USA

24. November 2016

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebauten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittiche gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehrn.

Friedrich Hölderlin, Patmos

 Lands End

Imke redet seit Tagen vom Ozean. Noch hatte sich die Landschaft nicht wirklich verändert. Wir sind zwar aus der unbesiedelten Wüste herausgefahren, zuletzt mit unseren französischen Freunden hart gegen den Sturm. Jetzt waren wir in der ersten größeren Stadt nach der Durchquerung der Mojavewüste angekommen. Ridgecrest lebt von und für den größten Truppenübungsplatz der US-Navy, China Lake Naval Air Warfare Center. Hier, eine weitere Gebirgskette vor uns, hat man in der Stadt zwar den Eindruck, die Wüste läge hinter uns, aber kaum fahren wir aus den Wohngebieten des Stadtrandes hinaus, befinden wir uns schon wieder in der Wüste. Wir wundern uns, denn Südkalifornien ist die Obst- und Fruchtkammer der USA. Wir fahren über einen weiteren Pass hinab in den südlichen Teil des Central Valley und befinden uns in der Wüste, in der Obstbaumwüste und der Ölfeldwüste.

Bakersfield Ölfeld direkt in den Obstanbaufeldern
Bakersfield Ölfeld direkt in den Obstanbaufeldern

Hier regnet es kaum öfter als in der zentralen Mojavewüste, aber 25% des in der USA produzierten Obstes kommt aus diesem Tal. Alles hier hängt ab von der künstlichen Bewässerung. Gleichzeitig hat der Klimawandel hier im Süden Kaliforniens dramatische Folgen. Der Brigadier der Feuerwehr, der für uns auf dem Pass anhält, erzählt uns, dass Waldbrände zum Sommeralltag gehören und gerade da, wohin wir fahren wollen, der größte Waldbrand wütet, den die USA in ihrer Geschichte erlebte. Das Feuer, das in der Region um Big Sur seit 100 Tagen wütet, wird nicht gelöscht, es kann nur „verwaltet“ werden. Die Verzweiflung eines Feuerwehrmannes, der löschen möchte, aber kein Wasser dafür hat, spricht aus seiner Erzählung.

Wir erhalten mal wieder Bewunderung und Hilfe von den amerikanischen Helden
Wir erhalten mal wieder Bewunderung und Hilfe von den amerikanischen Helden

Wir werden es noch hautnah erleben, mal wieder, denn unsere Route wird uns einige Tage später nach Big Sur führen. Jetzt aber fahren wir tagelang durch Monokulturen: einen Tag lang nur durch Kirschbäume, am nächsten Tag wechseln die in militärischen Reihen bis zum Horizont gepflanzten Obstbäume zu Birnen und Pfirsichen. Alles wird intensiv bewässert, denn wir könnten es fast vergessen: Wir befinden uns immer noch in der Wüste, auch in einer traurigen Landwirtschaftswüste. Der Irrsinn wird dann greifbar, wenn der Feuerwehrmann davon berichtet, dass die Geräte zum Bohren der Grundwasserbrunnen auf die nächsten drei Jahre in Kalifornien ausgebucht sind. Seit rund fünf Jahren gab es in den meisten Gebieten keinen ernsthaften lange bewässernden Regen mehr. Die Campingplätze auf den Stateparks waren entweder aufgrund der Trockenheit unterdessen seit rund drei Jahren entweder ganz geschlossen, oder sie hatten das Wasser abgedreht und die Klohäuschen ganz zugemacht. Überall in den Städten hängen Plakate, die auffordern nicht mehr das Auto zu waschen oder den Garten nur noch an drei Tagen der Wochen zu bewässern. Manche Städte haben Wasserspar-Marshalls angestellt. Diese patrouillieren und zeigen Wasserverschwendung an oder beraten beim Wassersparen. Das sind niedliche Maßnahmen angesichts des allgemeinen Wahnsinns der großflächigen Bewässerung von Golfplätzen und Obstanbau in der Wüste. Wir sprachen mit einem Einwohner von Palm Springs, der sich rühmte, dass im 10-Meilen Umkreis seines Anwesens sich mehr als ein Dutzend Golfplätze befinden. Palm Springs befindet sich noch mitten in der Mojavewüste! So erleben wir, wie der amerikanische way of life das Klima zu Schrott fährt, wie James Dean damals hier seinen Porsche. An dessen Unfallkurve schlagen wir mangels Campingplatz unser Zelt auf. Der Verkehr reißt auch nachts nicht ab und uns gruselt, denn diesen Irrsinnsverkehr kann unser Planet sicher nicht viel länger aushalten.

Die Autogesellschaft verehrt ihre Helden: Hier kaufte er seine letzte Tankfüllung
Die Autogesellschaft verehrt ihre Helden: Hier kaufte er seine letzte Tankfüllung

Jetzt könnt Ihr wohl eher verstehen, dass Imke seit Tagen davon spricht, endlich am Ozean anzukommen. Fast als befände sich dort der Beginn des gelobten ersehnten Landes, sehnte sie diesen Anblick herbei. Daher war es ein wirklich bewegender Moment, nachdem wir die Weinhügel um Paso Robles durchquert hatten und wir auf der letzten Anhöhe angelangt waren. Plötzlich ebnete sich vor uns der Horizont und ein silbernes Band lag ausgebreitet, das das Ende der Wüste und das Ende dieses Landes markierte. Der Pazifik. Es war ein bewegender Moment, weil wir ein greifbares Ziel erreicht hatten: Lands End. Der Gedanke, dass das Ende unserer zweijährigen Tour auf der anderen Seite dieses Ozeans liegen würde, rührte mich tief an. Wir würden auf der anderen Seite stehen, in Malaysia und Australien, und wir würden dort mit dem Rad hingefahren sein – es ist nach wie vor unvorstellbar. Wir haben uns ans Fahren gewöhnt, wir bewältigten Probleme, wir planten voraus, aber richtig begriffen haben wir immer noch nicht, dass diese Tour noch lange weiter gehen würde und wir auf dem Weg um die Welt waren. Allerdings hätten wir mit den rund 5500 Kilometern schon von Biberach aus die Seidenstraßenländer erreicht: Tadschikistan oder Usbekistan. So standen wir auf der Anhöhe über dem Pazifik und hatten beide feuchte Augen.

Lands End
Lands End

Seither sind wir immer dem Highway 1 nach Norden der Pazifikküste entlang gefolgt. Im Statepark San Simeon Creek haben wir 6 Tage Pause am Strand gemacht und mit Entsetzen der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten zugesehen. Weil schon im Vorfeld einige von Euch uns zu unserer Meinung zur politischen Lage in den USA gefragt haben, schrieben wir unsere Sicht der Dinge am Morgen nach der Wahl nieder und versendeten sie als Email an alle Abonnenten. Im Folgenden findet Ihr noch einmal diesen Text, auch weil wir unterdessen mindestens eine Leserin im Iran haben und dieser Text dank des Übersetzungsknopfes auf der Homepage (die kleinen Flaggen) in die Sprachen unserer Reiseländer übersetzt werden kann. Ein Abschluss entspricht auch unserer gegenwärtigen Stimmung, denn nach allen Erlebnissen in den USA sind wir unterdessen dabei, uns von diesem Land zu verabschieden. Wir merken, dass wir innerlich schon Marokko vorbereiten. Dazu passt auch, dass wir hier zum ersten Mal so etwas wie einen Herbst spüren. Die Temperaturen sind kühler geworden und die Tage deutlich kürzer. In den nächsten beiden Tagen werden wir vollends den Küstenhighway nach San Francisco fahren, vermutlich im Regen. Dann werden wir ab dem 27. November bei Warmshowers.org-Fahrradfahrern unterkommen, die in Oakland wohnen. Dort werden wir Kartons für den Flug der Fahrräder organisieren und einige Einkäufe erledigen, die für Marokko nötig sind. Ab dem 3. Dezember werden wir uns ein paar Tage in Marrakesch bei Andrea Recks Freundin in einer kleinen schönen Pension im Zentrum kulturell akklimatisieren. Die erste Herausforderung, die uns dann auf unserer marokkanischen Strecke erwartet, wird die Winterüberquerung des Hohen Atlas sein. Wie dann später im Februar für die Alpenüberquerung müssen wir dort auf günstiges mildes Wetter hoffen, so dass wir möglichst schneefrei über die höchsten Pässe kommen. Danach wird uns unsere geplante Route immer südlich des Atlas am Rand der Sahara entlangführen. Wir werden nicht nur in die völlig andere Kultur, sondern auch vom Englischen ins Französische wechseln müssen.

Bei Jan und Bill in Santa Cruz
Bei Jan und Bill in Santa Cruz

Es heißt jetzt also das Eine abzuschließen und uns aufs Neue vorzubereiten. Heute feiern die Amerikaner Thanksgiving und das passt sehr gut. Denn wir haben viel, wofür wir dankbar sind in diesen vergangen vier Monaten in den USA. Wir sind rund 5500 Kilometer gefahren und haben dabei gigantische 45.000 Höhenmeter erklettert. Wir sind durch die Wildnis gefahren, haben Wüsten bewältigt und sind dabei immer gesund geblieben. Wir sind durch die dünnstbesiedelsten Gegenden gekommen und haben viele herzensfreundliche Menschen getroffen. Wir haben fast täglich Schwierigkeiten überwunden, die sich uns in den Weg gestellt haben. Wir mussten unsere Fahrräder reparieren (lassen) und irgendetwas unserer restlichen Ausrüstung war immer kaputt. Unser Rückflug wurde gestrichen und unsere Kreditkarte von Betrügern benutzt. Die verschiedenen Telefongesellschaften waren die einzigen Wegelagerer, die uns regelmäßig ausgeraubt haben und ohne Netz zurückließen. Nie haben uns die Schwierigkeiten überwältigt. Nie hat uns der kleine und große tägliche Kampf zermürbt. Immer überwog die Begeisterung für die Welt, die Neugier auf den Horizont und die Freude am Radfahren. Wir haben die gigantischen Landschaften wie Geschenke entgegengenommen und sind der festen Überzeugung, dass all das nicht ohne Fahrrad zu erleben gewesen wäre. Ihr, unsere Freunde, habt uns nie allein gelassen. Immer hatten wir eine Nachricht und liebe Worte von Euch, die wir uns beim Sonnenuntergang oder im Schlafsack gegenseitig vorlesen konnten. Viele Schwierigkeiten haben wir mit Eurer Hilfe fröhlich überstanden, auch wenn Euch das oft sicher nicht bewusst war, wie gut Ihr uns getan habt. Danke auch nicht zuletzt für Euch! Wir teilten auf unserem Roadtrip die Welt Jack Kerouacs, Ernest Hemingways, Mark Twains und John Steinbecks. Aber am Ende wollen wir einen Württemberger zitieren. Und voll Überzeugung können wir in diesem Fall mit dem wirren, weitsichtigen Hölderlin sagen: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Mit Blumen im Haar
Mit Blumen im Haar

  1. November 2016

Ein passender Präsident

Am Morgen nach der Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der USA überschlagen sich die Kommentatoren der Weltpresse mit Metaphern, die dieses schockierende Ereignis beschreiben sollen. Aus den meisten Kommentaren, die auch hier in den USA jetzt dazu zu lesen und zu hören sind, spricht vor allem eines, die Hilflosigkeit diese Tatsache zu erklären. Wir hatten uns nach längerer Überlegung schon vor einigen Monaten entschieden auf unserer Homepage das Politische eher im Hintergrund zu lassen, obwohl wir beide großes Interesse am politischen Denken haben. Jetzt wollen wir aber nicht zu den Ereignissen schweigen. Es drängt uns zu kommentieren, was wir hier erleben und wir geben natürlich unsere subjektive und damit auch tendenzielle Sicht der Dinge wider. In den letzten Tagen haben wir einige Emails erhalten, die nach unserer Sicht gefragt haben. Hier ist sie.

Die Wahl Donald Trumps ist anders als manche Analysen nahelegen kein „Hurrikane“, kein „Erdbeben“ oder keine „Katastrophe“, die dieses Land trifft. Diese Metaphern suggerieren, dass es sich hier um eine traurige Zufälligkeit handelt. Nein, diese Wahl ist das folgerichtige Ziel von Irrwegen, denen die US-amerikanische Gesellschaft seit langen Jahrzehnten gefolgt ist und die sie weiter begeht. Diese Wahl ist nicht ein tragischer Schicksalsschlag, sondern sie kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Wir haben dieses Land jetzt über drei Monate intensiv bereist und viele Gespräche geführt. Dabei waren die Menschen offen und freundlich zu uns. Was wir dabei erfahren und gehört haben, lässt uns klarer sehen, wie es zu dieser 45. Präsidentschaft kam. Es gibt drei wesentliche Gründe, warum Donald J. Trump der passende Präsident für dieses Amerika ist. Drei Entwicklungen, die schon seit Jahrzehnten diese Gesellschaft prägen und schließlich zu diesem Präsidenten führen mussten.

Erstens: Gewalt ist gesellschaftlich akzeptiert

Wir haben es schon auf unserer ganzen Fahrt immer wieder erlebt: Auf dem Campingplatz neben uns schießt ein Besoffener von seinem Campingstuhl aus den ganzen Abend auf Kaninchen; aus dem Autofenster wird auf Straßenschilder geschossen; die Jagd gehört zum amerikanischen Männlichkeitsritual dazu. Hauptsache das Gejagte muss dabei ebenso wie die Waffen möglichst groß und zahlreich sein; das Militär ist allgegenwärtig und Söldnersammelbecken der vorwiegend ungebildeten, armen Unterschicht, die für die unverantwortliche Energieverschwendung des american way of life mit ihren Leben bezahlt. In diesem Amerika gehört die private Handfeuerwaffe so selbstverständlich zum Alltag auch der Mittelschicht, wie bei uns der Rasenmäher oder der Thermomix. Selbst von den gebildeten, etablierten Familien der weißen Mittelschicht hören wir immer wieder ganz selbstverständlich, dass dies ja das gute Recht sei und eine vermeintlich logische Notwendigkeit um für Ruhe und Ordnung zu sorgen: Notfalls eben mal jemand über den Haufen zu schießen. Es scheint hier wirklich niemand zu geben, den wir darauf ansprachen, den es wundert, dass in USA mehr Opfer von Schusswaffen zu beklagen sind als in manchen Bürgerkriegsgebieten von Bananenstaaten. Auch die Tatsache, dass nur in wenigen Staaten dieser Welt mehr Waffen pro Einwohner in Umlauf sind, scheint bei der überwiegenden Mehrheit kein Nachdenken auszulösen. Damit ist die USA etwa mit der seit Jahrzehnten durch Clankriege zerrissenen Volksrepublik Jemen vergleichbar. Ein abstruser Vergleich? Mitnichten, denn hier wie dort sind ähnlich viele Waffen pro Person in Umlauf und die breiten Massen der Bevölkerung scheinen sich damit einverstanden zu geben, dass Konflikte eben nur effektiv mit Waffen zu lösen seien. Die Argumentation hier in Amerika: Die Guten müssen sich gegen die Bösen, die ja auch Waffen tragen, verteidigen. Selbstzweifel am primitiven Schwarz-Weiß-Denken von Gut und Böse kommen nicht auf. Die einfache Lösung ist schnell zur Hand, gut für denjenigen, der schneller abdrückt. Eine solche Haltung hat aber Folgen für eine Gesellschaft und das ist nicht nur an dieser Wahl, sondern auch schon am vorausgegangen Wahlkampf zu sehen: Hass ist akzeptabel; Bedrohung der Gegner wird normaler Bestandteil der Taktik; der nächste Krieg mit Iran, Nordkorea oder China ist nur ein normales Mittel zur (ökonomischen) Selbstbehauptung. Warum auch nicht? Der Einsatz von Waffen ist ja auch im Privaten ok. Wer so denkt, muss Donald J. Trump wählen und hat es ja offensichtlich auch getan.

Zweitens: Es geht auch ohne Bildung

Wir haben Euch in unserem letzten Beitrag „Im Tal des Todes“ das vermeintlich lustige Video der bekifften Hippies mitgeliefert. Bewusst haben wir am Schluss den Spitzensatz von Chris dreimal hintereinander geschnitten: „Americans are so confused!“ Das ist auch eine Beobachtung, die wir immer wieder gemacht haben: Abstruse Verschwörungstheorien sind hier fast gesellschaftliches Allgemeingut; Einfache Zusammenhänge werden nicht erkannt (in Kalifornien wird das Trinkwasser aufgrund von jahrelanger Trockenheit knapp, der Klimawandel wird aber geleugnet); das Unterscheiden von Relevantem und Unwichtigem geht in der Flut von Belanglosigkeiten besonders auch in den Mainstreammedien völlig unter; einen breiten Bildungshorizont über die Grenzen der USA hinaus gibt es nicht (nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung besitzt überhaupt einen Reisepass); der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion ist längst verschwommen, denn Sensation verkauft sich immer besser als Information. So kommt es, dass auch im Wahlkampf nur peripher von politischen Programmen höchst primitiv die Rede ist und charakterliche Eigenheiten zehnmal breiter diskutiert werden als politische Visionen für die Welt im 21. Jahrhundert. Nur die elitären Medien wie etwa die New York Times oder die Washington Post nehmen solche haarsträubenden Entwicklungen überhaupt noch wahr und stellen die Frage nach den Konsequenzen einer schockierend tiefsitzenden Dummheit der Mehrheit der Wählenden. Es geht hier nicht um Lesen, Schreiben, Rechnen. Erschütternderweise ist allerdings Amerikas Analphabetenrate höher als in manchem afrikanischen Staat. Nein, es geht nicht um Ausbildung, sondern um Bildung. Denn Bildung hat über das rein Lebenspraktische auch mit der einordnenden Priorisierung von Fakten, mit dem Erkennen relevanter Zusammenhänge und mit überindividuellen Verantwortlichkeiten zu tun. Wenn diese Art von Bildung in einer Gesellschaft aufgegeben wird, dann hat das Folgen. Die Wahl des 45. Präsidenten der USA ist eine logische Folge davon. Donald J. Trump verkörpert diese Bildungsverachtung perfekt. Man kann ja auch ohne Bildungshorizont Millionär werden. Schließlich ist das einzig Relevante ja der Kontostand. Solidarität? Gesellschaftliche Verantwortung? Wahrhaftigkeit? Allgemeinwohl? Rechnet sich nicht! Gläubiger verprellen, Fakten zurechtlügen, den eigenen Vorteil anbeten ist ok. Wenn Unbildung das Fundament einer Gesellschaft bildet, dann ist gegen Verschwörungstheorien, gegen irrationale Angstmache, gegen aberwitzige Ablenkungsmanöver und gegen das beharrliche Leugnen von Fakten kein Kraut mehr gewachsen. Die moderne Demokratie braucht zur vernünftigen Meinungsbildung eine breite Bildung der wählenden Bevölkerung. Diese gibt es in den USA längst schon nicht mehr. Und darum wird der irrationale Hanswurst gewählt gegen das politische Establishment. Donald J. Trump ist Förderer und Nutznießer dieses gesellschaftlichen Bildungsvakuums.

Drittens: Humanismus geopfert für die Wirtschaft

Der unregulierte Turbokapitalismus hat in den USA die Demokratie zu seiner Dienerin degradiert. Spricht man im alten Europa öfter noch vom Primat der Politik, auch über die Wirtschaft, so ist dieser demokratische Fundamentalsatz mindestens in den USA nur noch lästige Bremse für eine noch weiter zu entfesselnde Priorität der Wirtschaft über alle Lebensbereiche. Welche praktischen Folgen das in den USA schon seit Jahrzehnten hat, ist uns auf unserer Reise immer wieder schockierend ins Auge gestochen. Im vermeintlich reichsten Land der Erde leben große Teile der Bevölkerung in widerwärtiger Armut. Wir sind an hunderten von Trailerparks vorbeigefahren, in denen Familien in entwürdigenden Verhältnissen dahinvegetieren. Die Selbstaufgabe ganzer Bevölkerungsschichten ist für jeden Vorbeifahrenden offensichtlich. Mit mehreren Vollzeitjobs halten sich Millionen von Menschen rund um die Uhr beschäftigt ohne wirklich genügend Geld für einen Platz in der unteren Mittelschicht dieser Gesellschaft zu ergattern. Sie leben in Wohnwagen oder in offensichtlich selbstgezimmerten Sperrholzhütten, an Stadträndern oder gleich ganz in der Wüste. Die Wirtschaft wächst, die Börsen machen Gewinne aber die Mittel- und Unterschicht verliert immer weiter reale Kaufkraft und persönliche Würde. In Folge der Finanzkrise wurden hunderttausende Häuslebesitzer der Mittelschicht obdachlos: „Das Haus geklaut durch windige Finanzkonstrukte der Banken und Versicherungen“, so wird immer wieder von Nachbarn und Bekannten berichtet.  Die Vermögen der reicheren 10 Prozent der Nation wuchsen in Folge der Finanzkrise signifikant an. Die Armen aber wurden noch ärmer. In den seither vergangenen 8 Jahren wurden die Verursacher der Immobilienkrise durch den Rechtsstaat nicht zur Verantwortung gezogen. Die Bundesregierung hat keine wirkliche Regulierung der Banken und Börsen auf den Weg bringen können. Die moralische Message an die breite Bevölkerung: Private Bereicherung gegen das Allgemeinwohl ist unter dem Primat des Kapitalismus ok. Im Originalton heist das dann bei Donald J. Trump „If you are famous you can do everything.“ Oder: Was juckt es mich, wenn ich 18 Jahre keine Steuern zahle, schuld daran ist doch die Politik, die solche Schlupflöcher nicht stopft. Dass mit diesen nicht gezahlten Steuern Schulen nicht gebaut wurden, Sozialversicherungsbeiträge für die Armen gestiegen sind und das Rekordhaushaltsdefizit der USA noch größer wurde, diesen Zusammenhang zu ziehen, würde ja eine gewisse Bildung erfordern. Es ist beunruhigend, wenn der Bewerber für das höchste Staatsamt sich solcher gesellschaftsschädigender Haltungen und Taten rühmt. Aber mangels Bildung fällt das offensichtlich der Mehrheit der Bevölkerung nicht auf. Donald J. Trump wurde gerade von der sozial abgehängten und von wirtschaftlichen Existenzängsten verstörten Arbeiterschaft und ländlichen Unter- und Mittelschicht gewählt.  So legen es zumindest die Analysen der ersten Stunden nach der Wahl nahe. Seltsam und doch auf abstruse Weise konsequent, dass diese im skrupellos ausbeutenden Milliardär, der Steuerbefreiungen für die Reichsten ankündigt ihren Retter suchen. „Wer Milliardär ist, der muss ja etwas von Wirtschaft verstehen und eine gute Wirtschaft brauchen wir“, so fasst es Chrystal zusammen, mit der wir noch einen Tag vor der Wahl gesprochen haben.

Ergo: Wer (Erstens) aufgrund seiner fehlenden Bildung die Zusammenhänge im 21. Jahrhundert nicht mehr durchblickt, frisst jedes Argument unkritisch, das ihm vorgesetzt wird – und sei es auch die abstruseste Verschwörungstheorie oder die primitivste Bauernfängerei durch Angstmache. So verunsichert und in Rage gebracht bevorzugt man dabei dann die einfachen Lösungen, bevorzugt diejenigen, die (Zweitens) gewürzt sind mit Schwarz-Weiß-Denken und Gewalt. Schließlich muss man schauen, wie man privat aus den Schulden kommt oder den Anschluss an die Mittelschicht ökonomisch nicht ganz verlieren möchte und da ja längst nur noch Geld zählt, wählt man (Drittens) denjenigen, der die Wirtschaft vertritt. Denn Wirtschaft ist gut und Politik ist böse. Donald J. Trump ist als Präsident kein Zufallsprodukt sondern der passende Kandidat dieser gesellschaftlichen Grundtendenzen.

Ja, auch wir haben den Wahlabend live mitverfolgt, es gab hier auf dem Campingplatz Wi-Fi und wir haben CNN geschaut auf dem Smartphone in der Dunkelheit mit einem recht ordentlichen Cabernet-Sauvignon. Bezeichnenderweise saßen wir im Statepark San Simeon Creek, der seit drei Jahren aufgrund der katastrophalen Trockenheit in Südkalifornien die Wasserhähne abgedreht hat und so schauten wir recht passend der Wahl eines Klimawandelleugners zu. Wir saßen unterhalb des verschwenderisch geschmacklosen Protzschlosses des damals reichsten Mannes der Welt, William Randolph Hearst, der seine Verlegermillionen mit Kriegstreiberei (Spanisch-Amerikanischer Krieg) und der Einführung des Primats von Sensation über Information verdient hatte. So mussten wir tatenlos zuschauen, wie ein in seinem Wahlkampf kriegstreibender von der Sensationspresse Großgemachter Präsident wurde. Auch recht passend. Wir haben den Ort unserer Wahltrauerfeier also mit Bedacht gewählt. Wie also jetzt mit der Wahl umgehen? Mit schwarzem Humor! In der Nacht gab es die ersten Übergriffe auf Ausländer: ein Stinktier und ein Pack Waschbären griffen unsere Nahrungsmittelvorräte an und erbeuteten mexikanische (!) Taccowürzmischungen und italienische Nudeln. Wir sind uns einige: das konnte nur unter Donald J. Trump passieren.

Es ist heute der 9. November, wir in Deutschland sollten auch besonders an diesem historischen Datum über Gewalt, Bildung und wirtschaftliche Verwertung des Menschen nachdenken. Denn unser Kommentar zur politischen Lage soll nicht ohne Selbstkritik bleiben. Auch in den großen europäischen Demokratien gibt es diese drei oben beschriebenen gesellschaftlichen Tendenzen. Darum unser Wunsch zum Schluss: Möge das alte Europa genug Geschichtsbewusstsein bewahren, um die Fundamente seiner Demokratien nicht auf ähnliche Art zu verhökern! [/read

2. November 2016

Im Tal des Todes

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Es war ein schmerzhafter und sehr langsamer Abschied. Ein Abschied in Zeitlupe. Nein, eigentlich war es sogar ein Abschied in Superzeitlupe, ähnlich wie in Tierfilmen, in denen man die Schmetterlinge ganz langsam mit den Flügeln schlagen sieht. Wir entfernten uns erst nur ein paar wenige Zentimeter voneinander, dann war ein Meter zwischen uns, der sich auf fast eine Minute ausdehnte. Bis uns einige dutzend Meter voneinander trennten, dauerte es rund zehn Minuten. Über eine Stunde lang konnten wir sie noch sehen und es tat wirklich weh, sie ziehen zu lassen. Wir hatten sie in der Wüste getroffen, wo man eigentlich eher nur seltsame Typen antrifft. Guillaume, Victor und Tom: drei Jungs, höfliche, ungewöhnlich sympathische Idealisten. Radfahrer, zwei Franzosen und ein französisch Schweizer. Sehr angenehme Begleitung, unterhaltsam, optimistisch, gebildet. Es war einfach schön, nach so vielen Tagen Einsamkeit, Sand und Wüstenirrsinn wirklich nette Menschen zu treffen. Wir schlossen uns an dem Tag zusammen, an dem wir aus dem Tal des Todes kletterten, um im Nachbartal die ebenso feindliche, ebenso sandige und noch viel windigere Version eines Todestals zu finden, das sich kaum vom Original unterschied. Wir schlossen uns zusammen aus Vernunftgründen, denn der Wind war unterdessen zu einem Sturm geworden, zu einem Sandsturm. Die Lage sah bedrohlich aus, eine Staubwalze rollte auf uns zu, geschoben von einem Wind, der mit etwa 50 Stundenkilometern gegen uns anbrüllte. Die Lage muss wohl sogar für die Coyoten bedrohlich ausgesehen haben, denn zum ersten Mal sahen wir sie bei helllichtem Tag am Straßenrand lungern. Aber nein, sie hingen nicht ziellos da rum, genau betrachtet folgten sie uns. Sie hielten zwar noch einen Respektabstand, aber irgendwie machte es den Eindruck, dass sie darauf warteten, dass einer von uns vor Anstrengung umfiel und liegen blieb.

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Und das war es auch, was nach stundenlangem Kampf gegen den Sturm, dem Reißen am Lenker in Gegenwehr der Böen, dem ziehen am unsichtbaren Gummiband, an dem wir den tonnenschweren Felsbrocken hinter uns her zogen, uns nahe lag: Umfallen und liegenbleiben. Es war so sinnlos mit sieben Stundenkilometern durch diese Wüste zu fahren. Hätte ich noch Energie übrig gehabt einige Rechenaufgaben zum Zeitvertreib zu bewältigen, so wäre mir die Sinnlosigkeit noch heißer in die Glieder gefahren: Wir würden bei dieser Geschwindigkeit noch weitere 55 Stunden im Sattel sitzen müssen, um dieser Wüste zu entkommen. Also schlossen wir uns zusammen, gegen den Wind. Wir fuhren Windschatten, den ganzen Tag und auch noch den darauffolgenden. Keiner wollte sich die Blöße geben und so führte jeder zu lang. Zehn Minuten war man an der Spitze und gab alles:  ALLES. Nach fünf Minuten Führung dachte ich, es würde nur noch Sekunden dauern bis der letzte Blutstropfen aus den Muskeln meiner Schenkel gepumpt sei. Dann begann der Schmerz, wie eine Art Unterdruck von den Beinen über den Bauch in den Brustkorb zu wandern. Stierer Blick auf den Tacho: Ich muss die 13 km/h halten, Tom hat es vor mir auch zehn Minuten durchgestanden und vor ihm Victor.

Nur noch vier Minuten 40 Sekunden. Nicht an die Zeit denken sonst vergeht sie noch langsamer. Dann, zum Glück, kollabiert das Hirn und rutscht in die Beine. Keine Gedanken mehr. Weißes Rauschen. Außer dem Schmerz in den Beinen nur noch ein weiterer Sinneseindruck: Dröhnen des Sturms in den Ohren. Oder war es mein Blutdruck, der in den Ohren dröhnt? Kurzer Blick in den Rückspiegel. Befriedigung: Sie ducken sich alle in meinen Windschatten. Sie fürchten den Sturm, den ich diese ewigen zehn Minuten für sie bekämpfe. Kurze Musketierphantasie, dann die Frage: Warum nicht einfach anhalten und warten bis alles vorbei ist? Wir haben nicht genug Wasser für einen weiteren Tag, das war es, wir müssen weiter. Fünf Minuten, nachdem ich dachte ich könne keine weitere Sekunde länger durchhalten, sind meine zehn Minuten Leiden um. Victors Kampf gegen den Sturm beginnt. So wechseln wir uns fast zwei Tage ab. Jeder portioniert sein Leiden in Zehn-Minuten-Einheiten. Am zweiten Tag begann der Pass aus dem Tal anzusteigen. Jetzt hatten wir die Steigung UND den Wind gegen uns. Das war zu viel. Imke und ich konnten den Rhythmus der Jungs nicht mehr halten. Wir hatten einen sehr schönen Abend in der Wüste mit ihnen verbracht, wir hatten füreinander gelitten und uns übereinander lustig gemacht, dass der Sturm immer wieder das Zelt uns über dem Kopf wegreißt: Wir hatten Freundschaft geschlossen. Jetzt war die Zeit des Abschieds gekommen. Wir hielten nicht an dafür. Wir brüllten einander an während wir weiter im Wind nebeneinander herfuhren. Wir reichten einander die Hände in der Fahrt, klopften Schultern ohne mit dem Treten auszusetzen und hatten Klöße im Hals, vielleicht vom Abschied, vielleicht einfach nur vom vielen geschluckten Staub. Sie würden weiter nach Südamerika fahren, wir wollten nach Westen Richtung San Francisco. Jetzt reihten wir uns wieder hintereinander ein, wir hatten uns zwar verabschiedet, unsere Reifen waren aber nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Dann ließ ich das Loch im Windschatten aufreißen, noch einmal die Hand heben, über den Lärm des Sturms hinwegnicken. Jetzt begann der Superzeitlupenabschied. Zentimeter um Zentimeter entfernten sich die drei Gestalten über ihre Lenker gebeugt. Viel Wehmut liegt in dem Blicken auf sich abwendende Rücken. Auch wir kämpften weiter zäh und kraftvoll gegen den Wind. Eigentlich steckt es ja in jedem winderprobten Radfahrer instinktiv drin: Das Hinterrad des Vordermanns nicht verlieren! Aber in diesem Fall wäre mir lieber gewesen, der Abschied wäre schneller vorüber gewesen. Absteigen gegen diesen verfluchten Sturm wollte ich aber auch nicht – nicht einen Zentimeter Boden würde ich dem Sturm überlassen. Niemals. Um uns die große Leere der Wüste und vor uns diese drei gebeugten Rücken, die langsam, endlos langsam immer ferner schwanden: Das ist die bildgewordene Wehmut darüber, dass wir eben auf der Straße heimatlos sind und die Freundschaften nur kurz genießen dürfen, bevor sie gen Horizont entschwinden. Weit, weit entfernt als drei kleine schwarze Punkte kann ich sie gerade noch sehen, Gui, Victor und Tom. Dann sind sie verschluckt vom Horizont. Jetzt sind wir wieder allein in dieser wüsten Weite und müssen ohne Hilfe gegen den Sturm kämpfen.

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Nicht jede Begegnung in der Wüste wünschten wir uns so nah. Denn in den meisten Begegnungen blickten wir auch dem Wahnsinn in die Augen. Vielleicht liegt es ja in der Natur dieser kargen Weite, dass das Nahe so viel intensiver wird, dass jede Begegnung auch surreal und irrsinnig erscheint. In den vergangenen zehn Tagen konnten wir uns entgegen unserer Informationen nur von Tankstellen ernähren: Chips, Tütensuppen, Snickers und Toastbrot. Orte mit mehr Zivilisation gab es keine. Dazwischen immer wieder Distanzen, die deutlich länger als eine harte Tagesetappe waren. Wir bewegten uns in einem riesigen Gebiet, in dem sich vier der größten Waffentestareale der US-Armee befinden. Wo, wenn nicht hier im Nichts, konnte man getrost großflächig alles in Grund und Boden bomben? Wen würde es schon treffen außer Kakteen, Taranteln, Schlangen und einigen Wüstenmäusen?

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Immer Schuhe vor dem Anziehen ausschütteln und Zelt nicht offen lassen!
Immer Schuhe vor dem Anziehen ausschütteln und Zelt nicht offen lassen!

Tag und Nacht hörten wir das Donnern und Grollen der größten und geheimsten Waffen der Supermacht. Wir hielten es zunächst für heranziehende Gewitter, denn am vermeintlich trockensten Ort der Welt (Death Valley) wurden wir doppelt so oft nassgeregnet wie an den bisherigen 90 Tagen unserer Reise. Das Donnern des nächsten Krieges war die Hintergrundmusik zu den seltsamen Begegnungen der Wüste: Benjamin Best zum Beispiel (Name nicht abgeändert!) kam uns zu Fuß entgegen, unendlich langsam sein Fahrrad schiebend auf einer Straße, die von Horizont bis Horizont die menschenleere Wüste durchschnitt und ihn vom Nirgends ins Nirgends bringen würde. In einem irren Zickzackkurs durch alle Wüstenstaaten der USA hatte er mit seinem Kinderanhänger, der für ihn ein Krimskramsanhänger war,  seit Monaten ein klares Ziel vor Augen. „Ich werde denen erzählen, was ich von ihnen halte! Ich werde direkt in die Zentrale fahren und mein Fahrrad vor dem Eingang parken und dann werde ich ihnen sagen, dass sie mit mir nicht alles machen können. Ich habe es satt, dass da immer wieder neue Features aufpoppen und mein Konto ständig geändert wird. Ich werde nach Menlo Park fahren, direkt zur Zentrale und denen bei facebook persönlich sagen, dass sie das mit mir nicht machen können. Ich bin es satt! Und ich bin sicher, sie wissen, dass ich komme.“ Wir versuchten ihm Wasser aufzudrängen oder wenigstens etwas Toastbrot mit auf den Weg zu geben, denn wir machten uns Sorgen um ihn, auch wenn wir sein Anliegen mit vollem Herzen unterstützen konnten. Die nächste Ortschaft lag sicher drei Schiebeetappentage voraus. Er wollte aber von Wasser und Brot nichts wissen und erzählte uns weiter von facebook. Schließlich ölten wir dann wenigstens seine Kette, denn wer auf so zähe Weise Sand im Getriebe der Welt zu sein versucht, dem sollte wenigstens die Kette nicht quietschen.

Benjamin Best auf dem Weg nach facebook
Benjamin Best auf dem Weg nach facebook

Wen wir am liebsten nicht getroffen hätten und ihn auch nicht nach seinem Namen gefragt haben, war jener mexikanisch-Italienische Einsiedler in seinem verrosteten Wohnanhänger, der den verlassenen Wohnmobilpark in Chambless beaufsichtigte. Wir hatten uns mal wieder gewohnt knappe und präzise Aufschriebe zu den wenigen Wasserpunkten der Wüste gemacht. Dort war alles Wichtige verzeichnet: Distanzen, Höhenmeter, Wasserstellen, Tanken. Wir konnten ja nicht wissen, dass der Wohnmobilpark in Chambless unterdessen verlassen und geschlossen war. Auch Google sagte uns noch die aktuellen Öffnungszeiten für Oktober. Aber wir hatten zu diesem Zeitpunkt Benjamin noch nicht getroffen und seine Zweifel an den Internetgiganten hätten auch uns misstrauischer gemacht.

Das einzige Gebäude von Chambless
Das einzige Gebäude von Chambless

Wir hatten allerdings keine Wahl, unsere Wassersäcke waren leer und vor uns lagen wieder zwei staubtrockene Tagesetappen. Wir standen vor dem offenen Tor des Staubplatzes mit der Ortsbezeichnung Chambless und hatten den Wasserhahn in Sichtweite. Neben mir ein Schild „No Trespassing“, das ich allerdings nicht sah. Ich wollte zum einzigen ziemlich heruntergekommenen Wohnwagen rüberschlendern und dann ein vages „Hello“ in die Leere rufen. Ich hätte es allerdings andersherum machen sollen, erst das „Hello“ und dann keinen einzigen weiteren Schritt. Aber hinterher ist man meistens klüger. Ich sah ihn nämlich nicht und weiß bis heute nicht woher er kam und wie er so schnell eine Schrotflinte in die Hand nehmen konnte. Da stand er, ein Typ wie aus der entsprechenden Filmszene, die Schrotflinte im Anschlag, und brüllte mich an mit einem sehr aggressiven Schwall unverständlichen Kauderwelsches. Ich verstand kein Wort und dennoch alles in derselben Sekunde. Es ist überflüssig zu beschreiben, was man macht, wenn man in den Lauf einer Schrotflinte schaut. Vielleicht ist das die Erzählung, die man später beim Bier zu Hause mit Freunden genüsslich erzählen wird. Vielleicht möchte man auch nicht mehr daran denken und lässt es auf sich beruhen. Auch wenn es so glimpflich ausgeht, bleibt ein sehr schlechter Geschmack zurück, ein Geschmack, der im Donnern der Nächte neben den Waffentestgebieten in schlechte Träume übergeht. Als ich das Tor des Wohnmobilparks 15 Minuten später wieder verließ, hatte ich zwei volle Wassersäcke und eine Tüte mit eisschrankkühlen Orangen und Zitronen in der Hand. Und ich habe die Erinnerung an das, was der Namenlose mir in seinem Wohnwagen alles an Waffenarsenal zeigte, wohlmeinend, während ich dem besoffenen Jonglieren mit Knarren auszuweichen versuchte, immer wieder ruckartig meinen Kopf aus der Schusslinie bewegend.

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Viele Kurven lagen nicht auf unserem Weg

Am nächsten Tag war alles wieder ganz anders. Nach einer unruhigen Nacht mit Bombendonnern und schlechten Träumen saßen wir kaum eine Stunde im Sattel, als wir den Interstate Highway 40 kreuzten. Vor drei Tagen sind wir fünf Stunden auf dessen Seitenstreifen gefahren, bevor wir endlich auf die alte Route 66 abbiegen konnten. In Californien ist es verboten, mit dem Fahrrad auf der Autobahn zu fahren, nicht so in Arizona… In Arizona ist auch der Kauf von Waffen kinderleicht – immer wieder erinnere ich mich an Gesprächsfetzen aus dem Psychotrailer von gestern. An der Autobahnauffahrt steht ein beeindruckender Polizeiwagen der Highwaypatrol und hat ein kritisches Auge auf den Verkehr. Das Außenmikrofon knackt, der Sheriff räuspert sich in 150 Dezibellautstärke. In der Leere der Wüste hört sich das an wie in einem Hollywoodfilm über die 10 Gebote. Gott räuspert sich, dann kommt die überlaute Stimme aus den Wolken: „Have fun!“ Ich nehme meine Musikohrhörer (Geschenk der SMV) aus dem einen Ohr, denn ich denke nicht richtig verstanden zu haben. „Have fun!“ wiederholt der Highwaypatrol Sheriff über Lautsprecher. Ich grinse und nicke versonnen.

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Keine 15 Minuten später, ich denke noch über Gesetzeshüter, Gewalt und Guns nach, hält neben uns ein alter Minivan am Straßenrand. Chris und Sherry haben viel gefeiert und sind noch sehr bekifft, also möchten sie ihre innere Buntheit mit uns teilen. Was folgt ist unbeschreiblich und kann auch durch das kleine Video, das ich dann skrupellos von dem Stand-In am Straßenrand gemacht habe, nur andeutungsweise eingefangen werden. Wir werden Zeuge und ja, auch Teil einer esoterischen Motivationsveranstaltung für Weltradler in der Wüste. Denn Sherry will, dass wir uns dehnen und dann wieder anspannen – „flex and span“ – und schließlich wird unsere Aura noch durch geschenkte Smoothies und einen ayurvedischen Motivationstanz am Straßenrand gestärkt. Wir sind begeistert und fliegen die restlichen Kilometer ohne Bodenkontakt hoch auf die Passhöhe zum Mojave Preserve.

Ach ja, zum Abschluss wollte Chris wissen, ob wir reich seien. Bevor ich ihm allerdings diese Frage beantworten konnte, verlor er schon wieder das Thema und sprach über die Schönheit der deutschen Frauen, die vom guten Brot herrühre. Ich unterstützte ihn in dieser Annahme, möchte die Antwort auf die ursprüngliche Frage aber nicht schuldig bleiben

Die Wüste war schön und sie war feindlich. Sie hat an uns gezehrt und sie hat uns bereichert. Weil wir uns Zeit für sie nahmen, wurden wir gefragt, ob wir reich seien. Ja, wir sind reich, extrem reich sogar, allerdings nicht im üblichen, plumpen Sinn.

Reichtum!
Reichtum!
20. Oktober 2016

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Colorado City

Zeichen zu entziffern, die nicht sichtbar sind, Stimmungen zu lesen, die nicht an Einzelheiten festzumachen sind, Atmosphären aufzufassen, die nicht offen zu erspüren sind, das sind Fähigkeiten, die Lebewesen entwickeln, die auf der Hut sein müssen. Vielleicht, auch wenn eine solche Analogie immer fragwürdig ist, geht es Tieren so, die sich vor Gefahren in Acht nehmen müssen, weil die Umwelt jederzeit in Bedrohung umschlagen kann. Sicherlich geht es auch Menschen so, die für längere Zeit den Schutzraum ihrer Behausung, die bekannte Nachbarschaft oder den vertrauten Kulturraum verlassen und in der Fremde oder „Draußen“ leben – Obdachlosen vielleicht oder auch Langstreckenradfahrern. So beschreiben es viele von denen, die wir auf der Straße getroffen haben. Und auch die Abgebrühten, die schon viel erlebt haben, sprechen davon mit ernsthaftem Respekt. Eine gewisse Furcht ist diesem Gespür für Orte und Situationen immer auch eigen. Denn es gibt gute Orte und böse Orte.

Ein solch ominöses Gefühl schlich sich in unsere Gedanken an dem Tag, an dem Colorado City die einzige Ortschaft sein sollte, die auf unserer Strecke lag. Begonnen hatte dieser Tag sonnig und die ersten 40 Kilometer fuhren wir hinaus aus der Agglomeration St. George und Hurricane auf sehr stark befahrenen Straßen, die aber einen breiten Seitenstreifen für uns hatten. Imkes Vorderrad war ohne weitere Verzögerung repariert und eingebaut worden. Wir waren vorbereitet auf den vor uns liegenden Streckenabschnitt zum Nordrand des Grand Canyon. Heute wollten wir die Staatengrenze nach Arizona überschreiten. Wir wollten Kilometer machen, denn ein großartiges Ziel lag vor uns – sicher eines der größten Naturwunder dieser Erde. Nach längerer Zeit der Kälte hatten wir wieder tiefere Lagen erreicht und in den letzten zwei Tagen die Wärme genossen. Jetzt erarbeiteten wir uns wieder die Höhe des Colorado Plateaus, das sich auf über 2000 Metern über Meer östlich von Las Vegas erstreckt. Mitten durch diese rund 500 Kilometer ausgestreckte Hochebene zieht sich ein gewaltiger Riss, den der Colorado River in Millionen von Jahren gefressen hat. Vor uns würde sich bald ein Abgrund von 1700 Metern Tiefe auftun, der bis heute durch keine für Fahrzeuge passable Brücke gezähmt werden konnte. Durch diese fast unüberwindliche Barriere ist der Norden Arizonas, der sogenannte „Arizona Strip“ von der restlichen Zivilisation des Staates abgeschnitten. In der ohnehin sehr dünn besiedelten Wüstenlandschaft steht diese Ortsbezeichnung für eine Gegend, die noch abgeschiedener, noch schwerer zugänglich und daher noch ungewisser war, als alles, was wir bisher durchfahren hatten. Colorado City, genau auf der Staatsgrenze zwischen dem Mormonenstaat Utah und dem Wüstenstaat Arizona gelegen, war die einzige Ortschaft, in der wir unsere Hoffnung auf Wasser und Lebensmittel setzten. In den vergangen Tagen, als wir unsere Erkundigungen bei den Einheimischen einholten, hörten wir immer wieder, dass dies eine eigenartige Gegend sei. Dabei wurde das Wort „eigenartig“ jedes Mal mit einem mehrdeutigen Unterton belegt. Wir wunderten uns nicht weiter, vielleicht war das die Art, wie hier die Städter über die Wüste und die Rednecks, die Farmer, sprachen.

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Als wir in Hurricane auf den Highway 389 einbogen, merkten wir bald, dass dies kein vergnüglicher Ritt durch die Wüste werden würde. Der Verkehr war dicht, einen Seitenstreifen auf den wir uns retten konnten, gab es keinen und die Fahrweise auf dieser Straße war schnell und rücksichtslos. Eine Alternative gab es nicht. Wir mussten entweder diese Straße zum Nordrand nehmen, um im Osten um den Grand Canyon herum zu fahren, oder im Westen über Las Vegas den Canyon zu umgehen. Die irre Casinostadt mit dem Fahrrad anzufahren, erschien uns auch keine gute Idee. Nach einer Stunde Steigung bogen wir auf die erste Staubpiste ab, die sich uns bot und setzten uns 100 Meter abseits des Highways in den Staub. Wir gaben beide vor hungrig zu sein, aßen aber kaum etwas und waren still mit unseren Gedanken beschäftigt. Wie wir später feststellten, beschäftigten uns dieselben Überlegungen und Gefühle. Woher kommt plötzlich diese enorme Niedergeschlagenheit? War es allein die Furcht vor dieser Straße, auf der wir mindestens die nächsten eineinhalb Tage verbringen müssen? Ist es nur meine momentane, vorübergehende Stimmung, die die Situation düster erscheinen lässt? Wie gefährlich ist der Verkehr objektiv, nach Abzug meiner schlechten Tagesstimmung? Gibt es wirklich keine Alternativen zu dieser Straße? Warum waren wir so gänzlich jeder Energie beraubt die bedrückende Stimmung zu wenden? Die Staubpiste an deren Rand wir saßen würde im Nichts enden, irgendwo in der Wüste viele Kilometer vor dem großen Abgrund, ebenso alle anderen Pisten, die jemals von dieser Straße abzweigen würden. In der nächsten halben Stunde sprachen wir nicht über das unvermeidlich vor uns Liegende. Drei Jeeps bogen in dieser Zeit auf die Piste ein und hüllten uns in eine immer dicker werdende Staubschicht. Jeden dieser Wagen hielten wir an, zwei Städter mit Mountainbikes auf ihren Jeeps und ein Farmer mit Kühen im Anhänger. Alle drei bestätigten uns, dass es keine Alternative zu diesem Highway gebe, nicht einmal die robustesten Geländefahrzeuge würden die im Vorfeld des Grand Canyon von dessen Erosionszuflüssen zerfurchte Landschaft durchqueren können. Was uns aber mehr noch als diese deprimierenden Auskünfte besorgte, waren die mehrdeutigen Hinweise, die wir bezüglich Colorado City und der Gegend allgemein erhielten. Alle drei, unterschiedliche Charaktere, fragten uns auf die uns langsam gruselig werdende Art und Weise, ob wir denn auch wüssten in was für einer Gegend wir uns befänden und was es mit Colorado City auf sich habe. Wir sollten es bald erfahren, sehr detailliert sogar.

Zunächst aber, wollten wir das Verkehrsproblem lösen. Ohne Absprache kamen wir zum selben Schluss. Wir wussten immer schon, dass die Weltumrundung mit dem Fahrrad nicht immer auf gemütlichen, verschlafenen Sträßchen zu bewältigen war. Und wir wussten auch, dass wir uns nicht vermeidlichen Gefahren für Gesundheit und Leben aussetzen wollten. Wir beschlossen den Daumen in den Wind zu halten und eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen – mit zwei Fahrrädern und 10 Packtaschen, insgesamt über 100 kg, würde das sicher nicht einfach werden. Wir standen eine Dreiviertelstunde, kein Auto hielt an. Hinter uns verdunkelte sich in Richtung Colorado City der Himmel. Ein Gewitter kündigte sich an. Unsere Stimmung wurde ebenfalls immer düsterer. Plötzlich hielt ein großer Jeep mit Anhänger auf der Gegenfahrbahn – falsche Richtung. Er wendete und hielt neben uns im Straßengraben. Was war geschehen?

Kim und Terra Sue haben den richtigen Anhänger für uns
Kim und Terra Sue haben den richtigen Anhänger für uns

Kim und Terra Sue hatten uns gesehen, waren vorbeigefahren, beratschlagten und beschlossen umzudrehen: um uns mitzunehmen! Ich erinnerte mich, dass sie vor rund einer halben Stunde an uns vorbeigerast waren. Ja, es hätte vorher eben keine andere Wendemöglichkeit gegeben und so seien sie eben die Viertelstunde wieder zurück zu uns gefahren. Wir waren sprachlos. Noch sprachloser wurden wir allerdings, als wir von Kim in den folgenden Stunden die Geschichte von Colorado City hörten. Wir hätten keinen besseren finden können, der uns diese Geschichte erzählt, denn Kim ist „Agent in Charge“ des State of Utah, Department of Correction, bei uns vielleicht so eine  Mischung aus Kripo-Kommissar und Steuerfahnder. Er beschäftigt sich mit den mafiösen Geschäften einer Sekte, die ausschließlich in Colorado City lebt und auch mit sehr brutalen Mittel sicherstellt, dass außer ihren Mitgliedern niemand sonst sich dort ansiedelt. Wir sagten ihm, dass wir eigentlich in Colorado City nach Wasser fragen wollten und Lebensmitteln kaufen, vielleicht sogar zu übernachten planten. Er wendete seinen Blick von der Fahrbahn ab und drehte sich zu uns um. Ohne jedes Grinsen, sagte er: „Dann ist es doppelt gut, dass wir euch mitnehmen, dort gibt es sehr viele Waffen. Wir wissen, dass immer wieder Menschen in der Wüste unter ungeklärten Umständen verschwinden, aber wir können da kaum je etwas nachweisen.“ Dann verlor er jegliche dienstliche Zurückhaltung und erzählte.

Um die unwirtliche Wüste Utahs zu bevölkern, betrieben die Mormonen im 19. Jahrhundert intensive Mission in Europa. Sie warben Familien an mit der Zusage auf Land und bezahlte Überfahrt, selbst die Schiffspassage aus Europa wurde gezahlt. Bald aber waren die Kassen der Kirche der Heiligen der Letzten Tage, Latter Day Saints (LDS), wie sich die Mormonen selbst bezeichnen leer. Also sollten die neuen Mitglieder mit von Menschen gezogenen Handwagen den letzten Abschnitt durch die Wüsten und Canyons der Rocky Mountains zurücklegen. Mit solch einem brutalen Treck kam auch einer der Vorfahren von Kim in die Gegend des Arizona Strip. Zu dieser Zeit, waren die Lebensbedingungen so rau, dass viele Männer starben. Es war daher praktisch, dass die Mormonen Anhänger der Polygamie waren, der Ehe, in der ein Mann mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet sein kann. Wie auch immer man darüber denken mag – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab die LDS auf Druck der Bundesregierung in Washington die Polygamie auf. Jedoch nicht alle Anhänger folgten dieser Entscheidung. In einer abgelegenen Region, im sogenannten Arizona Strip, in einem noch abgelegeneren Dorf, genau auf der Grenze zwischen Utah und Arizona, gibt es bis heute eine verbissene, militante und wie wir hörten höchst kriminelle Abspaltung der Mormonen, die weiterhin Polygamie praktizieren und als zentralen Glaubensinhalt verteidigen: Die Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS). Das Dorf heißt Colorado City.

Was uns Kim erzählte, wollten wir eigentlich nicht glauben und es ließ uns in der folgenden Nacht im Zelt nicht gut schlafen. Hier werden immer noch minderjährige Mädchen an alte Männer zwangsverheiratet; den Überschuss an jungen Männern löst man durch Verstoßung oder Schlimmeres, Frauen werden wie Gefangene gehalten, Steuerbetrug mit Nebenehefrauen gehe in die Millionen Dollar, Auseinandersetzungen mit der US-Staatsgewalt nahmen in den 80ern und 90ern bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. Und neugierigen Fremden werde mit Waffen gedroht. Auch uns wäre, so Kim, mindestens ein Pickup mit Bewaffneten durch die Gemarkungen des Dorfes gefolgt, um sicher zu stellen, dass wir die Gegend wieder verlassen.

Wir waren froh, als wir im Auto saßen, während wir durch die Ansiedlungen fuhren, denn alles machte einen feindlichen und düsteren Eindruck. Die Häuser waren von hohen Mauern, dichten Dornenbüschen und Stacheldraht umgeben. Kaum erhielt man den Eindruck es handele sich hier um ein Dorf, eher war es eine zersiedelte Festung. Eine unheimliche Stimmung. Kim und Terra Sue stellen sicher, dass sie uns weit genug außerhalb auf eine abgelegene Staubpiste entlassen konnten. Weit genug, um nicht mehr von dunklen Pickups begleitet zu werden. Es dämmerte schon als wir uns bedankten und verabschiedeten. Wir schlugen uns in die Büsche und fanden einen guten Platz für unser Zelt. Die Nacht, die jetzt anbrach, war aber dunkler in unserer Empfindung. Und auch der nächste Morgen, mit einer anspruchsvollen Schotterpiste vor uns bis zum Pass auf 2700m Höhe und dann weiter zum Grand Canyon, war noch beschwert durch die Gedanken an Kims unglaubliche Schilderungen.

1,8 Milliarden Jahre in drei Tagen

Gestern Abend waren wir zu müde, um uns noch mit der vor uns liegenden Strecke zum Grand Canyon zu beschäftigen. Und heute früh tat es gut, auf der Picknickdecke in der Sonne zu sitzen, die dunklen Gedanken von gestern zu verscheuchen und über unsere Erlebnisse zu sprechen. So kam es, dass wir uns erst am späten Vormittag auf den Weg machten.

Wir schoben unsere Räder von unserem gut versteckten Lagerplatz im Wald auf die staubige Schotterpiste und fuhren wieder guter Dinge los – auch wenn es viel mehr Kraft kostet, das schwer beladene Fahrrad über die losen Steine und durch den Sand zu steuern, waren wir doch froh, allein und in Frieden ohne Verkehr durch die allmählich gelb werdenden Bäume zu fahren. Auch als wir feststellten, dass wir, um an den 2500 Meter hoch gelegenen Nordrand des Grand Canyon zu kommen, über einen weiteren 2700 Meter hohen Pass mussten, konnte das unserer Laune nichts anhaben.

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„Ralph fährt weiter links – ob die Straße dort besser fahrbar ist?“, überlege ich und versuche in einem Zickzackkurs, die beste Spur durch den Schotter zu finden. Da fährt plötzlich ein Pickup neben mich, verlangsamt seine Fahrt, und zwei „Rednecks“ lehnen sich aus den Fenstern. Bärtige, untersetzte, finster aussehende Typen, die mit ihren tätowierten Armen keinen so vertrauenswürdigen Eindruck machen. Sicher bekomme ich gleich einen blöden Spruch zu hören, dass ich soweit auf ihrer Seite gefahren bin.

Doch weit gefehlt. „Seid ihr sicher, was ihr da tut? Das ist eine lange, lange Steigung, es gibt kein Wasser, wollt ihr nicht lieber mit uns mit fahren?“ (Diese Frage kommt uns doch bekannt vor…) Natürlich nicht, jetzt haben wir doch gerade erst den Daumen rausgehalten! Mit unserer wiedergefundenen Zuversicht versichern wir, dass das hier alles „part of the adventure“ sei und wir gut ausgerüstet seien. Das beeindruckt die beiden, und sie nicken verständnisvoll mit den Köpfen, doch besorgt sind sie immer noch: Ob wir denn guns bei uns hätten? Hier gebe es viele Berglöwen, und sie würden sich niemals ohne Waffen zum Holzmachen in diese Gegend wagen. Ein wenig mitleidig blicken sie uns an, als wir erklären, dass wir Deutsche seien und es uns deshalb nicht erlaubt sei Waffen zu tragen. Dafür klärt sich dann aber auch ihre Frage, was unsere zweite Flagge am Fahrrad denn für eine komische amerikanische Fahne sei – ach so, das ist Deutschland! Auf unsere Frage hin, woher sie denn kommen, antworten sie ausweichend: „Da hinten von der Grenze.“ Das verstehen wir seit gestern nun ohne weitere Erklärungen.

Immer noch sehr besorgt um uns, warnen sie uns  noch, bevor sie weiterfahren: „Passt in diesen Wäldern gut auf! Es ist gerade Jagdsaison, hier sind überall Jäger unterwegs. Verlasst am besten die Straße nicht.“ In der Tat hören wir den ganzen Tag über, während wir uns langsam die Schotterpiste hocharbeiten, in der Ferne immer wieder Schüsse. Kaum ein Straßenschild, wie übrigens fast überall hier im Westen von Amerika, das nicht zerschossen ist. Sicher können wir uns nur in den paar Minuten fühlen, in denen wir das unerklärliche Schild „No shooting for one mile“ passieren. Um unsere Würde zu schützen, haben wir kein Foto davon gemacht, was ich Euch hier aber erzählen will: Für den Toilettengang hinter den nächsten Baum haben wir lieber eine Warnweste angezogen.

Ein Schild auf 50 Meilen Schotterpiste
Ein Schild auf 50 Meilen Schotterpiste – und alle schießen darauf

Dieser Tag dauerte länger als gedacht. Die letzten Kilometer zum Grand Canyon fuhren wir im Dunklen, dank unserer beiden tollen Dynamos zum Glück mit hellem Licht. Ziemlich ausgepumpt erreichten wir den Campingplatz am North Rim und waren froh, überhaupt einen Platz für unser Zelt zu bekommen. Im Licht der Stirnlampen bauten wir mit steif gefrorenen Fingern rasch unser Zelt auf und krochen sofort in unsere Schlafsäcke, denn hier oben auf 2500m war es schon wieder ziemlich kalt.

„Imke! Wach auf! Komm schnell raus! Das musst du sehen!“ Es war kaum hell, und normalerweise bringt mich um diese Uhrzeit nichts aus meinem Schlafsack, in dem ich wie verpuppt warm eingewickelt liege und den ich am liebsten nie mehr verlassen möchte. Doch der eindringliche und zugleich begeisterte Klang von Ralphs Stimme bewegt mich dazu, den Kopf aus dem Zelt zu stecken. – Was ich da erblicke, ist größer als das, was Worte fassen können. Direkt vor meinen Augen öffnet sich der gähnende Abgrund des Grand Canyon. In der Schwärze der gestrigen Nacht haben wir unser Zelt direkt an die Abbruchkante gestellt. Jetzt fällt mein Blick vom Schlafsack aus auf die grün und weiß leuchtenden Felsschichten, die von der orangenen Morgensonne angestrahlt werden und steil  in eine noch dunkle Tiefe abfallen, deren Grund zu weit ist, als dass man ihn mit bloßem Auge erkennen kann. Sprachlos vor Glück und Ergriffenheit trinken wir unseren Morgenkaffee auf einer kleinen Holzbank am Felsrand und sehen zu, wie das Sonnenlicht immer tiefer in die gewaltige Schlucht fällt und die vielen Farben der Gesteinsschichten zum Leuchten bringt.

Auf dieser kleinen unscheinbaren Holzbank wurde eine große Idee geboren. Durch den aus unseren Bechern aufsteigenden Dampf blicken wir auf den 20km Luftlinie entfernten Südrand des Grand Canyon, von wo aus wir weiter durch Arizona nach Kalifornien fahren wollen. Der Weg zum Südrand führt aber in einem 400km weiten Bogen aus dicht befahrenen Straßen weit um den Canyon herum. Mein Hirn arbeitet vor Kälte und Schläfrigkeit noch langsam, es ist vollauf damit beschäftigt, die Wärme des Kaffees und den atemberaubenden Ausblick auszukosten. So ist es Ralph, der es zuerst ausspricht:

„Warum sollen wir einen so großen Umweg fahren, wenn unser Ziel hier direkt vor uns liegt? Wir laufen da durch! Wir wandern auf die andere Seite des Grand Canyon!“

Diese Idee packt uns beide sofort. Aus der friedvollen, meditativen Sonnenaufgangsstimmung spülen uns die sich überstürzenden Ereignisse in eine begeisterte Geschäftigkeit. Wir finden heraus, dass es am Fuße des Grand Canyon zwei winzige, einfachste Campingplätze gibt. Um dort zu übernachten, braucht man allerdings ein „Back Country Permit“, auf das man normalerweise mindestens vier bis fünf Tage warten muss. Diane aus dem Back Country Office ist von unserer Idee allerdings auch so begeistert, dass wir wenige Stunden später das Permit in Händen halten. Steve, der „Ranger-Guru des Grand Canyon“, würde am liebsten gleich mit uns mitlaufen und ist so beeindruckt von unserer Fitness, dass er uns nur den Tipp mit auf den Weg gibt: „Ihr seid so durchtrainiert und werdet so schnell sein, dass ihr fast nichts mitnehmen müsst – the lighter you travel, the more fun you have.“

Greg verdanken wir neben vielen Infos unser bestes Mittagessen seit Wochen und zwei alte Rucksäcke
Greg verdanken wir neben vielen Infos unser bestes Mittagessen seit Wochen und zwei alte Rucksäcke

Sicherlich fragt Ihr euch: Aber was wollen die denn mit ihren Rädern machen? Das taten wir auch, aber nur kurze Zeit. Dann schloss Ralph Freundschaft mit Greg, dem Fahrer der Belegschaft, die am North Rim arbeitet. Greg nahm Ralph gleich mit in seinen Bus und zeigte ihm alles, was am North Rim wirklich wichtig ist: Die Duschen, die Kantine, wo nur die Mitarbeiter für fünf Dollar essen dürfen („Sagt einfach, ihr kennt Greg, dann könnt ihr essen was und soviel ihr wollt!“ – und das taten wir!) und „Trans Canyon“, die Shuttlebus-Organisation, die normalerweise Menschen oder Rucksäcke ans South Rim transportiert. Es dauerte nicht lange, bis wir auch Maggie auf unserer Seite hatten und unsere Räder sicher verstaut in einem kleinen Trailer standen, in dem sie von Maggie selbst an den Südrand des Grand Canyon gefahren werden und dort auf uns warten sollten. Trotz dieser hervorragenden Lösung fühlte es sich ein wenig merkwürdig an, plötzlich so ohne Fahrrad dazustehen, nachdem wir nun fast drei Monate lang keine Nacht weniger als drei Meter von unseren Pferden entfernt geschlafen hatten.

Jetzt fehlten eigentlich nur noch – Rucksäcke, genau! Trotz aller Fitness sind der Abstieg und der Aufstieg aus der Schlucht des Grand Canyon so anspruchsvoll, dass wir Zelt, Isomatten, Wasser und Essen schlecht in unseren Satteltaschen wie die Sherpas auf dem Nacken tragen können. Doch wir hatten nicht mit Greg gerechnet, der in Windeseile aus dem „Liegengeblieben – Fundus“ der Kantine zwei sehr bemerkenswerte und einzigartige Rucksäcke für uns zauberte. Ralph durchquerte den Grand Canyon stolz mit einem restlos abgerissenen himmelblauen Tagesrucksack in Kindergröße und auf meinem Rücken hüpfte ein schwarzes Stoffrucksäckchen mit Lederriemen, das besser in eine Shoppingmeile gepasst hätte. Unsere Vorräte für die kommenden drei Tage passten nicht mehr hinein, so dass an meiner Hand zusätzlich eine Plastiktüte baumelte. So ausgestattet machten wir uns am nächsten Tag fröhlich auf den Weg und hatten weniger Gepäck als jeder Tageswanderer.

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Es ist ein beeindruckendes und schwer zu beschreibendes Gefühl, 1700 Höhenmeter in die Tiefe eines solchen Naturwunders hinabzusteigen. Der Wechsel der Gesteinsschichten, an die sich der schmale Wanderweg klammert, erzählt die geologische Geschichte der 1,8 Milliarden Jahre, die hier übereinander liegen, und der ca. sechs Millionen Jahre, die der Colorado River brauchte, um sich durch sie herunterzuarbeiten. Die Farben der Felsen wechseln stetig und leuchten in Orange, Rot, Braun, Lila und Grün. Fünf Klimazonen durchschreiten wir in diesen drei Tagen. Haben wir gerade noch gefroren, wird es jetzt heißer und heißer, je tiefer wir kommen. Abends schlagen wir unser Zelt am Colorado River auf. Ungläubig staunend blicken wir die endlosen Wände hoch, die uns umgeben, und können uns kaum mehr vorstellen, dass dort oben gestern noch unser Zelt stand. Hier unten sind wir in einer anderen, von dem touristischen Gewurschtel völlig abgeschlossenen Welt, auf einem anderen Planeten. Die Grillen zirpen ohrenbetäubend, die rottrübe Gewalt des Colorado River rauscht beruhigend und zugleich ein wenig gruselig. Als über all dem noch der Vollmond aufgeht und sein klares Licht über die roten Felsen gießt, werden wir ganz still und wünschen uns, dass die Zeit still steht.

Noch vor der Morgendämmerung sehen wir die Lichter der Stirnlampen der ersten Wanderer wie aufgereihte Glühwürmchen an unserem Zelt vorbeiziehen. „Wie auf dem Mount Everest“, witzeln wir noch im Schlafsack, „bestimmt gibt es am Hillary Step einen Stau.“ Obwohl es natürlich sinnvoll ist früh zu starten, denn es sind 1500 Höhenmeter Aufstieg bis zum Südrand, und der Weg liegt voll in der Sonne und bietet keinen Schatten. Wir werfen zum Frühstück Erdnüsse ein. Wir haben zu wenig Brot dabei, und die wenigen Lebensmittel, die die Phantom Ranch am Ufer des Colorado River verkauft, sind so teuer, dass wir uns für Erdnüsse entschieden haben – das beste Kalorien-Preis-Verhältnis. Wir reihen uns in die Glühwürmchenschlange ein und haben schnell auch die ersten Frühaufsteher überholt. Die von oben kommenden Wanderer empfangen uns anerkennend: „Ihr seid die Ersten, die heute hochkommen!“

Oben angekommen nehmen wir unsere Räder wieder in Empfang, und es fühlt sich nach drei Tagen Wandern wunderbar an, wieder im Sattel zu sitzen.

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Spontane, kraftvolle Langstreckenbikerparty auf der Route 66 – drei Nationen treffen sich in der Wüste von Arizona

Nun sind wir auf dem Weg nach Kalifornien. Vor uns liegt ein großer Abschnitt NICHTS. Wir werden mal wieder durch Wüste fahren – den Joshua Tree Nationalpark, die Mojave Wüste und das Death Valley. Die Weiterfahrt Richtung Kalifornien verspricht interessant zu werden: Wir kommen durch drei Ansiedlungen mit den Namen Siberia, Bagdad und Mars. Nehmt es uns deshalb nicht übel, wenn es eine Weile dauert, bis wir uns wieder bei Euch melden können.

Al lebt seit 53 Jahren auf der Straße und erkennt, welche Menschen glücklich sind - auf den ersten Blick
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Weltumspannende Radfahrerfamilie am Lagerfeuer: Alessandra, Lauren und Nick
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6. Oktober 2016

 

Bryce Canyon
Bryce Canyon

Alle Bilder findet Ihr immer auf der Fotoseite – Hier anklicken!

Breakdown

Wir geben uns ja große Mühe Euch nicht mit Wiederholungen zu langweilen. Dabei ist es wirklich nicht ganz einfach für unsere Berichte immer wieder etwas Neues auszugraben, wussten doch schon die alten Griechen, dass bestenfalls nicht viel Neues sich unter der Sonne ereigne. Die Welt, lasst es mich an dieser Stelle beklagen, ist halt doch oft recht einfallslos und monoton, dümmlich einfältig und beleidigend vorhersehbar. Ich kann Euch nicht länger schonen und muss die Nachricht Euch unbeschönt und direktheraus überbringen: Unsere zweite Laufradnabe hat unserer Härte nicht standgehalten. Sie ist kaputt, futsch, hin. Totalverlust. Nein, Ihr habt Euch nicht im Bericht vertan, Hinterradnabe war vor knapp drei Wochen, jetzt ist Vorderradnabe.

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Ok, unsere Finger sind rissig von der Kälte und der Trockenheit. Manch anderes Körperteil tut am Ende des Tages auch ganz schön weh. Die Nasen sind wund, weil sie den halben Tag tropfen. Haare werden grauer von der Sonne, Augen gerötet vom Salz und vom Wind. Der Magen kann keine weitere Scheibe Toastbrot oder Cheddarkäse mehr ertragen. Geben wir auf? Treten wir kürzer? Machen wir einen Bohei daraus? Die Temperaturen  springen in den Extremen hin und her. Die Meilenangaben auf Karten und Schildern stimmen fast nie. Der Asphalt hat keine Rollqualität und der Wind ist gegen uns. Nehmen wir uns einen Mietwagen oder legen wir uns an den Pool? Wir wurschteln uns abends in zwei Schlafsäcke. Wir stehen morgens im zähen eiskalten roten Schlamm und kochen einen Kaffee, der noch im Becher kalt wird bevor man ihn an den Mund führen kann. Wir wuchten unsere 50 Kilo-Räder täglich über Höhenmeter, die einem ausgewachsenen Alpenpass gut stünden. Klopfen uns die Widrigkeiten weich? Nein, nein, nein. Was also erwarte ich von meinem Material? Lasst es mich mal so ausdrücken – und wenn es nicht schon eine Rubrik „Wahrheiten im Sattel“ gäbe, so müsste ich sie an dieser Stelle einführen. Wahrheiten im Sattel die zweite: Sollte ich jemals in einer Art Reinhold-Messner-Manier ein Interview geben, so würde ich gerne mal ins Mikrofon tirolern:

„Ich erwarte von meinem Material nicht mehr als von mir selbst: Das Maximale!“

Sollte ich, wenn ich schon in Fahrt bin, hier erwähnen, dass dies das einzige Bauteil ist, bei dem wir uns blind auf die Empfehlung unseres Radausrüsters verlassen haben. Alle anderen Teile haben wir selbst ausgesucht. Ja, es muss einfach raus, ich kann es nicht zurückhalten. Ebenso musste ausgesprochen werden, was diesmal zum Glück niemand am Straßenrand als Video festgehalten hat, denn es wäre nicht jugendfreie Sprache gewesen. Es war zum Glück zu spät, um in Deutschland anzurufen und zu fragen: „ Was für einen **** habt ihr mir denn da eingebaut?“ Besonders als ich dann zwei Stunden später die drei nächsterreichbaren, mindestens drei Autostunden entfernten Fahrradläden abtelefoniert hatte und mir auch zum vierten Mal nach Vernal bestätigt wurde, dass nach deren Meinung eine Shimano XT-Nabe es niemals um die Welt schaffen würde.

Da saßen wir nun, auf der stateparküblichen Picknickbank neben unserem Zelt in der Kälte bei schlechtem Wetter und durchlebten die unterschiedlichen Stadien der emotionalen Bewältigung: Warum jetzt, wo es regnet, wir so hoch festsitzen wie noch nie und es deswegen so kalt ist wie noch nie? Warum haben wir das nicht überprüft mit dieser XT-Nabe? Hätten wir das verhindern können? Im Moment geht schon recht viel von unserem Material den Bach runter: Mit unserer amerikanischen Simkarte können wir nur noch drei Nummern anrufen, unser Zeltboden ist beim kleinsten Regen undicht, unser Rückflug von San Francisco nach Marrakesh wurde ersatzlos gestrichen. Und als wir gestern Abend in der Dämmerung unser Abendessen kochen wollten, nach einem harten Tag und vor einer kalten Nacht, hat das schlechte amerikanische Benzin auch noch die Düse unseres Kochers verstopft. Bei Dunkelheit war das nicht mehr zu reparieren und wir durften die Nudeln zur Abwechslung mal al dente essen. Da saßen wir nun in der dunklen Kälte und waren schweigsam, denn wenn am Ende des Radtages ohnehin nicht mehr viel Kraft übrigbleibt, merkt man erst, dass es eine enorme Anstrengung erfordert, immer motiviert und optimistisch gestimmt zu bleiben.

Nach einigen stillen Minuten über kalten Nudeln siegt die Kraft des mentalen Neuorganisierens, schließlich haben wir schon öfter gemeinsam ungemütliche Situationen umgewendet. Bei allem Ärger über das unkooperative Material setzt schon bald der „Es könnte noch schlimmer sein-Habitus“ ein: Immerhin sind wir gesund und haben Dollares in der Tasche. Dann das Planen der nächsten Schritte: Wie kriegen wir das möglichst schnell repariert? Was lassen wir uns in Biberach einbauen, damit das länger als zwei Monate hält? Erstmal ein Bier trinken?

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Aber dann auch wieder: Das ist halt auch Teil des Abenteuers… Und im Übergang dieser Phasen immer wieder der unbändige Drang laut herauszubrüllen: So eine *****! Schließlich die Einsicht, die immer auch schon da war: Solange wir gesund sind, kann kaputt gehen was will, es sind halt doch nur Dinge. Wir haben ja auch deswegen so wenige davon dabei, damit wir nicht von den Dingen besessen werden, sondern damit sie uns dienen, nicht wir ihnen.

Das ist nicht leicht dahin gesagt, wenn das Reparieren bedeutet, dass wir mit dem Auto, das wir nicht haben, dreieinhalb Stunden nach St. George zum nächsten Fahrradladen fahren und dann wieder dreieinhalb Stunden zurück. Schon am nächsten Tag hatten wir allerdings eine sehr freundliche Mitfahrgelegenheit durch Rangerin Octavia. Die freut sich, dass sie mal wieder in die Stadt kommt, denn in ihrem halbjährigen Dienst in der Isolation von Bryce Canyon hat sie schon längst den Hüttenkoller. Wir sind gerne ihre Ausrede dafür, dass sie ihren kranken Mann im RV sitzen lässt und in die Stadt ausbricht. Am allerliebsten wäre Octavia allerdings mit uns gleich bis nach Las Vegas gefahren und schlägt uns schon am Vorabend drei Radläden aus der Casinostadt vor, die sie selbst recherchiert hat. Wir merken allerdings schnell, dass schon die Strecke nach St. George mit dem Auto keine Kleinigkeit ist. Gut, dass Octavia darauf drängt, früh loszufahren – insgeheim hofft sie immer noch auf Las Vegas. Um 8:30 Uhr sitzen wir in ihrem kleinen Wagen, in dem ihre Lieblingsmusik läuft. Allerdings hören wir davon kaum etwas, denn Octavia hat viel zu erzählen. Sie war in ihrem bewegten Leben auch schon mal Reiseleiterin in Las Vegas und das merkt man. Imke findet auf dem Rücksitz zwei Drumsticks und beginnt den Takt auf Ralphs Beifahrerkopfstütze mitzutrommeln. Währenddessen telefonieren wir mit Velotraum in Weil der Stadt und hören die Lebensgeschichte von Octavia, die auch lange Zeit Sängerin in einer Band war. Zu diesem besonderen Anlass hat sie ihre weiße Lieblingsjacke mit den großen schwarzen Noten angezogen. Unsere Nerven, dachten wir, hätten schon genug mit den Defekten zu tun. Bei dieser Autofahrt stellen wir fest, dass wir größeres mentalpsychisches Potential haben als bisher angenommen. Eine gute Voraussetzung für eine Fahrradweltreise.

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Zwölf Stunden später sind wir wieder zu Hause vor unserem Zelt, das unterdessen eine kleine Schneeschicht hat. Es ist kalt und nass hier in der Höhe. Und wir sind erschöpft, denn für eine so gute Lösung muss man halt auch kämpfen. Ja „kämpfen“ ist öfter dran, denn neben den vielen guten Erlebnissen will der Alltag on the road auch den Widrigkeiten abgerungen werden. Und jetzt sind wir recht müde, müde aber sehr guter Laune, denn unsere Lösung ist hervorragend. Das Laufrad wird repariert, während wir mit einem billigen Ersatzlaufrad in den nächsten Tagen unsere Route durch Zion National Park fortsetzten. Von dort ist es nur ein kleiner Umweg von 140 km nach Red Rock Cycles in St. George, Utah. Wie immer, wenn ein Rad krank ist, haben wir gut darauf geachtet, dass die Fahrraddoktoren vertrauensvoll sind. Zuerst waren wir bei einem anderen Radladen, aber da hat mir der erste Blick auf die „Ordnung“ in der Werkstatt sofort ein schlechtes Gefühl gegeben. Und das ist klar, ich lass mein Fahrrad nicht allein bei einem schlechten Doktor, und sei es nur das Vorderrad. Denn wie die ersten Siedler des Westens vor 150 Jahren sich auf ihre Reittiere verlassen mussten, so geht es uns mit unseren Rädern. Erst kommen die Pferde, dann alles andere. Sollte ich es schon mal erwähnt haben?

Am Ende des nervenaufreibenden Reparaturausflugstages wollte ich mich nicht mehr mit dem Umliegenden beschäftigen, und als wir in der Dunkelheit im Zelt lagen und ausnahmsweise mal Netz hatten, habe ich das Transkript der ersten Presidential Debate gelesen zwischen Trumpeltier Donald und Hillary Clinton. Genau darauf wollte ich diesmal Eure Aufmerksamkeit lenken, bevor uns die zweite Nabe dazwischen kam. Neben den immer beeindruckender werdenden Landschaften begleitet uns immer lauter und aufdringlicher und befremdlicher das politische Geschehen hier im Land. Anfang November ist Präsidentschaftswahl und das Thema begegnet uns auch auf der Straße. Immer wieder sprechen uns Menschen ungefragt darauf an und fragen, „Was denken die Menschen bei Euch über Donald Trump?“. Manche, nicht wenige, sind noch direkter und drängen uns ihre Botschaft auf: „Bitte sagt bei Euch zu Hause, dass nicht alle Amerikaner wie Donald Trump denken und reden!“. Andere, besonders in den ländlichen, dünn besiedelten Staaten, durch die wir bisher kamen, unterstützen Trump und sind durch seine undiplomatischen Ausfälle eher ermutigt, sowohl in ihrem allgemeinen Ärger gegenüber dem Establishment als auch in ihrer Angst.

Vielleicht fragt auch Ihr Euch, wie ticken, was denken die Amerikaner. Wir haben uns daher entschlossen, Euch ein Interview zuzumuten, das wir mit Theresa geführt haben. Warum Theresa? Naja, als ich, mit meinen schwarzen staubigen Hosen, der schwarzen Jacke und der dunklen Sonnenbrille aus der Campingplatztoilette kam, da sagte Theresa ganz unscheu: „Here comes Mysteryman!“ Worauf ich dachte, die erzählt uns sicher etwas unverblümter in die Kamera, was sie politisch so denkt. Das tat sie dann auch eine dreiviertel Stunde lang. Hier die ungekürzten Videos, ihr könnt ja vorspulen, wenn es Euch zu lang wird:

Mit einem Ersatzvorderrad erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein den uns von vielen Amerikanern angekündigten „beeindruckensten und schönsten“ Zion National Park. Riesige rote kompakte Felswände, tiefe dunkle Schluchten. Vielleicht waren es die vielen Ankündigungen, die unsere Erwartungen ins Maßlose gesteigert hatten, vielleicht ist es aber auch die Einsicht, dass ein idyllischer, einsamer Wildcampingplatz in dieser ohnehin beeindruckenden Landschaft immer mehr Erlebnistiefe bietet, als jeder noch so pittoreske aber überlaufene und laute Nationalpark. Aber, jetzt wo wir schon mal hier sind, werden wir uns die Gegend natürlich genauer anschauen, inklusive gratis Schuttelbusfahrt.

Shuttlebusfahrt in der grauen Touristenmasse
Shuttlebusfahrt in der grauen Touristenmasse

Zuerst aber stellen sich uns zwei große Hürden in den Weg, denn die Campingplätze im Nationalpark sind auf Monate ausgebucht und eine Reservierung, so ein depperter deutscher Mietwohnmobilist „des könnt ihr vergessen, wir jedenfalls ham zum Glück schon im Mai gebucht. Habt ihr euch nicht informiert?“ Natürlich haben wir das, aber wir wussten ja am Sonntag noch nicht, dass wir am Montag weiterfahren können, wie also sollen wir auf den Tag genau 4 Monate im Voraus reservieren? Radfahrer sind im System halt nicht vorgesehen. Außerdem führt die einzige Straße des Nationalparks durch einen langen unbeleuchteten Tunnel. Vor Jahren haben noch die Ranger für die wenigen Radfahrer gesorgt, so dass man auf ihren Pickups durch den Tunnel gefahren wird. Unterdessen heißt es lapidar beim Eintritt in den Park: „Ranger dürfen Euch nicht assistieren, die Tunnel sind für Fahrräder gesperrt.“ In vielen Staaten im Westen der USA ist das Fahrrad noch nicht einmal ein legales straßentaugliches Fortbewegungsmittel. In Wyoming haben uns immer wieder Autofahrer stolz darauf hingewiesen, dass das Fahrrad in ihrem Staat gleichberechtigt ist. Sie hatten recht, irrten aber trotzdem.

Mit zunehmender Zeit unterwegs können uns solche Ungewissheiten aber kaum noch ablenken. Wir fahren genussvoll die schöne Straße durch den Nationalpark hinab in immer wärmer werdende Luftschichten und stehen plötzlich in der Schlange vor dem Tunnel, der auch von Autos abwechselnd nur in jeweils einer Richtung befahren werden darf. Wir fahren an der Schlange vorbei nach vorne und halten nach Pickups Ausschau. Da fällt mir die kleine italienische Flagge im Rückfenster eines weißen Pickups auf. Ohne groß nachzudenken fange ich an auf Italienisch durch das offene Seitenfenster auf die Insassen einzureden. Die Reaktion ist anders als ich erwartet hatte verblüfftes Schweigen. Christine und Lou sind nicht dieser Sprache mächtig, aber der Großvater von Lou ist ein echter Italiener gewesen. Imke wirft in die sich entspinnende Unterhaltung ein, dass wir auch noch durch den Tunnel müssten und wie schön, dass auf der Ladefläche viel Platz ist für zwei Räder und zehn Packtaschen. Nur die Rücksitze sind schon beansprucht durch die zwei großen Dobermänner. Also setzen auch wir uns auf die Ladefläche und zum Abschied am Ende des Tunnels werden Selfies gemacht und Dankeskarten ausgetauscht.

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Auch der Campingplatz hält mit seinen strengen radfahrerfeindlichen Statuten Imkes Charme nicht stand und neben einem Plätzchen für unser Zelt bekommt Imke auch dicke Umarmungen von der anfänglich recht spröden Campingplatzchefin.

Wettkochen mit Etienne und Sabine, den französischen Weltradlern
Wettkochen mit Etienne und Sabine, den französischen Weltradlern

Um die Schönheit der Landschaft abseits der Straße doch noch zu entdecken, planen wir zwei Wanderungen, von denen wir denken, dass wir dort sehr einsam sein werden: Jeweils offiziell als „sehr anstrengend“ qualifiziert. Wir ziehen unsere Sandalen an und laufen trotz kühler Morgentemperaturen in kurzen Hosen los, denn heute geht es über zwei Stunden durch den kalten Gebirgsbach, der bis Hüfthöhe den tiefen schattigen Canyon „The Narrows“ ausfüllt. Ja, das Wasser ist recht kühl, aber nach der ersten halben Stunde sind die Füße gefühllos und man wandert und stolpert in der braunen Brühe fast schmerzlos.

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Allerdings wundern wir uns, nein eher noch sind wir geschockt über die Massen, die mit uns laufen. Es sind nicht die offensichtlich Harten, die da mit uns durchs kalte Wasser waten, es sind, ihr wisst, dass ich nur wenige Vorurteile in mir trage, es sind: Die Chinesen! Ausgerechnet die Chinesen, die sich sonst nur bis zum Geländer des Photopoints bewegen und auf diesen 12 Metern vom Bus mehrfach über ihre Selfiesticks stolpern. Wir sind niedergeschmettert. Dabei ist das Wasser wirklich kalt. Wir nehmen es mit Humor und lassen unser Selbstbild hinterfragen. Ein wenig beleidigt sind wir schon, dass wir weniger exklusiv abgehärtet sind als wir bisher dachten. Zwei Stunden Zeit haben wir uns mit dieser etwas enttäuschenden Einsicht anzufreunden, bis das Ende der Wanderung uns alle ans sandige Ufer zurückführt und alle, alle in gemieteten blaugelben Thermowasserschuhen mit Neopreneinsatz dastehen. Alle bis auf uns. Wir stehen mit blauen Füßen in Sandalen da, eiskalt, zitternd, mit langsam zurückkehrendem Gefühl und zunehmendem Schmerz in den Füßen. Aber was ist schon der Schmerz in den Beinen gegen die Befriedigung in der Seele doch die Härtesten zu sein.

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23. September 2016

 

Anmut der Ödnis

Wir sind in der Wüste. Wir fahren nicht durch die Wüste, wir sind in ihr. Auf dem Fahrrad sind wir immer schon den Bedingungen der Natur ausgesetzt. Hier in der Wüste spüren wir dieses Ausgesetztsein noch unmittelbarer und noch brutaler. Alle Pflanzen sind scharfkantig oder dornig, fahl und minimal. Die wenigen Tiere, die uns hier begleiten, verbergen sich in den heißen Tagesstunden in Höhlen oder verstecken sich unter den wenigen Büschen: Geckos, Kaninchen, Präriehunde, Wüstenfüchse, Skorpione und Schlangen. Allein die Antilopen stehen unbeeindruckt im stechenden Sonnenlicht. Schatten gibt es für uns keinen, nicht auf 50, 70 oder gar 100 Kilometern.

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Obwohl der Herbst die schlimmste Hitze langsam aufzehrt, merken wir deutlich, dass die Sonne hier eine zerstörerische Kraft hat. Soweit es uns möglich ist, bedecken wir jeden Zentimeter Haut mit Stoff, den Rest beschmieren wir mit 50+ Sunblocker. Obwohl wir auch bisher fast jeden Tag von morgens bis abends unter strahlendem Himmel verbracht haben, spüren wir bedrohlich, dass hier alles skeletttrocken ist, Wasser wird aufgesogen, verdunstet innerhalb von Minuten, verfliegt ins flirrende Nichts. Die Haut bekommt Risse, die Reifen werden mürbe, austrocknender Staub dringt überall ein, entzieht die verborgenste Feuchtigkeit und knirscht zwischen den Ketten und den Zähnen. Jeder von uns trinkt zwei Liter Wasser mehr. Wir spüren das schmerzlich, nicht nur weil wir plötzlich 4 Kilo mehr schleppen müssen, sondern auch weil unser Magen gegen die lauwarme Brühe rebelliert. Bis zu drei Liter haben wir immer an den Flaschenhaltern am Rahmen für die Fahrt und auf dem Gepäckträger ist ein Zehnliter Wassersack aufgeschnallt. Der zweite Tag ohne Versorgung verdoppelt die Menge. Wir ducken uns durch die Mittagskilometer und von der Nase tropft das Wasser als würde die Sonne uns auspressen. Ich nehme die Sonnenbrille kurz ab, um die Salzkrusten wegzuwischen und gerate ins Taumeln weil die Helligkeit den Gleichgewichtssinn überwältigt. Die Landschaft wölbt sich durch ihre Kargheit vor uns auf und dehnt den Himmel über sich aus. Während alles Lebende ausbleicht, knallen der Himmel und die Felsformationen die Farbe auf unsere Netzhaut. Roter Fels und gnadenlos blauer Himmel so sieht Utah für uns aus. Bei allem Leiden im Sattel erhebt uns die Kargheit dieser Landschaft über uns selbst. Mitten im alles erfüllenden Sonnenflirren stellen wir fest, dass wir eine Gänsehaut haben. Die Stille und die Weite erschüttern das Selbstempfinden bis ins Mark.

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Die Ausdehnung der wenigen Details auf eine gigantische Weite lässt uns anwachsen. Die Welt ist aufgeräumt, es gibt nur wenig, das die Sinne festhält und ablenkt. Wüste, das ist Reduktion von Gedöns. Die Gedanken werden klarer, zielen genauer, denn kein Dingsgewurschtel lenkt sie ab. Die äußere Klarheit reinigt und führt nach Stunden und Tagen auch zu einer inneren Klarheit. Die Ödnis hat ihre eigene pure Anmut. Wieder nach den Weiten der Anden sind wir an dem Ende unserer Worte angelangt um diese Schönheit auszudrücken. Empfinden können wir sie aber umso drängender: Irgendwie leuchtet uns unmittelbar ein, dass die Gotteserfahrungen in der Geschichte oft Wüstenerlebnisse waren.

Damit der Sattel weicher wird…

Wer auf Schotter- und Schlaglochpisten jeden Tag durchgerüttelt wird, der hat früher oder später eine Schraube locker. So geht es auch unseren Rädern. Keine halbe Stunde nachdem das Ersatzteil in Vernal uns endlich erreichte und meine Hinterradnabe ausgetauscht war, saßen wir wieder im Sattel. Welch ein Schreck, als ich beim nächsten Halt feststellte, dass mein vorderer Gepäckträger fast abfällt – Schraube locker! Deswegen ist heute mal wieder Schraubentag. Den gibt es zwar nicht so häufig wie Kettentag, aber auch er wird regelmäßig gefeiert. Das sieht so aus: In beiden Händen halte ich gleichzeitig alle Schraubenschlüssel, die uns zur Verfügung stehen und kontrolliere von hinten nach vorne, rechte Seite beginnend erst das eine, dann das andere Fahrrad. Jede einzelne Schraube wird kurz angesetzt und im Drehmoment kontrolliert. Es gibt viele Schrauben an so einem Fahrrad. Das ist ein schönes Ritual, eine Art Streicheleinheit für die Pferde; Ausdruck der innigen Beziehung, die wir unterdessen zu unseren Rädern haben.

Und wenn wir schon dabei sind über Fahrräder zu sprechen. An dieser Stelle möchte ich für Euch, geschätztes Publikum, eine neue Rubrik einführen: Sie heißt „Wahrheiten im Sattel“. Im ersten Beitrag möchte ich den Sattel selbst, wichtigsten Kontaktpunkt des Radlers zu seinem Fahrrad in den Blick nehmen. Man redet ja viel über den Sattel. Er dürfe den Damm nicht allzu sehr bedrängen, solle den Sitzknochen nicht zu sehr im Weg stehen, gleichzeitig nicht zu weich sein, um nicht die Blutgefäße zu quetschen. Er müsse für den Herrn eher exakt horizontal stehen, am besten mit der Wasserwaage eingenordet; für die Dame dürfe er aber durchaus bis zu einem Grad leicht geneigt sein… Viel Zeit hatte ich jetzt, um im Sattel über diese Ratschläge nachzudenken und möchte Euch eine Weisheit mit auf den Weg geben, die alle Diskussionen beenden könnte. Ich bin zu folgender Einsicht gelangt: „Damit der Sattel weicher wird, muss der Arsch härter werden.“

 

 

12. September 2016

Altitude Cycle

Gestrandet in der Wüste von Utah

Das erste Mal trafen wir Richard Moseley, als wir uns gerade in der Anfahrt in einen Pass befanden, der aus dem Canyon der Flaming Gorge herausführt. Der längste und bösartigste Anstieg unserer bisherigen Reise bis auf über 2600m. Bösartig, weil wir uns immer wieder 300 Höhenmeter erarbeiteten, um dann 100 Höhenmeter wieder abzufahren. So kurbelten wir uns langsam, zwei Schritt vor, einen zurück, höher und höher, immer wieder einen Blick in die Tiefe werfend auf die leuchtend roten Felsformationen und das Glitzern des Green River. Richard Moseley stand neben seinem Wagen am Straßenrand und rief uns zu: „Hey! Wisst ihr auch genau, was ihr da tut?  It`s a long, long uphill!“ Wir winkten fröhlich zurück ohne anzuhalten. „We know that! We know that!”

Was wir aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, war, unter welchen Umständen wir Richard wiedertreffen würden.

Gerade hatte ich endlich mal wieder auf das große Kettenblatt geschaltet, um in einer kleinen Abfahrt ein wenig mehr Tempo aufzunehmen, als Ralph vor mir eine Vollbremsung erzwang, so dass ich fast in ihn hineingefahren wäre.

„Das gibt es doch nicht! Mein Freilauf ist kaputt! Der Zahnkranz dreht sich plötzlich auch im Freilauf mit!“ rief Ralph erschrocken. Wir parkten unsere Räder im Straßengraben und besahen die Nabe genauer. Die Hinterradnabe hatte einen Totalschaden. Sobald Ralph nicht mehr in die Pedale trat, drehte sich die Kette weiter und drohte, in voller Fahrt in die Speichen zu geraten und das Laufrad zu zerfetzen. Ziemlich gefährlich, unter solchen Umständen vom Pass 1000 Höhenmeter abzufahren. Sobald Ralph nur eine Sekunde lang vergessen würde auch bergab mitzutreten, wäre ein böser Sturz vorprogrammiert.

„Ich fasse es nicht!“ Ralph hätte vor Ärger am liebsten sein Rad in den Graben geschmissen. „Nach nur 5.000km! Und dabei habe ich die Ersatznabe zu Hause liegen!! Ich habe sie nur deshalb für den ersten Teil der Reise nicht mitgenommen, weil ich dachte: Die erste hält mindestens 10.000km.“ Wenn sie kaputt geht, dann wäre es in den USA wohl nicht so schwer eine neue zu beschaffen.

Dachten wir! Wir befanden uns aber in der Wüste von Utah, weit weg von jeder Art von Zivilisation, mitten auf dem Pass.  Wo sollten wir jetzt eine neue Hinterradnabe herbekommen? Wie sollten wir von diesem Pass sicher herunterkommen? Ratlos standen wir am Straßenrand.

Und da trat Richard Moseley zum zweiten Mal auf. Kaum eine Viertelstunde nachdem wir den Defekt bemerkt hatten, parkte er seinen Dienstwagen neben uns, auf der Tür war zu lesen: „Utah Department of Public Safety“. Er stieg aus und fragte uns sofort: „Braucht ihr Hilfe? Habt ihr ein Problem?“ Ein wenig mit den Nerven runter antwortete ihm Ralph: „Wir brauchen Hilfe, und wir haben ein Problem, aber leider können Sie uns wohl kaum helfen, denn ich brauche eine neue Hinterradnabe.“ Richard Moseley fühlte sich durch diesen entmutigten Satz wohl in seiner Ehre gepackt. „Ich bin Fire Marshal des Utah Department of Public Safety. Wartet nur ab, wir werden doch mal sehen, ob ich euch nicht helfen kann. Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass euch etwas passiert. We will get you safe down this mountain!“

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Wild entschlossen kehrte er zurück zu seinem Wagen und telefonierte. Seine erste Idee war, einen seiner Kollegen von den Firefightern – mit denen wir ja auch schon tolle Erfahrungen gemacht hatten – herzubestellen, damit er uns in seinem Pickup zum nächsten Ort bringen könnte. Leider waren alle Kollegen aus dem Distrikt auf einer Schulung in Salt Lake City. Doch Richard gab sich so schnell nicht geschlagen und telefonierte die einzelnen Police Stations der Umgebung ab, doch ausgerechnet heute befanden sich alle auf der Beerdigung eines Kollegen, der im Dienst umgekommen war.

Wir hatten noch gar nicht ganz realisiert, was hier passierte, als Richard auf uns zukam und rief: „Dann muss ich eben zu anderen Maßnahmen greifen. Hier für euch erstmal ein paar Muffins. Ihr habt bestimmt Hunger. Ich werde jetzt einen Pickup anhalten, der euch sicher den Pass herunterbringt.“

Sprach´s, zog sich seine beeindruckend feuerrote Warnweste an, auf der „Fire Marshal“ leuchtete und stellte sich mit erhobenen Armen mitten auf den Highway.

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Es traf eine verschüchterte Frau mit ihrer Teenage-Tochter, die ihren Pickup vor Richard, der die Fahrbahn blockierte, zum Stehen bringen mussten. Sie hatten keine Wahl. Ich weiß nicht, ob Richard sie überhaupt gefragt hat. Und dann ging alles ganz schnell – wir luden unsere Räder und die Packtaschen auf den Pickup, Ralph stieg bei den beiden Frauen ein, ich nahm Platz im Wagen des Fire Marshal, und wir fuhren nach Vernal, dem nächsten kleinen Ort am Fuß des Passes.

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Ich war sprachlos und versuchte doch, Richard für diese selbstlose Hilfe in der Not zu danken. Er winkte ab – „Das ist doch selbstverständlich! Probleme sind da, um gelöst zu werden. Wenn mehr Menschen auf der Welt einfach gute Menschen wären und sich gegenseitig helfen würden statt nur herumzureden, dann wäre die Welt eine bessere.“

Es war wie im Film. Ich kann kaum sagen, was mich mehr überrumpelte – dies großartige Erlebnis von Hilfsbereitschaft, wenn man gerade am wenigsten damit rechnet, oder die Schnelligkeit, mit der die grandiose Landschaft jetzt plötzlich am Autofenster an mir vorbeizog. Richard ließ mir aber gar nicht viel Zeit zum Nachdenken, sondern verwickelte mich sofort in ein Gespräch über die Geschichte des Staates Utah und seiner Familie, die zu den ersten Einwanderern der Mormonen zählte. Er erklärte mir seinen besonderen Arbeitsbereich, bei dem er es mit Terrorismusbekämpfung, Bombenentschärfung und dem Umgang mit gefährlichen Materialien wie z.B. Radioaktivität zu tun hat. „Viele Leute haben Angst vor Radioaktivität. Ich finde das einfach nur interessant!“ Er sei oft tagelang in seinem Fahrzeug unterwegs und habe deshalb immer Essen und Trinken für 10 Tage dabei. Jetzt z.B. habe er für die nächsten drei Wochen 24h am Tag das Notfalltelefon, so dass er jederzeit an jeden beliebigen Ort abkommandiert werden könne. Im Moment jedoch waren wir sein Notfall. Zwischendurch rief er seine Frau in Salt Lake City an und beruhigte sie, dass er sich leider um ca. 5h verspäten würde, weil er sich erst um das Wohlergehen zweier deutscher Radfahrer kümmern müsse und sichergehen wolle, dass diese einen guten Ort zum Übernachten und das richtige Ersatzteil für ihr Fahrrad bekommen würden. – Ach ja, Richard ist übrigens auch in Deutschland geboren. Sein Herz schlägt für die Geologie und für die Schönheit der wüstenhaften Landschaft in Utah. „Das hier ist mein Lieblingsstück des Passes. Hier sehe ich oft Berglöwen. Sieh dir diese Felsen an! Ist das nicht wunderschön? Wie wollt ihr eigentlich weiterreisen, ich habe ein paar gute Tipps für euch…“ Richard war nicht zu bremsen und ehe ich´s mich versah, hielten wir in Vernal vor einem kleinen Geschäft namens „Altitude Cycle“. Und hier beginnt der zweite Teil dieser unglaublichen Geschichte.

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Altitude Cycle

Mittlerweile hatten wir herausgefunden, dass sich zu unserem Glück in Vernal der einzige Fahrradladen im Umkreis von 100 Meilen befand. „Altitude Cycle“, geführt von einem Ex-BMX-Weltmeister. Hier luden wir unsere Räder vom Pickup und Ralph begann, mit den Mechanikern sein Problem zu diskutieren. Ich wollte gerade anheben, mich herzlich bei Richard für all seine Hilfe zu bedanken und mich zu verabschieden. Doch Richard Moseley hatte andere Pläne. „Während dein Mann sich um die Reparatur kümmert, könnte ich Dir die Stadt zeigen. In Vernal gibt es ein paar schöne Dinge, die man sich anschauen kann. Und ihr braucht doch sicher etwas zu essen. Ich kann dich mit dem Auto zum Einkaufen fahren, das ist nämlich ein ganzes Stück weit, dann musst du nicht alles mit dem Rad fahren!“

So viel Hilfsbereitschaft konnte ich kaum fassen, und überwältigt nahm ich sein Angebot an. Wir kauften ein und fotografierten den berühmten pinken Dinosaurier von Vernal (das Dinosaur National Monument ist gleich um die Ecke).

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Währenddessen hatte sich herausgestellt, dass Ralphs Nabe nicht zu reparieren war und die Bestellung der neuen sechs Tage dauern würde. Hier in Utah kommen die Ersatzteile halt auch von weit her. Bevor wir jedoch auch nur darüber nachdenken konnten, wo wir in der Zwischenzeit bleiben könnten, oder beginnen konnten, uns darüber zu ärgern, traten Josh und KP auf. Sie sind die Mechaniker und das Herz des einzigen Fahrradladens weit und breit. Josh und KP wohnen gemeinsam hinter dem Laden in einem sehr, sehr kleinen Häuschen. „Ihr könnt doch bei uns bleiben! Stellt euer Zelt bei uns im Backyard auf, da steht es schön windgeschützt und schattig unter unserem großen Baum. Ihr könnt bei uns duschen und unsere Küche benutzen. Wenn ihr unser Auto braucht, hier ist der Schlüssel. Wir freuen uns, dass ihr da seid! Our home is your home.“

So strandeten wir in der Wüste von Utah in Vernal. Normalerweise ist das eine der schlimmsten Situationen für Ralph: Sein Fahrrad ist kaputt, und keine Ersatzfahrrad zur Hand. Nun sitzen wir aber bei Josh und KP auf dem kleinen Stück Gras vor unserem Zelt und sind uns sicher, dass es keinen besseren Ort gibt, um zu stranden und eine kleine Pause einzulegen. Wir können noch immer kaum fassen, was wir gerade erleben und wieviel Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Freundlichkeit wir erfahren.

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Josh und KP haben uns wie selbstverständlich in ihr Leben aufgenommen. Die beiden haben nicht viel – ich meine, wirklich nicht viel, denn es gibt z.B. außer ihren zwei keine weiteren Tassen oder Teller. Aber die haben wir ja auch selbst. Das, was die beiden haben, teilen sie mit uns. Wenn ich morgens den Kopf aus dem Zelt stecke, ruft KP: „Imke, bist du wach? Ich habe frischen Kaffee gekocht!“ Ralph findet irgendwo eine Pfanne und macht einen Stapel Pancakes mit Sirup, den wir den beiden in die Werkstatt bringen. Abends zeigt uns KP seine selbstgebastelten Flugzeuge und Josh schneidet Gurken und Tomate aus dem Garten seiner Freundin für uns auf. Wenn es dunkel wird, sitzen wir mit den beiden und dem Mädel von der Brauereibar direkt nebenan um das Lagerfeuer und verbrennen die Paletten, auf denen heute die neuen Mountainbikes angekommen sind. Ralph und ich grillen ein paar große Steaks für alle und erzählen die Geschichten, die wir bisher erlebt haben. Josh wird nachdenklich und meint: „Viele denken oft, die Amerikaner seien alle so egoistisch und würden sich nur um sich selbst kümmern. Ich sage immer: Tu einfach Gutes, und es kommt zu dir zurück.“ KP krault seinen Kater Fritz und schaut in die Flammen: „Ich habe ein schönes Leben. Ich arbeite mit Fahrrädern, und das ist meine Leidenschaft. Ich wohne direkt neben der Brauerei und sitze abends mit Radfahrern aus aller Welt am Lagerfeuer und höre ihre Geschichten. Life is good.“ Im Hintergrund läuft Credence Clearwater, Stones, Doors. Die Sterne funkeln, die Grillen zirpen, und KP wirft die nächste Holzpalette aufs Feuer, dass die Funken stieben.

Ist das ein Traum? Ist das die Welt, wie sie sein sollte?

Was ich sicher weiß, ist dies: Es ist gut, dass Ralphs Hinterrad kaputt gegangen ist. Es ist richtig, dass Firemarshal Richard die Welt verbessern möchte. Es ist ein Geschenk, dass wir bei Josh und KP gestrandet sind. Denn was wir jetzt gerade erleben, das ist es, warum wir unterwegs sind.

 

 

6. September 2016

Yellowstone Burnout

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Yellowstone Burnout

Zugegeben, der Yellowstone Nationalpark machte uns schon im Vorfeld etwas nervös. Nicht, weil wir dort unbewaffnet auf Bären, Wölfe und Bisons treffen würden (an die Wirkung des Bärensprays glaube ich nicht wirklich); nicht weil wir uns dann im ältesten Nationalpark der Welt (gegründet 1872) befinden würden, der allein schon von seiner geographischen Ausdehnung beeindruckt: Der Park beschreibt fast ein Rechteck mit den Seitenlängen von 100 km und 90 km. Auch nicht, weil wir uns auf einem der größten aktiven Supervulkane bewegen würden, der in einer erdgeschichtlich nahen Zeit wahrscheinlich ausbrechen wird – wobei erdgeschichtlich „nah“ durchaus 10.000 Jahre sein kann. Nein, der Park machte uns nervös, weil wir dort als Radfahrer zu den bedrohten und gejagten Spezies gehören würden. Die Straßen sind schmal, jeder Fahrer konzentriert sich auf Bisons und Wapitihirsche. Insgeheim hofft man aus dem Auto heraus zu filmen, wie ein Bär (mit kuscheligen Jungen) ein Wolfsrudel angreift, das gerade einen Bison erlegt hat. Die Automobilisten rechnen mit dem Unwahrscheinlichsten, nur nicht mit Radfahrern. Die jährlichen 3,5 Millionen Parkbesucher drängen sich dort mit Autos und Wohnmobilen in den Sommerwochen und besonders am Höhe- und Endpunkt der amerikanischen Schulferien: dem Labour-Day-Weekend. Schon Wochen vorher erhielten wir Warnungen wie diese: „Versucht auf jeden Fall das Labour-Day-Weekend zu vermeiden, denn dann sind besonders viele Autos und Wohnmobile im Park unterwegs.“ Ach ja, Labour Day, wann ist das nochmal? Unsere hilfsbereiten Motorradfahrer sagen: „Nächstes Wochenende!“. Gut, dass wir nachgefragt haben. Also verlangsamen wir unsere Fahrt, machen einen Ruhetag im mondänen Örtchen „Twin Bridges“, schreiben nochmal einen Bericht für Euch, waschen Wäsche, schreiben Tagebuch. Wir langweilen uns fast und sind das Pausemachen nicht gewohnt, aber es dient ja dem guten Zweck: Den Rummel im Park großräumig zu vermeiden – denken wir… bis wir erfahren: „Labour Day? Nee, das ist erst übernächstes Wochenende.“ Haben wir also völlig umsonst Pause gemacht. Also schnell wieder auf die Räder, zwei Tagesetappen runtergerissen und schon stehen wir am Eingang zum Park im hässlichen Touristennest West Yellowstone. Super Zeitplanung, sind halt doch deutsch. Dort erfahren wir aber, dass die US-Nationalparks genau heute 100. Geburtstag feiern und deswegen die nächsten Tage der Eintritt in den Yellowstonepark umsonst ist! Dementsprechend groß ist der Andrang. Gut, dass wir so besorgt waren Labour Day zu vermeiden. Die Rangerin am Parkeingang wunderte sich wohl ein bisschen, dass wir auf ihre Ankündigung, dass wir nichts zahlen müssten so sauer reagieren.

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Natürlich war der Verkehr irrwitzig und spottet jeder sprachlichen Beschreibung und Nationalpark müsste passender in Carpark umgetauft werden; natürlich ist die Ausschließlichkeit in der sich die Menschen nur in ihren Autos, Wohnmobilen, Quats, SUVs durch den Park bewegen eine Karikatur des Naturerlebnisses, mit dem der Park wirbt. Aber schließlich fahren alle recht langsam, weil sie ja von der Straße aus die Natur erleben wollen und so konnten wir im Verkehrsfluss fast mitschwimmen. Auf der Strecke muss unweigerlich der eigentliche Zweck des Geburtstagskinds bleiben, denn statt die Natur zu bewahren erleidet sie auch hier, weit weg von den Metropolen den Verkehrskollaps und den konsumzivilisatorischen Burnout.

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DSC01535Und dieser Burnout kündigte sich uns ganz wörtlich schon seit einigen Tagen an: Wir sahen die Rauchsäulen am Himmel stehen und wir rochen den Park schon Tage bevor wir ihn erreichten. Im Zuge der Klimaveränderung sind Trockenheit und die daraus entstehenden Waldbrände ein zunehmendes Problem nicht nur im gesamten Westen der USA, sondern auch im Yellowstone Park. Rund ein Dutzend größere Brände wüteten schon als wir ankamen. Die Meldung, dass uns der Südausgang des Parks vor der Nase zugeschlagen wurde, weil die Brände genau diese Straße schlossen, die wir in zwei Tagen zu befahren planten, traf uns dann doch unvorbereitet. Wir schauten auf unsere Karten: Der Umweg zurück über den Westausgang würde uns über einige der höchsten Pässe Idahos führen, der Umweg über den Ostausgang würde uns fast 500 km zusätzliche Strecke kosten. DSC01386

DSC01527Wir waren im Park gefangen. Die Ranger speisten uns einheitlich mit der offiziellen Stellungnahme ab, die Feuer seien nicht unter Kontrolle, man wisse nicht, wie sich der Wind entwickle und man könne keine Aussage über die Zukunft treffen. Vielleicht bleibe die Straße den ganzen September gesperrt, denn nach dem Brand müssten die Feuerwehrleute und Holzfäller erst sicherstellen, dass die verkohlten Stämme nicht umstürzten und einen Unfall verursachen. Wir unsererseits entwickelten auch eine große Routine zu versichern, dass für uns langsam und mühsam reisende Radfahrer es besonders wichtig sei eine Vorhersage zu erhalten, denn anders als ein Auto könnten wir den Umweg nicht mal kurz in einem halben Tag bewältigen. Aber das half alles nichts. Die Auskunft blieb offiziell unbestimmt. Es war eigentlich das Gesprächsthema des ganzen Nationalparks, niemand bekam eine zuverlässige Information, aber auf den Parkplätzen, in den Visitorcentern und den Campingplätzen mutmaßte jeder über die Sperrung, immerhin gibt es für den gigantischen Verkehrsfluss nur vier Zugangsstraßen, je eine pro Himmelsrichtung und zwischenzeitlich drohte sogar die Westroute, über die wir gekommen waren, auch noch geschlossen zu werden. Wir merkten schnell, dass wir auf offiziellem Weg keine brauchbaren Informationen erhalten würden. Also änderten wir unsere Strategie. Im Park waren die Firefighter, die amerikanischen Helden schlechthin, immer hinter gelben Absperrbändern stationiert, meist in gesperrten Parkbuchten oder Rastplätzen, unzugänglich für die schaulustigen Autofahrer.

DSC01610Wir hingegen konnten uns an den Absperrungen ganz ungeniert vorbeiquetschen, schließlich brauchten wir nach dem einen oder anderen Hügelchen ja eine Verschnaufpause, das wussten auch die Polizisten, die die Feuerwehrleute vor den Touristen schützten. So standen wir mit unseren Rädern zwischen dem Gewimmel rußgeschwärzter Helden ebenfalls behelmt nur eben ohne Atemschutz. So kam, was kommen musste: „Hey, where do you come from? Where did you start cycling? Where are you going to…” Wir rechneten schon damit. Es entspann sich ein Gespräch, die Frage, wann wohl ernsthaft mit der Öffnung der Südroute zu rechnen sei ergab sich fast selbstverständlich eingeflochten in große Bewunderung für die tapfere Arbeit die hier von den Firefightern erledigt wird. Eine kurze Funkunterhaltung mit der Dame von der Südzentrale mit viel Rauschen, RogerOverandOut und wir bekamen die Information: Wird heute Nachmittag entschieden. Etwas enttäuscht, weil wir so nah dran waren die entscheidende Information auf so unkonventionellem Weg zu erhalten, fuhren wir in das Abendlicht, das allerdings spätes Vormittagslicht war, so viel Rauch lag über der Landschaft. Aber glaubt es oder lasst es bleiben: Als wir abends unser Zelt aufbauten fuhr ein furchteinflößender Feuerwehrwagen über den sehr kleinen Campingplatz im Norden des Parks und hielt genau – na, wo wohl? – vor unserem mickrigen Zweimannzelt. Ausgestiegen ist niemand, dafür sind sie halt zu cool die Firefighter. Und die Sonnenbrillen haben sie auch aufbehalten obwohl schon Dämmerlicht war. Aber aus dem Fenster heraus riefen sie zu uns herunter: „Der Südausgang wird Dienstag um 12 Uhr mittags geöffnet.“ Der ganze Campingplatz hielt wohl in diesem Augenblick den Atem an. Aus Spaß fragten wir weiterhin jeden Ranger den wir am folgenden Tag trafen, wann wohl der Südausgang geöffnet würde. Erst am darauffolgenden Tag hieß es dann auch offiziell: „Am Dienstag um 12 Uhr mittags.“

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Wenn wir mal gerade nicht radfahren

Im letzten Bericht haben wir ja schon versucht, Euch ein wenig mit in unseren Alltag zu nehmen. Nach einem Monat unterwegs sind wir unterdessen in eine Art Routine des Draußenseins gekommen. Damit Ihr Euch das vorstellen könnt: Wir packen morgens recht zeitig unsere Siebensachen zusammen und frühstücken, um Kraft für die Pedale zu haben. In der Regel heißt das, dass Ralph mir auch auf dem Kocher einen Kaffee kocht, denn den brauche ich für das Kommende. Dann sind unsere Tagesetappen meist bestimmt durch die Distanzen zum nächsten Wasser oder dem nächsten oder übernächsten Campingplatz. Was man sich unter „Campingplatz“ dann vorzustellen hat ist ein sogenannter Public Campground, der hier immer in Kombination mit einen Statepark auftritt. Das sind dann in der Regel 12 oder 16 oder 20 primitivste Plätzchen von ein paar Quadratmetern, mit einem Wasserhahn (natürlich kaltes Wasser – aber immerhin meist trinkbares) und einem Plumpsklo für den ganzen Platz. Wenn wir ankommen, haben wir irgendwo zur Mittagszeit eine kurze Pause gemacht (meist am Straßenrand im Schatten, wenn es welchen gibt), um mit Keksen oder anderen kohlenhydrathaltigen Nahrungsmitteln – ich will es nicht „Brot“ nennen –  die Energie für die zweite Hälfte des Tages zu bekommen.

Dann, wenn wir den Nachtplatz erreicht haben, beginnen die Tagesroutinen des Zeltaufbauens, Kochens, Essens, der Körperhygiene. Letztere besteht meist im Waschen unter extremen Bedingungen, denn Seife ist auch eine Lockquelle für Bären. Also muss man sich im Fluss waschen, wo alles wegfließt, oder weit in den Wald wandern, was manchmal auch recht aufwändig ist, da man einen Platz braucht, an dem man den Wassersack in passender Höhe in den Baum hängen kann. Ist das alles getan, stehen die kleinen Aufräumarbeiten an mit ihren speziellen Tücken – Essen und alles Geruchsintensive bärensicher verstauen (auf den Baum weit weg) und spülen, so dass keine Geruchsspuren blieben. Da ist sehr viel Erfindungsreichtum angesagt. Ich schreibe dann noch etwas Tagebuch. Meist sind wir dann so müde, dass für das Texteschreiben, Bildersichern, Homepagepflegen keine Zeit oder Energie mehr bleibt. Oft sitzen wir einfach da, staunen über die Bergketten am Horizont, auf die das letzte Sonnenlicht fällt, blicken über die sich kilometerweit erstreckenden Salbeibüsche und erzählen uns, was wir den Tag über so gedacht haben. Manchmal schaffen wir es wach zu bleiben, bis sich der Sternenhimmel mit Milchstraße über uns wölbt. Meist kriechen wir aber kurz nach dem Dunkelwerden zwischen 9 und 10 Uhr in den Schlafsack und lauschen den Geräuschen des Waldes oder der Stille der Prärie nach, über die der Wind fegt. Dankbar, dass wir diese vielen Facetten der Erde erleben dürfen.

In den folgenden Videos nehmen wir Euch mit auf unsere abendlichen Zeltplätze:

 

24. August 2016

Big Sky Montana

Während des 2. Weltkriegs produzierten die USA im Mittleren Westen Kampfflugzeuge, die für den Krieg gegen Japan über die Rocky Mountains geflogen werden mussten, um sie dann in den Pazifikhäfen zu verschiffen. Die Aufgabe war bei den Air Force Piloten beliebt, da sie einem gefahrlosen Linienflug gleichkam. Bei einem dieser Flüge erhielt ein junger Pilot die Erlaubnis aus der Formation auszuscheren und eine Runde über sein Heimatdorf bei Missoula im Bundesstaat Montana zu drehen.

Dort auf dem Hochplateau der Rocky Mountains, im Bitterroute Valley, ist die Landschaft geprägt durch weite, unberührte Waldflächen an den bergigen Hängen und durch steppenartige Großtäler, die so breit sind, dass sie Bassins genannt werden. Der Himmel dominiert die karge Landschaft auf eine so beeindruckende Weise, dass der Bundesstaat Montana den Beinamen „Big Sky Country“ erhielt. Der überwiegende Teil des Staates liegt über 1500 Meter hoch und ist so dünn besiedelt, dass… Ja, welcher Vergleich wäre hier passend, um deutlich zu machen, wie wenig erschlossen und besiedelt viele Bereiche Montanas immer noch sind? Das traurige Ende der Geschichte des jungen Piloten verdeutlicht die Verlassenheit Montanas auf beeindruckende Weise: Nachdem er eine Runde über sein Dorf gedreht hatte, kehrte er nicht mehr in seine Formation zurück und war seither vermisst. Erst als 1957, rund 15 Jahre später, die Lolo Passstraße, die Idaho mit Montana verbindet, endlich verbessert und schließlich sogar geteert wurde, fanden die Straßenarbeiter das Wrack der Maschine.

Unterdessen haben wir den Bereich der großen Wälder verlassen und reiten Stunde um Stunde durch die Steppenlandschaft, die sich nur durch die Bergketten am Horizont kurz wölbt, bevor sie in einen weiten Himmel übergeht. Die Straße erstreckt sich vor uns als flimmerndes Band und wird von unseren rollenden Reifen gefressen nur um vom Horizont vor uns wieder ausgespuckt zu werden.

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Gelegentlich zweigt ein Schotterweg ab mit einem im Wind knarzenden Hinweisschild auf diese oder jene Ranch, die nur mit zusammengekniffenen Augen als kleiner Punkt vor den Bergen zu erkennen ist. In dieser Landschaft fänden wir leicht einen Platz, um für die Nacht ungestört unser Zelt aufzuschlagen, dachten wir. Aber all diese Meilen der Steppenweite sind eingezäunt, ständig begleitet uns einmal ein historisch rustikaler Holzzaun aus den Zeiten der Erschließung des Westens, dann wieder moderner Stacheldraht. Viele Westernfilme behandeln den Konflikt um das Einzäunen des Landes, den Kampf der reichen Grundbesitzer gegen die freischaffenden, harten Cowboys, die ihre Herden über das unbegrenzte Land begleiten. Ein Konflikt zwischen dem Establishment und dem ungezähmten Geist des Wilden Westens. Wir verkörpern natürlich den Geist des im Sattel sitzenden Wilden Westens, denn die Zäune hindern uns nicht nur daran tagsüber an die wenigen Bäche zu gelangen, um Wasser aufzufüllen, sondern auch abends einen Schlafplatz zu finden. Beide Notwendigkeiten prägen unseren Tagesablauf in entscheidender Weise. So müssen wir die Etappen genau planen und können nicht „mal schauen, wie weit wir heute kommen“.

Alltag im Sattel

Ich schlage die Augen auf. Noch schlaftrunken frage ich mich: Wo bin ich? Ach ja, in der weiten Prärie von Montana. Auf der ersten Etappe unserer Weltumrundung mit dem Fahrrad! Das klingt nicht nur immer noch unfassbar, sondern fühlt sich auch immer noch sehr unwirklich an. Also packe ich erst einmal das Naheliegende an: Mich aus dem Schlafsack zu schälen und mich wieder in die dicken Klamotten von gestern Abend zu werfen, die wir nach Sonnenuntergang gegen die verschwitzten kurzen Radkleider getauscht haben. Nachts war es unter null Grad, und auch jetzt zeigt unser Thermometer erst 1 Grad an. Die Sonne ist noch nicht über die Bergrücken gestiegen. Ralph verschwindet im Wald und holt unseren Packsack mit Essen aus dem Metallschrank, in dem man auf diesem kleinen Campground seine Vorräte bärensicher verstauen kann.

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Bärensicherer Vorratsschrank für alles was Bären attraktiv finden

Der frisch gekochte Kaffee wärmt kurze Zeit wunderbar die Hände, wird leider beim kalten Wind, der heute über die Steppe pfeift, auch schnell wieder kalt. Eine Rehfamilie kommt an unserem Frühstückstisch vorbei. Ein Squirrel schimpft unablässig vom Baum über uns auf uns herab. Anscheinend stören wir es in seinem Revier.

Knappe zwei Stunden, nachdem wir aufgestanden sind, sitzen wir wieder auf unseren vollgepackten Rädern. Ein Blick zurück – nichts auf dem leeren Platz im Wald erinnert mehr daran, dass hier für kurze Zeit unser Zuhause war.

Zurück auf der Straße. Das Asphaltband zieht sich bis zum Horizont, mitten hinein in den blauen Himmel. Längst ist es wieder heiß geworden. Kurzer Halt am Straßenrand und sich über die erste Salzschicht des Tages die erste Lage Sonnencreme schmieren.

Die Weite der Landschaft und die große Leere sind gleichzeitig beeindruckend und sehr, sehr langweilig. Um mich von der Tatsache abzulenken, dass sich vor mir wieder ein Pass erhebt, dessen Verlauf ich noch nicht einsehen kann, versuche ich, mich mit Geschichten abzulenken. Wir befinden uns im Gebiet der Schoschonen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche Goldgräberstädte errichtet, die den von weit her kommenden Einwohnern kurz das Glück verhießen und dann schnell wieder verlassen wurden. Heute kann man diese Geisterstädte besuchen und durch die Wohnhäuser, den Saloon und den Kramladen gehen. Alles sieht aus, als sei es eben erst verlassen worden.

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Da fällt es nicht schwer, sich mit einem kleinen Wildwest-Kopfkino zu unterhalten. In dieser Gegend trieb nämlich Henry Plummer sein Unwesen, ein Mann, von dem sich die Einwohner von Twin Bridges in der heruntergekommenen Bar „The Blue Anker“ noch heute erzählen. Henry Plummer führte ein gefährliches Doppelleben. Tags war er Sheriff, und nachts lauerte er mit seinen Gefolgsmännern den Goldgräbern auf und überfiel Banken und Städte. Die Einwohner von Bannack und Virginia City lebten in Angst und Schrecken, so lange, bis er und seine Kumpanen gefasst und alle miteinander entlang der Main Street an den Telegraphenmasten aufgeknüpft wurden…

„Halt mal an!“ Ralphs Rufen reißt mich aus meinem Wildwesttraum. „Bleib stehen! Guck mal! Ein Socken! Da im Straßengraben!“ Der kommt uns wie gerufen. Was wir mit einem Socken wollen? Ja, wir leben mittlerweile nicht nur auf, sondern auch von der Straße. Gerne verwenden wir Zwiebeln, die die Trucks von der Ladefläche verlieren, um unser Abendessen aufzupeppen. Heute müssen wir mal wieder die Ketten abziehen und neu ölen, damit sie die 2000 km halten, bis wir neue aufziehen. Dazu braucht man aber einen Lappen, den wir natürlich nicht über alle Pässe tragen. Doch am Straßenrand findet sich meistens in genau dem Moment, in dem wir sagen „Wir sollten mal wieder Ketten abziehen!“ etwas, das man dafür verwenden kann. Heute ist es ein frisch gewaschener weißer Socken. Fast zu schade dafür, aber nun kommt dieser Socken zu seiner letzten Bestimmung. Kurzer Halt am Straßenrand, die Ketten neu ölen, Wasserflaschen auffüllen.

Ein Schattenplatz für die Mittagspause wäre schön, aber dieser Wunsch geht leider nicht in Erfüllung. Also sitzen wir mit Blick auf Hunderte von Heuballen da, die sich bis zum Horizont erstrecken, und essen in der Sonne Bagels mit Relish – unserer Neuentdeckung, einer Art Gurkenkompott. Schmeckt viel besser als in der Hitze verlaufener Käse. In dieser trockenen Landschaft hat man Heißhunger auf Würziges, Nasses, Salziges.

Im zweiten Teil des Tages sind dann nicht nur meine Beine, sondern auch mein Hirn langsam leer gefahren. Da geht obenrum dann nicht mehr viel mehr als Gedanken wie diese: Es sind noch soundso viel Meilen bis zum Campground… das sind soundso viel Kilometer… wenn ich so schnell weiterfahre wie jetzt dauert das noch soundso lange… Was ich auf jeden Fall schon gelernt habe: es ist immer noch weiter, als man denkt.

Wie schön ist es dann, wenn das Schild „Campground“ vor dir auftaucht! Müde rollen wir ein und finden einen schönen Platz mitten im Wald. Duschen gibt es zwar keine, aber wir haben unsere Dusche immer mit dabei: wir hängen unseren Wassersack in den Baum. Leider ist die Sonne schon untergegangen, und es ist nur noch 10 Grad warm Wenn man sich da mit 5 Grad kaltem Wasser abduscht, fühlt man sich zwar kurz schlechter, aber danach viel besser als vorher!

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Jetzt folgt einer der Höhepunkt in der Alltagsroutine des Unterwegsseins:  das Abendessen! Zum Einschlafen hören wir denselben Soundtrack, den wohl  auch die Gründer der Goldgräberstadt Bannack vor 150 Jahren hörten- das Heulen der Kojoten in der Prärie.

Nachts heulen die Kojoten
nachts heulen die Kojoten
18.8.2016

Quer durch Idaho

 

Wiedersehen in Waitsburg

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Als wir am Horizont die riesigen Weizensilos auftauchen sahen, über dem flimmernden Asphalt, so als wüchsen sie vor unseren Augen langsam in den Himmel, waren wir durstig. Wir waren so durstig, dass wir ein Auto angehalten hätten, wäre denn eines gekommen. Unser ersehntes Ziel hatte einen altgriechischen Namen, der für uns in dieser Situation nicht besser hätte passen können: Eureka (dt: „Hab´s gefunden!“). Wie niedergeschlagen waren wir aber, als wir feststellen mussten, dass Eureka nicht wie in unserer Karte vermerkt eine Ortschaft war, sondern tatsächlich nur aus Weizensilos und einem Büro von AgriNorthWest bestand. Wir scheuten nicht, in die akklimatisierten Räume einzudringen und den Teppichboden mit unseren Staubschuhen zu beschmutzen, um an Wasser zu kommen. Drin fanden wir zwei höfliche junge Frauen unseres Alters, die etwas verstört waren, denn wir machten wohl einen ziemlich abgerissenen Eindruck auf sie. Unserer Bitte nach Wasser entsprechend, verwiesen sie uns reserviert auf die Sodamachine (Dosenautomat), der in der Ecke stand. Nicht was wir erwartet hatten, aber wir waren aber nicht in einer wählerischen Laune.

So weit so unbemerkenswert. Allerdings begegneten wir auf dem Weg nach Osten Irene Macmasters, der Hübscheren der Beiden, drei Stunden später noch ein zweites Mal, nämlich nach weiteren 30 Meilen heißer trockener Straße in der nächsten Ortschaft in der Kassenschlange des kleinen Tanteemmaladens – des einzigen auf 50 Meilen. Jetzt entspann sich eine Unterhaltung, die mit einer herzlichen Einladung in den Garten ihrer Großmutter endete. Also weitere 20 Meilen down the road treffen wir schließlich Oma und Opa Bert und Bezzi Baxter im Backyard und sitzen im Freiluft-Whirlpool und bekommen Bier angereicht, neben uns im Garten unser Zelt. Sagenhafte Momente unter Sternenhimmel, romantische Unterhaltungen, nachdem Oma und Opa ins Bett gegangen waren. Wer weiß, was nicht alles hätte noch passieren können, wäre Irene nicht schon verheiratet gewesen.

Ach ja, Imke? Nein Imke war nicht dabei. Dies alles begab sich vor genau 25 Jahren, im August 1991 in einem kleinen Örtchen namens Waitsburg im Osten des Staates Washington. Dabei war mein besonderer Freund Tobias. Wer´s nicht glaubt, kann ihn fragen. Er lebt unterdessen in Helsinki und besitzt noch eine Ausgabe der Waitsburg-Times, die am folgenden Tag berichtete, zwei „crazy young Germans“ seien auf dem Weg durch den Wilden Westen Amerikas mit ihren Fahrrädern durch Waitsburg gefahren, und der eine von ihnen würde Geologie studieren. Das letzte war allerdings ein Missverständnis.

Kein Wunder, dass mir etwas nostalgisch und romantisch zu Mute wurde, als wir jetzt genau 25 Jahre später das Ortsschild von Waitsburg passieren. So romantisch, dass ich die Waitsburg-Times-Redakteurin anrufe und sie frage, ob sie wisse, ob Irene Macmasters noch in Waitsburg wohne. Auch in der Bar der Brauerei frage ich nach den Baxters, aber keiner kann sich mehr erinnern. So ritt ich, die untergehende Sonne im Rücken, etwas wehmütig aus der Stadt, an der Seite einer Frau, die besser und romantischer als jede Irene dieser Welt mit mir gen Osten reitet.

Hier der Artikel in der Waitsburg Times (bitte anklicken)
25 Jahre später in der Waitsburg Times
25 Jahre später in der Waitsburg Times

Der Mann, der die Straßen anmalt

Radfahrer brauchen jede Unterstützung, die sie kriegen können. Manchmal wünscht man sich dabei auch märchenhafte Wunderfiguren, die einem Rückenwind bescheren oder die breiten Schwalbereifen über die Straße leichter rollen lassen. Oder man wünscht sich die ganze Unterstützung des Mannes, der die Straßen anmalt. Wenn er, bärengleich mit seiner Mannschaft uns gewogen wäre und uns Meilenstein für Meilenstein begleitete, dann, ja dann kann könnte kommen was will. Dann könnte es wie im Märchen heißen: „Es war einmal am Ende eines harten Tages, die Weizenfelder Washingtons glühten von der Hitze der erbarmungslos brennenden Sonne des Tages, Schatten war nicht in Sicht.

"Hätte ich jetzt auch noch lächeln sollen?"
„Hätte ich jetzt auch noch lächeln sollen?“

Endlich erreichten wir nach Stunden steiler Anstiege den See im Wald und auf dem kleinen Campingplatz war nur noch ein einziger Platz frei. Wir wussten es noch nicht, aber es war der Platz neben dem Mann, der die Straßen bemalt. Erschöpft parkten wir die schweren Räder im Schatten und grüßten unseren Nachbarn mit einem müden Wink. Das Wunderbare kündigte sich großartig an, als Allen mit einem Porzellanteller und zwei Wapitihirsch-Steaks zu uns herüberkam und mild lächelnd sagte: „Hier zur Begrüßung, hat mein Bruder selbst geschossen, Ihr seht hungrig aus.“

Wapiti-Hirschsteak vom Mann, der die Straße anmalt
Wapiti-Hirschsteak vom Mann, der die Straße anmalt

Vor uns lag am nächsten Tag der Weg über den Lolo-Pass, quer durch Idaho über 200 km Wildnis und keine Versorgung. Eine Straße, die so einsam ist, dass selbst Autofahrer gewarnt werden, es gäbe auf dieser Strecke erst nach rund 100 Meilen wieder Benzin zu kaufen. Wir fragten uns schon seit Tagen, wo wir dort zelten könnten, woher Trinkwasser käme und was wir dort sonst noch finden würden außer Wald und wilden Tiere. Es stellte sich heraus, dass Allen der beste Kenner dieser einen Straße ist, vielleicht der Beste auf der ganzen Welt. Denn Allen fährt in den langen eiskalten Winternächten Idahos den Schneepflug auf dem 210 km langen Lolo Pass. Dafür ist er Wochen von zu Hause weg und übernachtet in den Maintainance-Camps, die dafür auf der Strecke errichtet wurden. Er kennt jeden Meter, jede Kurve, jede Parkbucht. Er kennt verborgene Zugänge zum Fluss, passende Plätze, um das Zelt aufzustellen und warnt einen auch vor den Ecken, die oft von Wölfen frequentiert werden. Von Wölfen? Oh ja, Allen kann sehr gruselig erzählen von nächtlichen Begegnungen mit Wolfsrudeln auf den vom Mond beschienen Schneeflächen neben der Straße, wenn kein Mensch unterwegs ist, weil der Schneepflug noch nicht gefahren ist. Allen weiß auch, wo es natürliche heiße Quellen gibt und er serviert jede seiner Angaben mit einer präzisen Zahl. Allens Hirn ist nach Meilensteinen geordnet: 142 Weir Creek, links weg, dort gibt es warme Quellen; 148 dort könnt ihr campen rechts runter, wir haben die Zufahrt mit großen Felsen blockiert, damit keine Pickups runterfahren; 136 gibt es auch schon ein schönes Plätzchen, wenn ihr es nicht bis 148 schafft. Allen ist für die Streetmaintainance verantwortlich, er stellt sicher, dass die Lolo Passstraße sicher und befahrbar bleibt. Bis tief in die Nacht hinein zählt er uns die hilfreichen Meilensteinzahlen auf. Auch als wir uns schon für die Nacht verabschiedet hatten, kommt er noch einmal herüber und sagt: eine Zahl hab ich noch für Euch und dann kommen nochmal fünf Hinweise. Wir sind bedient und fahren die nächsten Tage tatsächlich Meilenstein für Meilenstein ab und was wir nicht im Kopf behalten haben, steht in unserem Tagebuch. Wenn uns dann die gelben Trucks der Maintainance-Truppe begegnen, winken sie freundlicher als sonst und wir bilden uns ein, dass Allen uns angekündigt hat. Immerhin ist er hier der Mann, den man kennen muss. Ach ja, was macht ein Schneepflugfahrer jetzt im Sommer? Allen weist auf seine Turnschuhe und grinst. Sie sind voll Klecksen mit gelber und weißer reflektierender Farbe. „Ich bin der Mann, der die Straßen anmalt.“ Seither denken wir uns öfter, wenn wir auf den großzügigen Seitenstreifen amerikanischer Straßen fahren und links von uns den weißen Seitenstreifen wissen – den hat Allen für uns gemalt.

Im Wald

Auch Lewis und Clark zogen über den Lolo Pass auf ihrem Heimweg von der Pazifikküste nach St. Louis. In den dichten Wäldern von Idaho verloren sie mehrmals ihren Weg und verzweifelten fast, weil sie den Pass, den sie auf dem Hinweg begangen hatten, nicht mehr wiederfanden. Heute heißt er „Lost Trail Pass“. Während wir mit unseren Rädern immer tiefer in diesen undurchdringlichen Wald eintauchten, konnten wir uns gut vorstellen, wie es damals gewesen sein muss – denn heute ist es auch nicht viel anders: 100km nach Westen – nur Wald. 100km nach Osten – nur Wald. 100km nach Süden und nach Norden – genau dasselbe. Mitten darin eine Straße, die sich langsam entlang des Lochsa River den Berg hinauf schlängelt, und ansonsten: nichts. Keine Menschenseele, keine Möglichkeit, sich zu versorgen.

Natürlich trafen wir auf ein paar Männer, die ebenso wie wir wild entschlossen waren, einige Tage mit „Outdoor-Activity“ zu verbringen. Doch was „Outdoor-Activity“ in Amerika bedeutet, wurde mir erst am Lolo Pass langsam klar. Die Menschen sind so sehr bemüht, dass Activity nicht zu aktiv wird, dass sie in Wohnmobilen anreisen, die so groß sind, dass ich sie lange Zeit für Reisebusse hielt. In diesen Riesenvehikeln sind wie in einem Überraschungsei noch mehr Vehikel versteckt. Das bedeutet, in jedem Wohnmobil stecken entweder zwei Quads oder mindestens ein Motorrad – denn sonst müsste man auf den Campingplätzen ja zu Fuß zu Waschhäuschen gehen! Stattdessen fährt man mit dem Pickup vor, dessen Schnauze so hoch wie mein Kopf ist, und lässt den Motor laufen, während man aufs Klo geht. Wenn ich auf der Straße denke, nun sei das Monstrum von einem Wohnmobil an mir vorüber, folgt ihm noch ein Pickup, der hinterhergezogen wird – für alle Fälle. In diesen Geräten sitzen Menschen, die so klischeehaft nach der Vorstellung „ich gehe Wapitihirsche jagen“ oder „ich gehe fischen“ angezogen sind, als hätten sie sich aus dem Camel-Katalog eingekleidet. Ein Duft von Weichspüler umweht aus dem Seitenfenster meine Nase, wenn sie uns überholen.

Wie gut, dass die Möglichkeiten für „Outdoor-Activities“ dieser Insassen sehr begrenzt sind. Nämlich genau auf die Stellen an der Straße, an denen sie mit ihrem Bus überhaupt halten können, weil es eine Parkbucht gibt. Und das sind nicht viele auf den 210km des Lolo Passes. Deshalb sind wir allein während der nächsten drei Tage, sehr allein. Manchmal sogar mehr allein, als uns lieb ist.

Es ist heiß, sehr heiß, und wir quälen uns schon seit einigen Kilometern auf der Suche nach einem schönen Platz für unser Zelt. Campingplätze gibt es in dieser Waldeinsamkeit nur noch wenige. Und wenn, dann sind es keine Campingplätze, so wie wir sie uns vorstellen, sondern nur ein paar Quadratmeter gerodete Fläche im Wald mit einem riesigen, massiven Müllcontainer, dessen Deckel man nur mit großer Kraftanstrengung aufbekommt.  – Warum Müllcontainer, wenn es noch nicht mal ein Waschhäuschen, geschweige denn Trinkwasser gibt? Weil in den Wäldern von Idaho am Ende eines langen Tages nicht nur wir hungrig sind, sondern auch die Wapitihirsche, Elche, Berglöwen, Bären und seit neuestem die Wölfe, die wieder von Kanada eingewandert sind.

Da! Endlich! Meilenstein 136! Dem Mann, der die Straßen anmalt, sei Dank, ich kann nicht mehr weiter bis zum Campingplatz auf 148. Wir rollen von der Straße an den Fluss und finden einen wunderschönen Platz für die Nacht. Als es nach Waschen im eiskalten Wasser und Trinkwasser filtern ans Essen kochen geht, befolgen wir alles, was uns Allen zum Kontakt mit Bären mit auf den Weg gegeben hat: weit weg vom Zelt kochen, keine Essensreste verschütten. Als wir fertig gegessen haben, verpacken wir alle unsere Vorräte in eine Fahrradtasche. Doch Bären sind nicht wählerisch, sie essen alles gern, was duftet: Deosticks, Zahnpasta, Mückenspray, Kaugummi… Wir durchwühlen unsere Satteltaschen bis auf den Boden und finden immer noch irgendetwas. Als alles verpackt ist, heißt es, diesen Sack bärensicher in einen Baum zu hängen, und zwar 4m hoch und ca. 2m vom Stamm entfernt. Es ist bei Einbruch der Dämmerung mit den Stirnlampen auf dem Kopf gar nicht so einfach, einen solchen Baum zu finden und den Sack dort zu platzieren.

Bärensack platzieren
Bärensack platzieren
Endlich hängt der Bärensack weit weg im Baum
Endlich hängt der Bärensack weit weg im Baum

Mittlerweile ist es dunkel geworden, und mit dem Stillewerden der Vögel werden die anderen Geräusche, die aus dem dunklen Dickicht des Waldes dringen, lauter. Und man hört viel. Viel Knacken, Rülpsen, Keuchen, was alles Mögliche sein könnte, was aber auf jeden Fall die Phantasie beflügelt. Plötzlich finden wir die zuvor im Flusssand entdeckten Spuren gar nicht mehr so witzig. Was wir bei Helligkeit noch ganz sicher als „Das ist ein sehr großer Hund gewesen!“ betitelten, kommt uns nun doch viel mehr wie eine Wolfsspur vor. Wenn man sich klar macht, dass wir nun nicht mehr zu den Jägern, sondern zu den Gejagten gehören,  hilft es, bis zum Einschlafen ein kleines Cowboy-Feuer brennen zu lassen, das die Jäger auf Abstand hält – zumindest so lange, bis wir in den Schlafsack kriechen…

Cowboyfeuer, das die wilden Tiere fernhält
Cowboyfeuer, das die wilden Tiere fernhält
Gruselige Geräusche im einsamen dunklen Wald
Gruselige Geräusche im einsamen dunklen Wald

Mittlerweile haben wir den Lolo Pass glücklich überquert ein besonderes Bergzeitfahren absolviert: Wir sind mit dem Fahrrad in eine neue Zeitzone eingefahren! Nun gilt nicht mehr die Pacific Time, sondern die Mountain Time. Natürlich, wie könnte es anders sein, sind wir doch nun wirklich mitten in den Rocky Mountains. Wir befinden uns im Bitterroot Valley auf 1000m und machen uns auf, viele neue Pässe zu überwinden, auf dem Weg nach Osten. Ab dort werden wir uns kaum mehr tiefer als 2000m bewegen. Wir sind jetzt in Montana, einem Gebiet so groß wie Deutschland mit so vielen Einwohnern wie Stuttgart.

Doch wir sind jetzt ja keine Anfänger mehr, was Einsamkeit und wilde Tiere angeht. Und das ist gut so. Denn der Yellowstone National Park liegt vor uns.

 

10. August 2016

Von Seattle nach Süden und entlang des Columbia River

Wildnis und Vulkane

Als vor rund 150 Jahren die Frage im US-Amerikanischen Kongress erörtert wurde, ob es sich lohne eine Eisenbahn durch das bergige Gebiet zwischen Seattle und dem Columbia River zu bauen, äußerte sich der Abgeordnete Daniel Webster entschieden dahingehend, dass er keinen Cent dafür auszugeben gedenke für ein „utterly worthless, uninhabitable, desert country“.  So griffig hätte ich es nicht auf den Punkt gebracht, was wir die vergangenen fünf Tage durchfuhren. Wir bekamen es zu spüren, was Daniel Webster zu dieser enttäuschenden Einschätzung gebracht hat. Wald: bemooster Wald, undurchdringliches Unterholz, Wipfel jenseits Schrotflintenreichweite, Stammdurchmesser in Postkutschenbreite. Licht dringt nicht mehr in jeden Winkel und beim Betrachten aus der Sattelperspektive konnten wir uns sehr gut vorstellen, dass dort die Räuber hausen, die Bären und Wölfe.

Wie zäh und genügsam mussten die ersten Siedler sein, die sich in so einer Landschaft niederließen? So zäh und genügsam wie deutsche Lutheraner. Genau diese nämlich gründeten hier eine Siedlung, die sie „Elbe“ nannten und bauten ein puppenhaushaftes Holzkirchlein dazu. Und um diese Leistung noch zu überbieten und um, wie ich mir vorstelle, die englischen Presbyterianer der Umgebung ein wenig zu demütigen, führten sie noch die Tradition ein, dass der deutsch-lutherische Bischof der Gegend seine Gemeindebesuche im Frühjahr zu Fahrrad unternimmt. Offenbar hat die Demütigung gewirkt, denn die Sache mit dem Fahrrad wurde auf einer historischen Tafel festgehalten.

evangelisch-lutherische Kirche von Elbe (237 Einwohner)
evangelisch-lutherische Kirche von Elbe (237 Einwohner)
Beweis: Fahrradfahrer sind selbst unter den harten Siedlern die Härtesten
Beweis: Fahrradfahrer sind selbst unter den harten Siedlern die Härtesten

Es gibt auch heute noch hauptsächlich nur zwei Gründe, warum Menschen diese Gegend betreten: das Holzgeschäft oder der Tourismus um die höchsten aktiven Vulkane Nordamerikas. Die vergletscherten Kegel von Mt. Rainier, Mt. Adams und Mt. St. Helens überragten für uns allerdings erst sichtbar den Wald, als wir nach Stunden steiler Anstiege die Passhöhen erreichen. Dass Vulkane einfach mal so ohne Vorwarnung ausbrechen können, haben wir ja schon in Südamerika aus der Radfahrerperspektive erlebt. Hier aber erinnern uns sogar Verkehrsschilder daran, welche Fluchtwege zu nehmen sind, wenn der Vulkan in Reichweite explodiert. Am 18. Mai 1980 vernichtete der Ausbruch des Mount St. Helens ein Gebiet von 500 Quadratkilometer, durch das wir gerade fahren. Es ist ein seltsames Gefühl dabei, heute noch die Spuren der Vernichtung zu sehen und zu wissen, dass damals so viel Gestein in Bewegung kam, dass der Gipfel heute rund 400 Meter niedriger liegt.

Auch daraus machen die Amerikaner eine unterhaltsame Informationstafel
Selbst aus dem nächsten Vulkanausbruch machen die Amerikaner noch eine unterhaltsame Informationstafel

It´s all downhill

Wir wollten uns allmählich an das Gewicht unserer Räder gewöhnen und es langsam angehen lassen. Daher war es auch konsequent bei jeweils rund 1000 Meter Höhendifferenz pro Pass sich viel Zeit zum Meditieren der Tatsache zu nehmen, dass der Bock, den ich gerade reite rund 50 Kilo mehr wiegt als mein elegantes rotes Rennrad. Viel Zeit, um darüber nachzudenken, was wir hätten zu Hause lassen können: Bis auf das Handy, das nie Netz hat eigentlich nichts. Überhaupt springt mich immer öfter der Gedanke an: „zu Hause?“, nix Hause, kein Dach, kein Ofen, keine Eckbank. Unser Zuhause wird zwei Jahre die Straße und der Sattel sein. So beginnen wir langsam uns umzustellen, uns daran zu gewöhnen, dass unser Vorankommen, ja der ganze Lebensablauf des Tages unter Bedingungen steht, deren Verfügung uns größtenteils entzogen ist. Wir versuchen uns, wie schon auf anderen Touren, das Wissen der Einheimischen zu erschließen: Wie wird das Wetter in den Bergen? Werden wir Gegenwind haben? Gibt es Wasser auf der nächsten Tagesetappe? Eine Unterkunft am Ende unserer Kräfte? Steigungen? Staßenzustand? Viele Trucks? Kein Seitenstreifen? Brücken, die für Radfahrer gesperrt sind? Und wenn Du denkst, Du hättest alles Relevante erkundet, dann wird Dir immer noch etwas im Weg stehen, das niemand erwähnt und an das Du niemals gedacht hättest. Manchmal auch eine Gina. Gina, zum Beispiel, eine sehr freundliche Rangerin auf dem einfachen Campingplatz nach einer harten Bergetappe begrüßte uns mit den Worten: „Ihr seht müde aus, ich gebe Euch ein ruhiges Plätzchen.“ Wer so einfühlsam mit Cyclists umgeht, dem kann man blind vertrauen – dachte ich. Wer konnte ahnen, was es bedeutet, wenn diese einfühlsame Gina, uns am nächsten Tag losschickt mit den Worten: „Ihr wollt nach Carson? Ah, das wird kein Problem für Euch, it´s all downhill.“ „IT´S ALL DOWNHILL“ wurde für uns zum stehenden Begriff und wird es noch lange bleiben. Denn etwa zwei Kilometer nach Ginas Abschiedsworten begann eine 7-8%-Steigung, an der wir dreieinhalb Stunden zäh bergan fuhren – danach ging es dann tatsächlich fast nur noch bergab. Für uns einmal mehr der Beweis, dafür, dass eigentlich nur Fahrradfahrer eine Vorstellung von der wirklichen Beschaffenheit der Welt haben.

fröhlich trotz üblem Anstieg
fröhlich trotz üblem Anstieg

Weltgemeinschaft der Radfahrer

Worauf ich mich besonders freute, während ich mein Rad auf der steilen Rampe zum Mount St. Helens versuchte gerade zu halten und mir der Schweiß in den Augen brannte, war eine Dusche – und zwar nicht irgendeine, sondern die bei unseren Gastgebern bei warmshowers.org. Warmshowers ist eine Gemeinschaft von Radfahrern weltweit, die bereit sind, andere Radfahrer bei sich zu beherbergen. Für einen Abend Geschichten erzählen kann man sein Zelt im Garten aufstellen, duschen und sich ausruhen. Ein berührendes Gefühl, dass es solche Gastfreundschaft gibt! Wer selbst mit dem Rad auf der Straße unterwegs ist, weiß, was es bedeutet, wenn man von fremdem Menschen eingeladen wird, ihr Zuhause mit ihnen zu teilen.

Wir hatten Rick und Theresa in Carson eine Email geschrieben und hofften, bei ihnen bleiben zu dürfen. Leider funktioniert aber seit den letzten Tagen in Biberach unser Handy nicht mehr zuverlässig. Wir konnten weder telefonieren noch Emails empfangen. Unangenehm! Nun ritten wir schon seit rund 10 Meilen in das zersiedelte Carson ein und hatten keine Ahnung, wo Rick und Theresa wohnten. Dabei sehnte ich mich so sehr danach, dass wir nach diesem harten Tag irgendwo unser Zelt aufschlagen konnten. Campingplätze gab es weit und breit keine. Im Café in Carson guckten uns die muffeligen Pickup-Fahrer blöd an, als wir nach Rick und Theresa Reignier fragten. Da kam uns die Idee, uns im Post Office nach den beiden zu erkundigen. Dort kannte die freundliche Dame zwar niemanden mit diesem Nachnamen, aber sie gab uns den Tip: „Guckt doch einfach mal hier gegenüber auf der anderen Straßenseite! Dort wohnen zwei, die Rick und Theresa heißen und die Holzhütten zum Übernachten vermieten!“

Nicht sehr optimistisch bogen wir in die Zufahrt eines wunderschön angelegten Anwesens mit riesigem Garten ein. „Sieh mal, Ralph!“ Ich konnte es kaum glauben. Dort wehten vor unseren Augen fröhlich im Dreiklang die deutsche, die amerikanische und – die nordrhein-westfälische Flagge! Das konnte kein Zufall sein! Das war ein Zeichen. Sofort war ich Bielefelderin mir sicher, dass diese Menschen besonders seien!

In genau diesem Moment kam unser Warmshower-Host Theresa aus der Tür gelaufen, in der einen Hand eine Kanne Kaffee, in der anderen einen Teller mit ofenfrischen Schokocookies. „Ihr müsst Imke und Ralph sein! Da seid ihr ja endlich! Wir haben schon auf euch gewartet! Warum habt ihr nicht geantwortet?“

An diesem Abend wurden wir mit Herzlichkeit und gutem Essen so überschüttet und schliefen im Garten im Zelt beim Zirpen der Grillen so tief und fest, dass aus der einen Übernachtung zwei wurden. Schließlich mussten wir ja noch mit ihnen die Brauerei in Carson besuchen, ein Lagerfeuer im Garten machen, uns bewundern lassen („You are so inspiring! Amazing! You are adorable!) und, besonders wichtig, Roxy, ihr weißes Schoßhündchen, zum Hundesalon begleiten.

Herzliche Gastfreundschaft mit Schoßhündin Roxy
Herzliche Gastfreundschaft mit Schoßhündin Roxy

Auf den Spuren von Lewis und Clark

Viel Zeit verbrachten wir in Carson mit Rick, Theresa und Dale, dem Brauereibesitzer, damit, zu diskutieren, welche Straße wir für die Weiterreise wählen sollten. Wir hatten den Columbia River erreicht und wollten ihm nach Osten Richtung Idaho folgen. Der Columbia River ist einer von drei Flüssen, die das Cascade Gebirge, die den Rocky Mountains vorgelagert sind, durchbrechen. So war er schon immer Siedlungsgebiet der Indianer und als eine der wenigen Zugänge zum Pazifik wichtigste Ost-West-Handelsstraße. Lewis und Clark, die erste Expedition in den Westen der USA, bereiste den Columbia River im April 1805 in Richtung Westen, im Oktober 1806 nahmen sie denselben Weg zurück nach Osten. Sie trafen auf freundliche Indianerstämme, die Lachs fischten, und lobten die fruchtbare Erde der Lavahänge, auf denen heute Wein wächst. Was Lewis und Clark jedoch verfluchten und was ihr Weiterkommen fast unmöglich machte, war – der Wind. Im Windkanal des Columbia River hatten sie mit solchen Stürmen zu kämpfen, dass ihre Expedition gezwungen war, einige Tage anzuhalten. Wind – für Radfahrer der schlimmste Feind, das wussten wir bereits aus Südamerika. Die Frage, die uns beschäftigte, war: würde er von Osten oder von Westen kommen? Ein weiteres Problem, das wir mit dem Harley-Davidson fahrenden Brauereibesitzer Dale diskutierten, war die Frage: Nehmen wir den Highway 14 auf der Nordseite des Columbia River, oder folgen wir der Interstate auf der Oregonseite – mehr Verkehr, aber dafür ein breiter Seitenstreifen? Wieviele Trucks würden unterwegs sein? Wo gibt es Versorgungsmöglichkeiten?

Die ersten 1500 km folgen wir den Spuren Lewis und Clarks
Die ersten 1500 km folgen wir den Spuren Lewis und Clarks

Am nächsten Tag stellte sich heraus: Wir hatten alles, aber auch alles richtig gemacht. Nicht nur mit der Wahl unserer Unterkunft bei Rick und Theresa, sondern auch mit unserer Routenwahl. Wir starteten am Sonntag früh 7 Uhr auf dem noch leeren Highway 14 und segelten an diesem Tag mit einem unfassbaren Rückenwind 150 Kilometer nach Osten (7 Stunden reine Sattelzeit). Die Trucks, mit denen wir die Straße teilten, wechselten höflich und rücksichtsvoll auf die andere Straßenseite, wobei uns die Fahrer meist sogar grüßten.

Manchester und Micheldorf

Im Gegensatz zu Deutschland, wo Motoradfahrer zu den natürlichen Feinden der Radfahrer gehören, sind in den USA alle Zweiradfahrer solidarisch. Immerhin sind sie die letzten, die den wirklichen Spirit oft the West verkörpern, sitzen sie doch beide noch im Sattel wie einst Lewis und Clark. Entgegenkommende Harley Davidson- Fahrer „winken“ uns zu, Hand tief halten, zwei Finger lässig ausstrecken. Coole Typen, loud and proud. Alle übertroffen hat allerdings Jack. In unserem Kilometerrausch hatten wir nicht früh genug Wasser aufgefüllt. Nach den letzten Weinhängen waren die Ufer des Columbia River in Wüste übergegangen. Wasser lag unerreichbar im Gegenwind hinter uns, rundeine Stunde Kampf zurück.

Wasser ist unser Benzin
Wasser ist unser Benzin

Jack fuhr zu uns auf den Seitenstreifen als wir gerade unsere einzige Option diskutierten. „You need water?“ War er Indianer? Konnte er Gedanken lesen? Nein, Jack kommt nur ursprünglich aus Manchester und fährt eine Triumph, außerdem ist er Ironman-Trainer und da denkt man ständig an Wasser. Er fuhr tatsächlich los und besorgte uns einen Kanister von der nächsten Tanke. Für ihn eine Viertelstunde Weg. Geld wollte er keines.

Ulf, der einst aus Michelsberg in Brandenburg nach USA floh
Ulf und seine Frau, die einst aus Michelsdorf in Brandenburg nach USA flohen

Und Micheldorf in Brandenburg? Was hat das damit zu tun? Auch Ulf aus Micheldorf, geflohen aus der DDR 1960, eingewandert in die USA dort mit dem Fahrrad auch überall schon gewesen, wollte uns Wasser schenken. Er hielt mit seiner Frau circa 3 Meilen vor uns auf dem Schnurgeraden Highway, wir dachten er hätte eine Panne. Er wollte uns aber nur die Hand schütteln und viel Glück wünschen, weil er unsere deutsche Fahne erkannt hatte und sich über Radfahrer freute. So könnten wir unsere Liste schon nach einer Woche noch über Seiten verlängern. Brad aus Walla Walla gab uns sein Gästezimmer und Routenempfehlungen für den Weg durch Idaho und Montana. Heute brechen wir auf nach Waitsburg, wo Ralph schon vor 25 Jahren in der Zeitung war als German Cyclist, aber das ist eine andere Geschichte.

1. August 2016 – Shalom Seattle

Unsere Reise begann mit einem liebevoll von Freunden zubereiteten sahnigen Birchermüsli. Vorgestellt hatte ich mir den Charakter der Welttour allerdings immer eher als draufgängerisch medium gegrilltes Rinderfilet. Nie begann eine Reise so entspannt, so unaufgeregt: ein herzlich verplauderter Shuttleservice von Freunden zum Münchner Flughafen mit lahmem Sonntagmorgenverkehr. Zeitweise hatte ich fast vergessen, wer hier wen auf eine zweijährige Weltreise bringt. Eine leichte Nervosität stellte sich erst ein, als wir vor dem Abflugterminal auf dem Parkplatz die Räder in die Kartons verpackten, die zu groß waren, als dass sie im entfalteten Zustand in den gemieteten Bus passten. Und sie waren groß, sehr groooß. So groß, dass sie quer durch keine Flughafentür passten, was wir natürlich schon kannten. Aber diesmal waren sie so groß, dass sie auch hochkant auf dem Gepäckwagen nicht durch eine Flughafentür passten! Jedenfalls fast nicht, denn gefühlt überragten die Kartons unsere Köpfe um gut einen Meter. Wir hatten die großzügigen Maximalmaße von British Airways bis auf den Zentimeter ausgenutzt. Jetzt galt es Flughafenpersonal interkontinental von der Handhabbarkeit dieser Monsterkartons zu überzeugen – und das am vom ADAC angekündigten katastrophalsten Reisewochenende des Jahres. Wir erwarteten auf tiefenentspanntes Bodenpersonal zu treffen.

Kartons zu groß für alle Münchner Türen
Kartons zu groß für alle Münchner Türen

Vorsorglich ließen wir die Radkartons außer Sichtweite des Checkins stehen, seelsorglich die Hiobsbotschaft dem Personal behutsam theoretisch nahebringen war unsere Strategie. Wir hatten es mit einer blonden Stephanie zu tun, sie mache normalerweise nicht Checkin, sondern Rollfeld. Die Andeutung einer dienstabseitigen Plauderei nutzend, präsentierten wir unsere Danke-Karte mit uns verlegen Winkenden und den Dankesprüchen in allen Sprachen auf der einen und auf der anderen Seite unserer geplanten Route.

Jetzt schon die beste Idee der Reise: die berühmte Dankespostkarte
Jetzt schon die beste Idee der Reise: die berühmte Dankespostkarte

Danach ging alles sehr schnell – oder besser gesagt sehr sehr langsam für die restlichen in den Schlangen hinter uns wartenden Passagiere. Erst ungläubiges „Jo Wahnsinn“, dann „Birgit, des muast dr mal aschaun!“, dann kamen die Damen der drei Nachbarschalter, wenige Minuten später die Leiterin der Checkinabteilung. Die Letztere allerdings zunächst angezogen durch die völlig widrig erscheinenden Maße unserer Radkartons, die die wuselnden Massen in der Abfertigungshalle weit sichtbar überragten.

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Ihre erste Frage, wie groß die denn seien, wurde erstickt durch das verschwörerische Weiterreichen unserer Karte durch Stephanie und das zunächst sehr kritische schweigende Prüfen unserer Dankessprachen durch die Chefin. Ich erwartete jetzt doch eine strenge Rückkehr zu den Maßen unserer Kartons, denn sie furchte streng ihre Stirn. Allerdings waren die Maße nie mehr Thema, nicht hier und auch nicht sonst wo. Die Chefin traf uns mit ihrem niederschmetterndem Urteil in dieser Situation allerdings völlig unerwartet: „Die wichtigste Sprache fehlt hier aber.“ Das war kein Spaß, so scharf kann das nur eine zu urteilende Herrin über Tausende mit Maßen und Gewichten tricksenden nervösen, schlechtgelaunten Touristen aussprechen. So scharf, dass selbst Stephanie und Birgit mit Kolleginnen im Geplauder kurz verstummten. Das Wichtigste fehlt – ich wusste es eigentlich ja immer. Wir fahren los und das Wichtigste fehlt. Aber was war das nochmal? In meinem Albtraum damals hatte ich es klar vor Augen, das hitzige Erstarren über die plötzliche Erkenntnis, dass das Wichtigste vergessen wurde. Wie konnten wir nur daran nicht denken! Aber als ich dann aufwachte, konnte ich mich selbst unter größten Mühen nicht mehr daran erinnern, was das Wichtigste war, das wir unbegreiflicherweise vergessen hatten. Auch jetzt gelang es mir nicht. Sinnierend starrte ich ins Leere, was in diesem Fall genau auf die Brust der Chefin der Abfertigung von British Airways war – genauer gesagt auf das Namensschild der Chefin mit dem vernichtenden Urteil. „Die wichtigste Sprache“… dort sah ich die kleine himmelblaue Flagge eines sehr kleinen Landes mit einer sehr alten und wenig verbreiteten Sprache. Ich war erleichtert. Natürlich, wir hatten die wichtigste Sprache vergessen, wenn man Danke sagen möchte. Ich grinste und wies Imke mit einer leichten Kopfbewegung auf die Brust der Chefin der Abfertigung. Sie verstand mich falsch. Ich raunte ihr zu: „Jetzt, sprich es, Du beklagst doch immer, dass es so wenig Gelegenheit dafür gibt seit Du dort studiert hast.“ Dann fiel ihr wohl auch die himmelblaue Flagge auf dem Namensschild auf und man konnte fast den Schalter sehen, der sich in Imkes Sprachzentrum umlegte und ein Schwall Hebräisch ergoss sich auf die verblüffte Abfertigungschefin. Imke plauderte über Gott und die Welt und die Schwester der israelischen Abfertigungsleiterin, die im heißen Tel Aviv leben muss… Der Rest war mindestens eine halbe Stunde Vollsperrung der Abfertigung für alle BA-Passagiere im Münchner Flughafen zur besten Abflugzeit. Vom Hass der hinter uns Wartenden waren wir aber glücklicherweise durch eine gigantische Wand von Radkartons getrennt.

Der James Bond, den ich dann im Flugzeug anschaute, weil ich ihn im Kino verpasst hatte, war schal und aufgeblasen, wie das Schlangestehen für Security, Immigration und Zoll. Interessant wurde es erst wieder in Seattle, als der Verantwortliche Iraki („Schade, dass ihr nicht durch Bagdad fahrt, eine interessante Stadt.“) uns mitteilte, dass die Räder leider in London stehen geblieben seien.

Haha, die Räder sind doch nicht in London geblieben!
Haha, die Räder sind doch nicht in London geblieben!

London war in diesem Fall ein Rollbahnrand in Seattle, wo feierabendlockeres Bodenpersonal die Radkartons einfach stehen gelassen hatten weil sie ihnen wohl auch zu groß erschienen. Einige  ratlose Minuten später hatten wir aber dann unsere Räder wieder und machten uns abfahrtbereit in der Ankunftshalle. Dann ein kurzer Ritt unter dem roten Licht der über dem Pudget Sound untergehenden Sonne auf dem International Boulevard in südlicher Richtung. Die ersten wirklichen Meter unserer Reise im Sattel – ein Gänsehautaugenblick. Angekommen in Seattle. Saumüde checkten wir uns in ein stilvolles 70er-Jahre-Motel ein. Shalom Seatle!

„Shalom“ – so begann unsere Reise, wir sollten dieses Wort nicht vergessen, wenn es um Dank geht.

 

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Colorado City

Zeichen zu entziffern, die nicht sichtbar sind, Stimmungen zu lesen, die nicht an Einzelheiten festzumachen sind, Atmosphären aufzufassen, die nicht offen zu erspüren sind, das sind Fähigkeiten, die Lebewesen entwickeln, die auf der Hut sein müssen. Vielleicht, auch wenn eine solche Analogie immer fragwürdig ist, geht es Tieren so, die sich vor Gefahren in Acht nehmen müssen, weil die Umwelt jederzeit in Bedrohung umschlagen kann. Sicherlich geht es auch Menschen so, die für längere Zeit den Schutzraum ihrer Behausung, die bekannte Nachbarschaft oder den vertrauten Kulturraum verlassen und in der Fremde oder „Draußen“ leben – Obdachlosen vielleicht oder auch Langstreckenradfahrern. So beschreiben es viele von denen, die wir auf der Straße getroffen haben. Und auch die Abgebrühten, die schon viel erlebt haben, sprechen davon mit ernsthaftem Respekt. Eine gewisse Furcht ist diesem Gespür für Orte und Situationen immer auch eigen. Denn es gibt gute Orte und böse Orte.

Ein solch ominöses Gefühl schlich sich in unsere Gedanken an dem Tag, an dem Colorado City die einzige Ortschaft sein sollte, die auf unserer Strecke lag. Begonnen hatte dieser Tag sonnig und die ersten 40 Kilometer fuhren wir hinaus aus der Agglomeration St. George und Hurricane auf sehr stark befahrenen Straßen, die aber einen breiten Seitenstreifen für uns hatten. Imkes Vorderrad war ohne weitere Verzögerung repariert und eingebaut worden. Wir waren vorbereitet auf den vor uns liegenden Streckenabschnitt zum Nordrand des Grand Canyon. Heute wollten wir die Staatengrenze nach Arizona überschreiten. Wir wollten Kilometer machen, denn ein großartiges Ziel lag vor uns – sicher eines der größten Naturwunder dieser Erde. Nach längerer Zeit der Kälte hatten wir wieder tiefere Lagen erreicht und in den letzten zwei Tagen die Wärme genossen. Jetzt erarbeiteten wir uns wieder die Höhe des Colorado Plateaus, das sich auf über 2000 Metern über Meer östlich von Las Vegas erstreckt. Mitten durch diese rund 500 Kilometer ausgestreckte Hochebene zieht sich ein gewaltiger Riss, den der Colorado River in Millionen von Jahren gefressen hat. Vor uns würde sich bald ein Abgrund von 1700 Metern Tiefe auftun, der bis heute durch keine für Fahrzeuge passable Brücke gezähmt werden konnte. Durch diese fast unüberwindliche Barriere ist der Norden Arizonas, der sogenannte „Arizona Strip“ von der restlichen Zivilisation des Staates abgeschnitten. In der ohnehin sehr dünn besiedelten Wüstenlandschaft steht diese Ortsbezeichnung für eine Gegend, die noch abgeschiedener, noch schwerer zugänglich und daher noch ungewisser war, als alles, was wir bisher durchfahren hatten. Colorado City, genau auf der Staatsgrenze zwischen dem Mormonenstaat Utah und dem Wüstenstaat Arizona gelegen, war die einzige Ortschaft, in der wir unsere Hoffnung auf Wasser und Lebensmittel setzten. In den vergangen Tagen, als wir unsere Erkundigungen bei den Einheimischen einholten, hörten wir immer wieder, dass dies eine eigenartige Gegend sei. Dabei wurde das Wort „eigenartig“ jedes Mal mit einem mehrdeutigen Unterton belegt. Wir wunderten uns nicht weiter, vielleicht war das die Art, wie hier die Städter über die Wüste und die Rednecks, die Farmer, sprachen.

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Als wir in Hurricane auf den Highway 389 einbogen, merkten wir bald, dass dies kein vergnüglicher Ritt durch die Wüste werden würde. Der Verkehr war dicht, einen Seitenstreifen auf den wir uns retten konnten, gab es keinen und die Fahrweise auf dieser Straße war schnell und rücksichtslos. Eine Alternative gab es nicht. Wir mussten entweder diese Straße zum Nordrand nehmen, um im Osten um den Grand Canyon herum zu fahren, oder im Westen über Las Vegas den Canyon zu umgehen. Die irre Casinostadt mit dem Fahrrad anzufahren, erschien uns auch keine gute Idee. Nach einer Stunde Steigung bogen wir auf die erste Staubpiste ab, die sich uns bot und setzten uns 100 Meter abseits des Highways in den Staub. Wir gaben beide vor hungrig zu sein, aßen aber kaum etwas und waren still mit unseren Gedanken beschäftigt. Wie wir später feststellten, beschäftigten uns dieselben Überlegungen und Gefühle. Woher kommt plötzlich diese enorme Niedergeschlagenheit? War es allein die Furcht vor dieser Straße, auf der wir mindestens die nächsten eineinhalb Tage verbringen müssen? Ist es nur meine momentane, vorübergehende Stimmung, die die Situation düster erscheinen lässt? Wie gefährlich ist der Verkehr objektiv, nach Abzug meiner schlechten Tagesstimmung? Gibt es wirklich keine Alternativen zu dieser Straße? Warum waren wir so gänzlich jeder Energie beraubt die bedrückende Stimmung zu wenden? Die Staubpiste an deren Rand wir saßen würde im Nichts enden, irgendwo in der Wüste viele Kilometer vor dem großen Abgrund, ebenso alle anderen Pisten, die jemals von dieser Straße abzweigen würden. In der nächsten halben Stunde sprachen wir nicht über das unvermeidlich vor uns Liegende. Drei Jeeps bogen in dieser Zeit auf die Piste ein und hüllten uns in eine immer dicker werdende Staubschicht. Jeden dieser Wagen hielten wir an, zwei Städter mit Mountainbikes auf ihren Jeeps und ein Farmer mit Kühen im Anhänger. Alle drei bestätigten uns, dass es keine Alternative zu diesem Highway gebe, nicht einmal die robustesten Geländefahrzeuge würden die im Vorfeld des Grand Canyon von dessen Erosionszuflüssen zerfurchte Landschaft durchqueren können. Was uns aber mehr noch als diese deprimierenden Auskünfte besorgte, waren die mehrdeutigen Hinweise, die wir bezüglich Colorado City und der Gegend allgemein erhielten. Alle drei, unterschiedliche Charaktere, fragten uns auf die uns langsam gruselig werdende Art und Weise, ob wir denn auch wüssten in was für einer Gegend wir uns befänden und was es mit Colorado City auf sich habe. Wir sollten es bald erfahren, sehr detailliert sogar.

Zunächst aber, wollten wir das Verkehrsproblem lösen. Ohne Absprache kamen wir zum selben Schluss. Wir wussten immer schon, dass die Weltumrundung mit dem Fahrrad nicht immer auf gemütlichen, verschlafenen Sträßchen zu bewältigen war. Und wir wussten auch, dass wir uns nicht vermeidlichen Gefahren für Gesundheit und Leben aussetzen wollten. Wir beschlossen den Daumen in den Wind zu halten und eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen – mit zwei Fahrrädern und 10 Packtaschen, insgesamt über 100 kg, würde das sicher nicht einfach werden. Wir standen eine Dreiviertelstunde, kein Auto hielt an. Hinter uns verdunkelte sich in Richtung Colorado City der Himmel. Ein Gewitter kündigte sich an. Unsere Stimmung wurde ebenfalls immer düsterer. Plötzlich hielt ein großer Jeep mit Anhänger auf der Gegenfahrbahn – falsche Richtung. Er wendete und hielt neben uns im Straßengraben. Was war geschehen?

Kim und Terra Sue haben den richtigen Anhänger für uns
Kim und Terra Sue haben den richtigen Anhänger für uns

Kim und Terra Sue hatten uns gesehen, waren vorbeigefahren, beratschlagten und beschlossen umzudrehen: um uns mitzunehmen! Ich erinnerte mich, dass sie vor rund einer halben Stunde an uns vorbeigerast waren. Ja, es hätte vorher eben keine andere Wendemöglichkeit gegeben und so seien sie eben die Viertelstunde wieder zurück zu uns gefahren. Wir waren sprachlos. Noch sprachloser wurden wir allerdings, als wir von Kim in den folgenden Stunden die Geschichte von Colorado City hörten. Wir hätten keinen besseren finden können, der uns diese Geschichte erzählt, denn Kim ist „Agent in Charge“ des State of Utah, Department of Correction, bei uns vielleicht so eine Mischung aus Kripo-Kommissar und Steuerfahnder. Er beschäftigt sich mit den mafiösen Geschäften einer Sekte, die ausschließlich in Colorado City lebt und auch mit sehr brutalen Mittel sicherstellt, dass außer ihren Mitgliedern niemand sonst sich dort ansiedelt. Wir sagten ihm, dass wir eigentlich in Colorado City nach Wasser fragen wollten und Lebensmitteln kaufen, vielleicht sogar zu übernachten planten. Er wendete seinen Blick von der Fahrbahn ab und drehte sich zu uns um. Ohne jedes Grinsen, sagte er: „Dann ist es doppelt gut, dass wir euch mitnehmen, dort gibt es sehr viele Waffen. Wir wissen, dass immer wieder Menschen in der Wüste unter ungeklärten Umständen verschwinden, aber wir können da kaum je etwas nachweisen.“ Dann verlor er jegliche dienstliche Zurückhaltung und erzählte.

Um die unwirtliche Wüste Utahs zu bevölkern, betrieben die Mormonen im 19. Jahrhundert intensive Mission in Europa. Sie warben Familien an mit der Zusage auf Land und bezahlte Überfahrt, selbst die Schiffspassage aus Europa wurde gezahlt. Bald aber waren die Kassen der Kirche der Heiligen der Letzten Tage, Latter Day Saints (LDS), wie sich die Mormonen selbst bezeichnen leer. Also sollten die neuen Mitglieder mit von Menschen gezogenen Handwagen den letzten Abschnitt durch die Wüsten und Canyons der Rocky Mountains zurücklegen. Mit solch einem brutalen Treck kam auch einer der Vorfahren von Kim in die Gegend des Arizona Strip. Zu dieser Zeit, waren die Lebensbedingungen so rau, dass viele Männer starben. Es war daher praktisch, dass die Mormonen Anhänger der Polygamie waren, der Ehe, in der ein Mann mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet sein kann. Wie auch immer man darüber denken mag – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab die LDS auf Druck der Bundesregierung in Washington die Polygamie auf. Jedoch nicht alle Anhänger folgten dieser Entscheidung. In einer abgelegenen Region, im sogenannten Arizona Strip, in einem noch abgelegeneren Dorf, genau auf der Grenze zwischen Utah und Arizona, gibt es bis heute eine verbissene, militante und wie wir hörten höchst kriminelle Abspaltung der Mormonen, die weiterhin Polygamie praktizieren und als zentralen Glaubensinhalt verteidigen: Die Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS). Das Dorf heißt Colorado City.

Was uns Kim erzählte, wollten wir eigentlich nicht glauben und es ließ uns in der folgenden Nacht im Zelt nicht gut schlafen. Hier werden immer noch minderjährige Mädchen an alte Männer zwangsverheiratet; den Überschuss an jungen Männern löst man durch Verstoßung oder Schlimmeres, Frauen werden wie Gefangene gehalten, Steuerbetrug mit Nebenehefrauen gehe in die Millionen Dollar, Auseinandersetzungen mit der US-Staatsgewalt nahmen in den 80ern und 90ern bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. Und neugierigen Fremden werde mit Waffen gedroht. Auch uns wäre, so Kim, mindestens ein Pickup mit Bewaffneten durch die Gemarkungen des Dorfes gefolgt, um sicher zu stellen, dass wir die Gegend wieder verlassen.

Wir waren froh, als wir im Auto saßen, während wir durch die Ansiedlungen fuhren, denn alles machte einen feindlichen und düsteren Eindruck. Die Häuser waren von hohen Mauern, dichten Dornenbüschen und Stacheldraht umgeben. Kaum erhielt man den Eindruck es handele sich hier um ein Dorf, eher war es eine zersiedelte Festung. Eine unheimliche Stimmung. Kim und Terra Sue stellen sicher, dass sie uns weit genug außerhalb auf eine abgelegene Staubpiste entlassen konnten. Weit genug, um nicht mehr von dunklen Pickups begleitet zu werden. Es dämmerte schon als wir uns bedankten und verabschiedeten. Wir schlugen uns in die Büsche und fanden einen guten Platz für unser Zelt. Die Nacht, die jetzt anbrach, war aber dunkler in unserer Empfindung. Und auch der nächste Morgen, mit einer anspruchsvollen Schotterpiste vor uns bis zum Pass auf 2700m Höhe und dann weiter zum Grand Canyon, war noch beschwert durch die Gedanken an Kims unglaubliche Schilderungen.

1,8 Milliarden Jahre in drei Tagen

Gestern Abend waren wir zu müde, um uns noch mit der vor uns liegenden Strecke zum Grand Canyon zu beschäftigen. Und heute früh tat es gut, auf der Picknickdecke in der Sonne zu sitzen, die dunklen Gedanken von gestern zu verscheuchen und über unsere Erlebnisse zu sprechen. So kam es, dass wir uns erst am späten Vormittag auf den Weg machten.

Wir schoben unsere Räder von unserem gut versteckten Lagerplatz im Wald auf die staubige Schotterpiste und fuhren wieder guter Dinge los – auch wenn es viel mehr Kraft kostet, das schwer beladene Fahrrad über die losen Steine und durch den Sand zu steuern, waren wir doch froh, allein und in Frieden ohne Verkehr durch die allmählich gelb werdenden Bäume zu fahren. Auch als wir feststellten, dass wir, um an den 2500 Meter hoch gelegenen Nordrand des Grand Canyon zu kommen, über einen weiteren 2700 Meter hohen Pass mussten, konnte das unserer Laune nichts anhaben.

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„Ralph fährt weiter links – ob die Straße dort besser fahrbar ist?“, überlege ich und versuche in einem Zickzackkurs, die beste Spur durch den Schotter zu finden. Da fährt plötzlich ein Pickup neben mich, verlangsamt seine Fahrt, und zwei „Rednecks“ lehnen sich aus den Fenstern. Bärtige, untersetzte, finster aussehende Typen, die mit ihren tätowierten Armen keinen so vertrauenswürdigen Eindruck machen. Sicher bekomme ich gleich einen blöden Spruch zu hören, dass ich soweit auf ihrer Seite gefahren bin.

Doch weit gefehlt. „Seid ihr sicher, was ihr da tut? Das ist eine lange, lange Steigung, es gibt kein Wasser, wollt ihr nicht lieber mit uns mit fahren?“ (Diese Frage kommt uns doch bekannt vor…) Natürlich nicht, jetzt haben wir doch gerade erst den Daumen rausgehalten! Mit unserer wiedergefundenen Zuversicht versichern wir, dass das hier alles „part of the adventure“ sei und wir gut ausgerüstet seien. Das beeindruckt die beiden, und sie nicken verständnisvoll mit den Köpfen, doch besorgt sind sie immer noch: Ob wir denn guns bei uns hätten? Hier gebe es viele Berglöwen, und sie würden sich niemals ohne Waffen zum Holzmachen in diese Gegend wagen. Ein wenig mitleidig blicken sie uns an, als wir erklären, dass wir Deutsche seien und es uns deshalb nicht erlaubt sei Waffen zu tragen. Dafür klärt sich dann aber auch ihre Frage, was unsere zweite Flagge am Fahrrad denn für eine komische amerikanische Fahne sei – ach so, das ist Deutschland! Auf unsere Frage hin, woher sie denn kommen, antworten sie ausweichend: „Da hinten von der Grenze.“ Das verstehen wir seit gestern nun ohne weitere Erklärungen.

Immer noch sehr besorgt um uns, warnen sie uns noch, bevor sie weiterfahren: „Passt in diesen Wäldern gut auf! Es ist gerade Jagdsaison, hier sind überall Jäger unterwegs. Verlasst am besten die Straße nicht.“ In der Tat hören wir den ganzen Tag über, während wir uns langsam die Schotterpiste hocharbeiten, in der Ferne immer wieder Schüsse. Kaum ein Straßenschild, wie übrigens fast überall hier im Westen von Amerika, das nicht zerschossen ist. Sicher können wir uns nur in den paar Minuten fühlen, in denen wir das unerklärliche Schild „No shooting for one mile“ passieren. Um unsere Würde zu schützen, haben wir kein Foto davon gemacht, was ich Euch hier aber erzählen will: Für den Toilettengang hinter den nächsten Baum haben wir lieber eine Warnweste angezogen.

Ein Schild auf 50 Meilen Schotterpiste
Ein Schild auf 50 Meilen Schotterpiste – und alle schießen darauf

Dieser Tag dauerte länger als gedacht. Die letzten Kilometer zum Grand Canyon fuhren wir im Dunklen, dank unserer beiden tollen Dynamos zum Glück mit hellem Licht. Ziemlich ausgepumpt erreichten wir den Campingplatz am North Rim und waren froh, überhaupt einen Platz für unser Zelt zu bekommen. Im Licht der Stirnlampen bauten wir mit steif gefrorenen Fingern rasch unser Zelt auf und krochen sofort in unsere Schlafsäcke, denn hier oben auf 2500m war es schon wieder ziemlich kalt.

„Imke! Wach auf! Komm schnell raus! Das musst du sehen!“ Es war kaum hell, und normalerweise bringt mich um diese Uhrzeit nichts aus meinem Schlafsack, in dem ich wie verpuppt warm eingewickelt liege und den ich am liebsten nie mehr verlassen möchte. Doch der eindringliche und zugleich begeisterte Klang von Ralphs Stimme bewegt mich dazu, den Kopf aus dem Zelt zu stecken. – Was ich da erblicke, ist größer als das, was Worte fassen können. Direkt vor meinen Augen öffnet sich der gähnende Abgrund des Grand Canyon. In der Schwärze der gestrigen Nacht haben wir unser Zelt direkt an die Abbruchkante gestellt. Jetzt fällt mein Blick vom Schlafsack aus auf die grün und weiß leuchtenden Felsschichten, die von der orangenen Morgensonne angestrahlt werden und steil in eine noch dunkle Tiefe abfallen, deren Grund zu weit ist, als dass man ihn mit bloßem Auge erkennen kann. Sprachlos vor Glück und Ergriffenheit trinken wir unseren Morgenkaffee auf einer kleinen Holzbank am Felsrand und sehen zu, wie das Sonnenlicht immer tiefer in die gewaltige Schlucht fällt und die vielen Farben der Gesteinsschichten zum Leuchten bringt.

Auf dieser kleinen unscheinbaren Holzbank wurde eine große Idee geboren. Durch den aus unseren Bechern aufsteigenden Dampf blicken wir auf den 20km Luftlinie entfernten Südrand des Grand Canyon, von wo aus wir weiter durch Arizona nach Kalifornien fahren wollen. Der Weg zum Südrand führt aber in einem 400km weiten Bogen aus dicht befahrenen Straßen weit um den Canyon herum. Mein Hirn arbeitet vor Kälte und Schläfrigkeit noch langsam, es ist vollauf damit beschäftigt, die Wärme des Kaffees und den atemberaubenden Ausblick auszukosten. So ist es Ralph, der es zuerst ausspricht:

„Warum sollen wir einen so großen Umweg fahren, wenn unser Ziel hier direkt vor uns liegt? Wir laufen da durch! Wir wandern auf die andere Seite des Grand Canyon!“

Diese Idee packt uns beide sofort. Aus der friedvollen, meditativen Sonnenaufgangsstimmung spülen uns die sich überstürzenden Ereignisse in eine begeisterte Geschäftigkeit. Wir finden heraus, dass es am Fuße des Grand Canyon zwei winzige, einfachste Campingplätze gibt. Um dort zu übernachten, braucht man allerdings ein „Back Country Permit“, auf das man normalerweise mindestens vier bis fünf Tage warten muss. Diane aus dem Back Country Office ist von unserer Idee allerdings auch so begeistert, dass wir wenige Stunden später das Permit in Händen halten. Steve, der „Ranger-Guru des Grand Canyon“, würde am liebsten gleich mit uns mitlaufen und ist so beeindruckt von unserer Fitness, dass er uns nur den Tipp mit auf den Weg gibt: „Ihr seid so durchtrainiert und werdet so schnell sein, dass ihr fast nichts mitnehmen müsst – the lighter you travel, the more fun you have.“

Greg verdanken wir neben vielen Infos unser bestes Mittagessen seit Wochen und zwei alte Rucksäcke
Greg verdanken wir neben vielen Infos unser bestes Mittagessen seit Wochen und zwei alte Rucksäcke

Sicherlich fragt Ihr euch: Aber was wollen die denn mit ihren Rädern machen? Das taten wir auch, aber nur kurze Zeit. Dann schloss Ralph Freundschaft mit Greg, dem Fahrer der Belegschaft, die am North Rim arbeitet. Greg nahm Ralph gleich mit in seinen Bus und zeigte ihm alles, was am North Rim wirklich wichtig ist: Die Duschen, die Kantine, wo nur die Mitarbeiter für fünf Dollar essen dürfen („Sagt einfach, ihr kennt Greg, dann könnt ihr essen was und soviel ihr wollt!“ – und das taten wir!) und „Trans Canyon“, die Shuttlebus-Organisation, die normalerweise Menschen oder Rucksäcke ans South Rim transportiert. Es dauerte nicht lange, bis wir auch Maggie auf unserer Seite hatten und unsere Räder sicher verstaut in einem kleinen Trailer standen, in dem sie von Maggie selbst an den Südrand des Grand Canyon gefahren werden und dort auf uns warten sollten. Trotz dieser hervorragenden Lösung fühlte es sich ein wenig merkwürdig an, plötzlich so ohne Fahrrad dazustehen, nachdem wir nun fast drei Monate lang keine Nacht weniger als drei Meter von unseren Pferden entfernt geschlafen hatten.

Jetzt fehlten eigentlich nur noch – Rucksäcke, genau! Trotz aller Fitness sind der Abstieg und der Aufstieg aus der Schlucht des Grand Canyon so anspruchsvoll, dass wir Zelt, Isomatten, Wasser und Essen schlecht in unseren Satteltaschen wie die Sherpas auf dem Nacken tragen können. Doch wir hatten nicht mit Greg gerechnet, der in Windeseile aus dem „Liegengeblieben – Fundus“ der Kantine zwei sehr bemerkenswerte und einzigartige Rucksäcke für uns zauberte. Ralph durchquerte den Grand Canyon stolz mit einem restlos abgerissenen himmelblauen Tagesrucksack in Kindergröße und auf meinem Rücken hüpfte ein schwarzes Stoffrucksäckchen mit Lederriemen, das besser in eine Shoppingmeile gepasst hätte. Unsere Vorräte für die kommenden drei Tage passten nicht mehr hinein, so dass an meiner Hand zusätzlich eine Plastiktüte baumelte. So ausgestattet machten wir uns am nächsten Tag fröhlich auf den Weg und hatten weniger Gepäck als jeder Tageswanderer.

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Es ist ein beeindruckendes und schwer zu beschreibendes Gefühl, 1700 Höhenmeter in die Tiefe eines solchen Naturwunders hinabzusteigen. Der Wechsel der Gesteinsschichten, an die sich der schmale Wanderweg klammert, erzählt die geologische Geschichte der 1,8 Milliarden Jahre, die hier übereinander liegen, und der ca. sechs Millionen Jahre, die der Colorado River brauchte, um sich durch sie herunterzuarbeiten. Die Farben der Felsen wechseln stetig und leuchten in Orange, Rot, Braun, Lila und Grün. Fünf Klimazonen durchschreiten wir in diesen drei Tagen. Haben wir gerade noch gefroren, wird es jetzt heißer und heißer, je tiefer wir kommen. Abends schlagen wir unser Zelt am Colorado River auf. Ungläubig staunend blicken wir die endlosen Wände hoch, die uns umgeben, und können uns kaum mehr vorstellen, dass dort oben gestern noch unser Zelt stand. Hier unten sind wir in einer anderen, von dem touristischen Gewurschtel völlig abgeschlossenen Welt, auf einem anderen Planeten. Die Grillen zirpen ohrenbetäubend, die rottrübe Gewalt des Colorado River rauscht beruhigend und zugleich ein wenig gruselig. Als über all dem noch der Vollmond aufgeht und sein klares Licht über die roten Felsen gießt, werden wir ganz still und wünschen uns, dass die Zeit still steht.

Noch vor der Morgendämmerung sehen wir die Lichter der Stirnlampen der ersten Wanderer wie aufgereihte Glühwürmchen an unserem Zelt vorbeiziehen. „Wie auf dem Mount Everest“, witzeln wir noch im Schlafsack, „bestimmt gibt es am Hillary Step einen Stau.“ Obwohl es natürlich sinnvoll ist früh zu starten, denn es sind 1500 Höhenmeter Aufstieg bis zum Südrand, und der Weg liegt voll in der Sonne und bietet keinen Schatten. Wir werfen zum Frühstück Erdnüsse ein. Wir haben zu wenig Brot dabei, und die wenigen Lebensmittel, die die Phantom Ranch am Ufer des Colorado River verkauft, sind so teuer, dass wir uns für Erdnüsse entschieden haben – das beste Kalorien-Preis-Verhältnis. Wir reihen uns in die Glühwürmchenschlange ein und haben schnell auch die ersten Frühaufsteher überholt. Die von oben kommenden Wanderer empfangen uns anerkennend: „Ihr seid die Ersten, die heute hochkommen!“

Oben angekommen nehmen wir unsere Räder wieder in Empfang, und es fühlt sich nach drei Tagen Wandern wunderbar an, wieder im Sattel zu sitzen.

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Spontane, kraftvolle Langstreckenbikerparty auf der Route 66 – drei Nationen treffen sich in der Wüste von Arizona

Nun sind wir auf dem Weg nach Kalifornien. Vor uns liegt ein großer Abschnitt NICHTS. Wir werden mal wieder durch Wüste fahren – den Joshua Tree Nationalpark, die Mojave Wüste und das Death Valley. Die Weiterfahrt Richtung Kalifornien verspricht interessant zu werden: Wir kommen durch drei Ansiedlungen mit den Namen Siberia, Bagdad und Mars. Nehmt es uns deshalb nicht übel, wenn es eine Weile dauert, bis wir uns wieder bei Euch melden können.

Al lebt seit 53 Jahren auf der Straße und erkennt, welche Menschen glücklich sind – auf den ersten Blick
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Weltumspannende Radfahrerfamilie am Lagerfeuer: Alessandra, Lauren und Nick
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