In der Kurzgeschichte von Franz Kafka „Der Aufbruch“ sattelt ein Stallknecht das Pferd für seinen Herrn, der auf eine Reise aufbrechen möchte. Der Stallknecht fragt nach der Reise und will seinen Herrn für das Bevorstehende ausrüsten. In der kurzen Unterhaltung vor dem Aufbruch stellt sich heraus, dass selbst der Reisende nicht weiß, was vor ihm liegt. Der Aufbruch findet in einer Stimmung statt, in der die Ungewissheit der Zukunft bedrückend zu greifen ist.
»Du hast keinen Essvorrat mit«, sagte der Stallknecht. »Ich brauche keinen«, sagte ich, »die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.«

Diese Worte beschäftigten uns schon seit wir nach Afrika aufgebrochen waren. Natürlich schreibt Kafka da nicht von einer Urlaubsreise. Es ist eine Parabel, eine Erzählung, deren tieferer Sinn und größere Bedeutung erst vom Hörer entschlüsselt werden muss. Was geschieht mit uns, wenn wir mit der absoluten Unsicherheit der Zukunft konfrontiert werden? Mit welcher Haltung kann man der totalen Ungewissheit begegnen? Kafka schrieb eine Parabel über das Leben.
Wir erinnerten uns an diese Erzählung, als wir am Anfang der Binga-Karoi-Road standen. Diese Straße, 500 Kilometer lang, hatte keinen Namen. Also nannte man die Endpunkte, zwischen denen sie sich erstreckte: Binga und Karoi. Das waren bekannte Siedlungen. Was sich dazwischen erstreckte lag im Ungewissen.



In den letzten Wochen blieben wir auf den Straßen, die der Welt bekannt waren. Es waren die großen Highways, die Afrika durchzogen. Sie waren nicht „groß“ im Sinne von breit und gut ausgebaut. Nein, sie waren gefährlich schmal und an den Rändern franste der Asphalt aus und brach ab in eine Kante aus Geröll und Sand. Auf ihr bewegte sich alles, was in Afrika bewegt werden musste: alte, klapprige Sammeltaxis überfüllt mit Menschen, riesige Trucks, deren Ladung weit über die Seiten hing, die durch keinen TÜV dieser Welt gekommen wären. Alle fuhren sehr schnell und wir waren der entbehrliche Störfaktor in diesem rasenden Fluss aus tonnenschwerem Blech und Stahl. 100 Trucks überholten uns in der Stunde und jede zweite Minute mussten wir in der letzten Sekunde vor der drohenden Kollision in den Straßengraben ausweichen, um nicht zermalmt zu werden. Hier in Simbabwe fuhr man rücksichtlos. Das Wegerecht war immer auf Seiten des Stärksten. Wir waren die Schwächsten. Mehrmals in der Stunde dachten wir, jetzt müssen wir sterben. Das war die Straße, die uns sicher war. Wenn wir morgens losfuhren, wussten wir, was uns erwartet. 350 Kilometer von der Grenze zu Botswana über Bulawayo, Gweru bis nach Kwekwe waren wir jetzt auf dieser Straße unterwegs. Es war die einzige Straße. Es war eine Todesstraße. Auf ihr wollten wir nicht weiterfahren. Wir waren niedergeschlagen und suchten einen Ausweg.
Hier in Kwekwe durchsuchten wir alle uns zur Verfügung stehenden Landkarten. Eine kleine Straße, so schlecht sie auch sein möge. Gab es nicht doch eine kleine Straße durchs Hinterland, auf der wir in Ruhe fahren konnten? Wir waren bereit Gebirge zu überqueren, durch Sand zu schieben, tagelang von Keksen zu leben, wenn es nur eine Alternative zu diesem Todeshighway wäre. Schon oft hatten wir uns auf den Online Landkarten bis in die größte Auflösung hineingezoomt und immer wieder festgestellt, dass die kleinen Staubpisten, die abzweigen von diesem Highway, im Nichts enden. Sackgassen, Holzwege, deadend. Kein Ausweg weit und breit.

Draußen war es noch dunkel, als ich gleich nach dem Aufwachen wieder das Handy in die Hand nahm und erneut die Suche auf den Landkarten begann. Eigentlich hatten wir schon alles durchsucht. Plötzlich, in der allergrößten Auflösung, entdeckte ich einen kleinen Weg, der die beiden Enden zusammenführte. Ich überprüfte alles wieder und wieder. Sah mir Satellitenbilder dazu an – wie oft waren auf den Landkarten Straßen eingezeichnet, die es in Wirklichkeit gar nicht oder nicht mehr gab! Da war sie. Die Straße. Hier in Kwekwe, der Ortschaft in der wir gerade übernachteten, zweigte sie ab und bildete eine immer dünner werdende Linie hinab in das mächtige Sambesital. Auf dem Weg dorthin verschwand sie fast, so dünn wurde sie, um dann, nach rund 300 Kilometern, langsam dicker und wieder zu einer richtigen Straße zu werden und in Karoi nach 500 Kilometern zu enden, nicht weit entfernt von der Grenze zu Sambia. Selbst auf den riesigen Sattelitenbildern konnte man sehen, dass diese „Straße“ auf mindestens 200 Kilometern Länge extrem schlecht war. Eine Staubpiste, ein Sandweg im Nichts des Buschlabyrinths der riesigen Sambesisenke. Ich war glücklich. Wir konnten weiterfahren oder vielleicht würden wir weiterschieben angesichts der schlechten Qualität dieser Piste. Egal. Nur diesen Trucks entkommen. Körperliche Entbehrung kannten wir. Die scheuten wir nicht.

Als Imke aufwachte verkündigte ich glücklich: Wir fahren weiter! Ihr war sofort klar, dass ich nicht den Highway meinte.
– Sie fragte: „Was ist das für eine Straße?“
– Ich sagte: „Ich weiß es nicht.“
– „Was hast Du rausgefunden über sie?“
– Ich sagte: „Nichts.“
– „Wie heißt diese Straße?“
– „Sie hat keinen Namen.“
Das Letzte stellte sich jetzt allerdings als Problem heraus. Wir versuchten in Kwekwe etwas über diese Straße herauszufinden. Wir mussten eine Straße beschreiben, die keinen Namen hatte gegenüber Menschen, die noch nie eine Landkarte gesehen hatten. Die Fahrer der Sammeltaxis konnten uns noch über die ersten 150 Kilometer Auskunft geben, bis zu der letzten Ortschaft bevor das Nichts begann. Dahinter wussten selbst die Taxifahrer nicht mehr weiter. Routiniert gingen wir vor, denn das war unser Alltag. Das Internet und alle uns zur Verfügung stehenden Radfahrer-Foren hatten keine einzige Information zu dieser Straße. Als ob kein Fremder jemals hier gefahren wäre, der gerne Kommentare postet. Gibt es im Jahr 2026 überhaupt noch diesen Ort auf der Welt? Ein weißer Fleck im Onlineuniversum? Also begaben wir uns in die Offlinewelt und fragten die Einheimischen.
Schnell stellten wir fest, dass diese Straße wohl alles übertreffen würde, was wir bisher überlebt und durchlitten hatten. Routinemäßig fragt man in Afrika den Durchreisenden: „Wohin des Wegs?“ Das ist immer eine der ersten Fragen, die uns gestellt wurde. Oft erhielten wir dann die Entgegnung: It is far. Es ist weit! Dann schmunzelten wir in uns hinein und im Sekundenrückblick zog vor unserem inneren Auge vorbei, durch was wir schon alles gefahren waren. Gerne sagten wir dann danach, außer Hörweite der anderen zu uns gegenseitig kopfschüttelnd: „Ja. Wir sind durch diese ganze Scheiße durchgefahren. Wahnsinn.“ Und dann fuhren wir lächelnd weiter.

Diesmal war es nicht so. Wir fragten nach der Binga-Karoi-Road, erklärten, was wir damit meinten. Wir wurden gefragt: „With the bicycle?“ Dann Kopfschütteln: „It is too far.“ Es ist ZU WEIT. Normalerweise erhielten wir in Afrika immer angenehme Antworten. Hier ist es unhöflich den fremden Frager zu enttäuschen. Die Gastfreundschaft gebietet die angenehme Antwort – auch wenn es die unzutreffende Antwort ist. Jetzt hingegen war offenbar kein Platz mehr für Höflichkeit. Ernst kam die Antwort, kurz und entschieden: „Zu weit“. Diese Auskunft erhielten wir noch nie. Nicht einmal wenn wir gelegentlich zugaben, dass wir fast den ganzen Weg von Deutschland hierher gefahren waren (was wir vermieden, weil es in den Augen unseres Gegenübers auch bedeutete, dass wir verrückt waren.). Selbst dann hieß es: „This is far.“ Nie hieß es: Das ist zu weit. Dabei sind für die Einheimischen 500 Kilometer nicht besonders weit. Oft kamen wir ja durch Länder, die so dünn besiedelt sind, dass das nächste Dorf über 100 Kilometer entfernt liegt. Auf der Binga-Karoi-Road war Gokwe von Kwekwe knapp 150 Kilometer entfernt. Dann nochmal 100 Kilometer und es kam eine Kreuzung. Irgendwo dazwischen endete der Asphalt. Was danach kam, lag im Ungewissen.

Zwei Tage lang bereiteten wir uns in Kwekwe auf die vor uns liegenden 500 Kilometer Ungwissheit vor. Wie lange würden wir dafür brauchen? Wenn alles Sand ist, wie lange würden wir das schiebend durchhalten? Wo würde es Essen geben? Wasser? Wo würden wir schlafen? Löwen? Werden wir stark genug sein? Die Antworten, die wir erhielten, waren schwache Lampen im Nebel. Sie beleuchteten nur den Nebel. Jede Auskunft machte uns nur die Ungewissheit des vor uns Liegenden klarer.


Ich lag nachts wach und angesichts der Frage, ob wir uns auf diese Ungewissheit einlassen sollten, kam mir die Parabel Kafkas wieder in den Sinn. „Kein Essensvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.“ Seit dem ersten Lesen vor vielen Jahren beschäftigte mich das Rätsel, warum denn diese ungeheure Ungewissheit der dort beschriebenen Reise ein „Glück“ sein soll. Besteht nicht mein ganzes Bemühen, sowohl bei dieser Afrikareise, aber auch sonst im Leben, möglichst gut vorbereitet zu sein auf das, was kommt? Gewissheit ist Sicherheit. Ungewissheit ist unsicher. Stimmt diese Gleichung überhaupt für den großen Maßstab? Und darüber hinaus: Wäre ich auf diese Reise aufgebrochen, wenn ich gewusst hätte, was an Strapazen auf uns zukommen? Ich bezweifle es. Und noch etwas: Zu Hause in Deutschland ist mir so Vieles gewiss. Das Leben verläuft in berechenbaren Bahnen. Vielleicht kaum sonstwo auf der Welt hat man es mit so vielen Gewissheiten zu tun, im Alltag und im Großen. Dennoch scheinen viele Menschen so verunsichert. Paradox. Ich merke, aller Gewissheiten entkleidet vor der Zukunft zu stehen, trifft mich im Kern. Überraschenderweise ist das nicht schlecht. Vielleicht ist es das, was den Boden bereitet für diese intensiven Menschenbegegnungen hier in Afrika. Ich finde keine vernünftigen Worte dafür. Es ist eine wesentliche Kraft, die in diesem Erkennen der Ungewissheit steckt und es ist ungeheuer. Vielleicht ist das das Glück einer ungeheuren Reise der Ungewissheit.

Als es hell wird, satteln wir die Pferde und brechen auf. Blessing, der Taxifahrer, wollte sich gestern noch einmal melden und berichten, was er über die Straße herausfinden konnte bei seinen Kollegen. Er hatte sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht aus Höflichkeit. Dann musste es halt ohne weitere Infos losgehen. Wir würden auf der Straße etwas über die Straße erfahren.
Seit Wochen war uns klar, dass aufgrund der sich ausbreitenden Ebolaepedemie unsere Afrikareise verkürzt werden könnte. Wir fuhren noch einmal los in diesen Abschnitt mit der Kraft und der Wehmut, dass dies vielleicht eines der letzten Kapitel unserer Afrikazeit sein könnte. Da war es nur folgerichtig, dass wir der vor uns liegenden Ungewissheit und der uns entgegenkommenden Mitmenschlichkeit Afrikas jetzt noch einmal in besonders großer Intensität ausgesetzt sein würden. Im Rückblick betrachtet erscheint diese Straße, die schlechteste, die wir in ganz Afrika je gefahren waren, als eine Perlenreihe menschlicher Begegnungen.
Seit Wochen war uns klar, dass aufgrund der sich ausbreitenden Ebolaepedemie unsere Afrikareise verkürzt werden könnte. Wir fuhren noch einmal los in diesen Abschnitt mit der Kraft und der Wehmut, dass dies vielleicht eines der letzten Kapitel unserer Afrikazeit sein könnte. Da war es nur folgerichtig, dass wir der vor uns liegenden Ungewissheit und der uns entgegenkommenden Mitmenschlichkeit Afrikas jetzt noch einmal in besonders großer Intensität ausgesetzt sein würden. Im Rückblick betrachtet erscheint diese Straße, die schlechteste, die wir in ganz Afrika je gefahren waren, als eine Perlenreihe menschlicher Begegnungen.
Die Piste bestand teilweise aus kopfgroßen losen Felsen, die unter einer knöcheltiefen Schicht Mehlstaub versteckt lagen. Wir mussten schieben und der Staub war so fein, dass jeder Schritt uns in einen Nebel hüllte. Wenn einer der wenigen Mienenlastwagen des Tages in Schrittgeschwindigkeit an uns vorbeifuhr, mussten wir minutenlang stehen bleiben, weil wir nichts mehr sahen in der Staubwolke. Wir waren eingepudert wie Christstollen. Auf großen Teilen der Strecke waren wir so langsam unterwegs, dass die Kinder gemütlich neben uns her gehen konnten, wenn sie nicht kreischend vor Furcht vor uns in die Büsche flohen. Viele Weiße schienen hier nicht durchzukommen. Lange Strecken mussten wir schieben. Wir waren nie langsamer unterwegs gewesen. Aber vielleicht muss man so langsam werden wie ein Ochsenkarren, um Afrika zu erfahren. Karoi, das Ende dieser Piste, würde wieder am Todeshighway liegen. Wir wollten eigentlich gar nicht da hin. Zum ersten Mal hatten wir endlich gar kein Ziel mehr außer hier unterwegs zu sein. Es war nicht so kitschig, wie es sich vielleicht anhört. Wir waren glücklich.

Von hinten kam ein Motorradfahrer schleichend langsam durch den Puderstaub. Immer wieder jaulte der Motor auf, weil das Hinterrad durchdrehte. Wir mussten mal wieder schieben und blieben stehen. Seit fünf Tagen waren wir jetzt auf der Straße unterwegs und es gab eigentlich gar keinen Verkehr mehr. Es gab auch keine Straße mehr. Das, auf dem wir uns bewegten, konnte man längst schon nicht mehr Straße nennen. Natürlich hielt auch der Motorradfahrer an. Hier in dieser Einsamkeit fährt man nicht einfach an Menschen vorbei – besonders nicht an Weißen. Man fragt nach Namen, Reiseziel und tauscht wichtige Informationen aus. Richard fuhr ins nächste Business-Center. Ja, so hieß das wirklich hier. Das war dann ein Laden am Straßenrand. In der Regel nicht größer als eine Garage. Darum herum: Nichts. Die Leute kommen fünf, zehn, fünfzehn Kilometer zu Fuß oder mit dem Ochsenkarren, um einige Kleinigkeiten oder einen Sack Zucker zu kaufen. Ein Dorf gibt es nicht in der Nähe. Weit in der Buschlandschaft verstreut sehen wir Rundhütten, mit Gras gedeckt. Und alle 30 Kilometer mal an der Straße eben ein Business-Center. Dort trifft man sich, sitzt im Schatten, bespricht Neuigkeiten und wartet auf eine Mitfahrgelegenheit.


Das nächste Business-Center war 20 Kilometer voraus. Für Richard auf dem Motorrad eine Stunde entfernt. Für uns war das angesichts dieser „Straße“ fast eine Tagesetappe. Wenn große Teile davon tiefer Sand wären, würden wir das heute nicht mehr schaffen. Was dann? Wir wussten es nicht und hatten uns daran gewöhnt. Wir hatten uns auch abgewöhnt die Leute nach der Qualität der vor uns liegenden Straße zu fragen. Seit Tagen sagten die Leute auf diese Frage immer das Gleiche. Sie zeigen vor sich in den Staub und sagen: „So wie hier.“ Manchmal stimmt das dann. Manchmal auch nicht. So langsam wie ein Ochsenkarren sind wir unterdessen in einer Zeitschleife des Jetzt. Uns fällt auf, dass wir nur noch aus Routine nach der Straßenqualität fragen. Was würden wir durch eine verlässliche Antwort gewinnen? Wir könnten ausrechnen wieviele Kilometer wir heute noch schaffen würden. Aber wo wir dann sein würden und was uns dort erwarten würde, wussten wir eh nicht. Mal wieder merkten wir belustigt, wie groß unser Bedürfnis ist die Ungewissheit zu handhaben. Immer wieder versuchten wir die kleinen Ungewissheiten zu entpacken um dann auf die dahinterliegende größere Ungewissheit zu stoßen. Muster zu erkennen in der Staubpiste um Vorhersagen zu treffen für etwas, das uns auch wieder unbekannt sein würde. Es war eigentlich schrecklich zu ertragen. Warum waren wir im Großen und Ganzen dennoch so entspannt und zufrieden? Langsam schiebend wie ein Ochsenkarren hatte ich genügend Zeit zum Sinnieren. Richard gab mir die Antwort auf diese Frage. Es war die große Frage, warum mir die Mitmenschlichkeit hier in Afrika so paradiesisch erschien. Er sagte jetzt nämlich sehr zuversichtlich: „Wenn ihr heute Abend das Business Center erreicht, fragt nach Mister Tschibuto.“

Irgendwo sonst auf der Welt hätte man den Reisenden in unserer Situation „Viel Glück“ gewünscht und wäre weitergefahren. Das wäre ganz nett gewesen, denn viel Glück brauchte man ja auch offensichtlich auf dieser Straße. Denn das Leben auf dieser und an dieser Straße ist ein Kampf. Und den muss halt jeder für sich kämpfen. Wie eben das Leben an sich – ein Kampf. Der Kampf des Mitmenschen? Eher nicht mein Problem. So ist das aber nicht hier in Afrika. Immer wieder verblüffte mich die Einfühlsamkeit, ja die Zärtlichkeit, mit der man die Grundbedürfnisse des Mitmenschen empfand und erspürte. Zwei dreckige Verrückte mit Fahrrädern auf dieser Straße brauchen einen kompetenten Ansprechpartner. Ohne den sind sie verloren. Richard hatte innerhalb von wenigen Sekunden unsere Situation entschlüsselt. Statt mit den Schultern zu zucken – nicht mein Problem – dachte er: Mister Tschibuto kann sicher helfen und sagte: „Fragt nach Mister Tschibuto. Er kennt den König.“


Den König? so fragt sich jetzt vielleicht die Leserin. Warum den König? Und: Welchen? Seit Stunden schoben wir in dieser totalen Einsamkeit über die Staubpiste und in diesem Moment kam uns keine dieser eigentlich naheliegenden Fragen in den Sinn. Um das zu verstehen, muss man sich die Situation konkret vorstellen, in der wir uns befanden. Erst wenn man sich genügend in diese staubige, einsame Ungewissheit meditiert hat, kann man vielleicht begreifen, welche Kraft der Satz in uns entfaltet: „Fragt nach Mister Tschibuto. Der kennt den König.“
Richard fuhr weiter und wir, staubig, erschöpft und jetzt wieder voll mächtiger Zuversicht, stellten keine der Fragen „Welcher König?“, „Warum den König?“. Dies waren Fragen von kleingläubigen, verzagten Pfennigfuchsern. Wir waren plötzlich zu Menschen geworden, die Richard kannten, der Mister Tschibuto kannte, der den König kannte. Wir merkten, dass wir nicht mehr schieben mussten. Wir stiegen auf und drückten mit mächtigen Tritten das Rad über Felsbrocken durch die Staubrinnen. Unser Leben und Streben hatte wieder eine Richtung bekommen. Wir würden heute Abend, wie prophezeit, am Business-Center ankommen, nach Mister Tschibuto fragen und der würde uns vielleicht sogar zum König führen. Wir waren geadelt durch die bevorstehende Audienz. Äußerlich zwar noch genauso dreckig wie zuvor, doch jetzt innerlich wieder strahlend. Ich übertreibe nicht. Es ist die Wahrheit.


Wir waren von zwei Einzelkämpfern zu Mitgliedern einer Gemeinschaft erhoben worden. Es war eine mächtige Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die den Einzelnen beim Kampf nicht allein lässt. Wer jemand kennt, der jemand kennt, der den König kennt, kann nicht mehr verloren sein. Nicht hier im Staub und nicht grundsätzlich. So lustig das vielleicht auch klingen mag, war das doch die Antwort auf meine große Frage, warum mir die Mitmenschlichkeit hier in Afrika immer wieder so paradiesisch vorkam. Wir wurden in unserem Kampf nicht allein gelassen. Am Ende konnte man sich auf die Hilfe und das Mitgefühl der anderen verlassen. Immer. Das was man sonst nur im Idealfall von der eigenen Familie und den zwei, drei besten Freunden zu erwarten hofft, kam hier von selbst von Fremden. Schau her, ich weiß was Du dringend brauchst. Ich lass Dich nicht allein. Ich mache Dein Bedürfnis zu meinem Anliegen. Verzag nicht, ich kenn jemand, der kennt den König.


Richards Prophezeiung bewahrheitete sich. Niemand hatte Zweifel daran. Nach einem weiteren halben Tag harter Fahr- und Schiebearbeit erreichten wir das Business-Center. Es war ein kleiner abgerissener Betonbau, an dem nichts darauf hindeutete, dass innen Besseres zu finden wäre als Staub und Kakerlaken. Äußerlich erschöpft und staubdreckig ritten wir mit Haltung und stolzer Zuversicht ein. Die vor dem Laden im Schatten Sitzenden begrüßten uns schon von Ferne mit heftigem Winken. Vielleicht lag es an unserer inneren Ausstrahlung, denn wir waren ja nicht unbekannte Niemande. Wir kannten ja quasi den König – über zwei Ecken. Vielleicht hatte aber einfach nur Richard von den zwei Verrückten erzählt. In der Regel ist die Nachricht über uns immer schneller als wir selbst.
Wie immer blieb Imke bei den Rädern und ich ging in den dämmrigen, kleinen Laden, ein Einraumgebäude ohne Fenster. Die übliche Anordnung: Eine große Theke, die den Raum in zwei gleich große Hälften teilt. Dahinter an der Wand gerade knapp außer Reichweite der Lesbarkeit ein Mosaik bunter Verpackungen. Ich hatte von Imke den Auftrag erhalten: „Wir brauchen alles.“ Mit dieser gewaltigen Mission trat ich jetzt an. Auf dem Weg zur Theke beging ich aber nicht den Anfängerfehler, die Reihe tattriger, alter Männer zu übersehen, die in der Regel auf klitzekleinen Hockern der Wand entlang auf dem Boden saßen. So wand ich mich jetzt ganz dieser Reihe Sitzender zu, verbeugte mich kurz und reichte jedem meine Hand. Ganz als ungebildeter Banause hat mich Afrika bisher nicht so weit durchgelassen. Zuerst werden die Alten begrüßt.

Danach trat ich an die Theke und fragte nach Mister Tschibuto. Vielleicht war ich etwas zu zuversichtlich, denn jetzt verunsicherte mich das plötzlich eintretende Schweigen und die Stille im Raum. Der Junge hinter der Theke war ganz offensichtlich verlegen. Plötzlich duckte er sich unter die Betontheke. Wollte er sich da verstecken? Fürchtete er einen Angriff? Erst jetzt bemerkte ich das kleine Loch unter der Theke, durch das er auf meine Seite gekrochen kam. Jetzt in dem kleinen Raum neben mir stehend, führte er mit einer grazilen Handbewegung meinen Blick hin zu den vier alten Männern an der Wand. Mit einer kleinen Verbeugung wies er auf den Mittleren und sagte leise „Mister Tschibuto“ als wolle er uns offiziell miteinander bekannt machen. Die ganze Situation war dadurch in eine Würde gekleidet, die scheinbar Mister Tschibutos Bedeutung entsprach. Wir schüttelten uns die Hand und ich fragte, wie es ihm gehe. Und er erkundigte sich, wie üblich und höflich, nach meinem Hin- und Herkommen. Ich wurde gefragt und berichtete geduldig: Aus Deutschland, ja verheiratet. Nein, leider keine Kinder (immer ein großer Aufreger). Dann Reiseroute, den Namen meiner Frau. Unser Ziel für heute und für immer. Das ging dann immer nur so lange wie mein Gegenüber es noch aushielt seine Vorfreude in Zaum zu halten. Wenn dies schließlich nicht mehr möglich war, erzählte er, der Ersthörer, die ganze Geschichte in exakt der von mir vorgetragenen Reihenfolge den Umstehenden, meist in der Landessprache oder in seltenen und besonders kuriosen Fällen wie ich auch auf Englisch in den exakt identischen Worten, in denen ich die ganze Geschichte gerade erzählt hatte.

So geschah es auch jetzt. Sich den übrigen drei Alten zuwendend sprach jetzt Mister Tschibuto über mich und meine Geschichte in einer mir unverständlichen Sprache. Es hörte sich aber schön an für mich. Mein Hiersein wurde durch eine Erzählung bestätigt. Ich verstand immer nur Eckpunkte: Mister Ralph, Germany, Senegal, Botswana, Simabwe. Bulawayo, Imke. Wie immer füllte sich im Laufe dieser Nacherzählung dann der Raum mit Menschen und an unterschiedlichen Stellen der Nacherzählung eilten dann immer wieder Hörer nach draußen. Dann eben, wenn ihre Vorfreude den Siedepunkt erreichte und sie nicht mehr länger warten konnten um als Zweithörer sich einen Dritthörer zu suchen, dem sie unsere Geschichte weitererzählen konnten. Meist ist es dann so, wenn ich nach einem kurzen Einkauf zu Imke nach draußen trete, dass dort dann unsere Geschichte immer noch erzählt wird. Dabei sind Imke und die Räder umringt und man betrachtet, während man erzählt bekommt. Das ist so ähnlich wie ein mehrstimmiger Kanon. Egal zu welchem Zeitpunkt man in den Gesang einstimmt, man wird schließlich auf jeden Fall die ganze Geschichte erfahren. Auch wenn man zuerst nur das Ende als Dritthörer erfährt, so kann man den Anfang an einem anderen Ort als Viert- oder Fünfthörer noch aufschnappen.

So ähnlich war es auch jetzt. Aber da ich keine Anstalten machte einfach einzukaufen und dann wieder zu gehen, blieb das erzählte Ereignis und die Erzählung ja in Konkurrenz zueinander. Die Erzählung Mister Tschibutos war zu Ende und alle schauten jetzt mich wieder an. Ich sagte, was allen Anwesenden unterdessen längst klar sein musste. „Meine Frau und ich sind müde.“ Mister Tschibuto nickte wissend. Er sagte: „Ihr müsst ausruhen.“ Es war wie die Inszenierung eines sehr alten, vorgeschriebenen Rituals. Die Abfolge der Schritte sind vorgegeben und jeder der Tanzpartner kennt seinen Part. Ich sagte: „Sie haben Recht. Es wäre gut für uns, wenn wir einen Ort finden würden, an dem wir uns auruhen können.“ Mister Tschibuto nickte zustimmend. Der Raum war voll mit Menschen und gleichzeitig war es ganz still. Mit großer Würde und universeller Zuversicht verkündete er: „Wir finden einen guten Platz für Euch, wo ihr für die Nacht ausruhen könnt.“ Ich sagt: „Das wäre gut für uns. Dann können wir morgen mit neuer Kraft unsere Reise fortsetzen.“ Er sagte zufrieden: „Mach Dir keine Sorgen. Ihr werdet sicher Euer Ziel erreichen. Wir werden den König um Rat fragen.“ Mit der mir nun schon bekannten grazilen Handbewegung führte er meinen Blick zu dem abgerissensten Alten der Vier und sagte: „Darf ich Dir König Nebiri vorstellen.“

Als hätten wir mit dem großen Highway eine Welt verlassen und wären in eine andere etwas seltsame, manchmal märchenhafte, manchmal fürchterliche Welt eingetreten, reihten sich auf der Binga-Karoi-Road solche Begegnungen aneinander. Natürlich durfte ich in Mister Tschibutos Laden meinen Einkauf nicht einfach nach draußen zu den Rädern tragen. Der Adjutant des Königs trug mir die Einkäufe nach draußen. Wie sehr wir schon in diese seltsame Parallelwelt eingesunken waren, zeigte sich auch daran, dass Imke draußen von meiner Erzählung gar nicht überrascht war, dass im Laden König Nebiri auf uns gewartet habe.
Wir wunderten uns auch nicht, als nachts neben unserem Zelt ein Kind geboren wurde, als wir bei der Krankenstation der Baptistenmission übernachteten.
Wir wunderten uns nicht, dass am Tag, nachdem unser Kocher kaputt ging, ein Jeep neben uns anhielt und die französischen Touristen uns fragten, ob wir etwas brauchten. Im Spaß sagte ich: „Wir haben alles, außer unserem Primuskocher. Der ging uns gestern kaputt.“ Wortlos stieg der Fahrer aus, öffnete den Kofferraum und reichte mir seinen Primuskocher mit den Worten: „Den kannst du mir mit der Post wieder zurückschicken, wenn ihr zu Hause seid.“
Wir wunderten uns nicht, als fünf kleine Kinder uns barfuß hinterherrannten. Als wir anhielten legten sie ein Müllknäuel, zusammengehalten von Plastiktüten, vor uns auf den Boden und sagten: „It’s a ball.“
Wir wunderten uns nicht, als wir Pause machten und auf dem Blechschild stand: „Busstop Jesaja 14,32: „Und was wird man den Boten der Völker sagen? Der Herr hat Zion gegründet, wo die Armen seines Volkes Zuflucht finden.“ Daneben stand die ärmlichste Lehmrundhütte, die man sich vorstellen kann.
Wir wunderten uns nicht, denn es war ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.

