Sierra Leone zu Ende

Nach Liberia

Am 26. Dezember in der Morgendämmerung stiegen wir auf unsere bepackten Räder. Zwei Wochen hatten wir Pause gemacht in Freetown. Wobei das Wort „Pause“ hier eigentlich unpassend ist. In diesen zwei Wochen hatten wir mit erheblichem Aufwand drei Visa für die kommenden Länder erjagt und Imke war krank geworden, wir waren eine halbe Nacht lang in einem unerfreulichen Krankenhaus und danach lag Imke mehrere Tage krank und geschwächt im Bett. Über die Weihnachtsfeiertage konnten wir die Ruhe in Kais altem Farmhaus genießen und jetzt fühlten wir uns wieder bereit für die Straße.

Der feuchte Morgennebel hüllte alles in eine dämpfende Decke. Warm war es allerdings auch schon jetzt vor Sonnenaufgang. Hier in den Tropen gab es keine Temperaturschwankungen mehr. Nachts wie tags betrug die Temperatur immer um 32 Grad. Allerdings fühlte sich das mit der extrem hohen Luftfeuchtigkeit deutlich wärmer an. Tagsüber auf dem Rad lief uns permanent der Schweiß am ganzen Körper runter, so dass unsere Kleider ständig klitschnass waren. Seit Wochen tranken wir täglich rund 5 Liter pro Person. Damit uns das nicht auslaugte, mixten wir uns Elektrolytlösung. Ohne diese Vorsorge wären unsere Kräfte längst geschwunden.

Unser Weihnachtsmenü: Ghana Sauce und Krekre mit Reis. Zum Nachtisch abgelaufene Snickers aus Indien.

Jetzt hatten wir wieder Lust auf die Straße und gleichzeitig erfüllte uns Respekt vor dem Abschnitt, der vor uns lag. Quer durch Sierra Leone und Liberia lag vielleicht der schwerste Abschnitt unserer Route in Westafrika. Die Armut dieser beiden Länder hatte auch für unser Reisen wesentliche Auswirkungen. Es war nur schwer reguläre Unterkünfte auf dem Weg zu finden. Hotels in unserem Sinn des Wortes gab es eigentlich gar keine mehr. Wasser am Ende des Tages kam für uns nur noch selten aus Leitungen. Das Essen auf der Strecke bestand vorwiegend aus den von mir so gehassten Keksen und am Ende des Tages gab es meist kalten Couscous mit einer Sardinenbüchse und Tomatenmark in unserem Campingtopf. Auch Wasser in Flaschen war zunehmend schwerer zu finden. Wir fuhren morgens meist mit voller Beladung von rund zehn Litern los. Wir wussten, wir würden nochmal die Zähne zusammenbeißen müssen, bevor wir in der Elfenbeinküste und Ghana wieder eine Region mit höherem Lebensstandard erreichen würden.

Imke hatte uns einen Plan gemacht. Fünf Tage für die rund 400 Kilometer bis zur liberianischen Grenze. Davon immerhin vier Übernachtungen, von denen wir annehmen konnten, dass es „offizielle“ Zimmer mit Bett waren. Alle eher sehr einfach, manche ohne Strom und fließendes Wasser. Aber das waren aus unserer Perspektive Luxusübernachtungen. Die von uns so genannten „inoffiziellen“ Übernachtungen oder „Joker“ waren die anstrengenden. Diese gab es eigentlich gar nicht. Wir würden am Ende des Tages einfach fragen müssen, wo man hier schlafen könnte. Immer eine Überraschung, nicht immer eine positive. Anstrengend war das zusätzlich, denn nach dem anspruchsvollen Radtag hieß das immer, sich auf eine teils lange Phase der Findung einzulassen. Im schlechten Fall müssen wir dann weiterfahren und im nächsten Dorf fragen. Die Sorge ist dann immer, dass wir vor der Dämmerung keinen Platz zum Schlafen finden. Spätestens zur Dämmerung versuchen wir unter dem Moskitonetz zu sein, denn dann werden die Malariamücken aktiv. Wir befanden uns unterdessen im Malariagebiet – dieses würden wir jetzt für Monate auch nicht mehr verlassen. Obwohl es gerade nicht Regenzeit war, zu der es besonders viel Malariafälle gibt, hatte es in den letzten Tagen ungewöhnlich viel geregnet und die Mücken waren aktiver als sie es zu dieser Jahreszeit hätten eigentlich sein dürfen. Die Einheimischen beklagten immer wieder die Eskapaden des Wetters und brachten es mit dem Klimawandel in Verbindung.

Wir nahmen die einzige asphaltierte Straße in Richtung Liberia. Imke sollte sich nach ihrer Krankheit wieder langsam fit fahren und so fuhren wir nicht die notwendigen 130 Kilometer bis zu einer Ortschaft mit dem Namen „Mile 91“. Dort hätte es eine unglamouröse Übernachtung gegeben. Heute hingegen hatten wir es mit einer „Jokerübernachtung“ zu tun. Wir benutzten diesen Begriff im Witz und lächelten über uns selbst. Auf diese Weise konnten wir die Unsicherheit am Ende des Tages verniedlichen. Wir hatten uns eine Ortschaft nach 80 Kilometern ausgesucht, in der wir nach einem Schlafplatz fragen würden. Wir wussten nichts über diese Ortschaft und hatten auch schon einmal die unangenehme Überraschung erlebt, dass die erwählte Ortschaft ein übles Goldgräbernest mit viel Alkohol und Prostitution war. Damals hatte der Tag noch genügend Tageslichtstunden und wir fuhren nochmal 30 Kilometer weiter.

Der beste Polizist Sierra Leones

So wussten wir auch heute nicht, was uns erwarten würde. Wir fuhren durch eine langweilige Landschaft, die hauptsächlich aus dschungelartigem Gestrüpp bestand. Alles verschwand hinter diesem drei Meter hohen Vorhang aus unordentlichem Grün. Selten sahen wir Hügel am Horizont. Kaum ging unser Blick weiter als ein paar dutzend Meter seitlich der Straße. Wir schwitzten und waren in Gedanken. Die Eindrücke, die Freetown vor allem bei Imke hinterließ, warfen düstere Schatten. Die vielen armen Dörfer, die wir jetzt passierten, waren nur kurze Abwechslungen und meist eher mühsam. Auch wenn das Radfahren mal zäher ging, zwangen wir uns den begeisterten Rufen und Grüßen der Menschen am Straßenrand höflich zu antworten. Heute merkten wir, dass das auf Dauer auch anstrengend war. Heute wäre uns eine menschenleere Wüste lieber gewesen.

Bo, die zweitgrößte Stadt Sierra Leones, sieht an der zentralen Kreuzung aus wie ein Marktflecken.

Nach anstrengenden 80 Kilometern fuhren wir gegen 14 Uhr in das erwählte Dorf (seit morgens um kurz vor sieben saßen wir im Sattel). Unsere Sinne waren beim langsamen Einfahren auf das Äußerste konzentriert. Wo war die Schule? Gibt es offizielle Gebäude? Einen Dorfplatz? Wie ist die Atmosphäre hier? Sitzen unter einem der Schattenbäume die Ältesten beieinander? Wie groß ist das Dorf? Gibt es eine Moschee groß genug zum Übernachten? Ungute Stimmung?

Aus dem Augenwinkel sah ich ein frisch gestrichenes Haus, die Polizeistation. Sie sah sehr ordentlich aus. Intuitiv bog ich ab und fuhr auf den staubigen Vorplatz. Im selben Moment dachte ich noch: Es ist auch riskant unser Glück bei der Polizei zu suchen. Meist kann man da dann nicht einfach wieder gehen, wenn es nicht gut läuft. Einmal bei der Polizei, ist deren Fürsorgepflicht angestachelt und sie lassen einen dann nicht mehr selbständig weitersuchen. Mehrfach waren wir schon gefangen im dortigen Geflecht aus Uniformüberheblichkeit, offizieller Herablassung und gelangweilter Gleichgültigkeit. Aber gehen lassen wollten sie uns dann doch nicht mehr. Andererseits hatten wir schon viele bewegende Begegnungen mit den Uniformierten. Wegen diesen wechselhaften Erfahrungen hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, die Polizei immer nur als letzte Möglichkeit anzusteuern. Tja, jetzt stand ich schon vor der Balustrade, hinter der mich fünf Männer cool unbewegt anschauten. Aus ihrer unterkühlten Reaktion erschloss ich mir, dass es alle Polizisten in Privatklamotten waren. Imke parkte neben mir und ich spürte sofort, dass sie die Vorbehalte bei der Wahl der Polizeistation auch hatte. Zu spät. Jetzt war nur noch die Flucht nach vorn möglich.

Ich stieg ab, ging entschlossen auf den Ältesten zu und streckte ihm meine Hand entgegen: „Guten Tag. Wie geht es ihnen?“ Ich war entschlossen unsere Geschichte (Ehepaar, Touristen, Deutsch, Durchreise, müde) in so wenigen Sätzen zu erzählen, dass die Aufmerksamkeitsspanne meines Gegenübers nicht abreißt – was bei Polizisten sehr schnell geschieht. Aber ich hatte mich zu sicher in meinem Vorgehen gefühlt und wurde einmal mehr überrascht. „Willkommen in der Polizeistation des Distrikts Mile 91!“ rief mir der Mann entgegen, obwohl ich nur einen halben Meter entfernt von ihm stand und er noch meine Hand festhielt. Ja, das war ganz sicher der Chef, da hatte ich richtig geraten. „Hier seid ihr sicher.“ Fast hätte ich gelacht – sein Punkt war gut. Ich hatte mich nicht unsicher gefühlt, aber jetzt da er es erwähnte war das schon ein nettes Gefühl. Egal wo wir schlafen würden – sicher war schon mal gut, dachte ich. „Ihr könnt hier bei uns auch übernachten.“ fügte er ungefragt hinzu. Wieder einmal war ich sprachlos, wie schnell und unkompliziert die Menschen hier die wichtigen Bedürfnisse im Blick haben. Diese zugewandten, fürsorglichen Hilfsangebote, diese unkomplizierte Freundlichkeit überwältigt uns immer wieder hier in Westafrika.

Jetzt zögerte der Chef kurz, dann lächelte er etwas besorgt und sagte: „Aber das Zimmer ist sehr einfach und Strom haben wir auch keinen, auch kein fließendes Wasser und die Toilette…“ er beendete seinen Satz nicht. Entweder er kannte die Ansprüche westlicher Touristen oder es stand wirklich schlimm. Ich vermutete, dass das letzte der Fall war und malte mir in meiner Vorstellung das schlimmste Szenario aus. Und wir hatten genug Erfahrung, um uns wirklich Schlimmes auszumalen. Ich versuchte in Gedanken zu ergründen, was das heißen konnte, wenn er, der die Verhältnisse hier gewöhnt war, dies schon so vorsichtig ankündigte. In der Regel mussten wir von den überschwänglich positiven Beschreibungen immer einiges abziehen, um von der Wirklichkeit dann später nicht enttäuscht zu werden. Ich begann unseren Entschluss hier anzuhalten schon zu bereuen. Naja, immerhin würde es „sicher“ sein, was auch immer uns jetzt erwartet. Die Freundlicheit und offensichtliche pragmatische Entschlossenheit des Polizeichefs vermerkte ich auf der Vorteilsseite.

Die beste Unterkunft auf dem Weg nach Liberia.

Jetzt war es ohnehin zu spät um nochmal einen Rückzieher zu machen. Erst die Räumlichkeiten anschauen und dann sagen:  Ähh, Entschuldigung, das ist uns zu wenig luxuriös hier, wir suchen einen anderen Ort… das wäre eine Beleidigung der Gastfreundschaft gewesen. Keine Option. Also hörte ich mich sagen: „Wir schätzen die Sicherheit bei der Polizei von Sierra Leone und würden sehr gerne hier übernachten, wenn es ihnen nicht zu viel Mühe macht.“ Wie so oft in solchen Situationen blieb uns nur die Flucht nach vorne – ist ja schließlich auch eine Flucht. Wir besiegelten unsere Übernachtung hier, ohne zu wissen was uns wirklich erwartet und verabschiedeten uns, um im Dorf Wasser und Essen zu kaufen.

Drei „Läden“ mussten wir suchen, um schließlich einzukaufen, was wir immer einkauften – Couscous, Sardinendose, Tomatenmark… kein Wunschmenü, sondern die notwendige Tankfüllung, die unseren Motor auch morgen wieder am Laufen halten würde. Ich fragte die junge Verkäuferin des letzten Ladens, was die Polizisten in der Station gerne trinken. Ohne ein Zeichen von Verwunderung ging sie zum Kühlschrank (eine Seltenheit hier auf dem Land) und stellte mir einen Arm voll Energydrink-Dosen auf die Theke. Mit diesem Schatz eiskalten Blechs, den ich mir auf mein nassverschwitztes T–Shirt  vor die Brust presste, kamen wir zurück zur Polizeistation.

Dort saß der Polizeichef unterdessen mit dem Dorfchef auf den üblichen Plastikstühlen im Schatten. Zu meiner größten Verwunderung schnauzte mich der Dorfchef ganz ohne Begrüßungsformel an: „Warum habt ihr nicht MICH gefragt, ob ihr hier im Dorf übernachten dürft? Das muss der Dorfchef entscheiden!“ Seine Miene war ernst. Ich nahm Haltung an, stellte die Getränkedosen vor mich auf die Balustrade und überreichte ihm eine mit ebenfalls ernster Miene: „Das ist richtig. Das haben wir versäumt. Dürfen wir hier im Dorf übernachten?“ Mein Gesichtsausdruck, um den ich mich bemühte, drückte keine Ironie aus. Auf keinen Fall Ironie. Eine Gesprächspause entstand, er nahm die Dose und schaute mir herausfordernd in die Augen. Dann brach er in lautes Lachen aus und prostete dem Polizeichef zu. „Seine Entscheidung ist auch meine Entscheidung. Ich habe den besten Polizeichef in Sierra Leone.“ Lächelnd streckte er mir die Hand hin und sagte: „Willkommen in Mathoir!“ Naja, die Stimmung hier auf der Veranda war jedenfalls gut – egal wie die Übernachtung aussehen würde.

Unspektakulär in grün.

„Nehmt eure Räder mit rein, ihr könnt sie auch in der Zelle parken.“ Gemischte Gefühle durchfluteten mich. Hatte er gerade „Zelle“ gesagt? Wir waren immer in Sorge, dass unsere Räder eine sichere Übernachtung haben. Eine Zelle für die Räder ist gut. Ich war zufrieden. Aber hatte er gerade „AUCH in der Zelle“ gesagt? Übernachten wir auch in der Zelle? Oh ja, wir übernachteten in der Zelle. Und was für eine Zelle es war! Als wir die Räder durch die schmale Tür in die Station schoben und sich unsere Augen an die schummrige Düsternis dort gewöhnten, sahen wir, dass die hübsch bemalte Fassade von innen ein mit Müll vollgestellter Rohbau war. Rechts neben dem Eingang waren ein einfacher Holztisch mit zwei Stühlen die einzigen Möbelstücke im Haus. Dort saßen mit Handschellen aneinandergekettet zwei etwa zehnjährige Jungen, deprimiert die Blicke auf die Holzplatte des Tischs niedergeschlagen. Wir erschraken und taten so als sähen wir sie nicht. Im hinteren Bereich gab es zwei kleine Räume. In einen davon, die Zelle, parkten wir jetzt die Räder. Das Fenster war mit dicken Brettern vernagelt, so dass wir erst gar nichts in der Dunkelheit erkennen konnten. Dann sahen wir eine große blaue Tonne in der Ecke voll mit stinkendem Wasser abgedeckt mit Brettern. Eine aus alten Reissäcken zusammengenähte Strohmatratze lag auf dem Boden, nicht ganz Kingsize Format. Darüber ein zerfetztes Moskitonetz. In der Ecke lagen Handschellen und ein altes Paar hochhackiger Frauenschuhe. Feuchte Hitze füllte den Raum.

Wir schauten uns gegenseitig an. In solchen Situationen müssen wir uns nicht mit Worten verständigen. In solchen Situationen ist die einzige Frage die im Raum steht: Abbruch oder Reframing? Diese Entscheidung muss immer einstimmig getroffen werden. Reicht unsere gute Laune, um das mit Humor zu nehmen oder kündigen wir? Imke sagte: „Hier sind wir jedenfalls sicher.“ Wir zuckten lächelnd mit den Schultern.

„Unsere“ Zelle

Der Deputy brachte uns zwei Eimer voll sauberen Wassers. Der Sheriff zeigte uns hinter dem Haus eine mit Müllsäcken abgehängte Ecke, das Badezimmer. 50 Meter weiter auf dem freien Feld stand ein Holzverschlag, das Plumpsklo. Es war weniger schlimm als ich befürchtete.

Wieder zurück auf der Veranda vorbei an den Handschellenkindern stand der Polizeischef jetzt in voller Galauniform mit makellosen Lackschuhen vor uns. Recht unverblümt erklärte er uns, dass wir jetzt Fotos machen müssen. Denn er wolle seine Kollegen in Mile 91 per WhatsApp neidisch machen. Immerhin seien wir nicht zu denen in die Bezirkshauptstadt gekommen, sondern zu ihm hier in das kleinere Dorf. Der Deputy wurde abkommandiert, mit unseren Handys Bilder zu machen – quer und hochkant, Totale und Porträt. Nein, die seien ja ganz schief. Jetzt nochmal das ganze von vorn aber mit seinem anderen Inspektor. Sichtlich nervös machten jetzt mehrere Polizisten Fotos von uns dreien. Der Chef hatte Autorität und war nicht gleich zufrieden. Mal die Hände vor dem Bauch verschränkt, mal den Arm mir kumpelhaft auf die Schulter gelegt. Das ganze Insta-Potential des Besuches wurde ausgeschöpft. Dann zog sich der Chef mit seinem Handy in eine Ecke zurück und nach einer halben Stunde Getippel wendete er sich zufrieden an uns: „Jetzt seid ihr im ganzen Polizeidistrikt bekannt.“ Wir sagten ihm, wir würden morgen beim Vorbeifahren jedem Polizeiposten zuwinken und die Kollegen grüßen. Die Vorstellung schien ihm allergrößte Freude zu bereiten und er lachte erstaunlich lange darüber. 

Sein Lachen erstarb ihm aber ganz plötzlich im Gesicht, als die Eltern der beiden Handschellenkinder vor der Veranda erschienen. Er richtete sich in seiner Galauniform zu voller Größe auf und stand damit in absurd krassem Gegensatz zur ganzen Umgebung da wie eine unwirkliche Erscheinung. Von dieser erhöhten Position fing er nun an einen einschüchternden Monolog zu halten. Mit jedem Wort wuchs er zu weiterer Größe an, während die vor ihm stehenden Eltern immer kleiner wurden. Wir verstanden kein Wort. Später erklärte er uns, dass die zwei Jungen einen kleinen Geldbetrag in einem Laden gestohlen hatten und er sie in der Station behielt, bis die Eltern sie abholen kommen würden. Er berichtete uns, dass er die Eltern über ihre Aufsichtspflicht im Speziellen und die moralischen Pflichten im Allgemeinen unterwiesen habe. Und dass er von ihnen erwarte, dass in seinem Dorf solches Verhalten nie wieder vorkomme. Dann wurden den zwei Jungen die Handschellen abgenommen und sie erhielten im Beisein des Polizeichefs eine Strafpredigt ihrer Eltern. Vermutlich exakt dieselbe, die die Eltern zuvor vom Polizeichef erhielten. Dann mussten die beiden Zehnjähren ein spontan aufgesetztes Dokument unterschreiben, durch das sie sich verpflichteten, nie wieder Geld zu stehlen. Danach wurden Hände geschüttelt und die Eltern zogen still mit ihren Söhnen ab. Ein beeindruckendes Schauspiel, das wir auf den Plastikstühlen sitzend von der Veranda aus beobachten durften.

Zufrieden ließ sich der Chef neben uns in den Plastikstuhl fallen. Tja, hier sei viel los wie wir ja sehen. Gestern noch sei unsere Zelle belegt gewesen, gut dass wir erst heute gekommen wären. Er sagte wirklich „eure“ Zelle. Er lachte. Es schien ihm zu gefallen, dass er endlich mal interressiertes Publikum für seine Polizeiarbeit gefunden hatte. Gestern, so erzählte er, während er den Verkehr auf der Überlandstraße mit den Augen verfolgte, hätte er einen prügelnden Ehemann ausnüchtern müssen in unserer Zelle. Er hätte ihn unterschreiben lassen, dass er seine Frau nicht mehr schlagen dürfe und weniger trinken würde. Ein wichtiges Mittel seiner Polizeiarbeit schien die Selbstverpflichtung zu sein. Er erklärte uns, dass das die Leute hier ernst nähmen. Vielleicht auch deswegen, weil hier viele Menschen nicht oder nur wenig Lesen und Schreiben können.

Zuerst kam mir der überhebliche Gedanke, dass das ja primitive und eher wirkungslose Maßnahmen sind. Je länger ich an diesem Nachmittag aber auf der Veranda der Polizeistation saß, desto mehr schämte ich mich über diesen ersten Gedanken. Wir durften beobachten mit welcher entschiedenen und zugleich freundlichen Autorität hier der Chef eine Instanz des guten Zusammenlebens verkörperte. Der staubige Parkplatz der Polizeistation wurde vor unseren Augen zum Ort, an dem Gerechtigkeit gesucht, an dem Versöhnung wiederhergestellt, an dem soziale Verantwortung eingefordert wurde. Wir spürten den Respekt, der dem Polizeichef von den Leuten aus dem Dorf engegengebracht wurde. Vielleicht hatte der Dorfchef ja gar keine Witze gemacht und wir sahen den besten Polizisten Sierra Leones bei seiner Arbeit.

Den ganzen Nachmittag saßen wir auf der Veranda der Polizeistation. Ein einzigartiger Einblick in das Dorfleben entfaltete sich vor unseren Augen.

Gegen Ende des Nachmittags, es dämmerte schon, kam eine Frau und stand verlegen und trotzig vor der Balustrade der Veranda. Der Polizeichef ließ sie dort stehen, während er uns erklärte: „Dies ist die Frau des betrunkenen Prüglers.“ Er hatte sich heute morgen nach der Nacht in der Zelle beschwert, dass seine Frau ihn immer mit unflätigen Ausdrücken beschimpfe. Jetzt sei sie hier um ein Dokument zu unterschreiben, dass sie ihren Ehemann in Zukunft nicht mehr unflätig beschimpfen dürfe. Dann erhob er sich und begann eine ernste Ansprache gefolgt von der üblichen Unterschriftzeremonie am Holztisch gegenüber „unserer“ Zelle.


In die Finsternis

Die nächsten drei Tage auf der Straße sehe ich weniger als Erzählstrom vor mir, eher als Schlaglichter eingebrannter Erinnerungsbilder. Der Alltag war genauso unspektakulär wie die Landschaft. Wir durchpflügten die Hitze und vom Flugzeug aus gesehen waren wir zwei kleine Schwimmer, die den weiten Ozean grünen Gestrüpps durchquerten. Mit dem Ziel, die liberianische Grenze zu erreichen, waren wir verlorene Kämpfer, denn  hinter dieser Grenze würde dieser Ozean unverändert weiter sich erstrecken. Zäh reihten sich diese Tage aneinander.

Am Nachmittag des dritten Tages machten wir im Schatten einer Schule Pause, als Imke sagte, sie fühle sich schwach und sie würde jetzt nichts essen können. Wer nicht isst kann nicht fahren – unbarmherziges Gesetz der Straße. Ich machte mir Sorgen. Wir waren in einem sehr kleinen Dorf weit weg von einer Stadt. Die Unterkunft, die wir heute erreichen wollten, gab es zwar „offiziell“, sie war aber schlecht. Das wussten wir. Imke sah nicht gut aus. Irgendwas war nicht in Ordnung. Sie setzte sich weiter hinten in eine Ecke und ich beschäftigte die Kinder, die sich für uns interessierten, damit sie ihre Ruhe hatte.

Vor der Schule finden wir oft den einzigen Schatten ohne dass uns viele Menschen entdecken. Kein gutes Zeichen für den Schulbesuch hier.

Nach einer Stunde sagte sie, es gehe wieder und wir könnten weiterfahren. Ich gab ein langsames Tempo vor und spürte an der Stille hinter mir, dass sie litt. Solche Tage gab es immer wieder. Sie kommen vor. Ab und zu trifft es jeden von uns. Dann quält man sich über jeden Meter, rettet sich am Rand der Schwäche entlang und durchquert den Tunnel des Leidens. Die Beine fühlen sich wackelig und schwach an, im Magen schwappt das Unwohlsein und der Atem geht flach. Dann versucht man die Einzelteile, in die man sich aufzulösen droht, zusammenzuhalten wie die Stämme eines Holzfloßes, dessen verbindende Seile sich gelöst haben. Jede Umdrehung der Pedale eine Woge der Mühe, jeder kleine Hügel voraus eine Wand der Verzweiflung.

Ich wusste ganz genau, was sich in der Stille hinter mir an Kampf ereignet. Wir sind radfahrend so aufeinander abgestimmt, dass ich mich nicht umdrehen musste, um zu wissen wie groß das Leiden war. Auch darin haben wir eine gewisse Gewöhnung, es ist ein Vertrautsein mit dem Leiden. Bei Kilometer 70 war der Kampf zu Ende. Es ging nicht mehr. Wir standen vor einem unfertigen Bau. Eine Art noch nicht fertiggebauter und schon verfallener Karaokebar. Sie war verlassen. Ein einsamer Arbeiter werkelte daneben in einer Baugrube. Ich fragte ihn, ob man hier übernachten kann. In Afrika ist nichts unmöglich. In einer halben Stunde war der „Chef“ da. Ein schmieriger Typ, der 160 Leones verlangte und uns ein Hinterzimmer ohne Tür zeigte. Ich legte für Imke die Isomatten auf den Boden und baute unser Moskitonetz auf. Sie hatte 39 Grad Fieber und es stieg weiter. Ihr war furchtbar schlecht und ihre Stimme ganz schwach. Bald schon war niemand mehr da außer uns und die Dämmerung brach an. Das Dorf war noch ein Stück entfernt und außer den Grillen ringsumher war alles still. Auf der Straße war kein Verkehr mehr. Jetzt kam die Dunkelheit.

Mit der Dunkelheit kam eine schreckliche Einsamkeit über mich. Zum ersten Mal auf unserer Reise musste ich die Entscheidungen alleine treffen. Und ich wusste, es würden jetzt wichtige Entscheidungen sein. Imke war nicht mehr wirklich anzusprechen. Ihre Stimme war nur noch schwach und sie wurde von Übelkeitsanfällen geschüttelt. Nur unsere Stirnlampe zerteilte die Finsternis. Diese Finsternis war so zäh und allumfassend, dass ich mir wünschte, ich würde jetzt die Schreie der Affen und Vögel hören, die uns manchmal umgaben, wenn wir draußen übernachteten. Aber jetzt war alles still und bedrückend. Immer wieder erinnere ich mich an dieses Bild, das mich bis heute begleitet. Imke liegt unter dem Moskitonetz und ich sitze neben ihr in der Hoffnung, sie würde schlafen können und sich erholen. Jenseits des Netzes die Finsternis alleserfüllend. Ich sehe uns von weit oben, ein kleines Funzellicht neben einer leeren Straße, die das schwarze Dickicht durchschneidet und nirgends hinführt. Kein Mensch weit und breit, kein Geräusch.

Im Botschaftsviertel von Freetown gegenüber unserer Unterkunft: Auch hier wohnen die Menschen wie im Slum.

Vorher im letzten Dämmerlicht hatte ich ihr am Finger einen Blutstropfen abgenommen und einen Malaria-Schnelltest gemacht. Er war negativ. Wir waren vorbereitet, denn wir wussten, dass so eine Situation kommen konnte. Unsere umfangreiche Reiseapotheke war um mich her ausgebreitet. Sie war kein Mittel gegen die Angst, die mich jetzt in dieser Finsternis überkam. Wie viel Zeit seit Einbruch der Dämmerung vergangen war konnte ich nicht mehr schätzen. In Gedanken ging ich unsere Möglichkeiten durch. Seit wir in Freetown im vermeintlich besten Krankenhaus einen Abend verbracht hatten vor zwei Wochen, wusste ich, dass selbst die beste Möglichkeit ein Albtraum sein würde. Freetown war über 300 Kilometer Dschungelpiste entfernt. Und hier gab es keine Hilfe.

Ich löschte das Licht in der Hoffnung, Imke wäre eingeschlafen. Aber sofort protestierte sie und wollte, die Helligkeit aller Taschenlampen haben. Ich wunderte mich über ihre Entschiedenheit, denn sie lag in einem sonst ganz apathischen Dämmerzustand. Auch sie schien diese Finsternis bedrückend zu fühlen.

Vor vier Tagen sagte uns Kai zum Abschied, er würde einen Jeep schicken, wenn wir eine Panne hätten. Das, was man halt so sagt, wenn man Menschen verabschiedet, die man gern hat. Seit zwei Stunden kreiste dieser Satz nun in meinem Kopf. Die Straße hatte abschnittsweise gefährliche Schlaglöcher, die man nachts schlecht erkennt. Eine Fahrt von Freetown wird mindestens sechs, eher acht Stunden dauern. Es gibt gute Gründe, warum auf dieser Straße nachts kein Verkehr ist. Gestern Abend schickte der Polizeichef seine Jungs mit dem Motorrad zur Patrouille los. Sie fuhren mit kugelsicheren Westen und Schnellfeuergewehren.

Ich rief Kai an. Das Gespräch war kurz. Er erfasste die Situation sofort. Er versprach sich gleich wieder zu melden. Dann meldete er sich drei Stunden nicht mehr. Drei Stunden zäher Finsternis, in denen ich im Funzellicht neben Imkes Lager unter dem Moskitonetz saß und ihren Dämmer bewachte. Vergehende Zeit und Finsternis waren eins. Plötzlich neben mir aus der totalen Dunkelheit eine ruhige Stimme: „Braucht ihr Wasser?“ Ich erschrak nicht. Der Mensch, der gesprochen hatte, stand keine zwei Meter von mir entfernt am Fenster, das natürlich keine Scheibe hatte. Ich konnte ihn in der Dunkelheit nicht sehen, noch nicht einmal schemenhaft, es hätte auch ein Geist sein können. Wir brauchten kein Wasser, aber ich bat ihn trotzdem darum. Ich war dankbar, dass die Einsamkeit kurz durchbrochen war. Es war so selbstverständlich und ganz unbegreiflich zugleich. Jemand ist krank und jemand bietet seine Hilfe an. Diese unmittelbare Menschlichkeit erschütterte mich. Dann war es wieder still. Er war gegangen, das spürte ich ohne es zu sehen. Zehn Minuten später trat er ans Fenster und reichte mir einen Eimer voll Wasser in unseren Lichtkreis. Er war wohl in der Finsternis zum Fluss gegangen. Es ist nicht wahr, dass es hier keine Hilfe gibt.

Nach drei Stunden meldete sich Kai und sagte, dass sie unterwegs seien. Nach weiteren sechs Stunden Wachen ging ich durch die Dunkelheit zur Straße und lauschte. Mehrmals machte ich diesen Gang, bis ich ein fernes Geräusch hörte und mit der Lampe Signale gab. Sie wussten ja nicht wo wir waren in diesem Ozean aus Finsternis.

Krankenhaus und raus

Die ganze Fahrt zurück nach Freetown wurde Imke abwechselnd von Brechanfällen geschüttelt und sank dann wieder komatös in sich zusammen. Wir fuhren durch einen Nebel der Tropennacht, der uns oft weniger als fünf Meter Sicht ließ. Es war eine Horrorfahrt. Im Morgengrauen kamen wir in Freetown an. Die von Imke so gehasste Stadt ihrer ersten Krankheitsepisode. Alles war wieder auf Anfang und es musste sich für sie wie eine fürchterliche Wiederholung anfühlen. Tine, eine Freundin, die Jahrzehnte Erfahrung bei Ärzte ohne Grenzen hat, empfahl mir in der Nacht ein kleines Krankenhaus, mit dem ihre Organisation zusammenarbeitete. Dort nahmen sie Imke um 9 Uhr morgens auf. Sechs Tage blieb sie dort und wurde aufgrund einer Lungenentzündung behandelt.

Deborah, Imkes Krankenschwester, schreibt uns immer noch täglich. Mehr muss man zu diesem Bild ja nicht schreiben.

Schnell war uns klar, dass wir zur weiteren Abklärung und zur Erholung nach Hause fliegen müssen. Am 8. Januar landeten wir mit dem Flugzeug in Frankfurt und sind seither hier in Deutschland. Imke geht es gut. Sie hat keine Krankheitssymptome mehr und erholt sich sehr gut. Das untrügliche Zeichen, dass es ihr wirklich gut geht, sind ihre jetzt schon längst wieder einsetzenden Planungen wie es weitergehen könnte mit unserer Afrikatour.

Kai hat uns schließlich auch zum Flughafen gebracht weil unser Taxi ausgefallen war. Ein wunderbarer Mensch!
Ein Ozean aus Sand, den wir mit dem Fahrrad durchquerten.