UNSERE AKTUELLE POSITION

16. Oktober  2017

Yushu (3700 m üNN), China

Das erste Drittel des Höhenpfofils der vor uns liegenden Etappe von Yushu nach Ganzi
Das erste Drittel des Höhenprfofils der vor uns liegenden Etappe von Yushu nach Ganzi. Die zwei folgenden Drittel sehen auch nicht milder aus.

Wir sind froh, dass wir wieder unten sind. Die Kälte auf dem Hochplateau war hart. Unten heißt im diesem Fall auf 3700 Metern über Meer. Yushu liegt im Tal, wo wir uns in den letzten Tagen erholten von der Erkältung (Ralph) und von dem stechenden Kopfweh, das erstes Anzeichen der Höhenkrankheit gewesen sein könnte (Imke). Wir mussten uns überlegen, wie es weitergeht. Sollten wir trotz der zunehmenden Kälte unsere Fahrt wie geplant durch den Himalaya fortsetzen? Wollen wir so weitermachen? Immer wieder haben wir auf unserer Reise diese Entscheidung für jeden Abschnitt neu treffen müssen. Nie jedoch ist es uns so schwer gefallen wie für diesen jetzt vor uns liegenden Abschnitt.

Denn wir wussten: Das wird sicher eine der härtesten Strecken und das Leiden würde uns auf den kommenden 1100 Kilometern garantiert sein. Fast zwei Tage rangen wir intensiv und hart mit uns selbst: Warum tun wir uns das an? Das Wetter wird durchwachsen werden und es ist so kalt, dass es bis in die Niederungen (auf 3700 Meter!) schneit. Hat uns die Dauerbelastung der letzten Monate schon geschwächt, so dass wir Tiefenerholung brauchen, die sich nicht innerhalb weniger Tage wieder einstellt? Sollten wir nicht einfach den Bus raus aus dem Hochgebirge nehmen und im Bambus-Reis-China bei gemäßigten Temperaturen ein bisschen vor uns hinradeln? Immerhin ist das doch unser Urlaub! Auch wenn es manche wundert: Das denken wir wirklich! Setzen wir unsere Gesundheit oder Schlimmeres aufs Spiel? Die letzte Frage stellen wir uns täglich und diese Frage ist für uns immer Ausschlusskriterium all unserer Pläne. Nicht eine Sekunde würden wir zögern und abbrechen, wenn wir denken die Pläne seien in dieser Hinsicht unverantwortlich.

Unsere Prüfung ergibt: Sie sind es nicht. Also bleibt die Frage, ob es andere Gründe gibt unsere Route zu ändern und hier abzubrechen. Wir merkten beide, dass uns diese Frage belastete. Wir sind bedrückt und unausgeglichen in den grüblerischen zwei Tagen.

Immer wieder prüfen wir den Wetterbericht und schauen aufs Höhenprofil (siehe oben für das erste Drittel des kommenden Abschnitts). Tagsüber hat es 10 Grad Höchsttemperatur hier in Yushu, nachts leichten Frost. 1000 Meter höher sieht es entsprechend ungemütlicher aus. Wir müssen damit rechnen meistens im Zelt zu schlafen. Es gibt dort oben eine Handvoll Dörfer, in denen es aber sicher keine Möglichkeit gibt sich aufzuwärmen. Es werden Drecksnester sein, einfacher Laden, eine Tanke. Meistens werden wir deutlich über 4000 Meter sein, jeden zweiten Tag ist Regen oder Schnee angesagt. Zwar nicht so viel, dass wir eingeschneit werden würden; aber – Wahrheit im Sattel: „Nass wird man auch mit wenig Wasser.“ Erstmal nass fühlen sich auch schon 10 Grad widerlich kalt an.

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Ja, auch wir stellen uns zwar selten die Frage, aber wir stellen sie uns: Warum tun wir uns das an? Warum? Wir haben uns diese Frage in den letzten beiden Tagen gestellt.

Unterdessen finden sich in unseren Berichten Antworten darauf, warum wir so viel auf uns nehmen. Für uns hat sich zu einer erfahrbaren Wahrheit verdichtet, dass wir in jedem Aufbruch immer wieder erneut finden, warum es trotz des Leidens im Sattel ein großes Glück ist, raus in die Welt zu fahren. Eher theoretisch und philosophierend finden sich einige Erklärungsversuche auf unserer Seite „Wir/Warum?“ (klick).

Wir haben also unsere innere Entschlossenheit geprüft, wir haben unsere Fitness abgeklopft mit dem Diagnosehämmerchen der langjährigen Radfahrererfahrung und wir haben beschlossen: Morgen geht es wieder in den Sattel. Es liegen 1100 Kilometer und 15.000 Höhenmeter vor uns bis zur anderen Seite des Himalaya, dort wo die tropischen Vorgebirge von Laos und Myanmar schon zu riechen sind. Unser Ziel heißt Shangri La!

(Wer sich auf eine Phantasiereise mit uns begeben möchte, dem empfehlen wir das seltsame Buch „Lost Horizon“ von James Hilton; deutscher Titel: „Der verlorene Horizont“. Vielleicht gerade für eine herbstliche Stimmung sehr passend.)

 

14. Oktober

Über das Hochplateau nach Yushu

Von Golmud  sind wir losgefahren auf der Straße, die nach Lhasa führt. Wir wussten nicht, ob der Polizeicheckpoint 30 Kilometer außerhalb der Stadt uns passieren lassen würde. Denn Ausländern ist die Einreise in die Provinz Tibet nur mit Sondergenehmigungen erlaubt. Wir hörten von Radfahrern, denen eine Durchfahrt verweigert wurde, obwohl sie versicherten, nicht in die Provinz einzureisen, sondern vorher nach Osten abzubiegen und über das Hochplateau nach Yushu zu fahren. Auch wir hatten diesen Plan, nach dem Motto: „Wenn wir nicht in die Provinz Tibet einreisen dürfen, dann werden wir halt über das osttibetische Hochplateau durch das Siedlungsgebiet der Tibeter fahren.“ Dort ist auch Himalaya. Als wir nach vielem Hinundher schließlich passieren durften, vollführten wir einen Freudentanz am Straßenrand außer Sichtweite der Polizisten.

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Oben auf dem Kunlun-Pass (4767 Meter). Die Straße nach Lhasa teilen wir uns mit einer endlosen Lastwagenkolonne.

Allerdings wussten wir auch: Vor uns liegen Leiden. Wir achteten in den folgenden Tagen sehr sorgfältig darauf pro Tag nicht mehr als 500 Höhenmeter aufzusteigen, denn das ist die Akklimatisierung, die notwendig ist, um nicht höhenkrank zu werden. Daher brauchten wir rund vier Tage bis zum Kunlun-Pass auf 4800 Metern Höhe. Dahinter würden wir für längere Zeit nicht mehr unter 4300 Metern Höhe absteigen können. Das bedeutet: Wir wären gefangen, wenn jetzt einer von uns höhenkrank werden würde.

Wir wählten den Oktober als Reisezeit für dieses extreme Gebiet. Der ist zwar kalt, aber es regnet statistisch viel weniger als im September. Wir litten, nicht nur an der Kälte, sondern leider auch an den ersten Symptomen der Höhenkrankheit – trotz vorbildlicher Akklimatisierung. Auch hatte Ralph eine heftige Erkältung, so dass er nachts kaum Luft bekam und die meisten Nächte wach lag und nach Atem rang.

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Die sagenhafte Stille, die Klarheit der Luft und die Weite des Himmels, die ihren Abglanz auf die Erde legt: Das tibetische Hochplateau. Passend: auf dieser Straße kommt oft stundenlang kein Fahrzeug.

Als auch nach Tagen die Anzeichen für leichte Höhenkrankheit nicht besser wurden, entschieden wir die Fahrt übers Hochplateau abzubrechen und nahmen schweren Herzens einen Kleinlaster zu Hilfe. Wir wussten ja, dass die Höhenkrankheit eine sehr ernste Angelegenheit ist (s. unseren Bericht „Über das Dach der Welt“).

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Trotz -10 Grad Außentemperatur nachts, Tagebuchschreiben im Zelt ist ein allabendliches Ritual. Was wir nicht alles auf uns nehmen, um Euch dann wieder einen ordentlichen Bericht zu basteln!

Jetzt sind wir in Yushu (3700 m üNN) und bereiten die nächste Etappe vor, die uns auch wieder über Pässe von 4800 Metern Höhe bringt. Anders als auf dem Plateau kommen wir dann aber immer wieder auf unter 4000 Meter Höhe in den Abfahrten. Das bedeutet zwar mehr Höhenmeter, die in der dünnen Luft auch weh tun, aber wir haben weniger Probleme mit dem Gefangensein in der Höhe. Allerdings sieht gerade der Wetterbericht nicht gut aus für die nächsten Tage.

Wir haben drei Videos für Euch trotz Chinazensur hochgeladen und eine neue Bildergalerie gebastelt. Einen Bericht wird es wohl erst später wieder geben. China hält uns in Atem. Als wir zum Beispiel hier in Yushu ankamen und erst kein Hotel fanden und im Schneeregen standen, half uns ein unbeschreiblich freundlicher Polizist (!) ein Hotel zu finden und lud uns zum Galadiner ein zusammen mit seinem Kollegen. Danach lud er unter Mühe und Umgehung der chinesischen Gesetze unser Handy auf.  Wir hätten schon wieder viel zu erzählen.

  Achtung Route  China:
Unsere Route in China wird anders verlaufen, als auf der Karte für die geplante Route eingezeichnet. Wir unterliegen als individualreisende Touristen einigen Einschränkungen hier in China. Dazu gehört auch, dass wir uns nicht nach eigenem Belieben bewegen dürfen. Wir dürfen nicht durch Tibet fahren. Das hat zur Folge, dass wir unsere geplante Route stark ändern mussten. Wir sind am 1. September von Kasachstan im Nordwesten Chinas eingereist, rund 700 Kilometer weiter nördlich als wir ursprünglich geplant hatten (es gibt sehr wenige Grenzübergänge im Westen Chinas, die von Touristen genutzt werden dürfen). Das hatte zur Folge, dass wir anders als geplant jetzt auch Kasachstan auf unserer Reiseroute hatten und die kasachische Steppe kennenlernen durften. Jetzt werden wir rund 1000 Kilometer fast genau in Richtung Osten auf der Überlandstraße 218 durch die Provinz Xinjiang fahren. Von Korgas über Yining in die Senke von Tupan. Dabei fahren wir entlang des Tian-Shian-Gebirges über drei 3000er-Pässe, am Nordrand der Taklamakanwüste entlang. Die Senke von Turpan ist die dritttiefste natürliche Senke der Welt (ca. 150 Meter unter dem Meeresspiegel). Dort wird es heiß, auch weil wir uns dann genau zwischen der Wüste Gobi und der Taklamakan befinden. Von dort soll es weiter nach Golmud in Richtung Südwesten gehen. Von Golmud aus wollen wir genau in Richtung Süden fahren und dabei Osttibet durchfahren und den östlichen Himalaya überqueren. Das bedeutet, dass wir einen riesigen Bogen durch China fahren müssen, um nicht im Sommer durch die Taklamakanwüste zu fahren und schließlich zu unserem Wunschziel Tibet zu gelangen: „vonhiernachda – Himalaya!“ Wir haben glücklicherweise das längstmögliche Touristenvisum erhalten, das man nur bekommt, wenn man von einer Privatperson nach China eingeladen wird Nach drei Monaten wollen wir dann nach Südchina bis zur Nordgrenze von Myanmar gefahren sein. Das ist momentan unser Plan A. Allerdings haben wir schon erfahren, dass die hier zahlreich stationierten Sicherheitskräfte einem die Weiterfahrt oder die Einfahrt in eine Stadt willkürlich verbieten können. Wir stellen uns also schon mal darauf ein, dass wir unseren Plan ändern müssen.