Gegen die tiefstehende Abendsonne sah ich sie schon von weitem langsam durch die große, baumlose Ebene auf mich zukommen. Es war ein Bild wie man es aus Westernfilmen kennt. Drei Kühe und zwei Kälber trotten durch die Graslandschaft. Hinter ihnen läuft ein Mann mit Ledercowboyhut. Ihr Gang wirbelt etwas Staub auf, der orange über dem Gras in der Luft hängt. Der Wind des Tages hatte sich gelegt und jetzt erfüllt Stille die Wüstenlandschaft. Die niedrigen Farmgebäude liegen in einem Tal, das mit seinen Dimensionen eine Beschreibung schwierig macht. 50 Kilometer breit ist die Talpfanne. Kein anderes menschliches Zeichen findet mein Auge bis hin zu den Tafelbergen und den roten Dünen am Horizont. Eine helle gerade Linie ist die Schotterpiste, die uns hierher geführt hat. Sie zieht sich von Horizont zu Horizont. Wie ein gigantisch leerer Teller liegt diese Landschaft blankgeputzt. Kein Busch, kein Baum, keine Erhebung. Die reinen Dimensionen zusammen mit dem rötlichen Abendlicht und der Stille lassen mich erschauern. Man ist hier gestimmt auf das ganz Große. Und dann überwältigt einen die totale Abwesenheit. Vielleicht ist es gerade dieser Gegensatz, der mich innerlich so erfüllt und präsent macht.

Der Mann öffnet jetzt das Gatter und die Kühe drängen sich am Zaun. Sie wissen, jetzt ist Melkzeit. Schon seit einigen Minuten fällt mir auf, dass an diesem Bild etwas nicht stimmt. Jetzt sehe ich deutlicher und wundere mich. Hinter den Kühen trottet eine große Oryxantilope her. Ihr Gang ist untypisch. Ist sie alt oder krank? Geduldig stehen die Kühe am Gatter. Die Antilope läuft langsam am Zaun auf und ab, als warte auch sie auf etwas. Als die Farmersfrau die Kühe zum Melken führt, bleibt die Antilope stehen. Die Frau kommt zurück und wendet sich jetzt der Antilope zu, die fast so groß ist wie eine Kuh. Ihre geraden Hörner sind über einen Meter lang. Mit ihrer schwarz-weißen Gesichtsfärbung sieht sie einschüchternd aus. Sie steht jetzt ganz ruhig und wartet. Ich erhebe mich von meinem Sitzplatz, um genauer zu sehen. Die Farmersfrau geht zur Antilope und streichelt sie minutenlang an Kopf und Hals. Das große Tier hält ganz ruhig. Darauf hat es gewartet. Nach ein paar Minuten wendet sich die Frau den Kühen zu und die Antilope dreht sich weg und weidet, als wäre sie eine Kuh.

Hermine, die Frau heißt wirklich so, sagt: „Das Oryx denkt, es sei eine Kuh. Wie die Kühe auch, möchte es jeden Abend meinen Kontakt. Wahrscheinlich möchte es auch gemolken werden. Da das aber nicht geht, streichele ich es halt ein bisschen.“ Das Oryx wurde als Waise auf der Farm mit der Flasche aufgezogen und kennt nur die Gesellschaft von Kühen. Daher auch der Gang, der mir vorher auffiel. Es war der staksig torkelnde Gang einer Kuh.

So eine Geschichte ereignet sich nur in dieser grandiosen Isolation. Wir fahren zwar schon seit Wochen durch diese Einsamkeit und sind ihr ausgesetzt. Dennoch wundern wir uns, wie das die Farmer hier im Süden Namibias aushalten. Die Farm hat 10.000 Hektar und die nächste Straßenkreuzung mit einer Tankstelle und einem Wohnhaus ist 80 Kilometer entfernt. Hermine und Kerr leben ohne Internet, ohne Handyempfang und ohne Fernsehen oder Radio. Wenn sie jemanden anrufen wollen, müssen sie 28 Kilometer Staubpiste auf den nächsten Hügel fahren. Auch dort ist das Signal so schwach, dass man kaum telefonieren kann. Auf der Straße kommen auch jetzt in der Touristensaison nicht mehr als 20 Autos am Tag vorbei. Von der Straße aus sind es nochmal vier Kilometer bis zum Farmhaus. Hinter dem Haus haben sie drei Plätze für Camper, vermutlich, damit sie etwas Menschenkontakt haben. Als wir zur späten Mittagszeit am Gatter ankommen und Hermine aus dem Haus rufen, hat sie eine Kochschürze umgebunden. Wir entschuldigen uns, dass wir stören, sie lacht. Offensichtlich sind wir eine positive Störung. Eine halbe Stunde schwatzt sie mit uns auf das Gatter gelehnt. Ihr Englisch ist geprägt von dem Afrikaans, das sie sonst spricht. Es hört sich schnarrend und langsam an. Sie sagt oft „Jaaaa“, als wäre sie aus Dänemark oder Holland. In ihrem knöchellangen blauweißen Kleid sieht sie aus wie Frau Antje aus der holländischen Käsewerbung. Nur etwas älter, mit Kurzhaarfrisur und schwieligen Männerhänden. Sie mag uns. Im Lauf des frühen Abends kommt sie immer wieder zu unserem Zeltplatz und fragt, ob wir noch etwas brauchen, bringt uns Käse, Milch und Rosinen oder erzählt uns in ihrer zögerlichen Sprache noch eine Geschichte. Dabei ringt sie ihre Hände und entschuldigt sich ständig, dass sie uns stört.

Bei den Farmern Südnamibias
Seit wir Walvis Bay verlassen haben vor über zwei Wochen, sind wir in so abgelegenen und dünn besiedelten Gebieten unterwegs, dass wir öfter bei Farmen übernachten müssen. Nach wunderbaren Wildcampingplätzen zu Beginn ist jetzt das Land eingezäunt. Meist fahren wir dann am Ende des Tages die Stichstraße zu einem Farmgebäude runter und fragen, ob wir unser Zelt aufstellen können. Wir wissen auch schon wie die Leute heißen. Es gibt ja nicht so viele von ihnen hier. Bei der jeweils vorausgehenden Übernachtung bekommen wir immer aufgezählt, wer auf welcher Farm entlang unseres Weges wohnt. Bei unseren 50 bis 70 Kilometern am Tag sind das nicht mehr als zwei oder drei Farmen, höchstens. Tolous, Spes Bona, Helmeringhausen, Tirool, Kerweeder, Wereldend (Weltende). Inseln in einem Wüstenmeer, das nur in guten Jahren so wie jetzt von wogendem Bushmann- und Silverseedgras bewachsen ist.

Von den Unterhaltungen und Beobachtungen bei den Farmern lernen wir viel über dieses Land. Wie Bennie auf Tolous sagte: „Hier könnt ihr zu jedem Farmhaus gehen und ihr werdet immer einen Platz für die Nacht finden. In dieser Einsamkeit wissen alle, dass jeder auf Hilfe angwiesen ist.“ Und so erleben wir es. Es ist ein eigenartiger Menschenschlag, die weißen Farmer Südnamibias. Es sind oft Charakterköpfe, knorrig und in Windungen gewachsen wie die wenigen Bäume hier in der windigen Wüste. Unter härtesten klimatischen Bedingungen und in wechselhaften politischen Zeitläuften haben sie teilweise über drei Generationen die Farmen geführt. Wir hören die Zwischentöne in den Unterhaltungen. Wir hören die verborgenen Anspielungen und sehen, wie die schwarzen Lohnarbeiter wohnen und behandelt werden. Unterdessen haben wir die Extreme gesehen und den pragmatischen Middleground. Lezly sagt: „Mindestens 30 Prozent der Farmer hier sind harte Rassisten.“ Er sagt das ganz offen und lacht. „Sie kämpfen noch die Kämpfe von gestern.“ Er sagt auch, dass die schwarze Regierung in Windhoek das schon ganz richtig mache, wenn sie jetzt Programme zur Förderung des Landbesitzes von Schwarzen anstoße. Er sei ein Mentor für seine neuen Nachbarn. Schwarze, die Farmland für 99 Jahre von der Regierung gepachtet haben, das vorher von einem weißen Farmer mit Steuergeld aufgekauft wurde. Er unterstütze sie in agritechnischen Fragen und leihe auch schon mal seine Bullen für die Besamung der Kühe aus. Von sich sagt er, dass die Farmer Südnamibias den höchsten Lebensstandard aller Farmer weltweit hätten. Nur in Texas gehe es den Farmern besser. Er sitzt uns gegenüber mit einem uralten, löchrigen Pulli und fährt einen 50 Jahre alten Toyota. Klar gebe es auch arme weiße Farmer. Vor allem diejenigen, die zu Zeiten der Apartheid eine Farm zugewiesen bekamen. Das sei meist schlechtes Land der Schwarzen gewesen, die damals in Homelands umgesiedelt wurden.

Bennie ist so ein Farmer. Ein innige Herzlichkeit ausstrahlendender, kleiner, runder Mann. Er berichtet uns, dass von 40 Farmern im District nur noch er und drei seiner Nachbarn die Farm halten konnten. „In den letzten 20 Jahren hat der Klimawandel uns ausgedörrt.“ Oder sagte er „ausgedünnt“? Die anderen haben verkauft. Ihr Farmland ist jetzt das private Naturreservat „Namib Rand“. Die Farmgebäude wurden umgebaut zu Tourismuslodges für das Luxussegment. Dort verbindet sich Tourismus mit Naturschutz. Allerdings ist die Sache nicht unumstritten und kompliziert. Bennie weist darauf hin, dass Namib Rand mit Naturschutz wirbt und seine Gäste mit dem Helikopter zum Sundowner auf die umliegenden Tafelberge fliegen lässt. Die jetzt wieder migrierenden Oxyx- und Kuduherden reißen seine Zäune nieder und fressen das wenige Gras seiner Schafe. Er ist kein Fan der privaten Reservate.

Das Farmhaus von Bennie und Francine sieht innen aus wie aus den 50er Jahren. Es ist offensichtlich, dass die beiden jeden Dollar zählen müssen und vielleicht auch nicht mehr lang die Farm halten können. Gerade vor diesem Hintergrund macht es uns besonders traurig, mit welch inniger Hingabe Bennie in seinem alten Klapperpickup uns die schönen Ecken seines Farmlands zeigt. Ohne eine ersichtliche Fahrspur fährt er durch das jetzt hohe Silbergras. Dann hält er plötzlich an und steigt aus, pflückt ein Kraut oder eine Blume und reicht sie uns. Wir müssen daran riechen und darauf rumkauen und er erklärt uns, was wir da an Kostbarkeiten in Händen halten. Dabei ist beim laienhaften Betrachten der Landschaft nicht viel zu finden, was hier auf den ersten Blick spektakulär wächst. Bennie hat uns beigebracht genauer hinzuschauen. Seither erkennen wir sie, die Bitterkräuter und wilden Wassermelonen, die die Tiere krank machen oder in kargen Jahren überleben lassen. Die zarte, unscheinbare Nachtblume, die, wenn die Schatten länger werden, die gigantische Weite mit einem wundersüßen Duft erfüllt. Nicht größer als ein Stecknadelkopf sind ihre weißen Blütenblätter.

Tiere der Furcht
So erschließen sich uns dieses karge, schöne Land, seine Pflanzen, seine leidvolle Geschichte, seine Tiere. Nicht nur die Tiere, die wir tagsüber sehen und nachts hören. Auf eine Art begleiten uns die Tiere, die wir weder sehen noch hören können, besonders intensiv. Zebraherden stehen abseits der Straße und halten inne, wenn wir vorbeifahren. Vogelstrauße rennen neben uns her. Sie sind so verwirrt von der seltsamen Begegnung mit Radfahrern, dass sie direkt vor uns auf die Piste rennen und dann, wenn wir mal schneller eine Abfahrt hinabrollen, minutenlang vor uns her laufen. Oxyx und Springböcke sind täglich da und schon zu gewohnten Begleitern geworden. Klippschliefer sitzen auf Felsen und beobachten uns aus sicherer Position vor ihren Höhlen. Erdmännchen und Fuchsmangusten stellen sich auf die Hinterpfoten und strecken ihre Köpfe aus dem Grasmeer. Rüppeltrappen werden wir als Wappentier wählen, wenn wir einmal in den Adelsstand aufgenommen werden sollten. Diese Grashühner sind immer zu zweit und machen lustige Geräusche – ähnlich wie wir wohl auch den Zebras erscheinen. Wir sind die Rüppeltrappen unter den Radfahrern. Und obwohl es wenig Bäume gibt, sind überall Vögel. Nachts sitzen zwei Uhus an unserem Zeltplatz und gruseln uns mit ihrem nahen Ruf, während auch nicht allzu fern die Schakale heulen.


Aber präsenter als in der Landschaft vor unseren Augen sind die Tiere in unserem Kopf. Dort leben vor allem die Tiere der Furcht. Die Tiere der Furcht begleiten uns immer. Wir wissen nicht wie nah sie uns wirklich sind. Wir wissen nicht, ob sie kommen und uns schon sehen. Warten sie still im Dunkel um unser Zelt? Schleichen sie auf leisen Pfoten in dem schattigen Canyon, den wir kurz nach Sonnenaufgang durchqueren? Liegen sie hinter dem Busch, der zur Mittagszeit keine 20 Meter entfernt von unserem Kekshalt entfernt steht? Hinter welchem Busch von den 200, die wir heute auf unserem langsamen Weg über die mühsame Schotterpiste passieren? Diese Tiere haben lange Fangzähne und scharfe Krallen. Diese Tiere wollen töten, denn sie sind hungrig. Es sind keine Fluchttiere. Die Tiere der Furcht sind Jagdtiere. Wie kommen diese Tiere in unseren Kopf?

Die Einheimischen bringen sie in unseren Kopf. Sie sagen, es sei wichtig, diese Tiere im Kopf zu haben, damit man nicht zu ihrer Beute wird. Wir wussten, wir würden auf unserem Weg durch Namibia bei Palmwag Löwengebiet durchqueren. Wir wollten wissen, wie wir dabei auf der sicheren Seite bleiben. Da passte es gut, dass noch im Norden, am zweiten Tag der Schotterpiste am Straßenrand, ein Mann im Ranger-Shirt lief. Viele der Männer aus den kleinen Dörfern finden Arbeit als Ranger oder Guide in den Naturreservaten. Rund 17 Prozent der Landfläche Namibias sind Reservate. Katu ist Ranger im Palmwag Löwen-Reservat und lebt im kleinen Dorf Warmquelle. Wir halten an und beginnen eine Unterhaltung. Wir fragen nach den Löwen.

Katu ist sehr ernst und gibt klare Anweisungen:
1. Auf der Straße seid ihr sicher. (Ich frage mich bis heute, ob das wirklich der Fall ist.)
2. Bewegt Euch nur maximal fünf Meter neben der Straße.
3. Haltet nur im offenen Terrain, wo ihr weit überblicken könnt, was sich nähert. (Weiß er, dass wir auf der Schotterpiste oft nur in Schrittgeschwindigkeit unterwegs sind und der relative Unterschied zum Anhalten verschwindend gering ist? Dabei sind wir tagelang durch Buschlandschaft unterwegs. Hinter jedem Busch kann ein Löwe im Schatten liegen. Ich würde ihn nicht sehen, wenn er fünf Meter von mir entfernt wäre, weil ich mich auf die Fahrspur mit tiefem Sand konzentriere.)
4. Nachts nicht aus dem Zelt raus. (Wie soll das gehen, bei den Mengen an Wasser, die wir tagsüber trinken?)
5. Bei einer Pause Rücken an Rücken stehen, um das gesamte Terrain zu übersehen. (Man kommt sich dabei unglaublich dämlich vor.)
6. Nicht weit weg zum Pinkeln gehen (s.o. 5-Meter-Regel) und sich dabei immer mit dem Rücken zur Straße drehen.
7. Morgens bevor man aus dem Zelt geht: Gashupe. (Gashupe? Ja, wir haben uns auf seine Anweisung hin eine Gashupe gekauft, so wie man sie als Fußballfan aus dem Stadion kennt.) „Weil die Löwen vor oder hinter dem Zelt auf ihr Frühstück warten.“ Das sagte er ganz unironisch – wirklich!
8. „Nur alte Löwen ab 12 Jahren fressen Ziegen und Menschen, denn sie sind zu alt um etwas Vernünftiges zu jagen.“ (Auch hier zitiere ich wörtlich. Er sagte das vermutlich, um uns zu beruhigen.)

Ist jetzt klar, wie die Tiere der Furcht in unsere Köpfe kommen? Seit wir vor einem Monat mit Katu plauderten, begleiten uns die Löwen. Auch jetzt, da wir längst wieder aus dem Löwengebiet raus sind. Aber Katu hat noch weitere Anweisungen für uns.
„Löwen sind nasty. Sie kommen dich holen. Elefanten sind nicht nasty. Aber Vorsicht vor den Elefanten, die meisten Menschen unterschätzen wie gefährlich Elefanten sein können.“ Diese Einschätzung begegnete uns seither oft. Die Einheimischen sprechen sehr respektvoll von den Elefanten. Wir werden auf unserem Weg immer wieder über den Standort der Elefanten informiert, als handle es sich um langsam wandernde Tiefdruckgebiete. „Auf den nächsten 20 Kilometern seid vorsichtig. Die Elefanten sind auf der Hügelseite links von der Straße. Rechts ist es feucht, da rutschen sie aus, das haben sie nicht gerne.“ Diese und ähnliche nur auf den ersten Blick lustige Hinweise begleiteten uns im Norden.


Katu der Ranger schärft uns zu Elefanten ein:
1. Elefanten können nicht rückwärts gehen. Wenn sie Euch entgegen kommen, macht die Straße frei.
2. Keine grellen Farben tragen. (Ist jemand auf den Fotos aufgefallen wie schick ich auf Safarilook gewechselt habe?)
3. Nicht auf der Straße bleiben. Man muss nicht weit weg gehen. Zur Seite gehen, abseits hinsetzen. Nicht so im Wind stehen, dass sie einen riechen können. (Da kommt uns gelegen, dass Radfahrer immer wissen woher der Wind weht.)
4. Wenn es brenzlig wird: Gashupe.

Zum Abschied schenkt Katu uns noch eine rote Rauchfackel, so wie sie als Notsignal zur Luftrettung verwendet wird. Wozu?, frage ich. Er sagt lächelnd: „Als letzte Maßnahme, wenn nichts anderes mehr hilft.“ Auch das meint er nicht witzig. Er behauptet, dass ein angreifender Löwe oder Elefant nur durch eine großkalibrige Schusswaffe oder einen Rauchvorhang vom Angriff abgebracht werden kann. Das erste glaube ich ihm. Das mit dem Rauchvorhang möchte ich gerne glauben. Ein Löwe, so lese ich (warum tue ich mir das auch noch an?), überwindet die letzten 20 Meter vor dem Schlagen der Beute mit bis zu sechs Meter weiten Sprüngen und oft wird das Beutetier schon durch den Schock des Aufpralls bewusstlos. In so einer Situation, so stelle ich mir vor, hole ich ruhig die Leuchtfackel aus meiner Lenkertasche, ziehe das Ding zu voller Länge aus, wie es in der Gebrauchsanweisung beschrieben ist, schraube den Deckel ab und ziehe dann ruckartig an der zum Vorschein kommenden Lasche, um sie zu entzünden und achte darauf, dass ich sie ganz am hinteren Ende halte, weil der vordere Teil heiß wird…


Wie kommen die Tiere der Furcht in meinen Kopf? Ich sehe die Leuchtfackel in meiner Lenkertasche liegen. An Imkes Steuerrohr haben wir die Gashupe befestigt. Bei der Kekspause muss ich mich nicht nur fragen, wie lange ich so widerliches Zeug noch esse, sondern ob hinter dem nächsten Busch etwas liegt, das mich leckerer findet als ich Kekse. Was wir nicht machen, erinnert uns auch an die Tiere in unserem Kopf. Zum Beispiel morgens Gashupe. Das machen wir einfach nicht. Imke drückte einmal während der Fahrt aus Versehen auf die Hupe hinter mir und ich höre mehrere Minuten lang nur Pfeifen und Rauschen in meinen Ohren. Wir sind unterdessen raus aus dem Löwengebiet. Fürs Erste.

Gruselgeschichte für das Wildcampen
Aber nicht nur Löwen begleiten uns. Vor zwei Wochen, an einem besonders schlechten Schotterpistenabschnitt, überquerten wir den Kuiseb-Pass. Die Abfahrt ist leider nur kurz und führt in einen engen schattigen Canyon. Dort steht an einer Parkbucht im Schatten der Felswand ein Picknicktisch und wir treffen zwei nette ältere Frauen im Pickup. Sie haben ihre Mutter auf der nahegelegenen Farm besucht. Ungefragt erzählen sie uns die Gruselgeschichte dieses Ortes: „Vor acht Jahren übernachtete hier ein deutsches Touristenpaar in ihrem Wohnmobil. Weil es heiß war, ließen sie das Seitenfenster offen. Nachts kam ein Leopard und verletzte den Mann schwer.“ Die beiden Ladys sparten nicht an Details und die Geschichte wurde sehr blutig geschildert. Genau an diesem Ort standen wir jetzt und die Schatten im Canyon wurden länger. Als wir jetzt weiterfuhren, saß uns die Geschichte im Nacken. Verabschiedet wurden wir mit den Worten, dass dies halt das Territorium des Leoparden sei. Gefangen wurde er nicht. Jetzt wurde der Schotter tiefer und die Piste war durchsetzt mit sandigen Stellen. Wir kamen kaum schneller als Schrittgeschwiendigkeit voran. Es war schon nach 16 Uhr und um kurz nach sechs wird es dunkel. Quälend langsam arbeiteten wir uns die steile Steigung aus dem Canyon heraus. Oben lag vor uns eine weite Ebene, die zerklüfetet war von Erosionszuflüssen. Der Canyon streckte seine felsigen Finger nach uns aus und wir mussten annehmen, dass auch dies das Territorium des Leoparden war. Mit aller Kraft brachten wir fünf Kilometer zwischen uns und die unheilvolle Talsohle der Schlucht. Jetzt auf der Hochebene mussten wir das Zelt aufstellen. Links von uns lagen die Felsen der Schlucht. Ich kenne nicht die Ausdehnung der Reviere von Leoparden, aber fünf Kilometer fühlen sich nach nichts an, wenn die Dämmerung einsetzt und man einsam sein Zelt aufstellt – bis zum Horizont keine menschliche Behausung und auf der Straße längst schon kein Verkehr mehr. Wie kommen die Tiere der Furcht in meinen Kopf, wo sie mich begleiten?


In den nächsten Wochen fragen wir die Farmer nach den Leoparden. Sie sagen alle das Gleiche. Tagsüber sind sie in den Schluchten und in den Bergen. Abends und frühmorgens gehen sie auf Jagd. DieFarmer zeigen uns die Springböcke, wie sie abends aus den Hügeln in die Ebene ziehen und sagen, dass sie wegen der Leoparden dorthin gingen, wo sie das Terrain übersehen könnten. Sie versichern uns, dass Leoparden die Nähe der Menschen scheuen. „Die Menschen riechen schlecht. Leoparden mögen den Geruch von Menschen nicht“, sagt Lezley. Verscheuchen können diese Sätze die Leoparden aus unseren Gedanken nicht. So halten wir tagsüber am Straßenrand im offenen, übersichtlichen Terrain und stehen ab und zu sogar lächerlich voneinander abgewandt. Lezley sagt, wir sollten uns lieber um die Puffotter sorgen. „Die Puffotter ist fett und langsam. Sie kann nicht flüchten, sie beißt zu.“ Dann zeigt er uns Bilder von acht Puffottern auf seinem Handy. Die hat er zuletzt im nahen Umkreis vom Farmhaus getötet. So bereichert er den Zoo in unserem Kopf.


Elefanten gibt es hier im Süden Namibias nicht. Aber im Norden schissen sie auf unsere Straße, als wollten sie uns verhöhnen. Alle ein bis zwei Kilometer frische Elefantenkacke. „Ihr könnt uns zwar nicht sehen, wir sind aber da.“ So roch es ständig auf unserem Weg. Natürlich war im Norden noch viel hoher Bewuchs, hinter den sich Elefanten gut verstecken konnten. So waren auch sie gleichzeitig hinter jedem Busch und in unserem Kopf.

Piste
Oft haben wir keine Zeit für die Tiere. Seit wir von Walvis Bay losgefahren sind, landeinwärts und dann nach Süden, gab es keinen Asphalt mehr. 1800 Kilometer Schotterpiste sind wir unterdessen in Namibia gefahren. Wir sind Schotterexperten. Die ersten 100 Kilometer war das noch Salzpiste. Tanklastwagen sprühen dort immer wieder Salzwasser auf die staubige Piste und das Gemisch bäckt sich unter der unbarmherzigen Sonne zu einem steinharten Belag. So gut wie Asphalt. Aber bald ist das vorbei und wir fanden uns gefangen auf unendlichen Pisten. Pisten weiß mit kleinem Muschelkalkbruch. Pisten rot mit Sand und Wüstenstaub. Pisten scheckig mit groben Granitbrocken. Pisten löchrig, teils salzgebacken und schlaglochverwittert. Pisten orange mit schönem, heimtückischen Dünensand. Wir kennen sie alle. Wir haben ihren Geschmack auf der Zunge, denn wir sind Staubfresser. Seit Wochen werden wir von den vorbeifahrenden Offroadern und Lastwagen eingestaubt. Tagsüber haben wir den Geschmack im Mund und abends schneuzen wir roten Staubrotz aus. Wir sind Pistenprofis.


Nach dem schönen aber kurzen Salzabschnitt dann im abgelegensten Wüstenbereich, wo es keine Farmen gibt, wird auch die Straße schlecht gepflegt. Tiefer loser Schotter und sandige Abschnitte machen unser Vorankommen mühsam. Es fühlt sich an, als würden wir durch tiefen, schweren Schnee fahren. Jeder Pedaltritt ist doppelt so anstrengend und das Rad schlingert. Wir verlieren das Gleichgewicht und müssen immer wieder kleine Passagen schieben. Zum Glück nie mehr als 50 Meter, denn mein Rad ist so schwer, dass ich im Sand kaum schieben kann. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit ist in den schlechten Abschnitten weniger als zehn Stundenkilometer. Wir sind längst zu Routiniers geworden im schnellen Erkennen der Oberflächenbeschaffenheit. Ist das Sandrivière durchsetzt mit kleinen Steinchen, ist der feste Grund nicht weit unter der Oberfläche und man kann „durchdrücken“. Sieht der Sand schön aus, wird er einen garantiert verschlingen. Wenn das Wellblech beginnt, schüttelt es uns so sehr durch, dass ich Angst habe, das Rad fällt auseinander. Wenn wir aus einer schnelleren Abfahrt zu schnell in einen Wellblechabschnitt fahren, fliegen uns die Flaschen aus den Halterungen. Um das Gerüttel in einen Rhythmus zu bringen, den man überleben kann, muss man die Geschwindigkeit auf fünf Stundenkilometer drosseln. Oder einfach gleich ganz neben der Straße fahren. Dort ist der Untergrund aber meist zu weich. Wellblech ist an seinen Rändern, dort wo es schottrig wird, erträglicher. Das ist dann ein Drahtseilakt zwischen schlingernd zu versinken und rüttelnd auseinanderzufallen. Wenn der Grader vor weniger als zwei Wochen durchgefahren war, ist die beste Strategie, den 10-Zentimeter-Streifen ganz am Rand des Schotterwulstes an der Pistenseite zu befahren. Da allerdings liegen immer wieder größere Steine, an denen meine Frontroller-Packtaschen hängen bleiben, weil sie zu niedrig sind. Dann reißt es mir den Lenker aus der Hand.


Grundsätzlich sollte man den Anfängerfehler nicht machen, zu glauben, die Spur auf der anderen Fahrbahnseite sei besser. In dem Moment nämlich, in dem man mühsam über drei lose Schotterwülste schlingernd die Fahrbahnseite gewechselt hat, schon hat sich jetzt die alte Fahrspur verbessert und man steckt auf der schlechteren Seite fest. Grundregel also (wie im echten Leben): Nicht vergleichen, einfach weiterdrücken. Wenn man so Stunde um Stunde den Schotter abarbeitet, hat man keine Zeit mehr für die Tiere im Kopf. Oft bringt mich der Kampf mit der Piste so in Rage, dass ich mir vorstelle, dem Leopard eins auf die Fresse zu geben. So neutralisieren sich die unterschiedlichen Herausforderungen auf gewisse Weise.

In die Kalahari
Von Walvis Bay sind wir so über Solitaire, Sesriem, Betta, Helmeringhausen nach Aus gefahren. Ab hier beginnt ein Abschnitt von 170 asphaltierten Kilometern, weil er zur Skorpion Zink Mine in Rosh Pina führt. Dann werden wir ganz Namibia von Nord nach Süd durchquert haben und sind am Oranje Fluss, der die Grenze zu Südafrika bildet. Alle aufgezählten Ortsnamen sind allerdings (bis auf Rosh Pina) keine echten Dörfer. Es sind kleine Zentren im Nichts der wüsten Weite, bestehend aus einer Tankstelle mit Tankstellenladen, einem Campingplatz und vielleicht einem kleinen Restaurant. Drei Häuser.


Wir sind allerdings noch nicht fertig mit Namibia. Nachdem uns einige Einheimische vor der Kriminalität und den LKWs auf der Straße von Upington nach Pretoria in Südafrika gewarnt haben, beschlossen wir unsere Route zu ändern. Jetzt fahren wir wieder vom Oranje Fluss nach Norden. Wieder Schotterpisten über 1000 Höhenmeter zurück auf das Hochplateau Südnamibias. Am östlichen Rand des Fischriver-Canyon entlang nach Keetmanshoop und dann nach Osten in die Kalahari über die Grenze nach Botswana. Das wird nochmal ein knapper Monat Schotterpiste. Wir sind die Experten.

