Angola

Geisterelefanten

Werner Herzog hat mal wieder einen Film gemacht. Ein Mensch macht sich zur Lebensaufgabe, die legendären Elefanten im Hochland von Angola zu finden. Elefanten, die es nur im Mythos gibt, in den ganz alten Erzählungen. Herzog folgt im Film diesem Menschen, der den Spuren dieser Traumelefanten folgt. Natürlich geht es in diesem Film nur vordergründig um Elefanten. Eigentlich geht es um die ganz großen Themen. Es geht um Lebensträume, um Sinn, um Entschiedenheit, um Wirklichkeit und Vorstellungswelt. Am Tag, an dem „Ghost Elephants“ in die Kinos kommt, landen wir in Angola.

Jetzt, rund zwei Wochen später, sitzen wir am Strand und sind Zuschauer. Hier geht es nicht um das ganz Große. Hier handelt es sich nicht um Elefanten und auch nicht um Lebensträume von Exzentrikern. Hier geht es um ganz kleine Fische. Vor rund drei Stunden haben ein Dutzend junge Männer mit einem schweren Ruderboot unter der Mittagssonne ein zwei Kilometer langes Netz im Halbkreis ausgelegt. Jetzt zerren schon über zwei Stunden lang alle Mitglieder von fünf Familien an den beiden Enden des Netzes. Sie bohren ihre Fersen in den heißen Sand und hängen sich im 45-Gradwinkel ins Zugseil. Zentimeter um Zentimeter nur bewegen sich die straff gespannten groben Seile, obwohl sich rund 30 Menschen mit ganzem Körpergewicht eingehängt haben. So hängen sie fast regungslos angespannt an der Leine – von fern betrachtet macht es den Eindruck, als seien sie die Fische, die hier gefangen werden.

Seit drei Stunden beobachte ich aus dem Schatten heraus dieses Schauspiel. Warum bin ich so gespannt, sind doch der Ablauf und der Ausgang völlig vorhersehbar. Nach einiger Zeit sehe ich nicht mehr nur die ausgemergelten Fischer, die Hitze, den Schweiß und dieses Leiden, das sich zweimal am Tag ereignet. Jeden Tag morgens und nachmittags. Seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten. Generation über Generation. Als wäre es ein unabänderliches Naturereignis wie der Aufgang und der Untergang der Sonne.

Die Dörfer sehen nicht so hübsch aus. Das ist eine verlassene Ferienanlage, in der wir ausnahmsweise unser Zelt aufstellen durften.

Ich sehe die Fischer, wie sie sich in die Zugseile werfen. Je länger ich hinschaue, desto mehr sehe ich das Drumherum. Sie leben direkt am Strand in Wellblechverschlägen. Ihre Kleider sind braun vor Dreck und zerrissen. Ihre Kinder betteln vor dem kleinen Supermarkt in der Staubstraße hinter dem Strand. Vor dem Horizont heben sich als schwarze Punkte die Ölbohrplattformen ab, die den Reichtum Angolas fördern. Über 90 Prozent des Exportwertes Angolas macht Öl aus. Eigentlich ist Angola die viertstärkste Volkswirtschaft Subsahara-Afrikas. Das liegt am Reichtum der Bodenschätze. Aber was das durchschnittliche Prokopfeinkommen betrifft, liegt Angola auf den hinteren Plätzen. In keinem Land, das wir bisher durchquert haben, sahen wir so erbärmlich arme Menschen wie hier. Der Reichtum des Landes kommt nicht bei der Bevölkerung an.

Wenn wir an einer Straßenküche anhalten und essen, dann setzen sich immer Neugierige dazu. Manchmal führt das zu schönen Unterhaltungen, manchmal zu schweigendem Staunen.

Wie kann das sein? Ich wende meinen Blick ab von den Fischern, die am Seil hängen. Neben mir am Tisch sitzt eine Runde angolanischer Geschäftsmänner. Sie nehmen ihr Mittagsmahl hier ein an Tischen mit schneeweißen Tischdecken, bedient von einem halben Dutzend Kellnern in schneeweißen Hemden. Die Geschäftsleute tragen Anzug und sind auch hier am Strand in schicken Lederslippern unterwegs. Es wird schon zum Mittagessen französischer Wein gereicht. Wir sind im Beachresort Vilamar. Von der beschatteten Holzterasse, die vor Jahren mal sehr instagramable war, beobachte ich die angolanische Upper Class und die Fischer, die am Netz zerren.

Waschtag. Alles wird gewaschen, die Wäsche, die Kinder, das Motorrad, das Geschirr und man selbst.

Der Reichtum, der durch die Ölförderung ins Land gelangt, kommt nur einer kleinen Personengruppe in Angola zugute. Angola ist das vermeintlich korrupteste Land Afrikas. Der erst vor einigen Jahren abgelöste Präsident Dos Santos regierte das Land 38 Jahre lang. Seine Tochter (die reichste Frau Afrikas) wurde inzwischen wegen Korruption verurteilt. Gleichzeitig kam es in den letzten Jahren hier immer wieder zu gewaltsamen Protesten, weil die Lebenshaltungskosten für die Mehrheit der Bevölkerung zu hoch sind. Luanda, die Hauptstadt Angolas, gilt für ausländische Arbeitskräfte als die teuerste Hauptstadt der Welt. Dabei belegt Angola auf dem Index der menschlichen Entwicklung nur Platz 148 (von 193).

Oft wohnen die Menschen nur in Wellblechverschlägen. Die Hitze darin muss unerträglich sein. Natürlich gibt es kein Wasser und keinen Strom.

Die Armut der Mehrheit, die Ölförderplattformen, der Reichtum der Wenigen – das alles kann ich von meinem Schattenplatz hier gleichzeitig sehen. An dieses krasse Nebeneinander muss man sich erst einmal gewöhnen. Oder vielleicht sollte man sich daran gerade nicht gewöhnen. Nach drei Stunden, die ich die Fischer am Netz zerren sehe, stelle ich mir die Frage, ob das eine mit dem anderen zusammenhängt. Die Frage drängt sich auf. Mir fallen keine Gründe ein, die Annahme zu bezweifeln: Damit die einen so reich werden, müssen die anderen so arm bleiben.

Es gibt auf unserem Weg keinen Schatten, der nicht schon besetzt wäre. Nie allein zu sein ist auch manchmal ziemlich anstrengend. Andererseits hat man ja auch eine Verpflichtung – wir sind eine fahrende Theateraufführung.

Der Film, der hier für mich abläuft, handelt auch von den ganz großen Themen, die hinter dem Offensichtlichen sichtbar werden. Anders als bei Herzog geht es hier aber weniger um Fragen der philosophischen Selbstverwirklichung, sondern um Gesellschaftliches: Stagnierende Armut, ungerechte Verteilung des Wohlstands, Ausbeutung. Dabei sitze ich im Schatten bei den Reichen. Angesichts der Fischer, die keine 30 Meter entfernt unter meinen Augen in der Zugleine ihres Netzes hängen, ist mir das peinlich. Aus dem ganz großen Zusammenhang betrachtet, kann ich nur deswegen hier im Schatten sitzen, weil die anderen an der Leine zerren.

So fahren wir immer langsam an den Marktständen vorbei und schauen, was wir brauchen können. Getrockneten Fisch haben wir bisher vermieden.

Jetzt nach knapp zweieinhalb Stunden kommt das Ende des Netzes an die Oberfläche. Das vorhersehbare Drama nähert sich seinem Ende. Während die Sonne hinter den aufziehenden Gewitterwolken erstickt, scharen sich die Fischerfamilien um den Fang. Frauen bringen große Plastikschüsseln. Während die Männer am Zugseil erschöpft in den Sand hocken und die Köpfe auf die Brust sinken lassen, beugen sich die Frauen über das Netz. Für meine Augen ist es eine Aufführung wie auf einer Bühne. Gesprochen wird nicht. Die Körperhaltungen und Bewegungen sprechen für sich. Sogar die Fischreiher, die seit längerer Zeit geduldig in der Nähe warteten, fliegen auf und davon. Das Netz ist leer.



Zurück im Sattel

Nach zwei Monaten zu Hause im angenehmen Winter auf dem Sofa waren wir verweichlicht. Wir hatten uns an den Luxus, der zu Hause Alltag ist, sofort wieder gewöhnt. Alles war einfach und leicht erhältlich. Wie im Märchen wurden Wünsche ohne Zutun allein durch Lieferdienste und Warenangebote erfüllt. Für den Großteil der restlichen Menschheit ist das unvorstellbar. Über Nacht waren wir wieder in Afrika. Wir wollten mit dem Rad unsere Route weiterfahren und hatten gleichzeitig Angst davor. War Imke wirklich wieder fit genug? Würden wir uns wieder an die Entbehrungen gewöhnen, jetzt da der Übergang so plötzlich war? Unter welchen Bedingungen würden wir in Angola auf der Straße sein?

Von Deutschland aus suchten wir uns eine erste Unterkunft am südlichen Rand der 9-Millionen Stadt Luanda. Ideal gelegen, weit genug außerhalb der großen Slums, vor deren Kriminalität das Auswärtige Amt warnt. Statt die 60 Kilometer auf der Stadtautobahn vom Flughafen durch die Stadt zu radeln, nahmen wir das Taxi. Dort am Rand der Hauptstadt wollten wir unsere Räder aus den Kartons zusammenbauen und nach einem Eingewöhnungstag dann aus der Stadt nach Süden rausfahren. Auf Google Maps gab es zwei Bilder von der Unterkunft in dem kleinen Vorort Ramiros. Sah ganz hübsch aus. Allerdings fanden wir dort nur eine Telefonnummer. Über WhatApp kontaktierten wir sie und wollten ein Zimmer reservieren. Die Antwort war einfach und verwirrend: „Buchen Sie alles, was unser Angebot zulässt. Wir befinden uns an der Nationalstraße 100 hinter dem Geldautomaten.“

Oft wird uns applaudiert und manchmal gibt es  bei der Pause auch eine Siegerehrung.

Wie immer saß ich auf dem Beifahrersitz des Taxis und dirigierte mit unserer Navi-App den Taxifahrer nach Ramiros. Dort aber konnten wir hinter dem Geldautomaten kein Hotel-Schild finden. Auch die Einheimischen wussten nichts von einem Hotel. So klopfte ich an ein großes Metalltor, wo ich die Unterkunft vermutete. Zu meiner Überraschung wurde sofort geöffnet und ich sah den kleinen Pool, den ich vom Bild im Internet erkannte. Einiges dreckiger und heruntergekommener als auf den Bildern – aber das wussten wir schon, das Internet ist immer glänzender als die Wirklichkeit. Wir bekamen ein einfaches Zimmer und stellten die großen Radkartons vor unsere Tür auf den umlaufenden Balkon im ersten Stock. Der Taxifahrer bestand darauf, die Preisverhandlungen mit den Angestellten zu führen und so lange zu bleiben, bis wir das Zimmer bezogen hatten (das Bett musste erst noch gemacht werden). Wir wunderten uns über seine Fürsorglichkeit. Naja, immerhin hatten wir uns zwei Stunden lang unterhalten auf der Fahrt 60 Kilometer quer durch die Stadt und er brachte uns einen seiner Meinung nach für uns wichtigen Satz auf Portugiesisch bei: „Gott möge Euch begleiten.“

An einer steilen Steigung, als wir besonders langsam waren, stieg das Chamäleon erstaunlich behende auf Imkes Rad auf und versteckte sich unter der Satteltasche. Damit wir es nicht finden, nahm es die Farbe „dreckiges Fahrrad“ an. Am Ende der kurzen Reise ganz eindeutig etwas beleidigt jetzt wieder grün.


Nachdem er uns noch drauf hingewiesen hatte, dass es in unserem Zimmer seltsam rieche, verabschiedete er sich. Wir schmunzelten, hatten wir doch den Eindruck, dass wir uns schon wieder ganz gut an die Gerüche im neuen Land gewöhnt hatten. Uns fiel nichts auf. Später dann war uns klar, was er uns eventuell mitteilen wollte. Wir waren in einem Puff abgestiegen. Die unterschiedlichen eindeutigen Hinweise verdichteten sich zu diesem Schluss. Im Rückblick eher eine der besten Unterkünfte, die wir hatten. Das Bier war billig, das Essen hervorragend und die Barleute, Köche und Putzfrauen waren extrem freundlich zu uns. Sie wunderten sich zu Beginn vermutlich sehr, dass wir stundenlang aus diesen großen Kartons Fahrräder aufbauten in diesem Etablissement. Schon am zweiten Tag waren wir, „die Radfahrer“, eine größere Attraktion als die Prostituierten, die sich am und im Pool präsentierten.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme: Kinder schaufeln die Schlaglöcher zu und verlangen einen Solidaritätsbeitrag von den Durchfahrenden. Schulen haben wir leider nur sehr wenige gesehen – vielleicht immer noch eine Folge des 40-jährigen Bürgerkriegs.

Nach nur einem Radaufbautag fuhren wir los. Immer auf der Nationalstraße 100 sind wir seither gut 500 Kilometer nach Süden gefahren. Hier an der Küste liegen die dichter besiedelten Ballungszentren Angolas: Porto Amboim, Sumbe, Lobito, Benguela. Obwohl die Route bisher immer der Küste entlang ging, haben wir viele Höhenmeter gemacht. Wir kommen langsam voran. Immer wieder geht es von Meereshöhe auf 200 Meter üNN. Hier südlich des Äquators fahren wir jetzt wieder in den Einflussbereich der Passatwinde. Anders als in der Sahara haben wir den Wind aber jetzt gegen uns. So sinkt unsere Durchschnittsgeschwindigkeit auf 15 km/h.

Das Fleisch auf unseren Tellern muss nicht unbedingt Rind oder Schwein sein – es gibt hier viele Möglichkeiten…

Die ersten Tage sind mühsam und alles tut uns abends weh. Obwohl nicht so schlimm wie in Guinea und Sierra Leone, laugt uns auch die Hitze wieder aus. Hier ist der Alltag wieder Kampf. Auch vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie Wasser und Essen müssen wir mühsam erarbeiten. Diese Anstrengungen nehmen wir in den ersten Tagen deutlich wahr. Aber schon nach vier Tagen fühlen wir uns wieder fitter und die Strapazen sind in den Alltag integriert. Erstaunlich schnell haben wir uns wieder an Afrika gewöhnt und fahren jetzt morgens mit Freude in den Tag hinein, gespannt, was uns erwarten wird.

Wir besuchten an einem abgelegenen Küstenabschnitt eine Forschungs- und Aufzuchtstation für Meeresschildkröten.
An der Küste Angolas kommen alle Arten von Meeresschildkröten zur Eiablage. Auch die größte Art, hier in Orginalgröße dargestellt.

Leider haben wir zum ersten Mal keine gemeinsame Sprache mit den Einheimischen. In Angola spricht man Portugiesisch. Obwohl wir ein bisschen Spanisch sprechen und recht gut verstehen, hilft uns das wenig. Wir merken, wie sehr wir Kontaktmenschen sind und unsere Reise bisher von der Kommunikation mit den Menschen geprägt war. Das fehlt uns hier. Die einfachen Angelegenheiten des Alltags können wir gut kommunizieren und wir sind einmal mehr erstaunt über die große Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Menschen hier. Anders als in Westafrika sind wir hier in Angola aber meist keine besondere Attraktion. Die Menschen sind zurückhaltender oder cooler. Wir grüßen, man grüßt zurück und winkt sich zu. Das finden wir gar nicht schade. Es ist für uns auch weniger anstrengend, nicht ständig im Mittelpunkt zu stehen. Nur die Kinder sind immer noch begeistert von unserem Vorbeifahren. Aber wer nur alte Reifen und Abfall zum Spielen hat, der findet halt auch alte weiße Radfahrer spektakulär.

Der Norden Angolas liegt noch im Einfluss der tropischen Äquatorialzone. Dort ist es feucht, heiß und grün. Je weiter wir nach Süden fahren, desto mehr dominiert jetzt Trockensavanne. Immer wieder einzelne riesige Baobab-Bäume und dann wieder Gegenden, die nur durch farblose Büsche bewachsen sind. Das ist uns gar nicht unrecht. Denn jetzt ist auch die Luft trockener und dadurch wird die Hitze erträglicher. Die Luftfeuchtigkeit ist zwar noch hoch, wird aber in den nächsten Wochen immer weiter sinken. Dann werden wir in den Bereich der Namibwüste fahren. Aber zuerst geht es ab morgen bergauf Richtung Lubango. Wir werden weg von der Küste nach Südosten fahren in das Hochland von Angola, dort, wo die Geisterelefanten leben.



Abschied

In den letzten Tagen liegt Trauer über unserer Reise. Wir haben tagsüber viel Zeit im Sattel, und auch wenn die Nacht unter dem Moskitonetz nach Sonnenuntergang lang wird, gibt es viel Raum für unsere Gedanken. Wir sind traurig und denken an den Menschen, den wir zu Hause nicht wiedersehen werden. Schon im August und auch jetzt wieder haben wir uns verabschiedet im Bewusstsein, dass mancher Abschied für immer sein könnte. So nahmen wir sehr intensiv die Freundschaft und Liebe in uns auf, der Menschen, die wir ins Herz geschlossen haben. Dafür sind wir dankbar. Vielleicht gelingt so ein bewusster Abschied nur, wenn man auf eine große Reise geht. Dabei sollte man sich so immer verabschieden. Wir wären jetzt gerne bei unseren Freunden, die trauern. Wir sind es in Gedanken.