Heilige Geschichten
Es gibt Geschichten, die sind zu heilig, als dass wir sie aufschreiben können. Sie geschehen uns und lassen uns dann stundenlang im Sattel nicht mehr los. Sie nehmen Besitz von uns und treiben uns stille Tränen in die Augen. Dann ist es gut, dass wir viele Stunden haben, die wir nur allein mit unseren Gedanken und Gefühlen im Sattel verbringen. Sogar miteinander reden wir über diese Begegnungen nur in Andeutungen. Da ist der Junge, der mit seinem kleinen Bruder vor uns stehenbleibt und unvermittelt anfängt: „Es ist schwierig…“ Wir reden dann erst nach Tagen darüber und sagen nur: „Es ist schwierig.“ oder „Die Abendmahls-Kinder“, „der Lehrer mit der Ziege“, „Med Salem“. Diese Andeutungen reichen aus, um eine ganze Welt an Empfindungen und Erinnerungen wiederkehren zu lassen in uns. Oft reißen sie uns in tiefe Traurigkeit hinab. Oft tritt uns in diesen Begegnungen die Armut, das Leiden und die Hoffnungslosigkeit entgegen. Sie werden dann besonders mächtig, weil sie zum Menschen werden, der uns gegenübersteht und den wir mit Namen kennenlernen.

Das ist der Radfahralltag. Vom Aufstehen bis zum Einschlafen sind wir diesen Ereignissen und Begegnungen ausgesetzt. Das Wort „ausgesetzt“ ist dabei genau zutreffend. Wie in den Piratengeschichten Meuterer ausgesetzt werden auf fremde Inseln, so sind wir in diese ganz andere Welt ausgesetzt. Wir sind ihren Begegnungen ausgesetzt. Jeder Moment bringt eine neue Beobachtung: Die Frau mit dem Baby auf dem Rücken, die einen schmalen Pfad traurig gebeugt läuft. Vom Sattel aus sehe ich sie. Wo läuft sie hin? Geht sie zur Krankenstation? Läuft sie zur Arbeit aufs Feld? Hat sie heute morgen etwas zum Essen gehabt oder hat sie Hunger?
Meist sind es unspektakuläre Begegnungen und Beobachtungen im Vorbeifahren. Aber so entsteht in uns ein Abbild und eine Vorstellung von dieser Fremde, in die wir ausgesetzt sind. Das ist bereichernd. Und es ist unvorstellbar auszehrend. So sehr, dass es mitunter auch fast unerträglich wird, wenn wir uns nicht ab und zu aus dieser Welt zurückziehen. Das geschieht regelmäßig an Ruhetagen. Dann nämlich, wenn wir in „zivilisiertere“ Städte kommen, wo wir eine Unterkunft und Versorgungsmöglichkeiten vorfinden. Hier an diesen Orten, die etwas touristischer sind, hätten wir die Möglichkeit Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Wir tun das nicht. Unsere Aussichtspunkte und Museen und Erlebnissafaris tragen wir in uns, denn wir sind angefüllt von den Ereignissen des Radalltags. Jetzt am Ruhetag begeben wir uns in die therapeutische Routine der Regeneration und Verarbeitung: Beinmuskeln massieren und dehnen, Essensvorrat auffüllen, Ausrüstung reparieren, die nächsten Etappen vorbereiten, Tagebuch schreiben. Das ist aber alles Nebensache. Eigentlich brauchen wir die Ruhetage, um noch einmal „Es ist schwierig“, dem Lehrer mit der Ziege und Med Salem zu begegnen. Diese Erinnerungen hole ich nicht aktiv hervor. Vielmehr haben sie ihr eigenes Leben in mir und treten von selbst vor mein Inneres. Sie verlangen nach mir.

Darum sind wir eigentlich in ganz umgekehrter Weise unterwegs als die anderen Touristen. Wir halten uns deshalb nicht für „bessere Touristen“. An den touristischen Spots tauchen wir ab, Sehenswürdigkeiten ignorieren wir. Die Wege dazwischen sind für uns die eigentlichen Ereignisse. Meist sind das ja dann auch die Inhalte unserer Berichte. Gerne wüsste ich von den Lesenden, ob wir da mal etwas anderes berichten sollten. Natürlich ist das immer nur eine Auswahl, was wir schließlich aufschreiben. Eher selten schreiben wir ja über das Körperliche des Radalltags. Dabei nimmt das einen erheblichen Teil unserer Energie in Anspruch. Dennoch sind die „heiligen“ Geschichten oft viel anstrengender zu ertragen.

Aber damit hier mal etwas mehr unser Alltag sichtbar wird:
Der Tag, an dem wir auf das Hochland von Angola fuhren.
Der Tag, an dem wir auf das Hochland von Angola fuhren, war eigentlich vier Tage. Die Strecke von der Küstenstadt Benguela bis auf das Hochplateau haben wir uns in drei Etappen eingeteilt. Am vierten Tag wollten wir dann in Lubango sein. Der erste Tag tat weh. Wir hatten unseren mönchisch puristischen Lebenspfad verlassen und waren am Abend vor der Abfahrt aus Benguela Fisch essen gegangen und hatten Bier getrunken. Alkohol sind wir nicht mehr gewöhnt und ich wusste, dass meine Beine mir das am nächsten Tag übel nehmen würden. Und ich bekam die Rechnung wie erwartet serviert. Ich musste mich den ganzen Tag über quälen. Die Höhenmeter gingen schwer. Die Beine waren leer. Als wäre Luft in der Hydraulik. Weder das Spulen in den kleinen Gängen noch der große Motor in den schweren Gängen liefen rund. Wir kletterten 100 Höhenmeter und fuhren gleich darauf wieder 50 Höhenmeter ab. So ging es in Wellen quälend langsam nach oben – zwei Schritte voran, einen zurück. In den Bergen fahren wir nicht schneller als 15 km pro Stunde. Nach zwei Stunden im Sattel haben wir 30 Kilometer geschafft. Nach 4 Stunden reiner Fahrzeit sind es 60 Kilometer. Ein 80-Kilometertag sind fast sechs Stunden hartes Fahren – Pausen nicht mitgerechnet.


Lubango liegt auf 1700 Metern über Meer. Mit dem schweren Rad und bei der Hitze hier unten war das ein Brocken, der mir heute schwer im Magen lag. Apropos im Magen, der Fisch gestern war vermutlich auch nicht ganz durchgegrillt. Die Vorstellung davon machte mir Übelkeit. Roher Fisch kann Fadenwürmer enthalten, die auch Hakenwürmer genannt werden – der Name ist Programm und ich muss gar nicht weiter ins Detail gehen. Während ich immer wieder aus dem Sattel aufstand und im Wiegetritt den Mageninhalt zum Schunkeln brachte, dachte ich auch über Hakenwürmer nach. Dann setzte ich mich wieder und schaltete drei Gänge leichter. Aber auch das schnelle Kurbeln konnte ich nicht lang durchhalten. Wir mussten am ersten Tag die 80 Kilometer fahren, dann konnten wir am nächsten mit rund 70 Kilometern, aber über 1000 Höhenmetern ein Dorf erreichen. In dem gab es vielleicht eine Unterkunft. Heute mussten wir mit dem Zelt einen Platz in der Wildnis finden, ein Dorf lag an diesem Tag nicht in Reichweite. Die Ansammlung von mit Gras gedeckten Lehmrundhütten, die heute auf unserem Weg lagen, kann man noch nicht einmal als „Dorf“ bezeichnen. Dort gibt es kein Wasser und schon gar keinen Laden. Wir haben also alles bei uns, was man für zwei Tage braucht. Leider kommt die erste und letzte Tankstelle auf unserem Weg aufs Plateau schon nach 30 Kilometern. Den Großteil des Tages und den kompletten Anstieg müssen wir also das Wasser für heute und für morgen Vormittag mit uns tragen. Das macht das Rad nochmal 8 Kilo schwerer. Mein Rennrad zu Hause wiegt weniger als dieses Wasser.


Um 5 Uhr sind wir aufgestanden. Das Zelt hier im Dickicht 500 Meter abseits der Straße liegt noch in der totalen Finsternis. Die ersten Vögel haben schon angefangen das Morgenlied zu singen. Immer dabei unser sogenannter „Motivationsvogel“, der uns seit Senegal begleitet, gleich nachdem die große Wüste endete. Er hat ein ganz besonders energisches Motivationsjingel zum Aufstehen. So eine Art überdreht fröhliches Morgenradio. Natürlich singt er nur für uns. Er ist uns so vertraut unterdessen, dass ich selbst im Halbschlaf grinsen muss vor Freude, ihn wieder bei uns zu hören. Das Zusammenpacken ist eine wohltuende Erwachensroutine. Dann gibt es noch im Zelt (wegen der vor allem in der Dämmerung aktiven Malariamoskitos) den Instantkaffee mit Milchpulver, gemischt mit kaltem Wasser, unseren „Eiskaffee“. Dazu Haferflocken mit Milchpulver. Wenn nicht pur, dann heißt das Frühstück in unserem Jargon „Luxusfrühstück“. Dann gibt es eine kleine Handvoll Erdnüsse oder vielleicht sogar eine Banane dazu. Aber das eher selten wegen des Matschfaktors – Bananen sind in dieser Hinsicht in Satteltaschen Gefahrgut. Um 6:30 Uhr sind wir auf der Straße. Im Abstand von ein bis zwei Stunden werden jeweils kurze Verpflegungspausen gemacht. In der Regel im Stehen am Straßenrand. Meist gibt es dann KEKSE. Manchmal auch Brötchen vom Vortag mit Mayonaise oder Ketchup (Was sonst?). Schmierkäse gibt es zwar noch ab und zu in den Läden, dieses kulinarische Gebiet ist aber verbrannte Erde, nachdem wir von Marokko bis Sierra Leone vorwiegend Schmierkäse aßen – fünf Monate lang (neben KEKSEN).

Da stehen wir dann am Straßenrand. Eigentlich ist es nur im Schatten erträglich. Manchmal gibt es aber keinen Schatten. Der Schweiß tropft uns von der Nase und rinnt die Kniekehlen hinab. Man schiebt sich das Essen in den Mund, kaut mechanisch, es schmeckt nicht und man vergisst, dass es schmecken könnte. Es ist ja auch kein Kulturereignis zu essen, sondern nichts anderes als Betankung, damit die Maschine weiter laufen kann. Dazu gibt es 40 Grad warmes Wasser aus der Plastikflasche. Während der Fahrt drei Liter Wasser und eineinhalb Liter von uns sogenannten „Mix“. Das ist eine selbstgemachte Salz-Zucker-Wasser Mischung, die unseren Elektrolytverlust durch das Schwitzen ausgleichen soll. Kein Genusserlebnis, aber wirkungsvoll. Wir trinken nicht, weil wir Durst haben, wir trinken aus Vernunft. Dabei ist der Füllstand der Flasche entscheidender als ein gefühltes körperliches Bedürfnis. Ausdruck davon ist Imkes regelmäßiger Zuruf beim Fahren: „Trinken nicht vergessen!“. Dann der routinierte Griff an den Rahmen zum Flaschenhalter, der beherzte Zug an der Flasche und das gefühllose Schlucken der warmen Brühe.
So kommt es, dass in perverser Umkehrung die Pause das größere Martyrium ist als die körperliche Anstrengung während der Fahrt. Pause unter diesen Bedingungen heißt sich gründlich von seinem Körper und den dazugehörigen Empfindungen zu trennen. Es ist so eine Art außerkörperliche Erfahrung. Anders wären solche Pausen viel schwerer zu ertragen. Eine buddhistische Meditationsübung, in der das Empfinden keine Rolle mehr spielt und die den Geist befreit. Ja, wir schmunzeln über diese Verklärung selbst. Aber ein bisschen wahr ist daran schon etwas, während ich mir alte Mayonaisebrötchen mit lauwarmem Wasser zufüge und in meinem Schweiß und Dreck am Straßenrand stehe. Wohin soll ich gehen dabei wenn nicht außer mir?

Etliche Freunde fragen uns, ob wir denn auch die kulinarischen Besonderheiten der einzelnen Länder würdigen können. Dazu kann ich nur sagen: Liebe Freunde, bedenkt, dass kulinarische Esskultur nur da entsteht, wo das Essen teilweise zum Luxus werden konnte und nicht zum reinen Überleben dient. Ich dramatisiere nicht, wenn ich behaupte, dass da, wo wir Pause machen, das Essen für die Menschen hinter dem Straßenrand oft kein Kulturgut ist. Hier in Angola hungern über 40 Prozent der Bevölkerung. Natürlich gibt es überall regionale Unterschiede allein schon aufgrund der Varianz der regionalen landwirtschaftlichen Produkte. Da, wo wir Pause machen, essen die Menschen das, was sie haben, weil sie satt werden möchten. Das ist auch das, was sie am Straßenrand uns zum Verkauf anbieten, unzubereitet natürlich. Eine noch nasse Bisamratte, Zwergantilopen, knallrote Pilze, braune und gelbe Wurzeln, Milch in alten Plastikwasserflaschen. Weil wir auch am nächsten Tag noch weiterfahren wollen haben wir nichts davon bisher gegessen oder getrunken. Papaya, Mango, Guaven, Bananen, Avocado, Nüsse, ja, die kaufen wir regelmäßig von den Kindern am Straßenrand. Es sind Straßenkinder, die nicht in die Schule gehen. Manchmal sind sie so entsetzt von unserem Erscheinen, dass sie vor Angst in den Wald rennen.

Wenn wir an einem Marktgewusel vorbeifahren, dann schauen wir nach Frauen, die hinter großen Aluminiumtöpfen sitzen. Da heben wir dann unter genauer Beobachtung und dem lauten Lachen aller Umstehenden jeden Deckel an und schauen was drin ist in den Töpfen. Braune Bohnensuppe mit Hühnerfüßen, ausgekochte knorpelige Schweinegelenke mit Reis, fettige Potatoleave-Sauce mit Yamspampe (so eine Art Spinatsud). Ja, das essen wir dann und finden es meistens gut. Hauptsache es ist salzig. Wer sich fragt, warum wir daraus bisher kein Aufhebens und schon gar keinen Bericht machen, der möge sich mal den Gerhard Polt – Sketch „Gastronomic Adventure Trip“ anhören.

Abenteuer mit Schirm
Wir hängen an diesem Tag also in der Steigung und in unseren Gedanken. So sehr ich gestern meine Stärke und das Radfahren genossen habe, so sehr bin ich heute im Tunnel meines Leidens. Es hilft nichts. Wenn ich nicht wieder im Dreck in den Büschen liegen möchte heute Nacht, dann muss es voran, das schwere Rad. So schaffen wir es und sind auch schon um 15 Uhr in der Ortschaft Chongoroi. Zuerst kaufen wir Wasser ein in einem sehr kleinen Laden. Immer an das Wasser denken – bei allen anderen Herausforderungen ist es das Wichtigste. Dann fragen wir uns durch und stehen vor einem dreckigen Raum ohne Fenster. Wir wussten, dass es heute nicht eine hübsche Unterkunft geben wird. Davor stehen drei eher unmotivierte junge Männer und eine etwas vornehmere Frau mit Regenschirm. Während wir das „Zimmer“ anschauen, entsteht eine Diskussion zwischen den Vieren – wir wissen, es geht um uns. Dann wendet sich die Frau mit Schirm an uns: Dies hier sei keine passende Unterkunft für Touristen. Sie schüttelt missbilligend den Kopf. Die Männer schweigen etwas beleidigt. Wir sollten mit zu ihr kommen. Bei ihr könnten wir besser wohnen. Unsere Fähigkeit Portugiesisch zu verstehen ist unterdessen ganz ok.

Jetzt waren wir mal wieder in dieser typischen Situation, die uns vor eine Entscheidung stellt und uns alle wichtigen Informationen dafür vorenthält. Wer ist diese Frau? Was wird sich daraus entwickeln? Wohnt sie überhaupt hier im Dorf oder müssen wir nochmal 20 Kilometer hinter einem Sammeltaxi herfahren? Alles schon erlebt. Die Menschen können in der Regel nicht einschätzen, wie langsam wir mit dem Rad unterwegs sind – da wurde uns schon mehrfach zugetraut, die 200 oder mehr Kilometer in die nächste Stadt am restlichen Nachmittag zurückzulegen.

Wir sind müde und haben Hunger. Wenn wir nicht innerhalb des Kohlenhydratfensters in den nächsten zwei Stunden etwas Substantielles zum Essen bekommen würden, dann wäre morgen der Tank leer. Dann würden wir es morgen nicht auf das Plateau schaffen und müssten wieder im Dschungel schlafen. Hier im Hochland, wo es viel regnet, kann das zur ziemlichen Schlammschweinerei werden. Wir stehen also verschwitzt und dreckig vor vier uns erwartungsvoll anschauenenden Angolanern und müssen uns entscheiden: eine Drecksunterkunft, in der wir ungestört unsere Regenerationsroutine abspulen können, oder das ungewisse Abenteuer bei der Lady mit dem Schirm. Wir entscheiden uns für das Abenteuer mit Schirm.
Während wir hinter Ruthi, wir haben uns inzwischen bekannt gemacht, herlaufen, fragt sie zuerst, ob wir auch katholisch sind. Wir vereinfachen die Sache und sagen ja. Darauf lacht sie so laut, als hätten wir einen guten Witz gemacht. Dann will sie wissen, ob wir im Restaurant essen gehen wollen. Wir finden den Vorschlag gut und das Thema wird von Ruthi nie mehr angesprochen. Tatsächlich sind wir plötzlich in einer neueren Siedlung mit so etwas Ähnlichem wie Einfamilienhäuser – man müsste sie eher Zweiraumwellblechdachhäuser nennen. Ruthis Haus ist wie alle anderen mit einer zweieinhalb Meter hohen Mauer umgeben. Innen sind Boden und Wände gekachelt und sie hat eine weiße Sofalandschaft, einen flachen Fernseher und in der anderen Ecke eine Küchenkommode und einen Gasherd. Natürlich gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser im Haus. Im Bad steht eine Tonne, die mit Kanistern aus dem Brunnen gefüllt werden muss.


Wir sollen gleich die Fahrräder ins Wohnzimmer schieben. Ruthi ist uns sympathisch. Wir zögern, weil die Räder dreckig sind. Ruthi ist energisch und wir geben nach. Dann lässt sie sich aufs Sofa fallen. Jetzt ereignet sich mal wieder das kulturell Fremde, das uns selbst aus dem oberflächlich vertrauten Alltag immer anspringen kann wie ein Panther aus dem dunklen Dschungel. Ruthi fragt, was sie uns kochen soll. Wir sind natürlich höflich und sagen, dass wir Nudeln gekauft haben und wir normalerweise eine ganz einfache Mahlzeit auf unserem Campingkocher zubereiten. Wir wissen natürlich nicht, was wir uns wünschen sollen und wollen unserer freundlichen Gastgeberin keine Mühe machen. Ruthi lacht wieder ihr lautes Guter-Witz-Lachen und zeigt auf den Gasherd. Wir könnten auch den benutzen, sagt sie, legt sich aufs Sofa und ist nach zwei Minuten eingeschlafen. Wir sitzen da und sind verwirrt. Wir sind verwirrt, welche schwäbischen Kulturempfindungen uns plötzlich überkommen: Uns ist sie ja immer etwas peinlich, diese überwältigende Gastfreundschaft – aber gleich so schnell jede Verantwortung für die Verpflegung der Gäste abzulegen!

Ruthi schnarchelt ein bisschen und daraus entsteht eigentlich eine sehr gemütliche Stimmung. Während wir unsere Nudeln kochen, versuchen wir möglichst wenig Lärm zu machen. Wir fragen uns: Wird sie mitessen? Wir entscheiden uns zwei Packungen Nudeln zu kochen. Dazu gibt es eine Dose Thunfisch mit Öl und Currypulver und eine rohe Zwiebel in Würfel geschnitten mit Salz abgeschmeckt.
Während wir so in der Ecke kochen, klopft es an der Tür und ein junger Mann kommt ins Zimmer. Er erstarrt, als er uns sieht, dreht auf dem Absatz um und geht zügig und grußlos wieder. Ich stelle mir vor, dass Menschen so reagieren, wenn sie einem Geist begegnen.

Irgendwie ist Ruthi jetzt aufgewacht und telefoniert. Wenig später kommt ihre Freundin Alina und umarmt uns ganz herzlich. Das Essen ist fertig und alle vier setzen wir uns an den Tisch. Ganz selbstverständlich sprechen wir das Tischgebet, schließlich sind wir ja katholisch. Ruthi scheint nicht viel Hunger zu haben, Alina hingegen schon. Sie nimmt wie wir beide noch einen Nachschlag. Als die Teller leer sind, gehe ich an unsere Satteltaschen und hole die zwei Minitüten Chips und die zwei angolanischen Schokobonbons, die ich vorhin im Laden gekauft habe und lege sie vor Ruthi und Alina „zum Nachtisch“. Big move, große Freude. Alles ereignet sich in uns tief bewegender Selbstverständlichkeit. Nach dem Essen legt sich Ruthi wieder auf das Sofa und schläft sofort wieder ein. Alina schaut unser Fotozeigebüchlein an und lacht leise vor sich hin. Dazwischen nimmt sie Imke immer wieder in die Arme und sagt „Amiga“. So selbstverständlich sind wir hier, dass ich körperlich empfinde, was das spanische Sprichwort „Mein Haus ist dein Haus“ wohl ausdrücken möchte.


Durch das leise Schnarchen im Hintergrund werde ich auch sehr müde. Dann steht Ruthi abrubt auf und geht nach draußen. Wir werden sie nie wieder sehen. Nach einer höflichen halben Stunde sagen wir zu Alina gute Nacht und ziehen uns in das uns zugewiesene Zimmer zurück. Dort steht Ruthis Bett als einziges Möbelstück. Wir schlafen ganz wunderbar, stehen um 5:30 Uhr auf und verlassen eine Stunde später das Haus. Plötzlich ist Alina wieder da und drückt uns ganz fest an ihren ausladenden warmen Leib. So fest drückt sie, dass es ganz von tief kommen muss, was sie da in uns hineindrückt für den langen Weg, der vor uns liegt. Sie möchte auch noch ein Gebet sprechen für uns und begleitet uns zum Eisentor und winkt, bis wir am Ende der Straße verschwunden sind.
Ruthi, so erfuhren wir in der gestrigen Unterhaltung, arbeitet in der Bankfiliale, die wir jetzt auf der Hauptstraße hinaus aus dem Dorf passieren. Sie ist 15 Quadratmeter groß. Davor steht ein älterer Wachmann mit einer Schrotflinte. Er winkt uns so sehr hinterher, dass wir glauben er weiß, dass wir bei Ruthi übernachtet haben. Natürlich weiß er, dass wir bei Ruthi übernachtet haben und wir ein neues kulinarisches Highlight in die portugiesisch-angolanische Küche eingeführt haben. Spätere Touristengenerationen werden einmal als angolanische Spezialität die Ruthi-Penne genießen dürfen und dies ihren Freunden nach Hause berichten können. Bitteschön, gerngeschehen.


In der Schule
Noch mit den Gedanken bei Ruthi und Alina fahren wir in die Steigung, die uns heute über 1100 Höhenmeter weit hinaus auf das Plateau von Huila bringen soll. Berge so spitz und grün wie im Märchen stehen vor uns. Dort könnten sich die Geisterelefanten auf immer verbergen. Die höchsten Gipfel verschwinden in den tief hängenden Wolken. Nebelfetzen ziehen durch die hohen Bäume, die die ganze übrige Landschaft unter ihren Kronen verbergen. In fernen Erdzeitaltern rundgewaschene Felsen so groß wie Häuser liegen verstreut, als hätten Riesen gewürfelt.

Durch unser langsames Tempo zieht die Landschaft so zeitlupenartig an uns vorbei wie die Nebelwolken vor dem Plateaurand. Am Horizont ist der Himmel dunkel. Dort üben Gewitter in der Ferne, was sie uns die nächsten Tage alles antun könnten. Es ist noch Regenzeit und wir werden in den nächsten Wochen wohl mehrmals täglich bis auf die Haut naß werden. Kurz bevor wir den Rand des Plateaus erreichen, bekommen wir unseren ersten Vorgeschmack davon. Es beginnt zu regnen, dann nach ein paar Minuten, wir haben uns gar nicht bemüht all unsere Regenbekleidung anzuziehen, befinden wir uns von einem Moment auf den nächsten unter Wasser. Kein Geräusch mehr außer diesem mächtigen Rauschen. Naß, nässer, Regenzeit auf dem Hochland von Angola. Fünfzehn Minuten später ist alles vorbei und die Straße dampft in der Sonne. Eine halbe Stunde später kommt der nächste Guß. Bis dahin haben wir ein Blechdach gefunden und essen unsere Avocados mit Brötchen.

Am Vortag haben wir auf dem Satellitenbild von Google Maps ein kleines Dorf gefunden, knapp 80 Kilometer voraus. Sehr klein. Eigentlich nur 6 Häuser, aber mit einer Schule – das zumindest haben wir in diesem erstaunlich großen Gebäude mit neuem Dach auf dem Satellitenbild erkannt. Und wir lagen richtig – unterdessen in der Interpretation von Satellitenbildern recht gut geübt. Als wir gegen 16 Uhr in das Dorf einfahren, entdecken wir sofort die Schule. Weiter hinten sehen wir vor einer Hütte sechs Erwachsene zusammenstehen. Wir fahren von der Straße ab und schieben die letzten Meter die Räder respektvoll langsam und grüßen „Boa tarde!“ Erstaunen, begeistertes Herbeiwinken, Händeschütteln. Es sind wohl Mitglieder der Landwirtschaftskooperative, denn sie halten den Prospekt eines kleinen roten Pflugs in Händen. Wir verlesen unseren vorbereiteten Text auf Portugiesisch: „Wir sind Lehrer aus Deutschland und suchen einen Platz zum Übernachten. Wir haben ein Zelt. Dürfen wir das in der Schule aufstellen?“ Wir entschuldigen uns noch für unser schlechtes Portugiesisch… da sagt der sehr hoch gewachsene Chef der Gruppe schon: „Ich habe alles verstanden. Das ist kein Problem, Sie können in der Schule schlafen.“ Keine drei Minuten sind seit unserem Ankommen vergangen. Schon geht er entschlossenen Schritts vor uns her. Aus seinen zerrissenen Turnschuhen schauen die Zehen heraus. Wir schieben unsere nassen Räder in die Schule. Die Klassenzimmer haben keine Türen mit Klinken. Die meisten Zimmertüren sind mit rostigem Draht so verschlossen, dass wir traurig annehmen, dass sie nicht in Gebrauch sind. Eine Tür ist offen, da hinein weist uns der Mann und sagt: „Schiebt die Räder einfach rein, hier drin ist es trocken. Willkommen. Eine gute Nacht.“ Dann geht er.
Wir setzen uns auf die kleinen Schülerstühlchen und sind sprachlos. So schnell haben wir noch nie eingecheckt. Hier war sie wieder, diese unaufgeregte Understatement-Gastfreundschaft von Angola. Wir können es gar nicht glauben. Wer allerdings sein Glück auch noch gar nicht glauben kann sind die zwanzig Schüler, die jetzt an den Fenstern des Klassenzimmers erscheinen. Dazu müssen sie Klimmzüge am Fensterbrett machen oder Gegenstände heranziehen, auf die sie steigen können. Ganz geräuschlos beobachten sie uns, so als entfalte sich ein Wunder drei Meter vor ihren Augen. Keiner lacht, keiner redet. Wir wissen jetzt auch nicht, was wir mit ihnen tun sollen und sagen „Boa Tarde“. Wie aus einem Mund antworten alle zwanzig höflich „Obrigado!“. Dann wieder erwartungsvolle Stille.


Wir entscheiden uns, ihnen ein bisschen Show zu bieten und machen unsere Ankommensroutine, als hätten wir keine Zuschauer: Sandalen anziehen, Warnjacken wegpacken, Isomatten ausrollen. Jede Handlung, jede Bewegung wird stumm von zwanzig Augenpaaren verfolgt. Nach einer halben Stunde, wir wollen uns jetzt eigentlich gerne umziehen und etwas waschen und dann kochen, haben wir eine Idee. Wir legen uns auf unsere Isomatten, gähnen demonstrativ, winken und sagen „Gute Nacht“. Wie aus einem Mund sagen jetzt die zwanzig Kinder: „Gute Nacht!“, verschwinden von den Fenstern und machen sich auf den Heimweg, jetzt wieder zum ersten Mal seit über einer halben Stunde aufgeregt schwatzend.

Sie werden nicht wiederkommen. Kein Besuch, keine Störung die ganze Nacht. Nur die Gewitter toben draußen in der zweiten Nachthälfte. Wir wachen kurz auf, weil es uns ins Gesicht tropft. Natürlich hält diesem Regen auch das beste Dach nicht stand. Es regnet noch und wir sitzen im ersten Dämmerlicht auf den Schülerstühlchen über unserem Topf mit Haferflocken, da erscheint draußen vor der Scheibe ein kleines Gesicht. Ein vielleicht zwölfjähriger Junge hat sich barfuß aufgemacht durch den Schlamm und die Kälte. Er hat eine zerrissene Hose und eine fürchterlich dreckige völlig durchnässte Jacke an. Es ist 5:30 Uhr. Ich winke und sage „Guten Morgen“. Sofort kommt die Antwort höflich und schüchtern „Obrigado“, ein zaghaftes Winken. Aus unserer Satteltasche nehme ich ein Brötchen und reiche es ihm aus dem Fenster hinaus. Flüsternd bedankt er sich. Sein Kinn reicht gerade bis zum Fensterbrett, er steht auf einem alten Kanister. Während wir essen nagt er am Brötchen und beobachtet alles, als müsse er die Szene für den Rest seines Lebens aufsaugen.
