China

31. Oktober 2017

Von hier nach da – Himalaya

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Von Golmud nach Yushu: über das tibetische Hochplateau

Von Golmud  fuhren wir los auf der G 109, der Straße, die nach Lhasa führt. Diese Straße müssen wir uns leider mit vielen LKWs teilen, die ebenfalls unterwegs waren nach Tibet. Das machte das Radfahren zwar ein bisschen weniger entspannt, weil wir öfter in den Straßengraben ausweichen mussten, aber in der Regel hielten alle LKWfahrer genügend Abstand. Was uns viel mehr aus der Fassung brachte, waren die endlosen Militärkolonnen, die uns auf ihrem Weg in die Autonome Region Tibet mehrfach täglich passierten. Sie waren so lang, dass wir aus Sicherheitsgründen regelmäßig von der Straße fuhren und warteten, bis sie vorbei waren – oft eine Viertelstunde lang. Militärlaster um Militärlaster donnerte an uns vorbei, Mercedes Benz an Mercedes Benz – Made in Germany für die Unterdrückung der Tibeter. Auch nachts hörten wir im Zelt abseits der Straße stundenlang das tiefe, beunruhigende Grollen der Militärkonvois nach Lhasa. „Was machen diese Unmengen von Soldaten da nur alle?“ fragte ich irgendwann fassungslos. „Tibet belagern“, war Ralphs schlichte Antwort.

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Wir waren nervös. Nicht nur wegen des vielen Militärs – hatten wir doch schon genügend Begegnungen mit der chinesischen Ordnungsmacht in der Provinz Xinjiang gemacht. Wir waren nervös, denn wir wussten nicht, ob der Polizeicheckpoint 30 Kilometer außerhalb der Stadt Golmud uns passieren lassen würde. Denn Ausländern ist die Einreise in die Provinz Tibet nur mit Sondergenehmigungen erlaubt. Wir hörten von Radfahrern, denen eine Durchfahrt verweigert wurde, obwohl sie versicherten, nicht in die Provinz einzureisen, sondern vorher nach Osten abzubiegen und über das Hochplateau nach Yushu zu fahren. Auch wir hatten diesen Plan, nach dem Motto: „Wenn wir nicht in die Provinz Tibet einreisen dürfen, dann werden wir halt über das osttibetische Hochplateau durch das Siedlungsgebiet der Tibeter fahren.“ Dort ist auch Himalaya.

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Als wir schließlich den Checkpoint passieren durften, erschien uns das Zustandekommen der Entscheidung der drei noch fast jugendlichen Polizisten, alle in Splitterschutzwesten und schwerer Bewaffnung, ziemlich willkürlich. Wären wir nicht so gut vorbereitet gewesen und hätten nicht 500 Meter vor dem Checkpoint am Straßenrand auf unserer großen Chinalandkarte unsere Route mit Marker dick angestrichen, wäre das nicht unbedingt so gut für uns verlaufen. Auf Nachfrage konnten wir so am Checkpoint gleich unsere Karte zücken – und wir hatten den Eindruck, dass man die Leute vom Land (das waren oft die Polizisten, mit denen wir es zu tun hatten) mit einer Landkarte immer beeindrucken konnte. Noch Minuten vorher waren wir darauf vorbereitet wieder zurück nach Golmud fahren zu müssen und uns dort einen ganz neuen Plan aus den Fingern zu saugen. Eine andere Strecke durch China verbunden mit der Trauer nicht aufs Hochplateau des Himalaya fahren zu dürfen. Jetzt waren wir völlig fassungslos, dass unser so primitiver Landkartenplan ohne Abstriche aufgegangen war. Im Staub des Lastwagenparkplatzes außer Sicht der Polizisten tanzten wir vor Freude und der Tankwart wunderte sich.

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Allerdings wussten wir auch: Vor uns liegen Leiden. Wir achteten in den folgenden Tagen sehr sorgfältig darauf, pro Tag nicht mehr als 500 Höhenmeter aufzusteigen, denn das ist die Akklimatisierung, die notwendig ist, um nicht höhenkrank zu werden. Daher brauchten wir für die 160 Kilometer bis zum Kunlun-Pass auf 4800 Metern Höhe fast vier Tage. Dahinter würden wir für längere Zeit nicht mehr unter 4300 Metern Höhe absteigen können. Das bedeutet: Wir wären gefangen, wenn jetzt einer von uns höhenkrank werden würde.

 

30 Kilometer hinter dem Pass verließen wir die Straße nach Lhasa und bogen auf das tibetische Hochplateau Richtung Yushu ab. Wir fanden uns in einer ganz anderen Landschaft wieder. Es war fast gar kein Verkehr mehr. Plötzlich umschmeichelte  uns eine wunderbar klare Stille. Es war zwar sehr kalt, aber die Sonne schien besonders hell. Bis zum Horizont erstreckte sich die gelbe Grassteppen-Ebene, nur durchbrochen von kleinen Wasserflächen und roten Moosflechten. In die eine Richtung sahen wir die schneebedeckten Gipfel des Kunlun-Shan, in die andere nur blauen Himmel. In dieser Ebene ohne Ende befinden sich die Quellen des Jangtskiang und des Gelben Flusses, dem dritt- und viertgrößten Fluss der Erde, und des Mekong, dem wir in Südostasien noch lange folgen werden. Es war ein beeindruckendes Gefühl, dass diese Ströme unter unseren Füßen entspringen, sich sammeln und dann viele tausend Kilometer weit durch Asien fließen.

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Hier oben waren wir ganz allein. Nur sehr selten entdeckten wir als kleine weiße Punkte in der Weite das Zelt einer Nomadenfamilie. Was wir viel öfter sahen, waren die Wildtiere Tibets. Wir teilten uns nun den Lebensraum mit Yaks – an die haben wir mittlerweile schon so gewöhnt, dass ihr Grunzen und Schnaufen neben unserem Zelt so beruhigend einschläfernd klingt wie das Schnurren einer Katze – und mit selteneren Wildtieren: Wir beobachteten Herden von Kiangs, tibetischen Wildeseln, sahen Tibetgazellen-Familien an den Flüssen trinken und machten Wettrennen mit den Tschiru, der Tibet-Antilope mit ihren zwei beeindruckend langen schwarzen Hörnern. Eine Gruppe Geier zerfleischte ihre Beute in unmittelbarer Nähe der Straße. Die Stille, die Weite und die Klarheit erhoben unsere Seele über unseren nach Luft ringenden Körper und wir segelten mit den Adlern über unseren Köpfen hinein in das große Blau.

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Um unsere Stimmung nicht zu pathetisch werden zu lassen, rannten neben uns her immer kleine kuschelige Puschel auf winzigkleinen Beinchen und quietschten. Pfeifhasen heißen diese sehr niedlichen Tiere, die aber eher aussehen wie eine sehr flauschige Version von irre schnellen Hamstern. Ich fand es einen tröstenden Gedanken, wenn die Höhe mich zu sehr quälte beim Atmen, beim Treten und das Höhenkrankheitskopfweh immer wieder auftauchte: sich einfach an den Straßenrand legen und sich umgeben wissen von diesen Pfeifmeerschweinchen. Das wäre doch schön.

Bei aller Schönheit, es war kalt! Wir wählten den Oktober als Reisezeit für dieses extreme Gebiet. Dann regnet es statistisch viel weniger als im September. Wir litten, nicht nur an der Kälte, sondern leider auch an den ersten Symptomen der Höhenkrankheit – trotz vorbildlicher Akklimatisierung. Auch hatte Ralph eine heftige Erkältung, so dass er nachts kaum Luft bekam und die meisten Nächte wach lag und nach Atem rang. Zweimal flüchteten wir vor der Kälte aus dem heimatlichen Zelt in erbärmlich dreckige, laute und zugige tibetische Unterkünfte – eher Abstellkammern. Das brachte uns außer der Tatsache, dass wir das Zelt nicht aufbauen mussten, jedoch keinen Komfortgewinn, denn auch hier war Innentemperatur gleich Außentemperatur. Vielmehr stellte es uns vor ganz andere Probleme, z.B. die Frage des Toilettengangs. Es gibt in den tibetischen Häusern hier oben keine Toiletten, im ganzen Dorf nicht. Das heißt, man muss aus dem Dorf rauslaufen, um einen passenden Ort zu finden. Nachts auf diese Weise zur Toilette zu gehen ist lebensgefährlich. Die riesigen furchtlosen tibetischen Hütehunde, die tagsüber entweder an der Kette liegen oder schlafen, erwachen bei Einbruch der Dämmerung zu ihrer Lebensbestimmung. Diese ist: Terror und Angst verbreiten.

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Als auch nach Tagen die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit nicht besser wurden und Ralph mehrere Nächte nicht geschlafen hatte, weil er nicht mehr genug Luft bekam, entschieden wir, die Fahrt übers Hochplateau abzubrechen und nahmen schweren Herzens einen Kleinlaster zu Hilfe. Wir wussten ja, dass die Höhenkrankheit eine sehr ernste Angelegenheit ist (s. unseren Bericht „Auf dem Dach der Welt“).

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 So landeten wir in Yushu, einem kleinen Städtchen, das nach einem schweren Erdbeben 2010 (2700 Tote) fast komplett zerstört wurde und nun recht hübsch wieder aufgebaut ist. Hier hatten wir zur Abwechslung mal wieder eine nette Begegnung mit der Polizei. Wir hatten uns im Internet ein Hotel ausgesucht, von dem wir annahmen, es sei für Ausländer erlaubt. Natürlich lag es weder dort, wo es auf der Karte eingezeichnet war, noch hieß es so, wie es heißen sollte, ein Irrsinn, der für uns schon zur Normalität geworden ist. Wir standen vor dem richtigen Haus, das aber kein Hotel war. Wir waren müde, krank, kaputt und genervt und es schneite. Da riss Ralph der Geduldsfaden. Er rief: „Jetzt geh ich zur Polizei!“. Bevor ich ihn noch von dieser, wie ich fand, bescheuerten Idee abhalten konnte, denn wir versuchen uns vor der Polizei immer so unsichtbar wie möglich zu machen, war er schon auf die nächste Gruppe Polizisten zugetreten. Ich zog den Kopf ein und sah uns schon die nächsten Stunden auf einer Wache statt endlich in einem warmen Bett zu verbringen. Doch diesmal kam alles ganz anders. Wir lernten Tashi kennen. Einen Tibeter bei der chinesischen Polizei, ebenfalls begeisterter Radfahrer, der uns persönlich zu einem wunderbaren Hotel brachte und so lange an meiner Seite blieb, bis das beste Zimmer für uns gefunden war und er uns geholfen hatte, unser Gepäck in den 5. Stock zu tragen, wobei er seine Uniform ziemlich dreckig machte. Schließlich lud er uns gemeinsam mit seinem Kollegen zum Galadiner ein und versuchte eine geschlagene Stunde lang, unsere illegale Simkarte wieder aufzuladen. Sein Kollege und er schauten uns allerdings beim Essen zu und aßen selbst gar nichts – vielleicht eine hier übliche Art besonderer Höflichkeit. Tashis Entgegnung auf unser Erstaunen über dies Verhalten und die Einladung zum Essen: „Der Geist des tibetischen Volkes ist Freundlichkeit.“

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Selbstprüfung

Wir waren froh, dass wir wieder „unten“ waren. Die Kälte auf dem Hochplateau war hart. Unten hieß im diesem Fall auf 3700 Metern über Meer. In Yushu erholten wir uns von der Erkältung (Ralph) und von dem stechenden Kopfweh, erstes Anzeichen der Höhenkrankheit (Imke). Wir mussten uns überlegen, wie es weitergeht. Sollten wir trotz der zunehmenden Kälte unsere Fahrt wie geplant durch den Himalaya fortsetzen? Wollen wir so weitermachen? Immer wieder haben wir auf unserer Reise diese Entscheidung für jeden Abschnitt neu treffen müssen. Nie jedoch ist es uns so schwer gefallen wie für diesen vor uns liegenden Abschnitt.

Denn wir wussten: Das wird sicher eine der härtesten Strecken und das Leiden würde uns auf den kommenden 1100 Kilometern weiter garantiert sein. Fast zwei Tage rangen wir intensiv und hart mit uns selbst: Warum tun wir uns das an? Das Wetter wird durchwachsen werden und es ist so kalt, dass es bis in die Niederungen (auf 3700 Meter!) schneit. Hat uns die Dauerbelastung der letzten Monate schon geschwächt, so dass wir Tiefenerholung brauchen, die sich nicht innerhalb weniger Tage wieder einstellt? Sollten wir nicht einfach den Bus raus aus dem Hochgebirge nehmen und im Bambus-Reis-China bei gemäßigten Temperaturen ein bisschen vor uns hinradeln? Immerhin ist das doch unser Urlaub! Auch wenn es manche wundert: Das denken wir wirklich! Setzen wir unsere Gesundheit oder Schlimmeres aufs Spiel? Die letzte Frage stellen wir uns täglich und diese Frage ist für uns immer Ausschlusskriterium all unserer Pläne. Nicht eine Sekunde würden wir zögern und abbrechen, wenn wir denken die Pläne seien in dieser Hinsicht unverantwortlich.

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Unsere Prüfung ergibt: Sie sind es nicht. Also bleibt die Frage, ob es andere Gründe gibt unsere Route zu ändern und hier abzubrechen. Wir merkten beide, dass uns diese Frage belastete. Wir sind bedrückt und unausgeglichen in den grüblerischen zwei Tagen.

Immer wieder prüfen wir den Wetterbericht und schauen aufs Höhenprofil. Tagsüber hat es 10 Grad Höchsttemperatur hier in Yushu, nachts leichten Frost. 1000 Meter höher sieht es entsprechend ungemütlicher aus. Wir müssen damit rechnen meistens im Zelt zu schlafen. Es gibt dort oben eine Handvoll Dörfer, in denen es aber sicher keine Möglichkeit gibt sich aufzuwärmen. Es werden Drecksnester sein, einfacher Laden, eine Tanke. Meistens werden wir deutlich über 4000 Meter sein, jeden zweiten Tag ist Regen oder Schnee angesagt. Zwar nicht so viel, dass wir eingeschneit werden würden; aber – Wahrheit im Sattel: „Nass wird man auch mit wenig Wasser.“ Erstmal nass fühlen sich auch schon 10 Grad widerlich kalt an.

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Warum tun wir uns das an? Wir stellen uns diese Frage selten, eigentlich fast nie. Aber in den letzten beiden Tagen haben wir uns gefragt: Warum?

Unterdessen finden sich in unseren Berichten Antworten darauf, warum wir so viel auf uns nehmen. Für uns hat sich zu einer erfahrbaren Wahrheit verdichtet, dass wir in jedem Aufbruch immer wieder erneut finden, warum es trotz des Leidens im Sattel ein großes Glück ist, raus in die Welt zu fahren. Eher theoretisch und philosophierend finden sich einige Erklärungsversuche auf unserer Seite „Wir/Warum?“ (klick).

Wir haben also unsere innere Entschlossenheit geprüft, wir haben unsere Fitness abgeklopft mit dem Diagnosehämmerchen der langjährigen Radfahrererfahrung und wir haben beschlossen: Es geht wieder in den Sattel. Es liegen 1100 Kilometer vor uns bis zur anderen Seite des Himalaya, dort wo die tropischen Vorgebirge von Laos und Myanmar schon zu riechen sind.  Von hier nach da – Himalaya!

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Durch Tibet

Ich bin froh über unsere Entscheidung, weiter durch Tibet zu fahren. Das, was wir in diesen Tagen erleben, gibt uns einen beeindruckenden Einblick in die tibetische Kultur. Längst sind nicht mehr nur Gebetsfahnen auf den Pässen zu sehen. Wir fahren täglich an tibetischen Klöstern vorbei. Auch wenn fast alle während der chinesischen „Kulturrevolution“ zerstört wurden, finden wir doch noch ältere Gebäude, die von der langen Geschichte des tibetischen Buddhismus hier zeugen. Der Alltag der Tibeter ist von Religiosität geprägt: Wir sehen viele Menschen mit kleinen Gebetsmühlen in den Händen durch die Straßen gehen. Sie umrunden die Klöster, drehen die großen Gebetsmühlen oder summen im Laden während des Wartens das „Om mani padme hum“ vor sich hin. Für den tibetischen Buddhismus sind die sechs Silben „Om mani padme hum“ Ausdruck der grundlegenden Haltung des Mitgefühls. In ihrer Rezitation drückt der Betende den Wunsch nach Befreiung aller Lebewesen aus dem Kreislauf des Wiedergeborenwerdens aus.

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In kleinen Hütten neben Stupas weit oben auf dem Berg sitzen Mönche, die sich meditierend in die Einsamkeit zurückgezogen haben und tagaus, tagein diese Mantras in Lautsprecher singen, die der Wind über das Tal trägt. Wir hören sie von Tonbändern an den heiligen Orten auf den Gipfeln der Pässe, wenn der Sturm an den hunderten Gebetsfahnen zerrt. Pilger, die uns auf den Schlammstraßen im neu gefallenen Schnee begegnen, summen es vor sich hin. Es steht auf Felsen eingemeißelt, hoch über der Straße, auf riesigen Findlingen in den Flüssen und auf kleinen bunten Manisteinen, die zu langen Mauern aufgeschichtet mitten im weiten Grasland stehen.

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Die meisten Tibeter scheinen gut gelaunt zu sein. Oft winkt uns die ganze Familie vom Moped aus lachend zu und ruft uns den tibetischen Gruß „Tashi delek!“ entgegen. Die Männer mit Cowboyhut, tibetischem Ein-Ärmel-Mantel und cooler Sonnenbrille, die Frauen mit vielen geflochtenen Zöpfen und buntem Schmuck wie Indianerinnen. Wir sind im Gebiet der Khampas unterwegs. Bewohner der tibetischen Provinz Kham, die früher als wildes Reiter- und Räubervolk bekannt und gefürchtet waren. Auch Sven Hedin, dessen Reisen wir ja nach dem Fund seiner Unterhose in der iranischen Wüste Dasht-e-Kavir mit noch größerem Interesse folgen, hatte mit ihnen zu kämpfen. Sie sind größer gewachsen als die anderen Tibeter und sehen auch heute noch ein wenig furchteinflößend aus. Sie führten in den 50er und 60er Jahren einen Guerillakrieg gegen die chinesischen Kommunisten und sicherten im März 1959 die abenteuerliche Flucht des Dalai Lamas ins indische Exil.

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Diese Widerstandstradition der Gegend und ihrer Bewohner äußert sich auch im andauernden Widerstand gegen die chinesische Besetzung Tibets und die Unterdrückung des Buddhismus hier. In den Regionen Amdo und Kham, durch die wir jetzt fahren, gab es seit 2009 die meisten Selbstverbrennungen von tibetischen Mönchen und Nonnen. Diese traurigste Art des Protestes gegen die brutale chinesische Politik hier in Tibet (Ähnliches berichteten wir auch Xinjiang) ebbte erst in den letzten Jahren ab, da die Behörden angefangen hatten hinterbliebene Angehörige und Familien hart zu bestrafen. Klöster, aus denen Mönche und Nonnen kommen, die sich aus Protest selbst verbrennen, müssen mit der Schließung rechnen. Unsere Fahrt durch diese Gegenden ist immer auch durch diese Ereignisse gefärbt: Einerseits die große Freundlichkeit der Tibeter, andererseits ihre verzweifelte Entschlossenheit in der Verteidigung ihrer Kultur und die kompromisslosen Polizeistaatsmaßnahmen der Regierung.

Zuweilen ist es schon ein sehr merkwürdiges Gefühl, sich in einer so fremden Welt so weit weg von Zuhause so selbstverständlich zu bewegen, wie wir es tun. Wenn wir auf Googlemaps gelegentlich unsere Strecke recherchieren und ich dann diesen kleinen blauen Punkt inmitten des größten Gebirgssystems der Welt sehe, in dieser riesigen, kalten Abgeschiedenheit, durchfährt mich der Gedanke: „Mann, sind wir sonstwo.“

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Einladung ins Kloster

Wir sitzen in der Sonne auf den Stufen eines Klosters und genießen die Wärme. Da hebt sich der Vorhang hinter uns, und ein Dutzend Mönche tritt heraus auf den Kiesplatz. Sie beginnen in kleinen Gruppen mit einer buddhistischen Lehrdiskussion, bei der sie sich in die Hände klatschend laut die Argumente entgegenwerfen und dabei hüpfende Schritte aufeinander zu machen.

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Etwas verschämt ziehen wir uns mit dem Gefühl, Zeuge von etwas zu sein, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, vor das Tor des Klosters zurück und beobachten aus der Entfernung das Geschehen. Nach kurzer Zeit kommt eine Gruppe von Mönchen auf uns zu. Sie umringt einen Mann, der ein wenig Englisch spricht und sich als Abt des Klosters vorstellt. Er scheint sich über unser Interesse zu freuen und ist selbst sehr neugierig, woher wir kommen und wie und warum es uns hierher verschlagen hat. Wir erzählen unsere Geschichte, zeigen ihm unsere Route auf der Karte und sind schnell in ein freundliches Gespräch verwickelt. Die übrigen Mönche, die nichts verstehen, untersuchen derweil die Räder, betrachten sich in unserem Rückspiegel, probieren die Klingel aus, staunen über die Kilometer auf dem Tacho und – so habe ich wirklich den Eindruck – segnen meinen Packsack. Auf jeden Fall scheinen sie es sehr angenehm zu finden, ihre Hände sanft auf unseren staubigen Packsäcken ruhen zu lassen. Wir erkennen darin wieder, wie wichtig es hier ist beim Gespräch den Kontakt zu halten, indem man die Hand des Gegenübers festhält, minutenlang.

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„Möchtet ihr mehr über das Kloster erfahren?“ fragt uns der Abt schließlich. „Ich lade euch ein!“ Selbstverständlich wollen wir! Weg ist der Vorsatz, heute ein paar mehr Kilometer als gestern zu machen. Ich schiebe nun mein Rad, kräftig unterstützt von ein paar Teenie-Mönchen, durch die verwinkelten kleinen, mit wilder Pfefferminze zugewachsenen Wege durch die einfachen Lehm-Klausen bis hin zu einem besonders winzigen Häuschen, das eng an den Berg geklemmt dasteht und nur aus einem Raum besteht. Wir ziehen die Schuhe aus und kriechen in eine dunkle Klause, die nur von einem handgroßen Loch in der Wand erhellt wird. Es brennen Butterlampen, kleine Götterstatuen und Fotos des Dalai Lama sind an den Wänden aufgereiht, tibetische heilige Schriften, in Stoff eingeschlagen, lagern bis unter die Decke. „Hier lebte und starb der ehemalige Abt unseres Klosters. Ein großer Ringpoche. Er zog sich hierher zur Meditation zurück und verließ diesen Raum jahrelang nicht. Er wird bald wiederkommen. Wir warten auf seine Reinkarnation.“

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Wieder draußen im Sonnenlicht, ertönt plötzlich ein lauter Gong. Auf dem Dach des Klosters steht ein rotgekleideter Mönch und ruft zur Puja, dem Mittagsgottesdienst. Auch uns wird ein Platz zugwiesen mit Blick auf die goldene Buddhastatue. Nach und nach füllen die Mönche den Raum, die kleinen Jungs und Teenager kommen auf Socken hereingeschliddert und kichern und tuscheln über die komischen Besucher, die Allercoolsten springen mit dem letzten Gongschlag auf ihren Platz. Auch nicht anders als in der Schule. Dann erleben wir den befremdlichen Gesang eines tibetischen Gottesdienstes und bekommen wie alle anderen Mönche auch unser Mittagessen: in der Kälte dampfenden gesalzenen Buttertee und Tsampa (ein Brei aus gerösteten Gerstenkörnern) mit Yakbutter. Wir sind mittendrin. Und denken an den kleinen blauen Punkt auf Googlemaps in der riesigen unbesiedelten Landmasse des Himalaya.

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Das Knurren der Wölfe

Wir wussten, dass ein Schlechtwettereinbruch am Sonntag kommen würde. Deswegen hatten wir uns gestern bis auf die Knochen gequält, um eine Ortschaft zu erreichen, von der wir wussten, dass es eine einfache Unterkunft geben würde. Die Ortschaftsnamen gebrauchen wir fast nicht mehr, denn erstens gibt es fast immer mehrere chinesische Namen für die ursprünglichen tibetischen Bezeichnungen. Beide können wir natürlich nicht lesen und die lateinische Umschrift (also die dritte abgeleitete Namensbezeichnung) ist dann so weit weg vom ursprünglichen Namen, dass es sowieso kein Einheimischer aus unserem Mund versteht. Auch haben wir auf den verschiedenen Landkarten je unterschiedliche Namen, die keinerlei Gleich- oder Ähnlichklang haben. Heute Nacht hat es ununterbrochen geschneit und wir waren sehr froh, nicht im Zelt übernachten zu müssen. Ein Weiterfahren ist heute nicht möglich, denn vor uns liegt der nächste Pass über 4500 Meter Höhe. Wir werden morgen weiter fahren, wenn der gröbste Schnee getaut ist. Das Dzogchen-Kloster, unterhalb dessen sich die kleine Ortschaft befindet, in der wir heute übernachten, ist ein sehr großes Kloster, das fast das ganze enge Seitental ausfüllt.

Wie muss man sich unser Vorankommen im Moment vorstellen? Mein Bruder fragte mich: 1.) Habt ihr heute im Zelt übernachtet? 2.) Habt ihr gefroren? 3.) Wie dick ist euer Schlafsack? 4.) Schlaft ihr in der Kleidung? 5.) Esst ihr genug fettes Fleisch (denn von chinesischen Nudeln kann man nicht fahren)? 6.) Habt ihr auch gesalzenen Buttertee getrunken? 7.) Was macht ihr wenn ihr aufs Klo müsst? 8.) Wie hoch seid ihr eigentlich und habt ihr keine Anzeichen von Höhenkrankheit?

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1.) Die Region ist so dünn besiedelt und die wenigen Häuseransammlungen sind so ärmlich, dass wir fast immer im Zelt übernachten. Wir könnten auch an Türen klopfen und uns ins Haus einladen lassen. Aus verschiedenen Gründen ziehen wir aber fast immer das Zelt vor. Dort ist unterdessen unsere kleine, portable Heimat. Die Armut hier ist so groß, dass Übernachten in den Häusern der Tibeter meist kein „Komfortgewinn“ für uns wäre. Außer heute Nacht, da waren wir froh unter einem Dach zu schlafen, denn es hat die ganze Nacht geschneit. Meist versuchen wir weit entfernt von den menschlichen Ansiedlungen einen Zeltplatz zu finden. Nach dem Motto: je weniger Menschen, desto sicherer. Allerdings haben uns in den letzten Tagen die Wölfe zunehmend Probleme bereitet. Naja, „Probleme“ ist vielleicht etwas falsch ausgedrückt. Wir hörten sie schon die letzten Nächte immer wieder heulen. Bisher hatten wir aber immer den Eindruck, dass sie sich scheu vor Menschen verhalten. Dann aber kamen sie auf etwa einen Kilometer,  500 Meter, in unsere Nähe. Wir schätzten das grob ein, an der Lautstärke des Heulens. Vorvorletzte Nacht allerdings kamen sie bis ans Zelt und wir hörten sie in wenigen Metern Entfernung knurren. Das beunruhigte uns, so dass wir die letzte Nacht in unmittelbarer Nähe der Siedlung neben dem Haus einer sehr freundlichen Familie das Zelt aufstellten.

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2.) Ja, wir frieren. Tagsüber hat es knapp unter 10 Grad, nachts unterdessen um -10 Grad. Vor allem am Ende eines Radtages – wenn man immer wieder geschwitzt hat und dann der Kreislauf runterfährt – ist uns immer kalt. Ab November wird es noch einmal deutlich kälter. Für übermorgen ist ein Temperatursturz von 10 Grad Celsius angesagt. Dann werden die Temperaturen auch tagsüber höchstens um den Gefrierpunkt sein.

3.) Da hilft nur der 1000-Gramm-Daunen-Schlafsack.

4.) Ja, wenn es kälter als – 5 Grad wird, dann ziehen wir im Schlafsack schon mal lange Skiunterwäsche an. Je kälter, desto mehr wird angezogen: Hose, Fleece, Wollmütze …

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5.) Fettes Fleisch ist hier leicht erhältlich. Fettes Fleisch und Kekse. Ja, wir kochen leider auch zu oft chinesische Fertigsuppen mit Nudeln und sie hängen uns schon zum Hals heraus. Was wir sicher zu wenig essen: frisches Gemüse und Obst. Wir haben unsere schwachen Tage auch schon auf eine länger anhaltende (seit Usbekistan) Mangelernährung zurückgeführt. Wissen aber nicht, wie wir dem entgegenessen sollen. Das Sortiment ist hier einfach beschränkt und die Nomaden bauen bekanntlich wenig Früchte an.

6.) Mit gesalzenem Buttertee halten wir uns zurück, nicht weil er uns nicht schmecken würde, sondern weil wir wissen, woher das Wasser für den Tee kommt. Wir versuchen so oft wie möglich unser Trinkwasser zu filtern. Vor einigen Tagen waren wir im Kloster eingeladen. Dort haben wir mit den Mönchen Tsampa und gesalzenen Buttertee  zu uns genommen. Danach ging das Radfahren deutlich besser. Vielleicht aber auch, weil der Abt des Klosters versprochen hat für uns zu beten.

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7.) Wir machen das, was alle Menschen machen, wenn sie aufs Klo müssen. Um den Toilettengang wird hier, wo es kilometerweite Flächen ohne Vegetation und ohne morphologische Verstecke gibt, kein großes Gewese betrieben. Ganz so schamlos routiniert wie die Einheimischen sind wir allerdings (noch) nicht.

8.) Wir sind mit wenigen Ausnahmen jetzt seit rund vier Wochen permanent auf über 4000 Metern Höhe. Wir spüren die Einschränkungen der Höhe nicht mehr so heftig wie in den ersten Tagen, die Begleiterscheinungen sind uns aber täglicher Begleiter: Wir haben wenig Appetit und zwingen uns meist zum Essen; der Magen sitzt etwas höher als gewöhnlich, knapp unter der Kehle, so eine Art Vorstadium der Übelkeit; wir bekommen Erstickungsanfälle, wenn wir während des Radfahrens mehr als zwei Sätze am Stück reden; die Muskeln fühlen sich fast immer leer an und die Tagesetappen fallen uns schwerer als sonst, weil wir uns schlapp fühlen. Allerdings schlafen wir wieder tiefer und wachen nicht mehr auf, weil wir nach Luft schnappen müssen. Auch das Kopfweh der ersten Tage ist ganz verschwunden. Öfter vergessen wir die Höhe und sind frustriert über unsere Schlappheit beim Radfahren, dann erinnern wir uns gegenseitig daran, dass wir den ganzen Spaß hier auf über 4000 Metern Höhe betreiben.

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Persönliche Bereicherung: Der Geber ist der Beschenkte

Die meiste Zeit unserer Reise mit dem Fahrrad um die Welt verbringen wir in dünn- oder beinahe unbesiedelten Gebieten. Wir berichteten ja schon, dass man als Bewohner/in der gemäßigten Zone in Zentraleuropa vergisst, dass ein Großteil der Welt aus Wüste und Halbwüste besteht. Wenn wir dann in besiedelte oder städtische Gebiete kommen auf unserer Reise, dann treffen wir auf Lebensbedingungen, die immer deutlich weniger wohlhabend sind, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Auch das vergisst man in Zentraleuropa: Die überwältigende Mehrheit unserer Mitmenschen lebt in bitterer Armut. Wir haben das immer sehr schockierend vor Augen. Die meisten Häuser sind aus Lehm, bestehen nur aus einem Raum und haben keinen Wasseranschluss. Ein Klo gibt es nicht. Die Menschen waschen ihre Haare und das Geschirr selbst in den kleinen Städten auf der Straße. Die Nomaden leben von dem, was sie selbst produzieren. Ihr Tagesablauf wird vom Leben mit den Tieren bestimmt. Der unwirtlichen Wildnis hier muss das Leben täglich abgerungen werden. Die Gesichter der Menschen hier sind davon gezeichnet, ihr Alter können wir unmöglich schätzen und liegt meist weit unter dem ihres Aussehens. Es gibt viele Menschen, die auf der Straße hockend ihr Geld verdienen durch Schuhe putzen, Näharbeiten, durch Betteln.

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Das alles sticht uns besonders deswegen in die Augen, weil wir als Radfahrer nicht in behüteter touristischer Infrastruktur unterwegs sind, sondern die ärmlichen Lebensbedingungen oft mit den Einheimischen teilen müssen: die Unterkunft, das Essen, das Trinkwasser, die fehlende medizinische Versorgung, die extremen klimatischen Bedingungen ohne Schutz. Uns begegnen die Ärmsten, auch weil dieser Teil der Menschheit meist eng verbunden mit den Straßen dieser Welt lebt – auf denen wir unterwegs sind.

Durch unser Leben auf der Straße und angesichts der Armut begleitet uns immer wieder die Frage: „Wie begegnen wir Bettlern?“ Täglich treffen wir sie: Menschen, die für ihr tägliches Überleben andere um Hilfe bitten. Wir haben eine klare, entschiedene Haltung: Wir geben allen, die uns bitten! Wir geben Geld, wir teilen unser Essen, wir laden zum Essen ein, kaufen Brot, zahlen ein Busticket. Wir geben allen ohne uns ein Urteil zu erlauben und sind dankbar darüber. Nicht sind wir dankbar darüber, weil wir uns dann jedes Mal klar werden, dass wir so reich sind. Das ist zwar ein beruhigendes (und beschämendes) Gefühl angesichts der Armut. Nein, das Dankbarsein hat einen anderen Grund. Um das zu erklären, möchte ich andere hier sprechen lassen: Mahmud aus Mashad und den Abt des buddhistischen Klosters, der uns vor kurzem begegnet ist.

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Mahmud, ein gläubiger Muslim, verkörpert es auf beeindruckende Weise, was er selbst eigentlich gar nicht aussprechen muss: Für ihn scheint die Tatsache, dass er in der Lage ist, anderen zu helfen, ein Gottesgeschenk zu sein. Er spricht davon in wohlüberlegten Worten der Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber, dass er ohne Eigennutz andere unterstützen kann. Wir nehmen es ihm ab, denn man merkt es an seiner Art auf Menschen zuzugehen, dass er es als Privileg versteht, helfen zu dürfen. Dabei geht es nicht oder fast nie um Geld. Andere unterstützen ist ein Lebenssinn und eine ehrenhafte Lebensaufgabe. Klar ist bei Mahmud: Es geht nicht um Networking, von dem man unterm Strich dann selbst am meisten profitiert. Nein, wenn man von persönlicher Bereicherung sprechen möchte, dann geht es um eine Bereicherung der eigenen Seele. „Menschen, die Hilfe brauchen, schickt mir Gott, um mir die Möglichkeit zu geben zu helfen und mich das Glück erleben zu lassen, helfen zu können.“ So erleben auch wir Mahmud, ein großzügiger Mensch, dem es zu einer Leidenschaft geworden ist zu helfen: das Gegenteil einer armseligen Haltung – Geben als Seelenbereicherung.

Der Abt des buddhistischen Klosters sagt es so: „Es ist nicht unser Verdienst, dass wir in einer besseren Lage sind als der Bettler, der uns bittet. Wir stehen nicht über ihm. Er ist ein Ebenbürtiger, der vor unseren Augen leidet. Wir müssen also dankbar sein, dass er uns die Möglichkeit gibt, ihm zu helfen und uns so die Chance geboten wird uns als würdiges Mitgeschöpf zu erweisen.“ Für den Buddhismus ist das Mitgefühl oder Mitleid mit allen Lebewesen ein wichtiger Bestandteil der Lebens- und Glaubenshaltung.

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Uns beschäftigt die Armut, der wir in allen bereisten Ländern begegnen, immer wieder. Oft reden wir miteinander über dieses Thema. Viele Fragen schließen sich dazu an: Reicht es Geld zu geben? Wie kann man die Gründe für Armut bekämpfen? Welche systemischen Bedingungen des Kapitalismus führen zu einer ungleichen Verteilung des Wohlstands? Was sind die politischen Schritte, die gegangen werden müssen zur Bekämpfung der Armut und der Chancenungerechtigkeit? All das sind wichtige Fragen, die beantwortet werden müssen.

Wenn aber der Bettler vor uns steht, dann steht da ein Mensch, der uns anschaut und der uns jetzt um Hilfe bittet. Wir sind der Meinung, dass dann in diesem Moment vor allem die Barmherzigkeit und die Solidarität zwischen mir und ihm das Entscheidende sind. Das gefällt mir auch an unserer eigenen Religion des Christentums. Barmherzigkeit ist geradezu eine Wesenhaftigkeit des Menschseins. Barmherzig zu sein macht mich zum Menschen. Christen glauben ja an einen Gott, der sich auf die Seite der Armen und Hilfsbedürftigen stellt. Die Message der Bibel dazu ist unmissverständlich: Gott begegnet uns in den Armen, Unterdrückten und Hilfsbedürftigen. So gesehen ist unsere Reise eine Reise zu Gott. Denn die Armen und die Unterdrückten sind die Menschen, die uns auf der Straße oft begegnen. Und das bedeutet für uns: Wenn ich helfen kann, muss ich helfen.

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Wer sich jetzt ganz praktisch fragt: „Ich kann doch nicht JEDEM Bettler etwas geben?“, dem können wir nur sagen: Doch, kann man. Wir tun es seit mehreren Jahren und wir sind dadurch nicht arm geworden. Im Gegenteil.

Darüber hinaus wissen wir natürlich, dass das Armut produzierende System nicht geändert wird, indem wir hier und da mal ein bisschen Geld einem Bettler geben. Aber dafür versuchen wir uns ja auch in bescheidenem Rahmen darüber hinaus zu engagieren und unterstützen Fairen Handel und das Schulprojekt der Gebhard-Müller-Schule in Indien, zu dem wir ja schließlich gerade unterwegs sind. Wir freuen uns übrigens schon sehr darauf dort anzukommen. Mit dem Direktor von Gravis (s. Projekt) haben wir schon Kontakt aufgenommen und werden ihn Anfang Dezember in Jodhpur treffen. Dann geht’s weiter zur Schule am Steinbruch. Das gehört für uns zu den unfassbarsten Dingen dieser Reise: Bald werden wir an „unserer“ Schule ankommen und vor den indischen Schülern stehen und ihnen erzählen können, dass es Schüler in Deutschland gibt, die sich für sie einsetzen.

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24. September 2017

Wir Mongolen

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Ein Traum

An meine Träume erinnere ich mich gewöhnlich schon beim Aufwachen nicht mehr. Dieser Traum allerdings steht mir jetzt immer noch ganz klar vor Augen. Normalerweise erzähle ich nicht von den seltenen Träumen, die ich erinnern kann, denn Traumdeutung ist meiner Meinung nach ein haltloser Humbuk. Sollten Träume tatsächlich Aussagen über Unbewusstes zulassen, dann ist es verwunderlich, wie konventionell und platitüdenhaft die Deutungen in der Regel sind. Jedenfalls werde ich diesen Traum erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass ich Euch den Spaß der laienhaften Deutung nicht verbieten kann:
Mondlos war die Nacht und kalt. Das Gewitter, das über unser Zelt noch vor wenigen Stunden hinweggefegt war, hatte die Luft in besonders stiller Starre zurückgelassen. Wir hatten um unser Zelt gefürchtet, weil die Windböen so heftig gewütet haben. Jetzt war die Stille nach dem Sturm umso greifbarer. Ich war dabei einzuschlafen, es war ein anstrengender Tag gewesen. Im Halbschlaf in der Stille traf mich das brüllende Grunzen, das kehlige Röhren wie ein Stromschlag. Atem und Herzschlag setzten mir gefühlt aus und alle Muskeln spannten sich an. WAS war das? Was es auch immer war, es war nur wenige Meter jenseits der dünnen Zeltwand von mir entfernt. Es stand direkt neben mir und es war sehr laut. So laut, dass der erzeugende Resonanzkörper gewaltig sein musste. Ein Bär würde so brüllen. Aber da war auch eine Art tiefes Grunzen dabei, kehlig und dunkel und vor allem sehr laut. Ich war mir sicher: Mit einem Wesen, das solche Geräusche macht, hatte ich es noch nie zu tun. Mit geöffnetem Mund, um besser zu hören, lag ich in der Finsternis. Da bebte die Erde. Ein einzelnes Stampfen, wie von einem Huftier – ein 700-KG-Huftier! Es muss direkt neben meinem Kopf stehen. Jetzt hörte ich das Schnauben – verflucht, ich höre das Monster sogar atmen, es muss wirklich ganz nah am Zelt stehen, ein, zwei Meter entfernt! WAS ist das?

DSC06738Ich versuchte so flach wie möglich zu atmen, während mein Herz raste. Kann es mich auch atmen hören? Mit was kann ich mich verteidigen? Mit einem Schweizer Taschenmesser sicher nicht! Wo ist das überhaupt? Röööhrbrülll! Stampf! Bei dieser Lautstärke blieben mir die Gedanken in den Nervenwindungen stecken. Es steht direkt neben mir und ich liege flach auf dem Boden. Es wird mich einfach zertrampeln, bevor ich mich aus dem Zelt gewunden haben werde – außerdem klemmt unser Zeltreißverschluss seit einigen Tagen. Wieder höre ich das Schnauben. Oder schnuffelt das Vieh an unserer Zeltaußenhaut? Soll ich mich bemerkbar machen? Ich entscheide mich für totstellen, aber das hilft nichts. Es folgt ein weiteres sehr aggressiv klingendes Gebrüll und ein donnernder Hufschlag. Hier ist kein Zweifel möglich, wir sind gemeint. Unser Zelt steht im Weg und der Gegner da draußen ist kurz vor der Attacke. Aber es gibt leider auch keinen Zweifel darüber, dass sich unser Zelt nicht wegbewegen wird. Wird das Vieh das als Herausforderung interpretieren? Werde ich gleich in dieser kuhfinsteren Nacht mit einem Monster kämpfen müssen? Wird mein Leben mit einem klemmenden Reißverschluss enden? Ich werde mich nicht bewegen, möglichst leise atmen, ganz still liegen bleiben. Ich lauschte und lag still da in der Finsternis.
In diesem Moment erwachte ich gottseidank aus meinem Traum und fand mich auf dem Gehweg einer süddeutschen Kleinstadt wieder. Es war Sonntagmorgen und die Kirchgänger gingen kopfschüttelnd an mir vorüber – ich lag ihnen zu Füßen und hatte wohl in der Dunkelheit der Nacht meinen Schlafsack auf dem Gehweg ausgerollt. Insgesamt muss ich einen wirklich glücklichen und vor allem erleichterten Eindruck beim Aufwachen gemacht haben, denn irgendjemand, angesteckt von meiner Freude, lud mich zum Frühstück in sein warmes Wohnzimmer ein. Dort saß ich jetzt beim Kaffee, es gab Gebäck und es war so schön warm. Ich wollte immer dort sitzen bleiben.

DSC06734Dann erwachte ich in die Wirklichkeit und war wieder im Zelt in China in der kalten Gewitternacht auf 3000 Metern Höhe. Der Yakbulle, der mir mich zum Stillliegen gezwungen und den Sekundenschlaftraum eingebrockt hatte, war wohl währenddessen weitergezogen. Aber die Herde war direkt um uns herum. Ich hörte das leise Geräusch des Grasabrupfens und Kauens. Sie müssen direkt um uns herumstehen. Ich kann sie atmen hören. Es sind viele. Gruselig sind die Geräusche, mit denen sich eine Yakherde nachts koordiniert. Wie eine Flotte U-Boote in der finsteren Tiefe des Ozeans mit Echolotsignalen, so ertönte fast im Sekundentakt ein tiefes grollendes Grunzröhren. Wie eine Herde Mammuts, so stelle ich mir vor. Mit riesengroßem Resonanzkörper hört sich das wie von Wesen eines anderen Planeten an. So tönt es aus allen Richtungen, ganz nah und ferner, rings um uns herum. Grasabrupfen, Kauen, Schnuffeln, Antwortgrunzbrüllen. Beim Lauschen konnte ich nach einigen Minuten bestimmen, dass sich die Herde um uns herum in eine bestimmte Richtung bewegt. Gut, dann sind wir bald aus der Gefahrenzone raus, dachte ich. Allerdings sollte ich bald erfahren, dass die Gewohnheit einer Yakherde zu sein scheint, sich wie Gezeitenwogen vorwärts und zurück über das Hochtal zu bewegen. Erst nach Stunden, zur einbrechenden Morgendämmerung zogen sie dann endlich ganz weiter. Unser Schlaf war in dieser Nacht etwas flacher als sonst. Daher kam wohl mein Traum im Traum, was ich sonst nur aus schlechten Filmen kenne.
Eine wichtige Lehre nahm ich aus der Yaknacht und der Rivalität unseres Zeltes mit dem Yakbullen mit: Bleib möglichst still liegen und verhalte dich ruhig! Versuche niemals, eingekesselt in eine Yakherde bei Nacht, durch schrilles Pfeifen die Herde weiterzutreiben. Denn dann wird der Bulle noch aggressiver und bringt seine Kumpels mit. Anders als Traumdeutung basiert diese Behauptung auf gesicherter empirischer Erfahrung.

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Draußen vor der Tür

Etwas verknittert und unausgeschlafen machten wir uns am nächsten Morgen daran, die letzten Höhenmeter des Passes zu überwinden. Vielleicht, weil wir beide viel wach gelegen hatten, weil wir müde und durchgefroren waren, kamen wir auf die absurd hoffnungsvolle Idee, es noch einmal mit einem Hotel zu versuchen. Denn wir wussten, dass in dem kleinen Ort am Ende der 80-km-Abfahrt, an einer Straßenkreuzung, auf unserer chinesischen App mindestens fünf „Herbergen“ eingezeichnet waren. Sicherlich waren das eher Truckerabsteigen als Hotels, aber an diesem Tag erschien uns die Hoffnung auf ein trockenes Zimmer und eine warme Dusche zu nah, so mit Händen greifbar, als dass wir nicht daran glauben wollten: Heute würden wir uns bestimmt in einem Bett richtig ausschlafen, ohne Yakbullen, ohne Schneeregen, ohne Gewitter.
Unsere tolle Taktik, die wir uns diesmal ausgedacht hatten: Wir gehen gleich zur Polizei und fragen sie freundlich, in welchem Hotel wir als Ausländer schlafen dürften. Bestimmt wären sie auch von unserem kläglichen Anblick gerührt und in ihrem Verantwortungsbewusstsein angesprochen. Mit einem einnehmenden Lächeln betrat ich entschlossen die Polizeistation, nachdem ich mehrfach angeklopft hatte und niemand öffnete. Im kahlen Zimmer zwei Uniformierte, einer am Schreibtisch, der mich keines Blickes würdigte, einer kam auf die Tür zu und sah mich sehr ärgerlich an. Mist, bestimmt war es falsch, dass ich einfach hereingekommen bin! Ich gab ihm zu verstehen, dass wir auf der Suche nach einem Hotel seien, doch er hörte gar nicht zu, schob mich wieder hinaus auf die Straße, schüttelte energisch mit dem Kopf und deutete die Straße hinunter, mit den Armen weit ausholend. Schließlich verstand ich: 60 Kilometer da hinunter in die nächste Stadt, da könnt ihr übernachten. Hier nicht. Dann zog er die Tür mit einem Knall wieder zu.
Da standen wir draußen vor der Tür im Schneeregen und blickten in die Richtung, in die er gewiesen hatte. 60 Kilometer in die falsche Richtung lag das nächste für uns erlaubte Obdach. Der Traum war zu schön gewesen, und wir mussten zugeben, dass wir es eigentlich gewusst hatten. Hier in diesem heruntergekommenen Ort ein Hotel für Touristen – niemals.
Hier muss ich kurz einfügen, dass dies bisher aber unsere einzige wirklich unfreundliche Begegnung mit der Polizei geblieben ist. Manchmal sind die Polizisten an den Checkpoints auch einfach nur Konfirmanden, die mit ihrem Smartphone herausstürzen, um uns zu fotografieren, und uns nachher noch Wasser für die Weiterfahrt durch die Gobi schenken. Manchmal.

DSC06911Der Himmel verfinsterte sich, es war schon später Nachmittag, wir mussten uns noch rasch mit Lebensmitteln für die nächsten 200 Kilometer ohne Dorf über den nächsten Pass versorgen, wir mussten noch recherchieren, wie und ob wir auf dieser Strecke an Wasser kommen würden, denn bis hierher hatten wir kein Netz gehabt, da fing es auch schon an zu regnen…. Wir waren sehr erschöpft und nicht mehr gut gelaunt, als wir schließlich wieder aus dem Ort herausfuhren, von dem wir uns so viel erhofft hatten. Jetzt mussten wir irgendwo in dem engen Tal zwischen Straße, Fluss und Bahnlinie einen kleinen Platz für unser Zelt zu finden. Ralph kochte unser Abendessen, chinesische Fertigsuppen, im Nieselregen, der später, als wir im Schlafsack lagen, in Schnee überging.
Natürlich zelten wir die meiste Zeit ohnehin und sind immer draußen. Und das tun wir freiwillig und in der Regel gern. Aber in dieser Nacht spürten wir, dass es einen Unterschied macht, ob man aus freien Stücken oder gezwungenermaßen auf der Straße lebt. Im Stillen dachten wir an die lange Strecke, die in China noch vor uns lag, und befürchteten, dass solche Reiseumstände unsere Freude an diesem Land ziemlich trüben könnten.

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Buddhismus und Schamanismus

Wer die Welt durchreist, der stellt schnell fest, dass sich Regionen nicht nur durch Staatsgrenzen unterscheiden lassen. Hauptsächlich sind es klimatische, topographische und kulturelle Einheiten, die wir durchfahren. Lange Zeit waren wir jetzt in muslimisch geprägten Lebensräumen unterwegs. Wir haben, das wurde ja auch in unseren Berichten immer wieder deutlich, nicht ein einziges Mal erfahren, dass wir als Christen unfreundlich von Muslimen behandelt wurden. Oft wurden wir nach unserer Religion gefragt und immer wurden wir gastfreundlich, mitmenschlich, fürsorgend, ja oft auch liebevoll behandelt. Und so hielten auch wir es; wir begegneten den Menschen offen und freundlich, möglichst unvoreingenommen und auf Augenhöhe. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum uns wiederum so viel Freundlichkeit entgegengebracht wurde. Wir merken jedenfalls, dass unsere innere Haltung gegenüber den Menschen, die wir von Anfang an auf die Reise mitgenommen haben, die richtige Haltung war. Vielleicht ist das aber von vornherein eine Haltung gewesen, die uns unsere eigene Religion nahgelegt hat, eine Art Gottvertrauen in die Menschen. Eine Email, die wir von einem Freund erhalten haben, machte dies zum Thema und brachte uns ins erneute Nachdenken darüber.

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Wir waren lang im muslimisch geprägten Lebensraum unterwegs. Jetzt treten wir in einen ganz anderen Religionsbereich ein. Als wir hinter Nalati, nach rund 500 Kilometern Ebene den Pass erklommen hatten, fanden wir oben einen großen Steinhaufen, darauf viele Stöcke zu einer Art Trockenbuschgesteck zusammengebunden, rund drei bis vier Meter hoch. Drumherum an Schnüren wehten bunte, mit Bildern und seltsamer Schrift bedruckte Fahnen im kalten Wind. Wir waren innerlich sehr aufgewühlt dort oben zu stehen, nach 10 Jahren Planung und Ideen, Sehnsucht und nach rund einem Jahr Fahrt um die Welt: Wir waren in den Bereich des Tibetischen Buddhismus eingetreten. Das sichere Zeichen, dass wir unserem Traumziel, dem Himalaya näher kommen, der uns doch eigentlich verboten wurde von der Chinesischen Regierung, den wir schon abgeschrieben hatten für unsere Route um die Welt, den wir dann mit dem gelungenen Visum für China wieder in den Blick genommen haben. Jetzt stehen wir neben den Tibetischen Gebetsfahnen und wissen – wir sind schon so weit gekommen und bald so nah dran: von hier nach da – Himalaya! Wir hatten Tränen in den Augen.
In den folgenden Tagen beschäftigte uns natürlich auch intellektuell, dass wir jetzt in den Bereich des Buddhismus geradelt waren. Wie prägte diese Religion die Kultur hier? Was macht sie mit den Menschen? Wie ist die buddhistische Lebenshaltung im Vergleich zu der Lebenshaltung der Westlichen Welt?

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Ein Tag im Zelt

Wenn ich schlafe, schlafe ich. Durch unsere täglichen Anstrengungen ist dieser Schlaf meist auch so erschöpft und tief, dass ich, anders als Ralph, nachts auch nicht viel mitbekomme (außer, Yakbullen grunzen auf meiner Kopfhöhe).
Deswegen hatte ich die rieselnden- klatschenden Geräusche auf der Zeltwand in der Nacht auch nicht gehört. Als ich am Morgen den klemmenden Reißverschluss unserer Wohnungstür aufzog, war ich ziemlich niedergeschlagen und ernüchtert: Im Zeltvorraum die Satteltaschen und Schuhe in einer zähen Matschpampe, draußen windig und deutlich kälter als gestern, graue Nebelschwaden hängen um das tropfende Zelt, die Berge, die unter der Nebeldecke hervorschauen, sind frisch beschneit, ein Gemisch aus Nieselregen und Schnee weht mir ins Gesicht.

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Es kostet ohnehin jeden Tag einige Energie, sich selbst und allen Krempel, der im Zelt herumliegt, wieder zusammenzuraffen und alles auf das Fahrrad zu verladen, um von neuem in die Pedale zu treten. Heute dachte ich: „Nee! Das packe ich nicht.“ Ich zog den Reißverschluss wieder zu und ließ mich in einer Mischung aus Genervt- und Frustriertsein zurück auf die Isomatte fallen.
Da lagen wir. Bis zur kalten Nasenspitze im Schlafsack verschwunden, erschien vor unserem inneren Auge das, was wir von diesem neuen Tag erwarten durften: Eine Staubpiste, die sich über Nacht in Schlamm verwandelt hatte, das Zelt nass zusammenzupacken, dabei in einem Wust aus Dreck und Matsch zu baden, mit kalten Fingern und doch in der Regenkleidung zugleich schwitzend, also von außen und innen gleichzeitig nass, über einen verschneiten Pass zu fahren, abends das immer noch nasse Zelt wieder aufzustellen, im Regen Wasser zu filtern und zu kochen undundund….

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Ich habe wirklich selten schlechte Laune, aber heute fand ich alles ziemlich sch…. Ich hatte überhaupt keine Lust aufzustehen und fand unsere momentanen Lebensumstände unzumutbar. Was würde ich darum geben, wenn mich einer aus dieser Wirklichkeit herausbeamen könnte und mich unter eine Decke auf ein Sofa versetzen, mit einer Tasse Tee und einem Buch in Reichweite! Ich war entnervt. Warum musste immer irgendetwas sein? Entweder das Wetter ist Mist, oder irgendetwas ist kaputt, oder ein weiteres Dutzend Ausnahmezustände verlangen unsere Aufmerksamkeit.

An diesem Morgen gelang es uns unsere Stimmung zu wenden. Obwohl die Umstände dieselben blieben, schafften wir es, unsere Sichtweise zu ändern.
Wer sagt denn, dass wir heute das Zelt überhaupt verlassen müssen? Wir können doch einfach im warmen Schlafsack liegenbleiben!, so durchfuhr mich der revolutionäre Gedanke. Schnell war uns klar, dass wir keinen Pausentag eingeplant hatten. Das bedeutete, dass wir unsere Ration Tütensuppen mit Wasser würden strecken müssen. Aber das war es wert! Plötzlich veränderte sich unsere Stimmung, und uns fiel wieder ein, was unsere Situation fast sogar beneidenswert machte. Wir sind gesund! Wir wollten in den Himalaya, und nun sind wir endlich hier! Wir machen das alles freiwillig! Erstaunt stellten wir fest, dass sich die Fakten ja gar nicht geändert hatten – nur unsere Einstellung dazu. Wir waren wieder gut gelaunt, machten Witze über unsere Lage, waren sicher, dass es da hinten schon heller würde. Plötzlich hatte ich große Lust, den Tag lesend im warmen Schlafsack zu verbringen, und goss uns den letzten, seit dem Iran für Härtefälle aufgehobenen Kakao in die Tassen. Dazu wählte ich als Lektüre „Jane Austen – Verstand und Gefühl“ – das größtmögliche Kontrastprogramm zur Wirklichkeit. Ralph sorgte für die angemessen coole Musikuntermalung, und wenn man das Handy lange genug ganz unter die Zeltdecke hielt, hatten wir sogar ein klein wenig Empfang und konnten Nachrichten von zu Hause lesen. Für den Wetterbericht war das Netz zwar zu schwach, aber wen interessiert schon das Wetter, wenn man Freunde hat, die einem Mails schreiben. Dachte ich, machte es mir im Schlafsack gemütlich und war glücklich.

Wie auch in dieser Situation stellen wir fest, dass es angesichts unabänderlicher Umstände oft unsere Stimmung ist, die den entscheidenden Unterschied macht. Glücklicherweise gelingt es uns erstaunlich oft, die gute Laune zu bewahren. Gerade China hat uns in den letzten Wochen in dieser Hinsicht besonders gefordert. Manchmal wundern wir uns selbst, wie humorvoll wir die Herausforderungen Chinas nehmen können. Man könnte auch daran verzweifeln, wenn man zum Beispiel dreimal Essen bestellt und sich auch ganz sicher ist, dass der Gegenüber die Bestellung verstanden hat, stattdessen vier unbestellte Bier serviert bekommen hat, nach zweieinhalb Stunden jedoch mit leerem Magen das Lokal verlässt.

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Im Arbeitslager

Mit dem Fahrrad unterwegs erhält man den Eindruck, China auf dem Land sei eine einzige Baustelle. Vom Grenzübergang von Kasachstan her kommend, folgen wir 400 Kilometer lang einer im Bau befindlichen neuen Autobahntrasse. Sie ist Teil des gigantischen chinesischen Projekts „Neue Seidenstraße“. Ein Infrastrukturplan, der vorsieht mehrere Schienen- und Straßenkorridore von China über Zentralasien bis nach Duisburg zu bauen. China finanziert dabei Infrastruktur in allen betroffenen Ländern und betreibt so eine wirtschaftliche Ausdehnung seines Einflussbereichs bis nach Afrika und ins Zentrum Europas. Seit Monaten schon sind wir unterwegs an diesen Baustellen oder entlang der schon bestehenden Trassen. Dazu gehörten die Bauprojekte in Tadschikistan und Kasachstan, der Grenzknotenpunkt Korgos, die Jining-Bahnlinie und eben auch diese Autobahn.

Wir sind erschüttert von dem, was wir sehen und sind dabei erinnert an historische Schilderungen von chinesischen Arbeitskolonnen im Eisenbahnbau. Die Arbeiter hausen in heruntergekommenen Baracken. Überall liegt Müll herum und es stinkt bestialisch. Es gibt keine sanitären Anlagen, keine Wasserversorgung. Vor Lehmhütten sitzen die Menschen im Matsch und putzen Gemüse. Das einzig etwas freundlicher wirkende irgendwie offizielle Gebäude in den Barackensiedlungen, mit ein paar Trimmdich-Geräten davor, ist einladend mit Stacheldraht eingezäunt. Überhaupt ist in China alles mit Stacheldraht umzäunt und mit Personenscannern gesichert: Parks, Ladenzeilen, Springbrunnen mit Bänken davor – eigentlich alle öffentlichen Orte. In jedem Laden, in jedem Restaurant lehnen neben dem Eingang ein dicker hölzerner Schlagstock, ein Schutzschild und ein Stahlhelm. Überall. So ist die staatliche Polizeimacht sogar dort präsent, wo sie gerade nicht leibhaftig anwesend ist. Ich frage mich, was das ständige Gefühl des Eingesperrtseins oder der befürchteten Bedrohung durch mögliche Terroristen mit den Menschen macht. Ich jedenfalls habe oft das beklemmende Gefühl, mich in einem Arbeitslager zu befinden.

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Andere leben wirklich in einem Arbeitslager. Zum Beispiel die Bewohner eines riesigen Plattenbaus für Arbeiter direkt neben einer Fabrik, mitten in dem Steinweiten-Nirgendwo der Wüste Gobi, von Stacheldraht eingeschlossen. Oder die Arbeiter auf der Baustelle, an der wir seit Tagen entlangfahren. Männer und Frauen ohne Schutzkleidung, stehen mit Schlagbohrern und Schaufeln im Geröll und sehen uns wie Erscheinungen nach, wenn wir freundlich grüßend an ihnen vorbeifahren. Nie werde ich das Gesicht der kleinen schmalen Frau vergessen, die unter mir in einem Erdloch stand und mich erschrocken und zugleich fassungslos anstarrt, als ob sie eine Außerirdische erblicke. Den zu kleinen Helm schief auf dem Kopf, eingefallene Wangen, Schmutzspuren auf den Backen, gefriert ihr die Spitzhacke über dem Kopf in der Bewegung ein. Ich muss an eine Dokumentation denken, die einmal im Fernsehen lief: „Die neue Supermacht – warum China alle überholt“. Hier sehen wir die Antwort darauf. Menschen, die wie eine Einweg-Ketchupportion, die man zu den Pommes dazu bekommt, in der Faust ausgequetscht und dann weggeworfen werden.
Wie zynisch erscheint es uns jetzt, wenn wir in Deutschland uns Sorgen darüber machen, dass unsere Schüler in der Pisa-Studie so schlecht abschneiden, wohingegen die chinesischen Schüler überall vorn sind. Mit welchem Preis wird dies bezahlt? In keinem anderen Land blickten wir in so viel Angst in den Augen der Menschen, die uns begegneten. Angst, einen Fehler zu machen im Umgang mit Ausländern, Angst, etwas Verbotenes zu tun, Angst, eigenverantwortlich zu handeln.

Natürlich überholt China wirtschaftlich so viele Länder, wenn dies auf Kosten von Arbeitern wie diesen auf der Baustelle geschieht. Viele können, stellen wir fest, nicht einmal lesen. Es ist leicht, Profit zu machen, wenn dies auf rücksichtslosem Ausbeuten von Menschen beruht. Vom Wirtschaftswunderland China, an dem sich viele Länder im Westen orientieren und dem sie sich andienen wollen, sehen wir zu Hause immer nur die Hochglanz-Fassade. Den dunklen vermüllten Hinterhof, die wahren Lebensumstände der Arbeiter, auf deren Rücken die wirtschaftlichen Erfolge Chinas beruhen, bekommen wir jetzt zu Gesicht. Wir müssen mit dem Fahrrad hindurchfahren und es macht uns zutiefst wütend und traurig. Wenn China sein Wachstum dadurch erwirtschaftet, dass die Massen an Arbeitssklaven vom Wohlstand ausgeschlossen bleiben, ist das eine bitter zu beklagende Ungerechtigkeit und kein Vorbild, dem man nacheifern sollte. Wir sollten in Deutschland dem gegenüber eher stolz sein auf Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit, Arbeitermitbestimmung, Menschenrechte, systemkritisches Denken und Demokratie. All das befördert nicht unmittelbar das Wirtschaftswachstum, gehört aber zu einer menschenfreundlichen und gerechten Gesellschaft.

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Wir Mongolen

Wir waren hungrig und durchgefroren, als wir in das dreckige Dorf einfuhren. Wir hatten hier eigentlich gar keine Ansiedlung erwartet, wussten aber, dass in unserer chinesischen In Landkarte auf dem Smartphone eine Art Laden eingezeichnet war. Was das dann genau sein würde, konnten wir nie sagen – die chinesischen Schriftzeichen sagen uns immer noch nichts. Also waren wir ziemlich erfreut überhaupt auf eine Siedlung zu treffen, bevor der Pass losgehen würde. Es war grau, kalt und konnte jeden Augenblick wieder anfangen zu regnen. Die Oberflächen der Welt sahen nicht gut aus. Aber wir hatten unterdessen gelernt, dass das Entscheidende hinter der Oberfläche verborgen liegt und so schauten wir genau hin. Und tatsächlich, zwischen einer Autowerkstatt, die wie ein Schrottplatz aussah, und dem Ausweideplatz für Ziegen und Schafe, auf denen die frischen Gedärme und Gerippe der geschlachteten Tiere lagen, fanden wir, was wir insgeheim sehnlich erhofft hatten: Eine Garküche. Leider war dort die Innentemperatur gleich der Außentemperatur trotz Kanonenofen. Er war kalt. Offenbar war kalt relativ und im Vergleich dazu, wie kalt es hier in einigen Monaten sein würde, war es jetzt noch ziemlich mild. Wir hatten Mitte September im Tien Shan und waren auf zweieinhalb Tausend Metern Höhe. Trotzdem lief die Mehrheit der männlichen Bevölkerung schon in Militärparkas herum. Unterdessen wussten wir, dass sich darunter nur selten wirklich Militär verbirgt.

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Wir setzten uns an einen Tisch, der Raum war leer. Während wir warteten, ging ich in das Nachbarzimmer, das eine Art Laden war und fragte nach Instantkaffee. Ich hatte wenig Hoffnung hier welchen zu finden, wollte aber die Gelegenheit nutzen, denn der nächste Laden würde einen Pass und 160 Kilometer später im anderen Dorf sein – vielleicht. Der Verkäufer war gelähmt vom Wunder meiner Erscheinung. Ich bin mir sicher, dass hier keine Touristen durchkommen, zumal die Straße seit drei Jahren gesperrt ist. Ich bin mir ganz sicher, dass dieser Laden vielleicht noch nie von einem Langnasen-Menschen betreten wurde. Dementsprechend war die Reaktion. Übrigens ziemlich repräsentativ für das, was wir vorwiegend in China erfahren: Die Gespräche verstummen in der Regel, wenn wir eintreten. Alle beobachten uns, halten aber eine respektvolle Distanz und erkunden uns ganz diskret. Wie zufällig wird dann in unserer Nähe etwas „erledigt“ oder „gesucht“ und wir sind meist etwas amüsiert, mit wieviel Zurückhaltung die Neugier in Zaum gehalten wird. Insgesamt sehr angenehm. Ganz und gar nicht ein stumpfes Begafftwerden. Eher ein ehrfürchtiges Aufsaugen unserer Anwesenheit. Das ist uns meist sogar peinlich, weil wir merken, wie nervös wir die Menschen um uns herum machen. Manchmal können wir beobachten, wie lang es dauert, bis sie die Scheu überwinden und endlich sich den Mut nehmen uns anzusprechen. Meist können sie dann nur einen Satz oder ein Wort Englisch, in der Regel ganz unpassend der Situation. Aber wenn sie sich das Herz genommen haben, der Schritt auf uns zu erfolgt und der Satz ausgesprochen ist, kann man die Freude und die Erleichterung über unsere freundliche Reaktion fast überkochen sehen. Oft ist es auch nur das höfliche Aufunszutreten, Wedeln mit dem Handy und das scheue Fragen: „Foto?“ Dann gleich das innige Armumdieschulterlegen oder das Wangeanwangeschmiegen der Frauen und das vielfache Bedanken nach dem Selfie. Wir fühlen uns hier wohl, wir können ganz gut mit der Art der Leute hier in Xinjiang.

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Auch jetzt, beim Eintreten im Laden war es eine Mischung aus Aufregung, Neugier und Verschämtheit, die den Ladenbesitzer in seiner Haltung hinter der Theke einfrieren lies. Ich durchschritt die kurzen Regale und sah schnell: wieder kein Instantkaffee. Überhaupt kein Kaffee. Ah, doch da, kleine Tütchen, das könnte Pulverkaffee sein. Ich betrachtete den Aufdruck: alles Chinesisch, nichts lesbar für mich und die Bilder uneindeutig. Also, dann probier ich mal mein Glück und starte eine „Unterhaltung“. Ich trete auf die Theke zu und gebe das Tütchen dem Ladenbesitzer in die Hand. „Kaffee?“ Vielleicht ist das ja ein internationale Wort und auch in China irgendwie gebräuchlich. Er dreht und wendet die Verpackung und vermeidet jeden Augenkontakt. Hat er mich verstanden? Ich weiß es nicht. Sichtlich nervös dreht und wendet er weiter. Die Verpackung ist ca. drei Zentimeter lang und einen halben Zentimeter breit. Die Oberfläche müsst ihm unterdessen bekannt sein. Lächelnd gibt er mir das Päckchen zurück und nimmt sein Handy.

Ahja, Vermeidungsstrategie, denke ich und weiß, dass das hier üblich ist. Vermutlich ist es kein Kaffee, er will mich aber nicht enttäuschen. Oder es ist etwas, das er auch nicht kennt und will meine Frage nicht mit einem „Weißauchnicht“ zurückweisen. Oder er hat einen Blackout vor Nervosität und begeht eine kleine Realitätsflucht, indem er sms schreibt. Alles haben wir schon öfter erlebt. Ich bin unterdessen überzeugt, dass nichts davon unfreundlich gemeint ist. Also gut, bin ich mit meinem Problem wieder allein in dieser chinesischen Welt. Er telefoniert und ich wende mich wieder dem Regal zu. Halt! Habe ich da gerade das Wort „Kaffee“ gehört? Tatsächlich. Er ruft die Notfallhotline an und gibt mein Problem weiter – vermutlich an seine Frau zu Hause, die den Laden besser kennt als er. Jetzt kommt er hinter der Theke vor und folgt den Anweisung, geht die Regale durch, suchend. Ich höre immer wieder „Kaffee“ in der Unterhaltung. Hatte ich mein Gegenüber mal wieder unterschätzt. Aber, nein, es scheint hier keinen Kaffee zu geben. Telefonat zu Ende, trauriges Gesicht. Jetzt nimmt er mir wieder das kleine Päckchen aus der Hand. Diesmal öffnet er es, schaut persönlich nach, ob ich nicht doch Recht habe. Aber darin befindet sich ein Kaubonbon. Wie wenig international die Verpackungs- und Werbungssprache doch sein kann. Offensichtlich kein Kaffee. Aber auch damit will sich dieser wirklich bemühte Ladenbesitzer nicht zufrieden geben. Er beißt ab vom Kaubonbon, schmeckt, überlegt, dann ganz rührend, als ob er noch sich im Alter befindet, in dem man die verschiedenen Geschmacksrichtungen der Welt erkundet. Er schüttelt enttäuscht den Kopf, sagt leise das Wort „Kaffee“ und schüttelt wieder den Kopf. Ich bin mir ganz sicher, dass dieser erwachsene Mann in diesem Moment Traurigkeit empfand darüber, dass er meinen Wunsch nach Kaffee enttäuschen musste.

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Immer wieder erleben wir in den einfachen Begegnungen mit den Menschen auf unserem Weg solch unmittelbare Menschlichkeitssituationen. Wir sind uns unterdessen einig, dass dies zu den Haupterlebnissen unserer Reise gehört. Wir sind fast täglich im tiefen Inneren ergriffen von solchen und ähnlichen Begegnungen. Meist sind es einfache Alltagssituationen, aus denen heraus uns die Offenheit der Menschen trifft. Immer ist es für uns schwierig zu beschreiben, was da eigentlich Großes sich ereignet, denn es ereignet sich immer aus dem Kleinen, dem Banalen, dem Einfachen heraus. Immer wissen wir, dass es etwas sehr Wertvolles ist, was uns dadurch auf unserem Weg mitgegeben wird von den Leuten.

Ich bedeute dem Ladenbesitzer kurz zu warten, gehe nach draußen und hole unsere Dankeskarte. Zurück im dämmrigen Laden überreiche ich sie ihm mit beiden Händen. Begeistert dreht und wendet er sie, betrachtet lange das leuchtende Grün der Büsche von Mettenberg, deutet auch mein Bild und dann schaut er mich an und deutet auf mich und nickt. Dann ein Blick auf unsere Weltkarte, ein „Oh“, sein Finger fährt unsere Strecke, findet China und lächelt stolz. Er sagt den Namen seines Dorfes und strahlt. Dann reicht er mir die Karte fast ehrfürchtig mit beiden Händen haltend wieder zurück. Ich mache eine abwehrende Geste und weise auf ihn. Sein Mund bleibt weit offen stehen, seine Augen sind groß – ja, es war dieser Klischeegesichtsausdruck des sich vergessenden Staunens. Dann weist er auf seine Brust, fragend, nickend, lächelnd und drückt die Karte an sich. Ich glaube ich musste mich in diesem Augenblick wirklich zusammennehmen um nicht vor Rührung feuchte Augen zu bekommen, reichte ihm die Hand und sagte Saijen, von dem wir unterdessen glauben, dass es so etwas wie „Aufwiedersehen“ heißt.

Zurück im Nebenzimmer kam gerade unser Essen, Nudeln mit Gemüse. Ich sagte Imke, es gebe keinen Kaffee. In diesem Moment kam der Ladenbesitzer in den Raum. Einigermaßen aufgeregt zupfte er an meinem Ärmel, ich sollte ihm wieder zurück in seinen Laden folgen. Aha, also hat er doch nochmal nachgesehen und Kaffee gefunden. Nein das war nicht der Fall. Er führte mich zur Kasse und wies auf die Wand hinter seinem Stuhl. Dort in der Mitte hing unsere Karte, für alle zukünftigen Kunden auf Augenhöhe sichtbar. Er schaute versonnen lächelnd die Karte an, dann schaute er mich an. Dann schob er mich wieder zurück in den Nachbarraum zu meinem Essen und setzte sich an den Nachbartisch, uns zugewandt. Während des gesamten Essens aufmunternd nickend, als wolle er sagen: Ja, ihr seid hungrig, jetzt esst euch satt. Das ist gut so. Und noch ein Stäbchen voll und dann noch eins und die gute Soße bitte ausschlürfen – aufmunternd immer weiter nickend.

Nach dem Essen zeigten wir unser Fotobuch mit Bildern aus der Heimat und von unseren Familien der Köchin, ihrer Tochter und dem Ladenbesitzer. Gebannte stille, staunende Aufmerksamkeit. Die Ereignisse kamen ins Rollen, als wir das Bild von meinem Bruder, seiner mongolischen Frau und ihrem Sohn aufschlugen, gefolgt von Bildern, die uns in mongolischer Kleidung vor der Jurte der Familie meiner Schwägerin zeigten. Jetzt war die Aufregung riesig. Wir wussten nicht was los war – vielleicht freuten sie sich, denn auch hier wurde teils in Jurten gelebt, wurde geritten und gemolken, so wie es auf den Bildern zu sehen war. Immer wieder fiel das Wort „Mongolia“, ich bestätigte und lächelte erfreut. Dass die sich so darüber freuen, das ist ja süß. Diese Freude allerdings sollte für uns tagesverändernde Folgen haben. Das war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

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Der Ladenbesitzer griff wieder zum Telefon. Das Wort „Kaffee“ kam nicht mehr vor, dafür aber dutzendfach das Wort „Mongolia“. Mehrere Telefonate wurden geführt. Wir wussten: Jetzt geht was. Das ist übrigens auch eine Standardsituation auf unserer Reise. Wir merken, Dinge kommen ins Rollen. Wir spüren schnell, ob das eher gut oder eher unangenehm für uns werden könnte. Was genau allerdings abgeht, davon haben wir keine Ahnung. In der Regel ist unser Tendenzgefühl ganz passend und dementsprechend entscheiden wir schon auch mal, dass wir uns jetzt etwas zügiger verabschieden (außer es ist die chinesische Polizei, bei der das leider nicht geht). In diesem Fall grinsten wir uns gegenseitig wissend an und zuckten synchron mit den Schultern. Wir lehnten uns auf den unbequemen kleinen Holzstühlchen zurück. Jetzt satt, draußen der Nieselregen und Grau: „Mal schauen, was jetzt so passiert“ sagte unsere stille zufriedene Übereinkunft. Und es passierte was!

Allerdings zuerst weniger angenehm als wir dachten: Es fuhr ein Polizeijeep vor. Zwei Militärparkatypen mit chinesischen Hoheitsabzeichen stiegen aus und leider leider kamen sie direkt zu uns herein und wendeten sich an uns. Ach nee, nicht hier in diesem hinterletzten Drecksdorf! Hier gibt es doch noch nicht mal einen richtigen Checkpoint und am Polizeicontainer (das war ja noch nicht mal ein Legohäuschen) haben wir uns doch erfolgreich im Schatten des vorbeischleichenden Betonmischers durchgemogelt. Mist! Schlammpiste, Kälte, Nieselregen, kein Kaffee, aber Polizei. Wir merkten, dass die Polizeiarbeit der letzten Wochen an unseren Nerven gefressen hatte.

Aber unsere Enttäuschung wurde weggewischt durch eine bärenhaft herzliche Umarmung von den beiden Parkaträgern. Wir waren in unserer Weltkenntnis erschüttert und wussten nicht was geschieht. Schulterklopfen, laute Unterhaltung, Nicken, Lachen erfüllte den unterdessen gar nicht mehr kühlen Raum. Immer wieder das Wort „Mongolia“. Passend dazu auch mindestens eine ordentliche Wodkafahne, die im Raum schwebte. Polizeijeep und das hier passte irgendwie nicht zusammen. Auch die Begrüßung war ganz und gar nicht chinaüblich. Was soll das? Mir dämmerte erst langsam und dann wurde mir mit einem Mal klar. Ich hätte es schon immer sehen können: Man muss den Menschen ins Gesicht blicken, offen, vorbehaltlos, zugewandt. Naklar! Das sind Mongolen! Wir sind in Xinjiang, einem ethnischen Völkergemisch aus Uiguren, Han, Hui, Kasachen, Kirgisen und eben Mongolen!

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Ein Jeep mit Schafen auf der Ladefläche fuhr in diesem Moment fast durch die Glastür. Vier weitere Männer kamen hereingestürmt. Sie brachten einen satten Schafsgeruch mit, der sich gut mit dem Wodka vertrug. Umarmungen und Schulterklopfen. Lachen und laute Unterhaltung. Die zwei „Polizisten“ hatten vom Ladenbesitzer längst unsere gesamte Geschichte erzählt bekommen, mit Stolz vorgetragen, denn er war ja in dieser spektakulären Angelegenheit erstberichtender Augenzeuge und Betroffener. Jetzt multiplizierte sich unsere Lebensgeschichte, denn die „Polizisten“ erzählten alles, inklusive Länderaufzählung unserer Route den neu Dazugekommenen. Das kleine Mädchen hatte von uns unterdessen auch eine Karte erhalten und die bärenhaften Männer umringten staunend unser Bild auf der Dankeskarte. Der Raum war jetzt voll mit Mongolen und die Temperatur war von kühl über warm zu schwülheiß gewechselt. Wodka? Mehr Essen? Neindanke, wir müssen noch über den Pass heute. Mit den Fahrrädern? Kopfschütteln. Laute Diskussion. Aufkeinenfall. Mit schwieligen großen Händen und allen zur Verfügung stehenden Gesichtsmuskeln wurden hohe Berge in die Luft des Zimmers gezeichnet, grimmiges Schneetreiben simuliert und weite Steppe, große Anstrengung. All das wurde mit einem Wisch schräg hinauf zur Zimmerdecke verneint: „Auf gar keinen Fall werdet Ihr mit dem Fahrrad heute über den Pass fahren! In so ein unwürdiges Unternehmen Euch zu entlassen, können wir nicht übers Herz bringen! Ihr seid doch auch Mongolen! Mongolen fahren nicht mit dem Fahrrad durch die Steppe, über die Berge! Außerdem ist dahinter die Gobi!“ Wir verstanden kein Wort, wussten aber ganz sicher, dass dies die kurze und pathetische Rede des Wortführers war. Wir waren uneinsichtig, wischten die Gobi aus dem Handgelenk heraus weg, bedeuteten, dass wir Berge nicht fürchten und versuchten vorzuspielen, dass die Räder unsere Pferde sind. Beim Letzten bin ich mir nicht sicher, ob es verstanden wurde. Vielleicht wurde es verstanden, konnte aber ob seiner Absurdität nicht nachvollzogen werden.

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Laute Diskussion füllte wieder den Raum. Jetzt wurde entschieden. Wir waren daran nicht beteiligt. Stille – alle wendeten sich mir zu. Das war Männersache. Der Wortführer trat unter ermunterndem freundlichen Nicken aller auf mich zu, packte mich an den Schultern und riss mich von meinem Sitz hoch, Schulterklopfen und zur Tür Rausschieben. Es war unterdessen, nach mehreren Versuchen im Verlauf der vergangenen Stunde, klar, dass wir weder Mongolisch sprachen, noch es verstanden. Also musste gehandelt werden. Ich wurde zum Polizeijeep geschoben. Ach Mist, den hatte ich ja ganz vergessen. Leute, alles mit Polizei ist eine schlechte Idee! Es wurde auf die Ladefläche gewiesen, denn der Jeep war ein Pickup. Aha, sie wollten uns verladen. Dann wurde in Richtung Pass gewiesen, der Berg in die Luft gemalt. Allesklar, sie wollen uns im Polizeijeep über den Pass fahren. Es sind noch 15 Kilometer und 600 Höhenmeter bis zum Gipfel. Eigentlich ist unsere Devise „No Taxi“, aber ich schaute zu Imke hinüber, die uns nach draußen gefolgt war. Sie strahlte und sah nickend immer wieder zum Polizeiauto hin, das ein großes Blaulicht und einen beeindruckenden Lautsprecher auf dem Dach hatte. Ich verstand. Die Mongolen waren meinem Blick gefolgt und verstanden auch, denn im nächsten Moment packten je vier Mann unsere Räder komplett mit Satteltaschen, und bevor ich noch zum vorsichtigen Umgang mahnen konnte, waren sie über die Seitenwände auf die dreckige Ladefläche gewuchtet. Anerkennend nickten selbst die Bärenhaften über das Gesamtgewicht der Räder, dann ein belustigter Griff an meinen Bizeps, ein Kopfschütteln.

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Bevor wir abfuhren, mussten wir aber erst noch Fotos machen. Die oberflächlich grobschlächtigen Parkaträger zeigten sich in der Wahl des Hintergrunds für ihre Erinnerungsfotos allerdings ästhetisch sehr empfindsam. Es sollten weder die dreckige Dorfstraße, noch der Schrottplatz des Automechanikers, noch die Schafseingeweide auf den Bildern zu sehen sein. Auch nicht die Chinafahnen, die an den absurd modernen Straßenlampen hingen. Auf gar keinen Fall die Chinafahnen. Im Hintergrund sollten die Schneegipfel zu sehen sein und die unberührte Wiese. Wir stapften dafür über scharfkantigen Metallschrott, durch Tiereingeweide und tiefen Matsch. Eine Viertelstunde Fototermin. Bei einem Dutzend Menschen, von denen jeder in unterschiedlichen Konstellationen auf jedem Handy der Anwesenden in unterschiedlichen Haltungen und Gesten fotografiert werden sollte, dauert das schon seine Zeit. Ich hatte währenddessen Muße zu überlegen, wo die Polizisten zum Polizeiauto wohl steckten, denn die beiden Mongolen, die damit angefahren kamen, waren garantiert keine Polizisten der Volksrepublik China. Aber wenn sie keine Polizisten waren, warum fuhren sie dann in einem offiziellen Polizeiauto durch die Gegend? Ich dachte nach. Mir fielen nur zwei Möglichkeiten ein: Entweder sie hatten sich den Polizeijeep ausgeliehen oder sie hatten ihn „ausgeliehen“. Zumindest der Beifahrer war so stockbesoffen, dass ich mir den Ausleihvorgang bei den unserer Erfahrung nach eher wenig lockeren chinesischen Polizisten nicht gut vorstellen konnte. Ich schaute zum Polizeiauto rüber, auf dem jetzt unsere Räder verladen waren. Wir hatten seit fast zehn Tagen nicht mehr im Hotel übernachtet, geschweige denn uns irgendwo offiziell registriert. Beides war vorschriftswidrig. Jetzt würden wir gleich in einem „ausgeliehenen“ Polizeiauto von Mongolen über den Pass gefahren werden. Welche dieser Sachverhalte würde die echten Vertreter der Polizeikräfte wohl mehr gegen uns aufbringen? Ich wurde aus meinen Überlegungen gerissen, weil die Fotosession jetzt zu Ende war. Wir stapften durch die Gedärme und den Schlamm zurück zum Jeep. Schulterklopfen, Umarmung, Lachen, Witze, die ich nicht verstand und sich vermutlich auf „ausgeliehene“ Polizeiautos bezogen. Dann saßen wir drin, alle winkten und wir fuhren los.

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Es täuscht sich, wer denkt, jetzt wäre Ruhe eingekehrt. Wir waren noch nicht aus dem Dorf raus, da schaltete unser Beifahrer die Sirene ein. Die Lehmhütten blitzten im dämmrigen Tageslicht vom Blau des Signallichts wieder. Beide Mongolen, der eher stillere Fahrer und der sehr fröhliche Wodkamann, krümmten sich vor Lachen. Nein, unterdessen war ich mir ganz sicher, die beiden sind garantiert keine Polizisten. Ich vermute sogar, dass sie vorher noch nie in einem Polizeiauto saßen, zumindest nicht vorne. Denn jetzt fingen sie amüsiert an, alle Schalter auszuprobieren, die es in der Mittelkonsole und am Armaturenbrett gab. Ich war unterdessen über die Schwelle hinweg, in der ich mir noch ausmalte, was passieren würde, wenn die richtigen Polizisten durch den Klang ihrer eigenen Sirene aus dem Mittagsschlaf geweckt würden. Auf unserer Reise hatten wir auch gelernt, wann Auflehnung gegen das Unausweichliche besser in einen ruhig amüsierten Fatalismus münden sollte. Ich schaute Imke an und freute mich an ihrer Begeisterung fürs Geschehen. Unterdessen hatte unser Beifahrer den Schalter fürs Megaphon auf dem Dach entdeckt und brüllte seine lustigen Kommentare in die Weite der Steppe, die Hirten am Rand der Straße alle mit Namen anredend. Deren verblüffte Reaktion brachte ihn so sehr zum Lachen, dass bald alle Scheiben des Jeeps beschlagen waren, vermutlich von kondensiertem Wodka. Unser Fahrer probierte währenddessen den Allradantrieb aus und bretterte mit rund 100 Stundenkilometern durch die Baustellenabschnitte und gluckste vor Freude, jedes Mal, wenn eine seegroße Wassersenke durchquert wurde und wir für Sekunden im Aquaplaningflug abhoben. Dann der nächste Nomade mit Herde, die nächste Megaphonansage, eingeleitet durch Sirene und Blaulicht, brüllendes Gelächter.

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Ich war erleichtert, dass außer uns fast kein Verkehr auf der Straße war. Die wenigen Autos, die am Horizont erschienen, wurden mit Blaulicht und Sirene vorsorglich von der Straße gefegt, brüllendes Gelächter. Dann waren wir oben am Pass. Bei den Gebetsfahnen hielten wir an. Wie ausgetauschte Persönlichkeiten stiegen unsere beiden Mongolen aus und umrundeten jetzt das Heiligtum, sorgfältig schreitend im Uhrzeigersinn. Dann dreimaliges Niederwerfen und Gebet. Würdevoll stilles Schreiten zurück zum Auto. Dann weiter mit Blaulicht, Sirene und Megaphonansagen, brüllendes Gelächter. Ich glaube, sie hätten uns auch wieder ganz runter vom Pass weit hinein in die Gobi gefahren, so viel Spaß hatten die beiden, wenn wir nicht schließlich bedeutet hätten, dass sie uns auch gerne hier schon rauslassen könnten. Gutgelauntes Abladen der Räder, herzliche Verabschiedung, nein, auf gar kein Fall wollten sie Geld für diesen Spaß annehmen, eher machten sie den Eindruck, als wollten sie schnell wieder zurück zum Spielen. Und so war es auch: Schon beim Wenden, fröhliche Megaphonansage nochmal an uns zum Abschied mit Blaulicht. Ab mit Sirene, allerdings nur 500 Meter. Dort trafen sie einen Nomadenkollegen mit Kleinlaster – sie unterhielten sich mit ihm, die komplette Fernstraße blockierend, über Megaphon. Als Warnung an alle anderen Fahrer blieben Sirene und Blaulicht natürlich eingeschaltet. Ach, wir wussten es ja eigentlich schon immer: Die Mongolen wissen das Leben in der Steppe mit Esprit zu nehmen!

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8. September 2017

China – erste Eindrücke

Am 1. September sind wir von Kasachstan aus nach China eingereist. Seitdem wundern wir uns jeden Tag, dass wir tatsächlich mit dem Fahrrad hierher gefahren sind. Nicht nur weil China recht weit weg ist, von Süddeutschland aus gesehen, sondern weil wir mit dem Grenzübertritt die Region Zentralasien mit den Stanstaaten Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan, in denen wir jetzt drei Monate unterwegs waren, verlassen haben. China ist im Vergleich dazu nicht nur ein neues Land, sondern eine ganz andere Welt. Und wir sind Fremdkörper in dieser Welt.

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Wir merken, dass jeweils beim Eingewöhnen in ein neues Land wir uns neu einstellen müssen auf Dutzende, vielleicht eher Hunderte neue Bedingungen. Wir sind unterdessen so sehr daran gewöhnt uns auf Neues einzustellen, dass wir schon nach wenigen Tagen nicht mehr merken, was alles exotisch und anders ist als bisher. Vieles bleibt befremdlich, aber manches ist einfach in unseren Alltag so sehr schon bald integriert, dass wir es nicht mehr bewusst als befremdlich wahrnehmen. Auch deswegen wollen wir Euch mal ein paar Sachen aufzählen, die uns in den ersten Tagen hier in China aufgefallen sind.

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Wir sind wieder Analphabeten. Außer Zahlen können wir rein gar nichts lesen, nicht auf Straßenschildern, nicht auf Gebäuden, nicht auf Packungen… Ah, das hat uns sofort angesprochen und diese Sprache verstehen wir nach drei Monaten Stanstaaten sehr gut: STOP HUNGER!

Wir fahren über die Grenze und müssen unsere Uhr zwei Stunden voraus stellen. Es wird jetzt erst gegen 8 Uhr morgens hell und die Sonne geht erst nach 22 Uhr unter. Warum haben wir mit einem Mal zwei Stunden übersprungen? In ganz China gilt die Pekinger Normalzeitzone. Das bedeutet, dass im äußersten Westen des Landes dieselbe Zeit gilt, die auch in Peking dem Sonnenstand nach sinnvoll ist. Allerdings ist China so groß, dass das für die Region, in der wir uns jetzt befinden, nicht besonders sinnvoll ist. Folge davon: der Sonnenstand und die Zeit passen nicht wirklich gut zueinander hier. Die Chinesen hier haben sich damit arrangiert, und so beginnt das Leben morgens erst um 8 Uhr, vorher sind die Straßen leer. Abends wird einfach länger wach geblieben und erst so gegen 22 Uhr Abendessen anvisiert. Imke hat bei unserem ersten Hotelaufenthalt auf das Frühstück, das nach Pekingzeit ab 7 Uhr, hier aber eine Stunde vor Sonnenaufgang serviert wurde, dankend verzichtet.

Uns erscheint das Leben nach der Pekingzeit nach den Eindrücken der ersten Tage ein recht gutes Beispiel für den rigorosen Zentralismus, der hier im Land teilweise betrieben wird. Besonders betroffen sind davon die beiden westlichen Provinzen, Tibet und die Autonome Region Xinjiang, in der wir uns gerade aufhalten.

Imke sucht noch das richtige Getränk zu ihrem aktuellen Beziehungsstatus. Aber was steht da wohl auf der Verpackung? Ein Getränk für rosaglückliche Beziehung und ein Getränk für krisengeschüttelte "Wir packen das gemeinsam"-Beziehung? Sicher ist nur eines: Beide haben 0 Kalorien.
Imke sucht noch das richtige Getränk zu ihrem aktuellen Beziehungsstatus. Aber was steht da wohl auf der Verpackung? Ein Getränk für rosaglückliche Beziehung und ein Getränk für krisengeschüttelte „Wir packen das gemeinsam“-Beziehung? Sicher ist nur eines: Beide haben 0 Kalorien.

In den Stanstaaten hatten wir uns an das kyrillische Alphabet gewöhnt und konnten die wichtigsten Angelegenheiten auch auf Russisch regeln. Hier in China ist vom ersten Schritt an nichts mehr verständlich: Staßenwegweiser, Aufschriften von Verpackungen in Supermärkten, Speisekarten, Warnhinweise, Beschriftungen von Gebäuden – wir müssen raten, sind auf Bilder angewiesen, müssen alles mit Landkarten abgleichen oder jemanden fragen. Aber nein, jemanden fragen geht auch nicht, denn hier spricht niemand Englisch. Das hat zur Folge, dass wir mit wirklich niemand sprechen können, denn bisher beschränkt sich unser Chinesisch auf „Guten Tag“, „Deutschland“, „Ja“, „Nein“, „Danke“, „Auf Wiedersehen“ und „Wasser“ (Shui!). Und selbst diese sieben Worte sprechen wir im besten Fall beim dritten Versuch so aus, dass unser Gegenüber ein Verstehen andeutet – vielleicht auch nur aus Höflichkeit. Da auch nichts in Englisch angeschrieben ist, wozu auch, hier kommen normalerweise keine Touristen vorbei, sind wir jetzt plötzlich kommunikationstechnisch ins vorsprachliche Kleinkindalter zurückkatapultiert. Wir verständigen uns mit Gesten und viel weniger und viel erfolgloser als gedacht mit dem Google Translator vom Smartphone. Besonders letzterer versagt meistens. Er führt oft nur zur weiterer Ratlosigkeit und Belustigung auf beiden Seiten. Wir haben fast komplett aufgehört ihn zu benutzen außer es handelt sich um ganz einfache Worte wie „Wasser“, „heute“, „viel“.

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Speisekarte für uns unlesbar, bestellen wir einfach, was der Nachbartisch hat. Dann die Aufgabe Spaghetti mit Stäbchen essen: erledigt! Stolz!

Die Chinesen können ihrerseits gar nicht begreifen, dass jemand nicht Chinesisch sprechen kann. Daraus ergeben sich sehr abstruse Situationen. Meist reden sie so beharrlich auf uns in ihrer Sprache ein, versuchen es mit lauterer Stimme oder kommen mit ihrem Gesicht ganz nah an unseres, dass wir unsere Seite des Gesprächs einfach nach Vermutung auf Deutsch weiterführen. Das muss sich von außen lustig anhören, ist aber ein Zeichen von fortgeschrittener Ratlosigkeit. Wie sollen wir anders klar machen, dass wir kein Chinesisch sprechen oder verstehen? Erst nach einigen Minuten Gespräch geht unserem Gegenüber dann auf, dass irgendwie eine Sprachbarriere bestehen muss. Dann spätestens wird es interessant. Nicht nur einmal kam es bisher vor, dass unser Gegenüber dann auf die Idee kam, uns seine Mitteilung aufzuschreiben – auf Chinesisch! Wir glauben dann an den Gesichtern ablesen zu können, was dazu gedacht wird: „Natürlich weiß ich, dass ihr Langnasen keine Chinesen seid, aber es kann doch nicht sein, dass ihr kein Chinesisch versteht, das kann doch jedes Kind. Na vielleicht könnt ihr wenigstens lesen…“ Und so bleibt manches Gespräch auf immer unverständlich und endet mit einem lächelnden Schulterzucken.

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Speisekarte nicht lesbar? Kein Nachbartisch zum Draufzeigen? Ganz einfach in die Küche gehen und auf die Töpfe zeigen! Die Geste, wie man Nudeln macht, beherrschen wir unterdessen so perfekt, dass die Leute auf der Straße uns zur nächsten Garküche geleiten.

Trotzdem sind die meisten Menschen hier wirklich freundlich zu uns und sehr hilfsbereit. Das ist im Vergleich zu Kirgistan und Kasachstan, die uns in dieser Hinsicht etwas frustriert hatten, wieder besser geworden. Auch die Sprache der Straße gefällt uns sehr gut. Nach drei Monaten katastrophalem Straßenbelag bewegen wir uns jetzt auf Flüsterasphalt. Das ist wie ein Fünfsterne-Spa für die Ohren im Vergleich zu den Stanstaaten. Und dabei sagt man von China es sei so laut. Und der Rollwiderstand im Vergleich zu den Schotterpisten Zentralasiens – wir merkten erst in den letzten Tagen, wie leicht sich doch 100 oder mehr Kilometer am Tag fahren, wenn man auf Asphalt fährt. Außerdem fahren die Chinesen richtig rücksichtsvoll und vor allem langsamer als die Kirgisen! Was für ein Genuss, hier auf einer befahrenen Schnellstraße unterwegs zu sein – so erholsam wie ein Waldspaziergang!

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Gerade dachten wir noch, wir würden in diesem Hotel schlafen können und die Hotelangestellten machen noch Erinnerungsfotos. Wenige Minuten danach kam das SWAT-Team der Polizei und die stundenlange Prozedur Touristenbearbeiten begann.

Was kann uns stoppen?

Was kann uns noch stoppen? Seit Monaten, vielleicht seit dem ganzen vergangenen Jahr, liegen zum ersten Mal keine ernstzunehmenden Berge auf unserem Weg, zumindest die ersten 400 Kilometer nicht (ab morgen kommen wieder die 3000er Pässe der letzten Tien-Shan-Ausläufer). Der Asphalt rollt, der Wind ist gnädig, die Temperaturen stimmen. Wir machen China in weniger als drei Monaten, dachten wir angesichts der Geschwindigkeit, die wir täglich hinlegen und der Kilometer, die wir fressen. Aber wir haben nicht damit gerechnet, dass uns etwas ganz anderes erheblich bremsen könnte. Sogar grundsätzlich bedrohlich für unser Vorankommen hier in China könnte es werden: Die absurde Totalüberwachung durch den chinesischen Staat.

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Schon lange haben wir uns darauf gefreut: die guten eingeschweißten Hühnerfüße!

Wir befinden uns in der Provinz Xinjiang, die erst spät zum Territorium von China dazu kam. 1949 wurde die Provinz eingegliedert und hat seither einen enormen Wandel durchgemacht. Ähnlich Tibet, leben hier die einheimischen Ethnien unter einem starken Anpassungs- und Überwachungsdruck. Die Uiguren, die hier ursprünglich die Bevölkerungsmehrheit stellten, werden zunehmend von angesiedelten Han-Chinesen verdrängt. Dabei sind es vor allem letzte, die vom Reichtum der Bodenschätze der Region profitieren. Die Uiguren sind Muslime. Der chinesische Staat unterdrückt allerdings die Ausübung von Religion grundsätzlich. Gleichzeitig fühlen sich die Uiguren von der Regierung in der Bewahrung ihrer Kultur behindert. All dies führt schon seit längerer Zeit zu Konflikten und eskalierte in den letzten Jahren in Gewalt. Als es in den letzten Jahren zu Anschlägen in der Region kam, die mit den Uiguren in Verbindung gebracht werden konnten, reagierte die Regierung in Peking mit Härte und zusätzlicher Repression. China versucht die Unruhe durch totale Überwachung in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig aber verordnet Peking Maßnahmen, die in ihrer Rigidität zu neuer Eskalation führen müssen. Den Muslimen wurde zum Beispiel vor kurzem verboten ihre Kinder „Mohammed“ als Vornamen zu geben und sie in den Koranunterricht zu schicken.

Wir spüren vor allem die Maßnahmen der unvorstellbaren Überwachung. In den größeren Städten befindet sich alle 200 Meter ein Polizeibunker, umzäunt und gesichert. An wirklich jeder Kreuzung steht ein Polizeiwagen mit Blaulicht, davor drei Polizisten in einer Art „Wagenburg-Formation“, ganz in schwarz, in Riot-Gear: kugelsichere Westen, Helme, Schutzschilde. Der in der Mitte ein Schnellfeuergewehr im Anschlag, rechts und links von ihm zwei mit etwas, das aussieht wie eine zwei Meter lange Kombination aus Schlagstock, Elektroschocker und Lanze.

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Sehen immer wie harmlose Legohäuschen aus, wir haben sie aber schon fürchten gelernt. Alle 200 Meter ein Polizeibunker.

Uns fällt auf, dass nicht nur öffentliche Gebäude und Schulen, sondern auch die Tankstellen abgesperrt sind wie Hochsicherheitsanlagen. Umzäunung, Stacheldraht, davor ein Polizeiposten, Sicherheitskontrolle. Wenn jemand tanken will, müssen alle Insassen aussteigen und vor der Tankstelle warten. Das Auto wird durchsucht, der Fahrer wird kontrolliert und muss sich in eine Liste eintragen. Erst dann darf er zur Zapfsäule vorfahren.

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Wir durften nicht mit unseren Rädern durch die Sicherheitskontrolle an der Tanke, geschweige denn unsere Literflasche Benzin füllen – wir könnten ja eine Bombe daraus basteln. Aber Foto mit den exotischen Touristen muss auf jeden Fall sein.

Für uns ist das Fahren durch die Städte  und Dörfer begleitet von ambivalenten Gefühlen: Einerseits sind wir neugierig und wissbegierig, alles zu beobachten und über das Leben in China zu lernen. Manchmal kommen wir uns vor wie in einem Computerspiel. Meistens ist die Stimmung aber auch einfach nur bedrückend und ein wenig angsteinflößend.

Vor jedem kleinen Dorf ist ein Polizeicheckpoint. Schade, dass wir keine Fotos davon machen dürfen. Das sieht so aus: Wie in einer Mautstelle werden alle Fahrzeuge mit Betonblöcken in Fahrspuren getrennt. Jedes Auto muss anhalten und die Insassen bis auf den Fahrer müssen aussteigen. Ganze Busse entleeren sich und die Insassen gehen durch Personenscanner und müssen ihren elektronischen Ausweis an einer Barriere über einen Scanner ziehen, damit das Drehkreuz sie durchlässt. Die Autos werden dann durchsucht und Koffer der Reisenden wie am Flughafen durchleuchtet. Dies geschieht an allen Einfallstraßen und nicht nur vor Städten. Wir sind leider immer ein Sonderfall und im System eigentlich nicht vorgesehen. Das ist schlecht für uns, denn wenn ein chinesischer Polizeibeamter nicht klare Vorschriften hat, wie er mit uns zu verfahren hat, bekommt er Angst. Unterdessen verstehen wir gut, warum er zurecht Angst bekommt, denn diese Angst sehen wir in vielen Augen von Chinesen, die es plötzlich mit uns zu tun haben. Die Angst einen Fehler zu begehen, der für sie lebensverändernde Bestrafung durch die Regierung zur Folge haben könnte. Angst verantwortlich gemacht zu werden, dass nicht vorschriftsgemäß verfahren wurde mit den potentiell die öffentliche Ordnung und Staatssicherheit gefährdenden Touristen, schlimmer noch Individualtouristen!

Was tut der Polizist also, der nicht weiß was tun und Angst hat? Er verständigt seinen Vorgesetzten. Er schildert den Sachverhalt und wartet. Wir warten. Dann kommt der Vorgesetzte, stellt uns scharf Fragen. Wir lächeln und reichen unsere Pässe, denn natürlich verstehen wir rein gar nichts vom Gesagten. Auch er wird uns nicht verstehen – kein Polizist den wir bisher gesprochen haben – und es waren leider innerhalb einer Woche schon sehr viele – konnte English. Dennoch wird dann meistens ein Polizeidolmetscher angefordert. Wir warten, zeigen den Pass mindestens noch drei weiteren Beamten, die sich aus purer Langeweile die Langnasen ansehen wollen und sind dabei umringt von schwerbewaffneten Splitterschutzwestenträgern. Die allerdings sind das Fußvolk und werden von niemandem beachtet. Ohne mit den chinesischen Abzeichen vertraut zu sein wissen wir unterdessen: der Dickste ist immer der Chef.

Dann kommt der Dolmetscher. Wir freuen uns, gleich kann es also weitergehen – denken wir. Der Dolmetscher kann aber auch kein Englisch, er weiß es nur nicht. Wir versuchen angestrengt zu enträtseln, was er uns sagt, können aber aus dem Gesagten keinen Sinn erpuzzeln. Das stellt uns wiederum vor eine schwierige Aufgabe: Wir sollten die Jungs möglich bei Laune halten und das funktioniert sicher ganz schlecht, wenn wir erstmal den Dolmetscher mit der Tatsache konfrontieren, dass er ungeeignet für seinen Job ist. Also versuchen wir zu erraten, was gemeint sein könnte. Das ist zwar ganz unmöglich, praktisch aber nicht schwer zu lösen. Wir sagen einfach irgendetwas auf Englisch, denn wir können uns sicher sein, dass auch der Dolmetscher uns wiederum nicht versteht. Da er aber vor seinem Vorgesetzten das Gesicht nicht verlieren möchte übersetzt er uns in astreines Chinesisch. Der Vorgesetzte nickt, sagt wieder etwas, der Dolmetscher übersetzt, wir verstehen rein gar nichts, sagen höflich lächeln wieder völligen Quatsch usw. usf. etc. pp. Entscheidend bei dieser Unterhaltung ist, zu erspüren, wann der Pass überreicht werden muss – und das muss er sehr oft. In der Regel scheint jeder Polizist unsere Pässe durchschnittlich viermal akribisch durchschauen zu wollen. Zwei bis dreimal pro Kontakt wird er dann abfotografiert mit dem Handy oder, wenn wir unterdessen auf die Polizeiwache eskortiert wurden, mit dem Kopierer bearbeitet. Die dort Wachhabenden sind dann meist so nervös über den Touristenkontakt, dass wir einmal in letzter Sekunde den Pass aus dem Eingabeschlitz des Druckers reißen mussten, in den der Beamte unseren Pass gesteckt hat.

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Jede Tankstelle ist gesichert wie ein Munitionsdepot.

Unterdessen sind eineinhalb Stunden vergangen und es gibt noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Denn der Vorgesetzte hat natürlich auch keine Ahnung, wie er mit uns vorschriftsmäßig zu verfahren hat. Es werden also, wie im Tierreich Übersprungshandlungen und Ersatzaktivitäten entfaltet. Wir werden zum Tee eingeladen, Gebäck wird angeboten, übel süße chinesische Erfrischungsgetränke aus dem nächsten Laden überreicht. Wenn die Stimmung etwas autoritärer sein soll, dann werden wir nebenbei auch schon mal belehrt, dass wir uns alle 24 Stunden an einem Checkpoint zu registrieren haben. Das ist Vorschrift für Touristen. Uns wird gedroht, dass unsere Reise sonst beendet werden könnte. Woher wir das erfahren? – die chinesische Polizei scheint eine Art Google Übersetzer auf den Smartphones zu haben, die chinesische Gesetzestexte in ganz annehmbares Englisch übersetzten. Google Translator ist natürlich von der Zensur gesperrt in China. Wäre vielleicht für uns hilfreich, um ihnen zu sagen, dass wir uns täglich dreimal an Checkpoints registrieren – aber da lassen wir das Smartphone lieber stecken. Es würde verraten, dass wir eine VPN installiert hätten, um die Zensur zu umgehen. Also reden wir mit dem Dolmetscher, sagen wir, unsere Gefühle der Absurdität und der endenden Geduld unterdrückend, dass wir uns nicht nur alle 24 Stunden, sondern mehrmals täglich registrieren lassen. Da wir ja den ganzen Tag auf der Straße unterwegs seien, können wir ja gar nicht anders, er könne das ja nachprüfen, wir nennen ihm die Dörfer, durch die wir heute schon an Checkpoints kontrolliert wurden. Er versteht uns nicht, schließt aus der langen Rede, dass wir widerspenstig sind und wiederholt jetzt in schärferem Tonfall, dass wir uns alle 24 Stunden registrieren müssen, weil das das chinesische Gesetz vorschreibt. Er belehrt uns – alles mithilfe seines Smartphones, dass wir sonst ausgewiesen werden könnten. Interessanterweise scheinen seine Vorgesetzten nicht zu merken, dass er sich mit uns nur über das Smartphone verständlich machen kann. Die drei Maschinengewehrtypen und der dicke Chef sind auch gelangweilt, weil die Szene gesprächslastig wird und die Handlung verloren geht. Also wirft der Chef etwas ein, sich an uns wendend. Unterdessen geschult in dieser Situation, wissen wir, dass es jetzt wieder an der Zeit ist, den Pass freundlich lächelnd zu überreichen. Wir schlagen unterdessen auch gleich das Chinavisum auf – denn dort finden die Augen des Chefs chinesische Schriftzeichen, an denen sie sich festhalten können. Allerdings wittert er – auch schon uns nicht mehr überraschend – vermutlich, dass wir damit etwas anderes im Pass verbergen wollen und blättert wild und gleichzeitig akribisch den ganzen 36-seitigen Reisepass durch. Er ist leer, bis auf den kasachischen Ausreisestempel und das USA-Visum. Aha, das USA-Visum, es wird gedreht, gewendet, das Lichtbild mit unserem gegenwärtigen verschwitzten, sonnengegerbten, müden Gesicht verglichen, wieder gewendet und weil nichts verstanden wird, abfotografiert. Das Chinavisum ist in unserem Drittpass, den wir nach dem USA-Aufenthalt zu Hause gelassen haben. Was würde wohl geschehen, wenn der Chief hier erfahren würde, dass in den Tiefen unserer Satteltaschen jeweils zwei weitere Pässe liegen mit jeder Menge Stempeln und Visa. Wir denken nicht dran und wollen es nie, nie erfahren.

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Selten hat sich jemand so über unsere Dankeskarte gefreut. Er konnte es kaum fassen, dass er die wirklich behalten darf.

Und jetzt kommt, was in einer Erzählung von Kafka hätte beschrieben werden können – das Dilemma des Vorgesetzten, der zurate gezogen wurde und auch nicht weiter weiß, das aber nicht zeigen darf, denn sonst wäre er ja nicht legitim Vorgesetzter. Was tut ein Staatsdiener in einem rigid hierarchischen System in diesem Fall? Er legt die vermuteten Vorschriften so eng wie möglich aus oder tut so, als wäre nichts gewesen. Der Unterschied zwischen den beiden Möglichkeiten ist für uns extrem groß. Es kam tatsächlich schon mal vor, dass wir nach über zwei Stunden Aufenthalt auf der Polizeiwache einfach die Pässe (unterdessen dreimal kopiert) einfach wieder in die Hand gedrückt bekamen und zurück auf die Straße geschickt wurden. Unterdessen ist natürlich zu viel Zeit vergangen, als dass wir unser Tagesziel noch vor Einbruch der Dämmerung erreichen könnten und wir sind etwas frustriert, jedoch glücklich wieder frei auf der Landstraße in den Abend zu fahren.

Das allerdings kommt nicht häufig vor. Eher scheint es üblich zu sein, dass sich ein verunsicherter chinesischer Beamter für die rigide Handhabung entscheidet. Dann wird, wieder mittels Dolmetscher (s.o.) gefragt, wo wir gestern übernachtet hätten. „Hinter dem Erdhaufen der kleinen Brücke der Autobahnbaustelle, ein super Platz, weil sichtgeschützt, eben und sicher, wenn auch wenig romantisch.“

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Unbürokratisch und nur scheinbar unromantisch: idealer, unbehelligter Schlafplatz an der Autobahnbaustelle. Hierfür ist in China keine Registrierung vorgesehen.

Das wäre die wahrheitsgemäße Antwort gewesen. Das wird natürlich kein Mensch, der einigermaßen bei Sinnen ist, einem chinesischen Beamten antworten. Daher unsere Antwort: „Im Hotel“. Natürlich wussten wir, dass jetzt nach Ort und Name des Hotels gefragt würde. Allerdings würde auch das noch einige Minuten dauern, wenn wir darauf bestünden, nur die Fragen zu beantworten, die wir sinngemäß vom Dolmetscher verstehen. Wir wissen aber auch schon, was die chinesische Frage des Vorgesetzten jetzt will und antworten gleich darauf. Was wiederum dazu führt, dass er zwischenzeitlich denkt, wir verstünden doch Chinesisch und in der Folge weiter ohne Dolmetscher auf Chinesisch auf uns einredet. Die Antwort von uns muss allerdings wieder übersetzt werden und so verschieben sich die Zeitebenen des Gesprächs, während wir immer voraus sind, ist der Chef mit seinen Fragen auf unserer Höhe, mit den Antworten, die er aber über den Dolmetscher erhält, immer zwei Gesprächsballwechsel hinterher. Das macht die Sache aber interessanterweise gar nicht absurder und unverständlicher, zeigt aber, auf wie enorme Ausmaße das Durcheinander zu diesem Zeitpunkt schon angewachsen ist. Unsere Antwort lautet nun natürlich: Wir wissen es nicht, weder den Ort, noch den Name des Hotels. Wir können ja kein Chinesisch. Da alles nur auf Chinesisch angeschrieben ist, sind wir in diesem Fall fein raus. Oder eben auch nicht. Denn zu diesem Zeitpunkt, wir befinden uns seit weit über zwei Stunden in diesem Paralleluniversum, würden wir auch ein Geständnis unterschreiben, um endlich wieder Ruhe auf der Landstraße zu finden. Jetzt wäre gleich wieder der Zeitpunkt. Immer dann, wenn das „Gespräch“ in eine Sackgasse geraten war, kam eine Gesetzesbelehrung, oder diesmal wurde wieder unser Pass verlangt. Ausführliches Blättern. Variante: Chief erhebt sich und geht mit den Pässen nach draußen. Als müsse er mit ihnen alleine sein, um den Fall zu lösen. Wir lehnen uns zurück. Sammeln Kraft, sehen die Sonne ihre Bahn ziehen, entfernen schwarze Ränder unter den Fingernägeln. Interessant auch, was machen die Polizeibeamten in den panzerverglasten Bunkern wirklich, wenn sie nicht Touristen verarbeiten? Wir beobachten, registrieren Topfpflanzen und versuchen uns an Typisierungen. Der Chief kehrt zurück. Er hat eine Entscheidung getroffen. Wir erwarten demütig das Urteil und nehmen eine virtuelle Muskelrelaxanztablette.

Er stellte uns eine Frage, wir hören den fragenden Ton und wissen, jetzt kommt etwas ganz Gewieftes. Der Dolmetscher übersetzt, wir verstehen todaynight. Naklar, diese Frage musste irgendwann kommen im Überwachungssystem. Wo wir heute Nacht schlafen? „Wir wissen es noch nicht, da hier ja alles eingezäuntes Kulturland ist, hat sich das schon in den letzten Tages etwas schwierig gestaltet. Wir werden wieder nach bergigem Terrain Ausschau halten. Es sollte zugänglich für uns sein, eine ebene Fläche fürs Zelt bieten, aber unbedingt sichtgeschützt von der Straße sein. Auf Google Maps (in China geblockt) hab ich in den Satellitenansicht heute morgen, als wir Internet hatten, gesehen, dass in 40 Kilometer etwas kommt, aber da es jetzt schon wieder gleich 17 Uhr ist und wir hier sicher noch länger sitzen, wird das sicher nichts. Wir werden schauen wie weit wir noch kommen und dann improvisieren.“ Meine wirkliche Antwort lautete: „Im Hotel“.

Ich wusste, dass ich damit in die Falle gegangen war – aber eine andere Antwort hätte zu noch schlimmeren Konsequenzen geführt. Wie aus der Pistole geschossen, ohne auf den verdutzten Dolmetscher zu warten redete der Chief. Jetzt wieder ganz in seinem inneren Gleichgewicht. Der Dolmetscher übersetzte, das Verstehen war schwierig und ich überspringe hier mehrere Minuten hin und her: Wir würden zum Hotel eskortiert, denn – und das wussten wir aus leidvoller Erfahrung schon – nur wenige Hotels in China dürfen ausländische Touristen beherbergen. Wir sahen schön öfter die bare Panik in den Augen der Rezeptionistinnen in Yining, als wir versuchten auf eigene Faust eine Unterkunft zu finden. Wieder die Angst, durch einen Fehler sich den Zorn der Verwaltung zuzuziehen und den mühsam erstrittenen Platz auf der kläglichen Karriereleiter als Hotelangestellte zu verwirken. Schlimmer als alles, was wir an Repression sahen, machten uns diese Panikreaktionen, die wir unisono beobachten konnten, das Ausmaß des Drucks oder der Unterdrückung hier in China klar. Nach einer Odyssee durch die Stadt konnten wir erst drei Stunden später ins teuerste Hotel damals in Yining einchecken. Ja, wir wussten, dass Hotelsuche nicht einfach ist. Darum schätzten wir ja so sehr die unromantischen Erdhügel, die unser Zelt so unbürokratisch behüteten.

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Der Manager des International Hotel in Yining wollte unbedingt ein Foto mit uns haben – auch wenn wir nicht in seinem Haus genächtigt hatten.

Sie würden uns zum Hotel eskortieren. Nein doch nicht eskortieren, das war wieder ein Übersetzungsproblem. Wir sollten mit dem Taxi dahin fahren. Das sei im übernächsten Dorf, 20 Kilometer von hier. Jetzt erlaubte ich mir einen kurze Pause für meine Beherrschtheit – ich würde nicht im Taxi fahren, auf keinen Fall, nur mit dem Fahrrad – und bereute sofort. Der Ton wechselte plötzlich ins Brüllen, Sondereinsatzpistolieros nahmen Habachtstellung ein und wir wurden erneut über die Gesetzeslage in China belehrt: Alle 24 Stunden auf der Polizeiwache registrieren! Nur in Hotels übernachten, die für Touristen erlaubt sind! Immer in Hotels übernachten! Alle 24 Stunden registrieren!

Ich holte Luft, zählte auf drei und zählte nochmal auf drei. OK, gut. Taxi, Hotel. Welches Hotel? Das wiederum wollten oder konnten sie uns nicht sagen. Wir wollten und konnten auch kein Taxi rufen – mit welcher Sprache auch, selbst wenn wir wüssten, wohin die Fahrt gehen sollte. Was sollen wir jetzt tun? Wir hatten uns alle im Zuge der Erhitzung des Gesprächs erhoben und nehmen jetzt ob dieser profunden Problemanalyse nochmal Platz. Imke schlägt vor, sie können uns doch mit dem Polizeiauto dahin fahren. Ich wundere mich. Steht sie auch kurz vor Kragenplatzen und möchte die Sache beschleunigen? Wir hatten uns schon länger darauf verabredet, uns in solchen Situation möglichst willenlos zu machen und auf gar keinen Fall Eigeninitiative zu entwickeln. Oder will sie nur Polizeiauto fahren? Wie sich später rausstellt das Letztere.

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Uigurisches Nan-Brot aus dem Holzofenschacht. Die für die Provinzverwaltung arbeitende junge Anwältin, die wir beim Mittagessen trafen, wollte uns das beste Brot der Stadt besorgen.

Ich verkürze hier. Der Plan der Polizei sah folgendermaßen aus: Sie würden für uns ein Auto anhalten, unsere Räder, das Gepäck und uns verstauen und den Fahrer dazu abkommandieren, uns ins Dorf mit dem Hotel zu fahren. Sie waren sich nicht ganz sicher, ob wir dort dann zur zuständigen Polizeiwache gefahren werden sollten – dann wären wir ja Mao sei Dank das Problem der anderen – oder ob wir gleich zum Hotel gefahren werden sollten. Wir hofften natürlich auf die zweite Möglichkeit, denn wir befürchteten, dass dann das Prozedere wieder von vorne beginnen würde. Die Polizisten verständigten sich länger und kamen zu unserer Überraschung zum Ergebnis, dass wir gleich zum Hotel gefahren werden sollten – wir wunderten uns, denn aus Erfahrung konnten wir schon folgern, dass es eigentlich immer den umständlicheren Weg ging. Also stellte sich der Chef an die Straße, um einen Uiguren mit Ladefläche dienstzuverpflichten. Es dauerte für einen Polizeistaat erstaunlich lange, bis ein Wagen gefunden wurde. Die Kooperationsbereitschaft der Uiguren schien hier in Xinjiang tatsächlich sehr gering zu sein. Ein Bauer wurde gezwungen, die Ladefläche, die gerade noch mit Ziegen belegt war zu räumen und alles wurde verstaut. Wir durften immerhin in der Fahrerkabine mitfahren. Es wurde uns bedeutet, dass wir auf der dortigen Polizeistation schon angekündigt seien. Das interessierte uns zwar nicht, sollte uns aber vermutlich die Illusion rauben, irgendwelche Auswege nehmen zu können. Sechs Schwerbewaffnete stellten also sicher, dass wir auch wirklich abfuhren. Der Uigure, der uns fuhr, machte die ganze Fahrt ein Gesicht, als hätte man einen Karton fauliger Eier auf seinem Beifahrersitz zerschlagen. Wir konnten ihn gut verstehen und hatten nach drei Stunden Polizeiarbeit auch ziemlich angefressene Nerven.

Naja, immerhin würde die lückenlose Polizeiüberwachung sicherstellen, dass wir jetzt zügig durch die Checkpoints kämen und dann endlich im Hotel duschen könnten – auch nicht schlecht. Aber dieser Gedanke stellte sich gleich beim Checkpoint als naiv heraus. Natürlich wurden wir angehalten, ein uigurischer Kleinlastwagenfahrer mit Fahrrädern und Touristen war im System der Checkpointpolizisten nicht vorgesehen. Und was macht ein chinesischer Polizeibeamter, wenn er nicht weiß was zu tun ist? … Er nimmt sich erstmal den Fahrer vor. Aussteigen, mit auf die Wache, Ausweiskontrolle, Diskussion, Telefonat; wir beobachteten alles aus dem Autofenster heraus, sicher, bald selbst wieder in Aktion treten zu dürfen. Der Fahrer kam zurück, eine weitere halbe Stunde war vergangen. Sein Gesichtsausdruck war noch finsterer geworden. Wortlos fuhr er ins Dorf hinein und parkte den Laster vor der Polizeistation. Er stieg aus, hielt inne, dann die erste Kontaktaufnahme zu uns: Er löste meinen Anschnallgurt mit dem Druck aufs rote Knöpfchen, sah mir resigniert in die Augen und schüttelte den Kopf. Es sollte wohl heißen: „Vergiss es, so schnell geht es hier nicht weiter.“

Wir warteten. Dann kam wieder ein beleibter Chef, diesmal gleich mit Dolmetscher. Passbesichtigung. Übersetzungsversuche, hoffnungslos. Wieder Passbeschau. Dann fährt ein Polizeijeep vor. Imke strahlt. Wir steigen ins Polizeiauto ein. Unser Gepäck und die Räder? Dortlassen! Jemand fehlt noch, wir können noch nicht losfahren. Wohin? Ich habe mein Hirn und meinen Willen erfolgreich zu einem Teigfladen meditiert. Es ist mir egal. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, der Chef beugt sich über mich, brüllt aus dem Seitenfenster hinaus, rüber zur Polizeistation. Ich erwache aus der inneren Emigration, als Imke überraschend erfreut sagt: „Oh, guck mal“. Es steigt ein weiterer Polizist ein und nimmt hinten neben ihr Platz: Splitterschutzweste, Stahlhelm, Schnellfeuergewehr, Knie- und Ellenbogenschützer – das volle Touristenprogramm. Wohin fahren wir jetzt? Ich hätte es mir nicht ausdenken können, nur die Wirklichkeit ist so absurd: Wir fahren quer über die Dorfstraße 30 Meter bis zum Hotel, es liegt genau gegenüber der Polizeiwache. Der Ziegenlastwagen mit unseren Rädern folgt uns. Nach etwa 30 Sekunden Fahrt (20 Sekunden davon brauchten wir um einzuparken) dürfen wir aussteigen. Die Polizisten helfen uns das Gepäck vom Lastwagen abzuladen und durch die Röntgensicherheitsschleuse des Hotels zu schieben. Die Lobby des Hotels ist jetzt mit Stroh und Ziegenköttel bestreut. Der Schnellfeuergewehrmann hilft nicht, er sichert die Szene. Der Dolmetscher fragt mich zum Abschied ob ich Japanisch spreche. Ich begreife nicht. Er weist auf eine im Hintergrund stehende Gruppe schaulustiger japanischer Touristen hin. Sie winken lächelnd herüber.

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Wie geht es weiter?

Nach nur einer Woche auf der Straße in der Provinz Xinjiang können wir sicher sagen: Polizeikontrollen wie diese werden zu unseren täglichen Erfahrungen in China gehören. Xinjiang ist die größte Provinz Chinas und gilt zusammen mit der Autonomen Region Tibet zu den oft so genannten „Unruheprovinzen“. Die Bedingungen werden sich also auch in Osttibet für uns nicht verbessern. Wie gehen wir damit um? Ähnlich wie der Winter in Armenien, der Gegenwind im Iran und die Hitze in Usbekistan wird die Polizeiüberwachung als unabänderliche Naturgegebenheit zu unserer Reise in China gehören. Wir werden sie nicht ändern können und jetzt kommt es darauf an, welche Haltung wir dazu einnehmen. Bisher gelang es uns ganz gut, sie als eine Art besondere Touristenattraktion zu sehen. Wir beobachten interessiert, sind gespannt und bleiben ruhig. Uns beschäftigt dabei auch ein theoretisches Interesse an der politischen und wirtschaftlichen Lage in China. Wir müssen das ja nicht persönlich nehmen, es ist Ausdruck des Systems. Das bedeutet nicht, dass wir die Sache an sich nicht ernst nehmen. Uns ist immer bewusst, dass die Entscheidungen der Staatsmacht in China unsere Pläne jederzeit durchkreuzen können. Wir sprachen mit einem Radfahrer, dem die Weiterfahrt in Golmud in Richtung Osttibet verboten wurde. Andere durften unbehelligt weiterfahren. Es ist nicht einfach, mit dieser scheinbaren Willkür gelassen umzugehen. Wir hoffen allerdings und sind zuversichtlich, dass uns das im Hinblick auf das Große, das Ganze gut gelingt. Wie beim Winter, dem Gegenwind und der Hitze werden wir auch jetzt Wege finden. Noch scheint es ja möglich zu sein, als individuell reisender Radfahrer sich zu bewegen. Wir befürchten allerdings, und das macht uns schon etwas traurig, dass das nicht mehr lange in China möglich sein wird. Wir haben die sich ständig verschlechternden Reisebedingungen über die letzten Jahre genau beobachtet und wagen vorherzusagen, dass zumindest in den westlichen Provinzen bald nur noch Pauschalreisen in Gruppen möglich sein werden. Schade, denn die Menschen, auch die Polizisten, sind freundlich und das Land ist eine Reise wert.

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