Ein gutes Ende

Wir sind aufgebrochen auf diese Reise mit dem Wissen, dass man eigentlich nicht mit dem Fahrrad durch Afrika fahren kann. Wir haben uns ein Ziel in Afrika gewählt, so wie man bei einem Navigationssystem ein Ziel eingeben muss, damit es einem eine Route berechnet. So haben wir Nairobi in Kenia gewählt. Ein willkürlicher Punkt, der Endpunkt sein könnte. Aber wie weit wir auf dem Weg dorthin gelangen würden, das war uns schon vor der Losfahrt zweifelhaft. Eine Reise durch Afrika mit dem Fahrrad ist so ungeheuerlich, dass sie eigentlich kein geographisches Ziel haben darf. Das war uns bewusst, als wir in Süddeutschland vor einem Jahr losfuhren.

Jeden Tag lebten wir im Sattel unter Bedingungen, die von uns erforderten, alles Lebensnotwendige täglich neu zu erfinden. Wasser, Essen, Unterkunft, Vorankommen, Naturbedingungen sind zu keinem Zeitpunkt verlässlich. Wir fuhren jeden Tag morgens los, ohne zu wissen wo wir abends schlafen werden, bis wohin uns die Straße bringen würde, ob es in einem Kilometer noch eine „Straße“ geben würde, ob es dort dann Wasser und Essen gäbe. Afrika stärkte unsere Unsicherheitstoleranz. Was uns noch zu Beginn der Reise das Fürchten lehrte, war dann irgendwann selbstverständlich: Nichts ist selbstverständlich.

Wer so reist, legt schnell die Hybris ab zu glauben, ein ausgedachtes Ziel sei erreichbar. Ein guter Teil der Anstrengung, die Afrika von einem Radfahrer fordert, liegt in diesen allumfassenden Ungewissheiten. Auch noch nach einem Jahr lachten wir immer wieder über unsere europäische Naivität: Warum bin ich überrascht, dass kein Wasser aus dem Hahn kommt? Nur weil vor einer Stunde Wasser da war, muss nicht bedeuten, dass JETZT Wasser da ist. Oder dass es im Laden etwas zu kaufen gibt. Oder dass die Straße auch noch in einem Kilometer asphaltiert sein würde. Oder dass es eine Straße gibt.

Pläne zu ändern wurde zu unserem täglichen Brot. Täglich dutzendfach, hundertfach wurden unsere Erwartungen zerstört und Neues musste von uns aufgebaut werden oder wurde uns einfach geschenkt. Wer mit dieser Unsicherheit fährt, dem wird bald bewusst, dass man beim Planen denkt, man hätte die Bedingungen in der Hand. Das ist nicht so in Afrika, besonders nicht mit dem Fahrrad.

Daher waren wir vorbereitet darauf, dass sich auch der ganz grobe Plan, Kenia zu erreichen, jederzeit ändern könnte. Nairobi war für uns darum immer eher eine Arbeitshypothese als ein Ziel.

Im Mai wurde bekannt, dass sich im Osten der Demokratischen Republik Kongo Ebola verbreitet. Seitdem beobachteten wir die Entwicklung dieses Ausbruchs, denn unsere Route führte in Ruanda und Uganda eng auf der anderen Seite der Grenze am Ausbruchsgebiet entlang. Seit Mai hat sich dieser Ausbruch zur größten Ebolaepedemie jemals entwickelt. Herr Trump hatte kurz vorher alle us-amerikanische Entwicklungshilfe weggekürzt und die Europäer haben ihre Hilfsbudgets auch zusammengestrichen. Aufgrund der anwachsenden Verteidigungsbudgets blieb eben weniger Geld für humanitäre Zwecke übrig. Die Konsequenz ist eine ungebremste Ausbreitung von Ebola hier. Mit Grauen registrieren wir die Todeszahlen schon seit Monaten. Unterdessen gehen die Experten davon aus, dass die pessimistischen Prognosen noch übertroffen werden. Der bisher größte Ausbruch von Ebola im Jahr 2014-16 forderte im ersten halben Jahr 2000 Tote. Der jetzige hat diese Zahl nach zwei Monaten längst übertroffen und aufgrund der fehlenden Hilfe werden viele Fälle sicher nicht erkannt. Wir wussten schnell, dass wir unsere Route würden ändern müssen. Seither suchten wir nach Alternativen.

Aber Alternativen gibt es nicht. Wer Afrika kennt, weiß, dass Straßen ein rares und wertvolles Gut sind – asphaltiert oder unasphaltiert. Es gibt nur sehr wenige davon. Die für uns in Frage kommenden Straßenalternativen waren Todesstraßen: eng, viel Schwerlastverkehr, lebensmüde Fahrweise. Wir kennen diese Straßen. Oft sind sie die einzige Möglichkeit. Aber wir sind sie zu oft gefahren und wollten nicht noch weitere 1500 Kilometer minütlich in der Erwartung fahren, gleich sterben zu müssen. Drastisch ausgedrückt, aber zutreffend. Wir prüften auch große Umwege über Malawi, wir prüften die Staubpisten im Hinterland und im Dschungel, durch Löwengebiet, durch Sumpfgebiete, über Gebirge. Alles mit dem Ergebnis: zu gefährlich, fahrlässiges Risiko.

Darum entschieden wir, unsere Reise in Sambia zu beenden. Natürlich haben wir diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Aber wir empfinden trotz der Enttäuschung einen großen inneren Frieden mit dieser Entscheidung. Wir müssen nicht getröstet werden. Es ist ein großes Privileg, so lange zu reisen wie wir es jetzt getan haben. Afrika hat uns täglich so reich beschenkt, dass wir oft dachten: Wann bleibt uns denn endlich Zeit für die große Dankbarkeit, die wir empfinden? Gleichzeitig wussten wir aber schon lange bevor sich diese Planänderung ankündigte, dass wir traurig sein würden diesen Kontinent zu verlassen. Das, was wir hier an Freundlichkeit, Fürsorge und Herzlichkeit erlebten, habe ich mir eigentlich erst vom Paradies erhofft.

Unser Flug landet in Deutschland am 22. August. Dann werden wir auch Zeit haben den Bericht über Simbabwe zu schreiben, denn was wir dort erlebten, hat uns auch nach einem Jahr Afrika noch überrascht.