Bald werden wir von Namibia Abschied nehmen. Wir sind in Keetmanshoop. Drei Tagesritte sind es von hier noch nach Osten bis zur südafrikanischen Grenze. Dort verbringen wir nur einen Tag, und dann erreichen wir Botswana.


Auf den letzten paar Hundert Kilometern Schotterpiste hatte ich genug Zeit darüber nachzudenken, wie ich Namibia erlebt habe. Dabei kommt mir eine Begebenheit in den Sinn. Wir sind noch im Norden in Khorixas, Ralph ist im Laden und kauft ein, während ich draußen auf die Räder aufpasse. Sofort umringt mich eine Gruppe halbwüchsiger Jungs. Sie leben im Waisenhaus nebenan, erzählen sie. Ob sie nicht auf unsere Räder aufpassen sollen, das sei kein Problem, bieten sie mir an. Oder ich könnte ihnen eine ihrer Schnitzereien abkaufen. „Ich bin ein Künstler!“ Selbstbewusst hält mir einer eine filigrane Holzgiraffe unter die Nase. Sie ist wirklich schön, und Giraffen mag ich sehr. Aber ich erkläre ihm, dass ich mindestens eine Satteltasche zusätzlich mit mir herumtragen müsste, wenn ich alle Mitbringsel kaufen würde, die mir angeboten werden, und das sei zu schwer. Dafür hat er sofort Verständnis. Ob ich ihnen dann nicht wenigstens einen Sack Instant – Maisbrei kaufen könnte, das Hauptnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung.


Ich versuche die Situation zu verändern, indem ich ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenke. Ich erzähle ihnen, dass ich Lehrerin bin und durch Afrika reise, um zu lernen. Denn wir in Europa wüssten fast nichts über diesen Kontinent. „Ihr seid die Experten: Wenn ich wieder zu Hause bin, was soll ich meinen Schülern über Namibia beibringen?“ Sofort sind alle sehr konzentriert, rücken näher an mich heran, denken nach. Einer beginnt, einem zweiten fällt etwas ein, dann will jeder etwas beitragen. „Sag Deinen Schülern, wir sind freundliche Menschen.“ „Sag ihnen, Namibia ist ein wunderschönes Land.“ „Es gibt hier viele Tiere. Und viele Autos.“ „Vieh zu besitzen ist wichtig. Wenn Du Vieh hast, ist das wie Geld auf der Bank.“ „Hier leben viele unterschiedliche Gruppen: Herero, Ovambo, Himba, Bushmen, Damara, Nama…“ Sie bringen mir ihre Damara – Namen mit den vielen Knack-, Klick- und Schnalzlauten bei, und ich versuche mein Bestes sie nachzusprechen, großes Gelächter, hoffnungslos. „Was Du Deinen Schülern noch beibringen musst: Hier in Namibia gibt es viele sehr reiche Menschen und viele sehr arme, die Hunger haben, so wie wir.“ „Was ist die größte Herausforderung für Namibia?“, frage ich. Ohne zu zögern antwortet ein älterer Junge: „Korruption und Armut. Es gibt keine Jobs für uns.“




Namibia hat mich oft traurig gemacht. Armut so nah zu erleben ist immer schwer auszuhalten, aber hier sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Schwarz und Weiß so selbstverständlich und normal, so unmittelbar nebeneinander, dass uns oft eine besonders hilflose Traurigkeit erfasst. Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir das freundliche Farmerpaar Bennie und Francine verließen. Sie schlugen uns vor, doch einfach auf der Farm ihrer Freunde zu übernachten, 70 Kilometer von hier, das sei kein Problem. Da es seit ein paar Tagen keinen Empfang gab, konnten wir uns nicht ankündigen. Als wir vor dem hübschen Gebäude stehen und ein paar spielende Kinder nach Keer und Esther fragen, erzählen sie uns, die Besitzer seien übers Wochenende nach Swakopmund gefahren. „Unsere Eltern arbeiten hier.“ „Wohnt ihr hier in diesem Haus?“, fragen wir. Ein bisschen belustigt über unsere dumme Frage weisen sie auf eine Hütte gegenüber. „Nein, da wohnen wir.“

Die drei holen ihre Mutter, die mit den zwei Jüngsten auf dem Arm und an der Hand herüberkommt und sich unsere Frage anhört: „Dürfen wir hier heute unser Zelt aufstellen, auch wenn die Besitzer nicht da sind?“ Wir sind immer noch in Afrika, selten ist irgendetwas ein Problem. Gefolgt von noch mehr neugierigen, ziemlich zerlumpten Kindern führt uns die Mutter souverän durch ein Tor hinter das Haus in den Garten, voller Blumen und Dekoschnickschnack. Mindestens sechs Pfauen stolzieren herum. Hier könnten wir unser Zelt aufstellen, weist sie auf eine Ecke neben einem riesigen Käfig mit Wellensittichen. „Aber falls die Farmer heute Nacht wiederkommen, werden sie sich dann nicht wundern?“, frage ich zögerlich. Sie lächelt breit: „Nein, macht euch keine Sorgen, sie kommen heute nicht zurück, ihr seid sicher.“ Sie zeigt uns noch einen Gartenschlauch, an dem wir Wasser abfüllen können, und macht sich dann wieder auf den Weg zu ihrer Hütte, als sei das das Selbstverständlichste der Welt. Wir Weißen sind auf der einen Seite der stacheldrahtgekrönten Mauer, bei den Pfauen, schön eingezäunt. Die Schwarzen sind auf der anderen Seite, ohne fließendes Wasser und Strom. Später am Abend füllt der Vater zwei Bezinkanister am selben Gartenschlauch ab, den die Mutter uns gerade gezeigt hat, und fährt sie auf einer Schubkarre hinüber auf die andere Seite. Wie in Onkel Toms Hütte.


Wir erreichen den südlichsten Punkt unserer Reise, Aussenkehr am Oranje – Fluss. Hier befindet sich das größte Tafeltrauben – Anbaugebiet der südlichen Hemisphäre. Wir müssen zweimal hinschauen, so weit das Auge reicht plötzlich so viel Grün, alles künstlich bewässert. Die Trauben werden natürlich auch nach Europa exportiert. Das kleine Aussenkehr wächst von 6000 auf bis zu 40.000 Einwohner an, wenn die Saisonarbeiter zur Traubenlese herkommen. Fassungslos stehen wir vor dem riesigen Slum aus Wellblechhütten, in dem die Arbeiter unterkommen. Damit man es in der Hitze darin überhaupt auhalten kann, isolieren die Bewohner die Hütten notdürftig mit einer Ummantelung aus Ästen. Natürlich gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser. Der Spar von Aussenkehr, auf den wir uns so gefreut haben, weil es lange keine Versorgungsmöglichkeiten gab, ist fast leer, und das wenige, das es gibt, ist noch teurer als sonst. Auf dem Parkplatz vor dem Laden bekommt eine Frau neben uns einen verzweifelten Wutanfall und schreit den Himmel an: „Der Maisbrei ist jetzt doppelt so teuer, wie soll ich das bezahlen?! Ihr wollt uns alle nur abzocken!“ Wir stehen beschämt daneben und denken: Seit John Steinbecks „Früchte des Zorns“ hat sich nichts geändert.

Ich freue mich auf Botswana. Ich freue mich auf ein Land, in dem nicht vor jedem Haus ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe den Sand recht. Ich freue mich auf ein Land, in dem uns die ursprünglichen Bewohner wieder als Menschen begegnen und nicht als Angestellte.

Diese Begegnungen fallen mir ein, während wir auf einer Schotterpiste vom Nichts ins Nichts fahren. Und genau das ist es, warum ich mich auf Nambia immer besonders gefreut habe. Ich bin verliebt in diese große Weite. Ich bin glücklich, wenn wir morgens von unserem Wildcampingplatz mühsam die Räder über straußeneiergroße Steine zurück zur Straße schieben und ich versuche, dabei keine der zarten lila Blumen plattzudrücken, die den steinigen Boden wie ein Teppich bedecken. Alle Namibianer betonen, wieviel Glück wir haben, dass wir das Land nach zehn Jahren Trockenheit in solcher sanften Schönheit erleben dürfen.

Meine Finger sind noch so kalt, dass es wehtut, den Lenker zu halten. Aber wenn ich dann sehen darf, wie morgens kurz nach Sonnenaufgang sich das Licht langsam von oben über die braunen Berge ergießt und wie Lava orange-pink leuchtend bis zum Fuß der Felsen kriecht, dann möchte ich immer weiterfahren und nichts anderes tun als schauen. Eine ausgezogene Landschaft bis zum Horizont, ohne irgendetwas von Menschenhand Gemachtes. Ich liebe das Gefühl, morgens mit zwei vollen Wassersäcken hintendrauf in die Einsamkeit hinauszufahren und zu wissen, dass uns in den nächsten zwei Tagen vielleicht zehn Autos begegnen werden und es für 250 km keine Einkaufsmöglichkeit geben wird. Dann rufen wir uns zu: „Raus in die Wüste!“ oder „Rein in die große Weite!“ und treten nochmal entschiedener in die Pedale. Vorbei an golden wogendem Puffelgras vor schokobraunen Kugelfelsenbergen, segeln wir in den Horizont hinein. Ich denke nichts mehr, betrachte die winzigen Blumen, die im Sand versteckt sind, und meine Seele umarmt die endlose Weite. Ich bin verliebt in diese Weite, ich kann nicht genug davon kriegen.
Ich liebe das Schnauben und Traben von Zebras nachts vor dem Zelt. Mit steif gewordenem Hals bei Dunkelheit in den Himmel zu starren und mich nicht trennen können vom Anblick der Milchstraße und der Sterne. Ich habe das Gefühl, erst jetzt zu verstehen, was es bedeutet, dass die Sterne funkeln. Sie pulsieren in verschiedenen Größen, hell leuchtend die einen, milchig schimmernd die anderen. Wenn der Wind sich nachts gelegt hat und ich mich wundere, weil irgendetwas so ist, wie ich es sonst nicht kenne: Stille umringt uns. Kein Geräusch, kein Laut außer meinem eigenen Atem gegen den Schlafsack über meiner Nase. Der Klippspringer, der neben uns herläuft und in seiner Zartheit die Giraffe vom Platz eins der Lieblingstiere verdrängt. Der Duft der Nachtblume, der uns auf unseren Wildcampingplätzen einhüllt, als würde sie uns sagen: Ich bin so klein, dass ihr mich tagsüber neben der Straße überseht, aber ich habe geheime Kräfte.
Von Keetmanshoop aus sind es noch drei, vier Tagesritte nach Osten, dann erreichen wir Botswana. Man muss wirklich hart gegen sich selbst sein, wenn man mit dem Fahrrad in Afrika unterwegs ist. Da ist es schön, gleichzeitig durchlässig zu werden für das Wunderbare. Danke, Namibia.

