauma, das China uns mitgegeben hat. Aber stets, wenn wir langsam an einen Checkpoint heranrollten, grüßten uns die bewaffneten Uniformierten freundlich, winkten uns durch und lachten uns hinterher. Manchmal mussten wir natürlich doch mal links raus und anhalten. Doch nein, nicht etwa, um unseren Pass zu zeigen. Der Halt diente nur dazu, uns mit sanfter Höflichkeit eine schattige Bank als Ruheort anzubieten und Zeit für einen kleinen Schwatz zu haben, der immer verbunden wurde mit dem vorausschauend-empathischem Angebot, unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Wir saßen meist sprachlos vor Staunen da. Zu lange war es her, dass wir Uniformen mit Freundlichkeit in Verbindung brachten.

Das sollte sich jetzt ändern. Man könnte diesen Abschnitt unserer Reise auch unter die Überschrift stellen: „Die Polizei, dein Freund und Helfer“.

Aus naheliegenden Gründen waren wir, wenn der Tag zu Ende ging, nicht sonderlich erpicht darauf, unser Zelt aufzustellen – so sehr ich unser kleines „Zuhause“ auch bereits vermisste. Nicht nur hätten wir hier im Wald vor lauter Unterholz nur mit größter Mühe einen ebenen und überhaupt freien Platz für unser Zelt gefunden. Wir waren auch nicht wild auf all das Getier, mit dem wir unseren Schlafplatz hätten teilen müssen. Vor allem die Ameisen sind überall. Unterkünfte gab es in den kleinen Dörfern, durch die wir fuhren, jedoch fast nie. Eine kleine Polizeistation aber fast immer.

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Um unseren ersten Schlafplatz bei der Polizei mussten wir gar nicht bitten, er bot sich uns von selbst an. Wir saßen im Schatten einer Kokospalme direkt am Grenzfluss, der Thailand von Myanmar trennt, und machten Pause. Wir aßen das, was wir so in den vorangegangenen Bambushütten zum Verkauf angeboten bekommen hatten – Bananen,  fade Chips und trockene Kekse – und schauten hinüber zum nur einen Steinwurf weit entfernten Burma. Es war eine idyllische Stelle, der Fluss machte eine kleine Biegung um helle Felsen herum, Leute in kleinen Holzbooten fischten, die goldenen Pagoden eines Klosters leuchteten warm in der Abendsonne. Nichts deutete darauf hin, dass wir auf ein Kriegsgebiet blickten und die gegenüberliegenden Berge vermint waren. Wir waren still und dachten über die Absurdität nach, wie unterschiedlich das Leben der Menschen diesseits und jenseits des Flusses war.

Da kam Anuphap zu uns heran. Er war vielleicht Anfang Zwanzig, trug ein tief ausgeschnittenes weißes T-Shirt und eine Holzkette. Er lächelte uns an, setzte sich neben uns und betrachtete wie wir still das gegenüberliegende Ufer. „Beautiful. But very sad. This is War-Zone.“ So eröffnete er das Gespräch. Er konnte nicht viel Englisch, wir kaum Thai, aber wir unterhielten uns trotzdem ganz gut. Er war der Polizist des Dorfes, bedeutete er uns, indem er auf das kleine Häuschen mit der thailändischen Fahne nebenan zeigte.

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Und dann ging alles ganz schnell. Denn Anuphap konnte Gedanken lesen, die wir noch nicht einmal gedacht hatten. Das ist übrigens eine in Thailand weit verbreitete wundervolle Eigenschaft, die wir schon lange nicht mehr erlebt haben: empathisch Probleme vorwegnehmen, bevor man mittendrin steckt, und bei der Lösung sogar helfen.

„Habt ihr ein Zelt? Das könnt ihr hier gerne aufbauen! Seht mal, hier auf der kleinen Veranda gibt es Licht, das könnt ihr anschalten, wenn es dunkel wird. Hier findet ihr auch eine Steckdose, falls ihr euer Handy aufladen wollt. Soll ich euch den Ventilator anmachen? Kommt, ich zeige euch die Toilette, sie ist hier im Nebengebäude. Aus dem Duschkopf hier kommt Wasser, zwar nur kaltes, aber ihr könnt euch waschen. Habt ihr genug zu essen? Braucht ihr noch etwas? Wann wollt ihr morgen aufstehen, ich kann euch wecken.“ All dies so sanft, zurückhaltend und doch zugleich herzlich angeboten, dass wir erst einmal sprachlos waren. Dankbar sagten wir Ja, Ja, Ja zu allem und zu wohl einem der zehn schönsten Schlafplätze unserer Reise um die Welt.

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Natürlich ließ es Anuphap nicht dabei bewenden. Er fuhr Ralph mit seinem Moped noch ins Dorf, um Benzin für unseren Kocher zu kaufen, brachte uns zum Abendessen leckeres „Weißnichtwas“ am Spieß, stellte uns der Fußballmannschaft des Dorfes vor, die später direkt neben unserem Zelt auf dem kleinen Platz vor der Polizeistation trainierte, machte uns in der Dunkelheit das Licht an und löschte es später wieder aus und erkundigte sich noch, ob wir dicke Schlafsäcke und Jacken hätten, denn der Morgen sei hier im Flussnebel sehr kalt. Sonst saß er in rücksichtsvollem Abstand vor seiner Polizeistation, um uns nicht zu stören. Am nächsten Morgen winkte er uns lange hinterher.

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Während wir uns am folgenden Tag die steilen Steigungen der Berge hochkämpften, erschien uns diese Geschichte fast wie ein Traum. Bis uns Thailand von neuem mit der Freundlichkeit seiner Menschen überraschte.

Wir hielten an einem kleinen Checkpoint an, um nach Wasser zu fragen. Das nächste Dorf war noch viele Kilometer und Höhenmeter entfernt. Zwei junge dünne Kerle in Trainingshosen richteten sich in ihren Hängematten auf, in denen sie in der Hitze gedöst hatten. Ich traute meinen Ohren kaum, als ich sie uns zurufen hörte: „Welcome toilet! Free Wifi! You can put up your tent here. We cook dinner for you. We have rice and eggs. Dinner is at six o`clock!“

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Obwohl es erst früher Nachmittag war, entschlossen wir uns zu bleiben. Nur ein Mensch ohne Herz hätte diese Einladung ausschlagen können. Danot und Oo waren sichtlich froh über Gesellschaft. Sie waren seit zwei Jahren hier in der Dschungeleinsamkeit unter einfachsten Lebensbedingungen im Dienst und vermissten ihre Familie und Freundin, wie sie uns erzählten. Es war herzerwärmend, mit welch ausgesuchter Höflichkeit und Zuvorkommenheit sie sich bemühten, unseren Aufenthalt bei ihnen so angenehm wie möglich zu machen. Sie kauften für uns im Dorfladen ein und verboten uns zu zahlen, sie wollten uns zur Dorfhochzeit mitnehmen und forderten die Dorfmädchen in Hochzeitskleidung auf, sich mit uns unpassend gekleideten Kurzhosenträgern fotografieren zu lassen.

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„Imki! Alf! Come, take a shower!“ So wurden wir später zur blauen BASF-Tonne geführt, die hinter dem kleinen Häuschen stand und in der eine Plastikkelle schwamm, um sich zu übergießen. (Wie ihr gemerkt habt, haben wir unsere Namen in Asien ein wenig abgeändert, um den Menschen etwas über ihre verzweifelten Aussprachversuche hinwegzuhelfen. Wir sind hier Imki und Alf, und das klappt prima.)

Auf dem offenen Holzfeuer hinter der Hütte kochten sie uns am Abend Reis und Omelette. Wir brachten uns gegenseitig Thai und Englisch bei und spielten uns Lieblingsmusik vor. Den Rest des Abends brachten wir mit süßer Milch in Flaschen in den Händen (wohl etwas extra Schickes, das sie für uns gekauft hatten) im blinkenden Warnlicht des Checkpoints auf Baumstümpfen an der Straße zu – ich vermute, so sollte auch das Dorf etwas von ihrem besonderen Besuch mitbekommen. Auch sie wollten am nächsten Morgen gar nicht aufhören zu winken, als wir losfuhren. Oo hatte Tränen in den Augen und sagte, er würde uns vermissen. Wie ganz andere Checkpoints das hier in Thailand doch waren, im Vergleich zu China.

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Denguefieber

Das Wort „Dinga“ kommt aus dem afrikanischen Sprachraum, wo es einen Schmerzkrampfanfall beschreibt, der ausgelöst wird durch einen bösen Geist. Im dichten Dschungel, durch den wir schon seit vier Tagen fahren, seit wir die Grenzstadt Mae Sot verlassen hatten, könnten sie hausen, die bösen Geister. Er behaust zumindest Zehntausende burmesische Flüchtlinge in primitiven vorläufigen Bambushütten. Sie leben hier teilweise seit mehr als 20 Jahren und sind auf der Flucht vor der burmesischen Armee, die die letzten Jahre immer in der Trockenzeit ihre brutalen Winteroffensiven gegen die Zivilbevölkerung startete jenseits des Flusses. Noch im November gab es hier Kämpfe und jetzt sehen wir die Soldaten der thailändischen Armee in schwarzen Kampfanzügen mit Stahlhelmen, Schnellfeuerwaffen und gerußten Gesicherten üben. Am Straßenrand im Dickicht immer wieder Schilder mit einem Totenkopf und dem großen Wort „DANGER“. Sie üben hier wohl mit scharfer Munition.

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Wir fahren an einem Dorf entlang, das sich zwischen Fluss und Straße unter das dichte Dach der Bäume drängt. Nein, eigentlich kein Dorf, eine Stadt! Hier leben 50.000 Flüchtlinge der ethnischen Minderheit der Karen, die Hütten stehen so dicht beieinander, dass die Dächer aneinander stoßen und eine kilometerweite graue Bananenblattschindelfläche bilden. Hier werden die bösen Geister geboren, hier vermehren sie sich. Sie leben vom Blut, nicht nur bei Nacht, auch bei Tag saugen sie die Menschen aus. Sie sind die gefährlichsten Lebewesen der Welt. Niemand tötet mehr. Sie heißen Gelbfiebermücke, Anopheles, ägyptische oder asiatische Tigermücke. Sie sind unter anderem die Überträger des Denguefiebers. Eines der sogenannten hämorrhagischen Fieber. Hämorrhagisch heißt „blutzerreißend“ und das ist auch schon der ganze gruselige Tatbestand in einem Wort beschrieben. Der durch die Mücke übertragene Dengue-Virus zerstört die wichtigen Blutplättchen, die für die Blutgerinnung zuständig sind, so dass es nach Tagen inneren Kampfes dazu kommen kann, dass eine Blutgerinnung nicht mehr stattfindet. Es kommt zu inneren Blutungen und zu einem tödlichen Schock mit Organversagen. Von den weltweiten jährlich 50 bis 100 Millionen Dengue-Infektionen enden allerdings nur ca. 22.000 tödlich. Das könnte sich nach einem beruhigend geringen Risiko anhören, wüsste man nicht gleichzeitig, dass selbst die besten Krankenhäuser dieser Welt dem Virus völlig hilflos gegenüberstehen. Es gibt keine Therapie gegen eine Dengue-Infektion! Wie wir mit Entsetzen feststellen mussten, bedeutet dies praktisch: Man macht jeden Tag ein Blutbild und beobachtet gebannt, wie der Wert der Blutplättchen fällt. Beeinflussen kann auch die moderne Medizin diesen Absturz nicht. Ein gesunder Erwachsener hat zwischen 150.000 und 400.000 Blutplättchen pro Mikroliter Blut. Sinkt der Wert unter 35.000, würde man Blutkonserven geben, in der Hoffnung, kritische Blutungen hinauszuzögern, bis dann eine Erholung der Blutwerte aufgrund des Krankheitsverlaufs einsetzt. Was aber, wenn keine rechtzeitige Besserung einsetzt? In den langen schlaflosen Fiebernächten kommen Bilder in den eigenen Kopf und lassen sich nicht mehr vertreiben: Wir sind Piloten in einem abstürzenden Flugzeug ohne Steuerung. Wir starren auf den Höhenmesser, die Anzeige zählt rasend schnell gegen Null. Wir können nur beobachten.

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Tag 1

Vielleicht ist der Virus schon seit fast zwei Wochen in meiner Blutbahn, vielleicht auch erst zwei oder drei Tage. So lange ist der kleine Stich her, der mich von einer tagaktiven Mücke unmerklich erwischt haben muss. Erinnern kann ich mich nicht, gestochen worden zu sein. Ich hatte mich eingesprüht mit Mückenmittel, hatte, soweit das auch beim Radfahren möglich ist, meine Haut mit langer Kleidung bedeckt und nachts schliefen wir sowieso immer unter dem Mückennetz. Wir wissen um die Risiken eines Mückenstichs. Es half uns leider nichts. Sie hat mich trotzdem erwischt. Das wusste ich aber noch nicht und ich fühlte mich vor allem in den letzten Tagen so stark wie seit langem nicht mehr. Wir hatten heftigste Steigungen und Höhenmeter hinter uns gebracht und gestern Nachmittag die kleine Stadt Mae Sariang erreicht. Hier im abgelegenen Grenzgebiet zu Burma gab es nicht viel Touristen. Aber die Versorgung war hier gut. Wir gönnten uns ein nettes Zimmer und wollten die nächsten harten sieben Tage vorbereiten, die berüchtigte Mae Hong Son-Runde. Als ich erwachte, wusste ich allerdings sofort, dass etwas nicht stimmt. Ich war nassgeschwitzt, als hätte ich in einer Pfütze geschlafen. Ich fröstelte und wusste, dass ich wieder Fieber hatte. Ich war niedergeschlagen: Schon wieder würden wir eine Zwangspause einlegen müssen, schon wieder würde ich mich aus einem Krankheitstief herausarbeiten müssen. Aber ich konnte mich nicht wirklich darüber ereifern. Ich war unsagbar müde und verbrachte den ganzen Tag im Bett. Ich lag auf der Seite und dämmerte mit starrem Blick zur Wand vor mich hin. Ich hatte weder Durchfall noch irgendwelche Schmerzen, kein Erbrechen. Ich war müde. Sehr müde. Das kannten wir auch schon von Myanmar, wo wir uns selbst medikamentierten, weil ein vernünftiger Arzt, mit dem wir uns auch verständigen könnten, nicht erreichbar war. Die medizinische Versorgung in Burma ist immer noch weit unter Standards, wie wir sie von Europa kennen. Jetzt beschlossen wir, am nächsten Tag einen Arzt zu suchen, Thailand ist in dieser Hinsicht sehr gut und wir hatten in Erfahrung gebracht, dass es ein kleines Krankenhaus gab. Jetzt also wollten wir Klarheit. Hatte dieses erneute Fieber mit der heftigen Erkältung zu tun, die ich Anfang Januar von Indien mitbrachte?

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Tag 2

Das Fieber überschritt in der Nacht 39 Grad. Ich hätte die zwei Kilometer zum Krankenhaus nicht mehr mit dem Fahrrad geschafft. Ich war ohne innere Spannung. Vor 48 Stunden hatte ich noch Steigungen über 20 Prozent im Wiegetritt mit einem 50 Kilo-Fahrrad gefahren bei rund 35 Grad im Schatten und fühlte mich gut. Jetzt versetzte mich der Gang ins drei Meter entfernte Bad in Schüttelfrostanfälle. Einmal mehr war ich fasziniert, wie schnell ich aufgrund von Fieber oder Durchfall und Erbrechen innerhalb weniger Stunden alle Kraft verlieren konnte. Ich war froh, nicht allein zu sein. Ohne Imkes Unterstützung hätte ich echte Schwierigkeiten gehabt, meinen Weg zum nächsten Arzt zu finden. Dort saß ich jetzt im offen überdachten Wartebereicht der Ambulanz von einem einfachen Betonflachbau, den man getrost als primitives Dschungelkrankenhaus bezeichnen konnte. Die Einrichtung sah nicht vertrauenswürdig aus. Schon der Anblick hätte einem den Angstschweiß aus den Poren treiben können. Aber wir waren froh, überhaupt einen Arzt sehen zu können. Mal schauen, was uns erwarten würde. Alles trug Anzeichen der typischen Verrottung der Tropen, die selbst solide Bauten innerhalb von wenigen Jahren zerfrisst. Der Arzt sprach ein wenig Englisch. Viel ist auch nicht nötig, denn hier haben die meisten Patienten Fieber oder sind chirurgische Notfälle. Ich hing so debil auf dem dreckigen Plastikstuhl im Wartebereich, dass es für jeden einigermaßen routinierten Arzt keiner Anamnese bedurft hätte: Bei dem machen wir erstmal ein Blutbild und untersuchen auf die üblichen Verdächtigen: Gelbfieber, Malaria, Dengue. So geschah es. Ich sollte mir an Schalter neun Blut abnehmen lassen und auf das Ergebnis warten. Für diesen Fall hatten wir zu Hause sterile Nadeln gekauft und 18.000 Kilometer um die Welt getragen. Für den Fall, dass wir in einem Drecksnest irgendwann uns Blut abnehmen lassen müssen und es keine sterilen Nadeln geben würde. Aber es gab nicht nur sterile Bestecke, sondern auch eine sehr routinierte Krankenschwester, die das Stechen hervorragend beherrschte.

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Jetzt saßen wir da und warteten auf die Laborergebnisse. Das sind normalerweise die Situationen, in denen die Phantasie, die negative Erwartung und der fiebergetrübte Verstand einem ordentlich einheizen. Hier sitze ich jetzt am Sonntagmorgen unter dem dreckigen Ventilator und warte auf das Urteil. Angst beschleicht einen, befeuert von den schlimmsten Erwartungen. Aber so war es nicht. Ich hatte keine Sorge und genau das hätte mich stutzig machen sollen. Denn jetzt öffnete sich das Schiebefenster und der Laborzettel wurde mir mit dem Hinweis überreicht, zurück zum Arzt zu gehen. Ich schaute auf das komplett in Thailändisch verfasste Formblatt. Darauf befanden sich jetzt drei große Stempel: zwei blaue mit dem Wort NEGATIV und ein großer roter mit dem Wort POSITIV. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass dies möglicherweise ein Schicksalszettel sein würde. Ohne den Blick vom roten Stempel zu wenden ging ich die paar Meter zum Arzt-Kabuff zurück. Dort setzte ich mich wieder auf den dreckigen Plastikstuhl. Ich habe keine Erinnerung mehr an die dort verbrachte Zeit. Das folgende Arztgespräch ging etwa so: „No Malaria, no Typhus. But you have Dengue. Yes, it is sure 70 percent. Come back Tuesday, then we will test again. But you have Dengue. No, we can not treat Dengue. We will give you medicine against pain. Pain will be heavy.”

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Tag 3

Ich erwachte zu einer makabren Einsicht. Im Nachhinein erinnerte ich mich, dass wir es schon immer auf unseren Merkzettel für die wichtigsten und gefährlichsten Krankheiten geschrieben hatten. Der lag zusammengefaltet bei unseren Medikamenten in der Satteltasche. Mein Bruder hatte uns damals die wichtigsten Informationen zusammengestellt und beim einen oder anderen heftig eingeschärft, was in diesem oder jenem Fall unbedingt zu beachten und zu tun sei. Dort standen auch die Informationen zu Denguefieber. Dort stand vor allem, dass wenig zu machen sei. Eine Therapie gebe es nicht. Aber etwas Wichtiges hatten wir vergessen, etwas Lebenswichtiges. Jetzt beim Aufwachen fiel es mir ein und ich wusste, dass der Tag heute anders verlaufen würde. Denn dort auf unserem Notfallzettel stand: „Reise abbrechen.“

So viel an dieser Krankheit erschien mir bis hierher schon recht heimtückisch. Aber am hinterhältigsten ist die Tatsache, dass, hat man sie schließlich glimpflich überstanden, man sie noch mehr fürchten muss als jemals zuvor. Denn eine Zweitinfektion mit Denguefieber ist 100-mal tödlicher als beim ersten Verlauf der Krankheit. Unsere Route sollte uns von hier im Norden Thailands nach Laos, nach Kambodscha, zurück nach Thailand über Malaysia nach Singapur bringen. Noch drei Monate hier in Südostasien, mitten durch das gefährlichste Dengue-Infektionsgebiet. Jahrelange Vorbereitung, unsere akribische Planung, die ganze Zeitschiene für die restliche Weltreise waren weggewischt in diesem Augenblick durch die zwei Worte auf dem Zettel: „Reise abbrechen“.

Es dämmerte noch nicht, vermutlich war es gerade mal 6 Uhr. Imke schlief noch fest. An der Zimmerdecke zerschnitt ein fahler Streifen Licht von der Straßenlaterne das Dunkel. Durch die Gaze des Moskitonetzes starrte ich an die Decke. Wir würden alles umwerfen, heute noch. Ich verspürte in diesem Moment kein Bedauern. Ich sah die Notwendigkeit vor mir, wie einen kalten Streifen Licht, der das Dunkel zerriss. Alles andere lag schon jetzt in der Vergangenheit, auch wenn es noch gar nicht geschehen war. Das hier ist nicht mehr unser Weg. Unser Weg würde ein anderer sein. Jetzt wussten wir es; jetzt würden wir ihn gehen können. Der Streifen Licht an der Decke verlor seine Leblosigkeit, das Fahle färbte sich in warmes Orange. Heute würden wir alles umwerfen. Die Sonne ging auf.

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Tag 4

Chiang Mai ist die zweitgrößte Stadt Thailands, besonders beliebt bei Ausländern, die in Thailand beruflich tätig waren und sich jetzt im Land zur Ruhe setzen wollen. Wenn diese Expats ein Krankenhaus brauchen, dann gehen sie ins Chiang Mai Ram Hospital. Wir hatten einen Pickup organisiert, der uns morgens um 8 Uhr abholte und die 200 Kilometer nach Chiang Mai brachte, zusammen mit unserem Gepäck und den Rädern. Wir hatten ein Zimmer reserviert im Hotel direkt neben dem Ram Hospital. Gegen 13 Uhr saßen wir in dessen Ambulanz und hatten das Gefühl, in einer der modernsten Kliniken des Planeten zu sein. Wir kamen aus dem Dschungel, aus Myanmar, und jetzt waren wir umgeben von himmelblauen Krankenschwestern mit makellosen Häubchen und Computerpads, auf denen die Krankenakten gespeichert waren. Wir saßen in Ledersofalandschaften, wurden in Laborbereiche geleitet, zum Röntgen geführt, vom Arzt empfangen. So verbrachte ich vier fieberfröstelige Stunden mit dem krankheitsgedämpften Bewusstsein, dass was immer mit mir geschehen möge, es gut wäre, dass es hier mit mir geschehe.

Noch nie übergab ich so vertrauensselig die Verantwortung für meine Gesundheit in fremde Hände. Ich war erschöpft und müde. Ich war froh, es bis hierher geschafft zu haben. Ich wollte nicht mehr mitdenken müssen. Ich sammelte meine Kräfte für den inneren Kampf mit dem blutzerreißenden Fieber. So hing ich tief im Sofa im Ambulanzbereich und wartete, bis ich aufgerufen wurde. Wir hatten die richtigen Entscheidungen getroffen und wir hatten entschlossen gehandelt. Das Faltblatt, das ich in meinen Händen drehte, sagte mir voraus, dass Tag 6, 7 und 8 die entscheidenden Tage werden würden: die roten Tage! Jetzt wurden Truppen gezählt für die Schlacht, die bevorstand. Meine Blutplättchen waren um rund 20.000 gefallen seit der Messung in Mae Sariang. Heute stand ich bei 89.000 und ich fragte mich, wie das noch werden würde, wenn das erst das Vorspiel war. Während des Gesprächs mit der Ärztin ging mein Kreislauf in die Knie und mir wurde schwarz vor Augen. Ich schaffte es gerade noch auf die Liege in der Ecke und war in Sekunden von einem Schweißausbruch völlig durchnässt. Weder Ärztin noch Krankenschwester schien Notiz davon zu nehmen. Vermutlich hatten sie bei Denguefieber-Patienten schon Beeindruckenderes erlebt.

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Tag 5

Unser Hotel befand sich 20 Meter vom Haupteingang des Ram Hospital entfernt. Heute bewältigte ich diese 20 Meter mit großem Bedacht. Man könnte auch sagen, ich schlich mich hinüber, möglichst kräftesparend, bevor ich mich in den weichen Schützengraben der Sofalandschaft in der Ambulanz fallen ließ und dort Deckung suchte vor weiterer Anstrengung. Imke wollte mir das Handy geben, um mich abzulenken, aber das war mir zu anstrengend. Ich beobachtete lange das ältere Ehepaar, das uns gegenüber saß, und versuchte herauszufinden, ob deren Englisch eher auf USA oder auf Australien hindeutete. Es war so eine fiebrige Beschäftigung, die eigentlich keine Tätigkeit war, sondern eher eine Art mentales Fliegenpapier, an das sich der Geist festklebt und nicht mehr lösen kann. Nach etwa einer Stunde Wartezeit wollte Imke, die mein abwesendes Starren bemerkte, wissen, was ich denke. Ich äußerte meine Vermutung, dass die beiden Australier sein könnten. Imke lächelte und wies auf die riesige Aufschrift auf dem T-Shirt der Frau hin: „Adelaide University“.

Ich wurde aufgerufen zur Blutabnahme. Mein Blutdruck lag bei beeindruckenden 74 zu 45. Das wurde aber von den himmelblauen Schwestern erst nach fünfmaligem Messen mit drei unterschiedlichen Maschinen in ihren Pad eingetragen. Zunächst hielten sie die Blutdruckmessgeräte alle für defekt. Die restlichen Wege dieses Tages durfte ich jetzt im Rollstuhl zurücklegen und mir dämmerte, auf was das hinauslaufen würde. Als meine Blutwerte aus dem Labor kamen und ich die Ärztin sprechen konnte, waren die Truppen bei 71.000. Weitere 20.000 Verluste seit gestern. Wenn das so linear weiter fällt, unterschreite ich in zwei Tagen die kritische Marke. Und dann? Innere Blutungen? Dabei beginnen morgen erst die roten Tage! Ich merke, dass ich jetzt bei diesem Gedanken zum ersten Mal Angst habe.

Ich muss wohl einen Teil der Rede der Ärztin bei diesem Gedanken verpasst haben, denn alle im Raum schwiegen jetzt und schauten mich an. Ich begriff nicht. Dann wiederholte die Ärztin: Angesichts der Werte halte sie es für besser mich stationär aufzunehmen, sofort. Wenn ich dem nicht zustimmen würde, müsste sie mich bitten, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben. Das Risiko sei ihr zu groß. Ich stimmte ohne weitere Überlegung zu. Obwohl ich Krankenhäuser natürlich hasse, war es mir in diesem Moment egal. Die Ärztin schien über meinen fehlenden Widerstand etwas überrascht, vielleicht machte ich gestern noch einen kämpferischeren Eindruck, als ich darauf bestand, den PCR-Test zu machen. Jetzt war es mir egal. Ich war müdemüdemüde. Ich ließ mich im Rollstuhl zurück in den Blutbereich schieben, wo mehrere Schwestern versuchten, auf meinen Handrücken einen permanenten Zugang für die Infusionen zu legen. Es war eine Schweinerei, ein Gemetzel. Innerhalb weniger Minuten waren meine Handrücken von Blutergüssen aufgrund durchstochener Venen übersät und die Schwestern durchgeschwitzt. Ich hatte zu wenig Blutdruck. Schließlich holten sie einen alten Haudegen von Station, und der gelang ein sehr schmerzhafter Durchstich. Obwohl ich in dieser Hinsicht noch nie ein Held war, wurde mir noch nicht einmal schlecht, ich war zu müde, mir war kalt.

So lag ich jetzt am Tropf in der Ecke auf der Liege unter einem halben Dutzend weißer großer Badetücher, darüber meine schwarze Softshelljacke ausgebreitet bis unters Kinn gezogen. Gleich würde ein Bett oben auf Station frei gemacht sein. Irgendwie setzte ich mir in den Kopf, dass ich jetzt in dieser Situation eine kleine Videobotschaft für die Freunde aufnehmen müsste, um sie über die aktuellen Ereignisse zu unterrichten. Als ich das Standbild der fertigen Aufnahme betrachtete, wurde mir klar, dass wir das niemand zeigen sollten, den wir nicht zu Tode erschrecken wollten. Ich sah beschissen aus.

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Tag 6

Die Nacht war eine zähe fiebrige Reihe des aus dem Schlaf- Gerissenwerdens. Alle zwei Stunden kamen die Schwestern und weckten mich zum Blutdruckmessen. Ich muss ihnen gestern wohl einen ordentlichen Schreck eingejagt haben mit meinem niedrigen Blutdruck. Ich glaubte nicht geschlafen zu haben. Die Nacht war eine Reihe grüblerischer Gedankenphasen im Dunkeln, unterbrochen vom Aufflackern der Neonröhren, wenn die Schwestern wieder die Blutdruckmaschine ins Zimmer schoben. Die Reihe wurde morgens um 6 abgeschlossen durch die Pferdespritze, die in meiner Armbeuge zum täglichen Blutbild gefüllt wurde. Dann war Ruhe. Bis Judy kam. Judy ist sehr gesprächig, ganz im Unterschied zu den restlichen sehr höflich zurückhaltenden, schweigsamen thailändischen Krankenschwestern. Judy arbeitet in der Verwaltung und ist in Stuttgart aufgewachsen. Sie spricht wie ein Wasserfall astreines Deutsch mit Stuttgarter Schwäbisch-Einschlag. Eigentlich ist sie hier, um mit uns die Versicherungsfrage mit unserer Reisekrankenversicherung zu klären. Sie erzählt mir aber nach der durchwachten Nacht die einzige Geschichte auf dieser Welt, die ich jetzt nicht hören will:

Kürzlich sei ein 19 jähriges deutsches Mädchen eingeliefert worden: Denguefieber. Sie sei natürlich schon bei Einlieferung in einer schlechteren Verfassung gewesen als ich. Als ich diesen Satz höre, weiß ich natürlich, auf was das hinauslaufen wird und ich möchte mich wehren. Möchte nicht mehr zuhören müssen. Judy spricht aber zu schnell weiter, zu viel und ich bin gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange. In diesem Moment kann ich dieses Sprachbild körperlich fühlen. Sie hätte auch noch Typhus gehabt, wäre allein gereist. Sie wäre ziemlich bald auf Intensiv gekommen, sei dann kaum mehr ansprechbar gewesen. Ihre Blutwerte wären so schnell gefallen, dass trotz Bluttransfusionen die Werte immer schlechter geworden seien. Dann hätte man Judy gerufen, sie, die hier als Einzige Deutsch spreche. Die Ärzte wussten, dass sie nichts mehr tun konnten – es gebe gegen Dengue ja keine Therapie. Judy hätte ihr auf ihrer Muttersprache beibringen müssen, dass es zu Ende gehe und sie ihre Eltern in Deutschland anrufen müsse. Das Mädchen habe bitterlich geweint.

Judy schaut auf und sieht mich. Jetzt scheint sie zu begreifen, wem sie diese Geschichte gerade erzählt und sie fügt schnell hinzu: „Ich weiß gar nicht, was aus ihr letztlich geworden ist.“ Wenig später kommen meine Blutwerte: 61.000. Seit gestern weiter um 10.000 gefallen. Den restlichen Tag und die folgende lange schlaflose Nacht bekomme ich das Ende des jungen Mädchen nicht mehr aus meinen fiebrigen Gedanken. Am traurigsten machte mich die Vorstellung, dass sie vor dem Telefonat so sehr weinen musste.

 

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Tag 7

Mit einer düsteren Stimmung beginne ich den Tag. Blutdruck- und Fiebermessen, Blutabnehmen, alles geht an mir wie hinter einem Schleier vorüber. In Gedanken bin ich irgendwo anders. Wie jeden Tag versuche ich so viel Wasser zu trinken wie möglich, erbärmlichster Ausdruck der Hilflosigkeit gegenüber einer Krankheit, die auch tödlich verlaufen kann. Gegen die es aber keine andere Therapie gibt außer Wassertrinken und Schlafen. Sie wird bei mir glimpflich verlaufen, eigentlich gibt es darüber jetzt keinen Zweifel mehr, aber das Wasser und der Schlaf schmecken vergiftet. Meine Blutplättchen stehen heute bei 60.000, keine weiteren Verluste. Der Absturz ist gestoppt. Stillstand als Erfolgsmeldung. Die Ärztin freut sich. Sie sagt vorher, dass der Wert morgen zum ersten Mal steigen wird. Dann könne ich entlassen werden. Ich wundere mich, dass ich mich nicht mehr freuen kann darüber. Es kommt mir unendlich lange vor, seit ich am Samstag vor einer Woche mit Fieber aufgewacht bin. Ich habe einen ganz ekelhaft bitteren Geschmack bei allem, was ich trinke oder esse. Ich habe das bestimmte Gefühl, dass dieser Geschmack nicht von meiner Zunge kommt, sondern aus meiner Erinnerung der letzten sieben Tage und meinen düsteren Gedanken.

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Tag 8

Heute werde ich entlassen. Wie angekündigt war mein Blutplättchenwert gestiegen. Ich solle noch ohne Alkohol feiern, sagt die Ärztin. Ich hätte einen Leberschaden, Hepatitis. Das hinge mit der von meinem Körper bekämpften Infektion zusammen, die scheinbar nicht ganz spurlos an mir vorüber gegangen ist. Es würden aber keine dauerhaften Leberschäden zurückbleiben. Einige Wochen noch und dann sei auch die Hepatitis überstanden. Ich nehme das so hin. Wir packen unsere Sachen – Imke konnte während der letzten Tage auf einem Beistellbett auch in meinem Zimmer schlafen. Eine Krankenschwester kommt mit einem Einkaufswagen, in den wir unsere zwei Satteltaschen stellen. Sie besteht darauf und fährt uns den Wagen bis in die Lobby unseres Hotels. Dann sitze ich auf dem Bett des Hotelzimmers und müsste mich eigentlich freuen. Ich empfinde aber nur Niedergeschlagenheit. Ohne dass es mir in den letzten Tagen wirklich zu Bewusstsein kam, hatte ich Gedanken gedacht, die man nicht so einfach abschütteln kann. Auch Imke ist niedergeschlagen. Es waren anstrengende Tage gewesen.

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Australien

Wie es weitergeht, ist schnell erzählt. Wir mussten uns auch schnell entscheiden, denn unser Visum in Thailand läuft aus. Aber wir merken, dass vieles von dem, was wir in den letzten Tagen erlebt haben, uns noch nachhängt und wir mit einigen Gefühlen und Erfahrungen vielleicht noch nicht abgeschlossen haben.

Wir haben uns, wie schon erwähnt, entschlossen, unsere Reise durch Südostasien abzubrechen. Das Risiko einer Zweitinfektion ist uns zu hoch. Darüber mussten wir nicht lange nachdenken.

Südostasien zu verlassen ist traurig und tut weh. Nicht nur, weil wir so viel nun nicht sehen können, auf das wir uns sehr gefreut haben. Es tut uns auch um die thailändische Kultur leid, die wir gerne noch intensiver kennengelernt hätten.

Viel größer als die kleine Wehmut aber ist unsere Dankbarkeit, dass es Ralph wieder gut geht und er sich mit jedem Tag mehr erholt. Das ist uns das Allerwichtigste.

Deshalb fiel uns die Planänderung vielleicht auch gar nicht so schwer. Am 28. Februar fliegen wir von Chiang Mai nach Perth, Australien. Ein riesiger fast Dengue-freier Kontinent wartet auf uns! Wir wollten ja sowieso nach Australien, nun haben wir umso mehr Zeit für die gigantischen Distanzen dort.

Wir blicken nach vorn und freuen uns schon jetzt riesig auf vieles, das wir schon lange nicht mehr hatten: Übernachten im Zelt und das ganze dazugehörige Camperleben, einsame Strände, endlose roterdige Weite vor blauem Meer, Gespräche mit Menschen in einer gemeinsamen Sprache….

Und wir freuen uns immer wieder neu aufs Fahrradfahren!

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Der Gesang der Mönche

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„Wenn Du jemanden ohne Lächeln siehst –  schenke ihm Deines.“

Sprichwort aus Myanmar

Die Dunkelheit und der Singsang vermischen sich zu einem kühlenden Brei. Sechs Worte auf einem Ton gehalten, dann ein Schlusston. In pausenloser Wiederholung sickert das gesungene Mantra in das Bewusstsein, wie das braune Wasser im Bad nebenan aus der rostigen Leitung. Wann haben die Mönche mit dem Gesang begonnen? Ich weiß es nicht. Er war schon immer da. Schon immer da: der Gesang und die Bäume, die hier zwar ganz ohne Unterholz in lichtem Abstand stehen, deren hohes, mächtiges Blätterdach allerdings auch noch das geringste Sternenlicht abschirmt. Die Dunkelheit und der Singsang sind hier undurchdringlich. Das Zeitempfinden verliert sich in dieser monotonen Finsternis der burmesischen Nacht. Weiterlesen