Botswana 2


Ich liege im Schlafsack, voll angezogen – alle Kleider, die ich dabei habe. Vier Grad sind es heute Nacht – knapp davor, dass man vor Frieren gar nicht schlafen kann. Richtig warm wird mir die ganze Nacht nicht. Ich habe es gewusst und kann es doch nicht glauben, dass Afrika so kalt sein kann. Wie weit entfernt die klaustrophobisch schwülen Nächte im Zelt nun sind, in denen wir uns Luft zufächelten. Damals musste ich bewusst gegen den Wunsch ankämpfen, aus dem heißen Zelt zu fliehen raus zu den Malaria – Mücken, wo es vielleicht eine leichte Brise gäbe. Nun spüre ich meine müden Beine, die sich vom leichten Zittern noch mehr verkrampfen, atme durch einen kleinen Schlitz, so eng habe ich meine Schlafsackkapuze zusammengeschnürt, und wünsche mich in ein warmes Bett.

Wenn man so aufwacht, spart man sich zumindest morgens das Anziehen.

Und doch bin ich gleichzeitig glücklich, dass ich gerade hier liege, in einem kleinen Dorf im botswanischen Winter. Es ist drei Uhr morgens. Die Luft riecht nach Feuer. Schließlich sind wir in Afrika, immer macht irgendjemand irgendwo Feuer. Hier und da leises Gerede, Frauenlachen, Husten, Hundebellen. Von weiter her höre ich coole Musik, treibende Bässe. Mischen sich von anderswo auch traditionelle Trommeln in das Geräuschorchester? Ich könnte schwören, ich höre einen betrunkenen Frauenchor. Sie singen schön, leidenschaftlich rhythmisch. Die Glöcklein der Ziegen – sind sie nur zufällig im Takt? Gleich wird der erste Hahn die übrigen 50 Hähne des Dorfes wecken, und sie werden alle gemeinsam mit aller Kraft durchkrähen, bis wir um 6:30 aufstehen. Im Halbschlaf geht das 50fache Krähen in ein Jaulen über und ich kann nicht sicher sagen, ob da nicht auch Hyänen heulen. Ich liege grundzufrieden da und lausche. Ich fühle mich behütet, verbunden mit einer Gemeinschaft, zu der ich doch eigentlich gar nicht gehöre. Irgendwie gehören wir aber doch dazu – immerhin hat uns der Khosi, der Dorfchef, hierhin zugewiesen. Der Abend war eine Reihe von Kurzbesuchen der Dorfbewohner vorbei an unserem Zeltplatz. Kurze Gespräche, beiläufiges Grüßen und interessiertes Betrachten im Vorbeilaufen. Jetzt im erschöpften Halbschlaf finden alle Geräusche der Nacht und die Erinnerungen des Tages zusammen zu unserer eigenen Afrika – Symphonie, die uns einhüllt und friedlich im Schlaf begleitet.

Wenn man uns schon extra Stühle bringt, müssen wir auch draufsitzen. Man merkt an der steifen Haltung, dass wir beim auf-Stühlen-Sitzen aus der Übung sind.

In den letzten Tagen waren wir auf einer abgelegenen Straße durch die Savanne unterwegs. Die Kalahari hatten wir von West nach Ost durchquert. Wir wollten die Hauptstadt Gaborone umfahren und hangelten uns von Dorf zu Dorf, alle so klein, dass es die von uns so geschätzten VDC-Guesthäuser nicht mehr gibt. Jeden Morgen wussten wir erneut nicht, wo wir am Ende des Tages übernachten sollten. Trotzdem machten wir uns keine Gedanken, wo wir schlafen würden. Wir sind zurück in Afrika. Freundliche Hilfsbereitschaft der Weltklasse begleitet uns hier auf jedem Kilometer. Immer gibt es Lösungen und der Satz „Hier seid ihr sicher, fühlt Euch zu Hause.“ begleitet uns täglich. Und so ist es auch heute wieder. Wir stehen am Straßenrand und machen Kekspause. Da hält ein alter Toyota neben uns an. Edwin und seine Frau Emang steigen aus und laden uns ein, bei ihnen zu übernachten. Nur 200 Meter weiter die Straße runter sei ihr „Platz“. Wieder einmal erleben wir so eine Situation, in der wir innerhalb eines Augenblicks uns entscheiden müssen: Lassen wir uns auf das Ungewisse ein und schauen mal, was daraus wird? Nur kurze Zeit später sitzen wir vier um ein rauchendes Feuer herum im Busch, auf dem in einem verkohlten Topf „Pap“ blubbert (der Name ist Programm). Auf Edwins Gesicht liegt ein glückliches Lächeln. „Wir haben einen Traum.“ Er breitet seine Arme weit aus. „Hier werden wir einen Campingplatz aufbauen. Dort stehen die Zelte, hier drüben wird die Bar sein.“ Ich folge mit den Augen seiner Hand und sehe nur Gestrüpp und unebenes Buschland. Bis auf zwei kleine Zelte, in denen Edwin und Emang leben, gibt es nichts, was für mich nach „Campingplatz“ aussieht. Zwischen den Bäumen haben sie immerhin schon einen Rohbau für zwei Toilettenhäuschen mit Wellblechdach errichtet. Dennoch glaube ich zu wissen, dass das nichts werden kann an diesem Ort, an dem kaum Touristen vorbeikommen. Und gleichzeitig kann ich mich der Zuversicht und der Kraft nicht entziehen, mit der uns Edwin erzählt, wie alles sein wird – bald. Das ist die Kraft Afrikas, die uns immer wieder begegnet: „Vielleicht wird alles ganz anders.“

Edwin kann seinen großen, schönen Campingplatz schon sehen. Alle anderen sehen hier nur strauchige Wildnis.

Edwin ist ganz beglückt über seine ersten Gäste. Wie oft sind uns diese Träume und diese Hoffnung, die uns zu Tränen rühren, in Afrika schon begegnet. Als wir uns in der Dämmerung ins Zelt zurückziehen, verabschieden sich die zwei zu einer „Prayer Night“. Sie ziehen weiße Gewänder über, sie sehen jetzt aus wie Messdiener, die man man in der Savanne ausgesetzt hat. Mit Holzstöcken als Gehhilfe (und gegen die Schlangen) klettern sie in der Dämmerung zum Gebet auf einen nahegelegenen Hügel. Wir liegen im Schlafsack und hören noch lange ihre leisen und gleichzeitig eindringlichen Stimmen. Ich wünsche Edwin und Emang von Herzen, dass ihr Traum in Erfüllung geht.

Auch wenn es an der Straße um die Hauptstadt Gaborone herum keine Guesthäuser mehr gibt – was es dafür in jedem botswanischen Dorf gibt, ist das Kgotla. Ein Platz, an dem sich die Dorfgemeinschaft versammelt, um zusammen wichtige Entscheidungen zu fällen, eine Art mythischer Versammlungsort und Bürgermeisteramt. Das Wort bedeutet auf Tswana „Gericht“. Eine Einrichtung der gelebten Verständigung in der Dorfgemeinschaft. Das Amt des Dorfvorstehers, der Khosi, wird in der Familientradition vom Vater an den Sohn weitergegeben. Der Khosi arbeitet mit mehreren gewählten Vertretern des Dorfes und dem Dorfentwicklungskomitee zusammen. Findet eine Versammlung der gesamten Dorfgemeinschaft statt, treffen sich Männer wie Frauen, meist unter einem zentralen großen Baum, ein festgelegter und geschützter Ort, und diskutieren so lange, bis ein Konsens herbeigeführt wird. Jeder Redner muss zu Ende angehört werden und darf nicht unterbrochen werden.

Kgotla spricht man aus wie Chotla. Ein wichtiges Wort für das ländliche Botswana.
Die Nationalfarben sehen auf der Fahne Botswanas so sanft und flach aus, wie das Land wirklich ist: friedlich Himmelblau.

Das Kgotla ist die Mitte und die Seele des Dorflebens. Hierhin werden wir als Gäste zugewiesen. Dort ist unser Platz. Dorthin kommen die Leute, wenn sie uns abends dann doch noch mal kurz aus der Nähe betrachten und begrüßen wollen. Um uns herum ereignet sich der Dorfalltag, als wären wir ganz selbstverständlich ein Teil davon. Wenn wir etwas brauchen, fragen wir die Nächstbeste und werden quer durchs Dorf geführt, zum Wasserhahn, zum Laden, der nur rohes Fleisch verkauft, oder zum anderen Laden, der nur Reis, Nudeln, Kekse und Seife führt. Die Häuser stehen weit auseinander in einer Buschlandschaft, die schon das übernächste Rundhaus verbirgt. Verbunden sind sie durch ein Geflecht von Trampelpfaden. Wie immer wird auf dem Weg zum Laden von unserem Begleiter unsere gesamte Geschichte von vorn erzählt: den Frauen, die vor den Hütten kochen, den Alten, die unter dem Baum im Schatten sitzen, den im Pickup Vorbeifahrenden. Wenn ich dann zurückkehre vom Einkauf, kenne ich die Lebensgeschichte der Person, die mich zum Laden geführt hat. Denn wer nach dem Weg fragt, wird nicht durch Erklärungen verwiesen, sondern begleitet und sicher zurückgeführt. So kenne ich jetzt die Namen der Kinder von Zapeta und die Leiden ihrer Mutter. Gekauft habe ich mal wieder nur Kekse und Nudeln – und eine Seife und eine Tüte rohes Fleisch für Zapeta.

Die Mitarbeiterin des Dorfchefs nimmt Imke mit nach Hause, um unsere Wassersäcke aufzufüllen.

Der Khosi und seine Mitarbeiter, vom Staat bezahlt, sind für die traditionelle Rechtsprechung zuständig, ein Parallelsystem zur staatlichen Rechtsprechung (common law). Segapo, der Gerichtsschreiber aus Hatsalatladi, erklärt: „Wir bewahren durch die traditionelle Rechtsprechung den Frieden im Dorf. Es gibt so viele kleine Konflikte unter Menschen. Deswegen aber immer gleich vor Gericht zu ziehen, ist teuer und dauert lange. Außerdem wird dort nach dem geschriebenen Gesetz gerichtet. Das ist nicht immer dem Frieden und der Gerechtigkeit dienlich, sondern muss dem Buchstaben treu sein. Wir schlichten entsprechend der empfundenen Gerechtigkeit und haben den Frieden als Ziel. Wir folgen dabei unseren traditionellen überlieferten Gesetzen. Wenn z.B. die Ziegen des einen auf dem Feld des Nachbarn fressen, wäre es menschlich, auf Rache zu sinnen und dafür die eigenen Hühner in den Garten des anderen zu schicken. Aber durch solches Handeln wird die Gemeinschaft zerstört. Wir fällen gemeinsam mit den Betroffenen eine Entscheidung, die eine Lösung findet für alle. Unsere Arbeit ist dem Frieden in der Gemeinschaft verpflichtet.“

Mit Segapo unterhalten wir uns eine Stunde lang über die traditionelle Rechtsprechung in den Dörfern Botswanas.
Alles, was wir uns für einen Zeltplatz wünschen können: Wasser, Toiletten und Schatten. Hinter dem Kgotla von Hatsalatladi.

Die Kgotlas sind für uns der Grund, warum wir so behütet durch Botswana fahren und uns nie Sorgen machen müssen, wo wir in der nächsten Nacht schlafen werden. Gleichzeitig erleben wir auf diese Weise das tägliche Dorfleben und lernen viel über den sozialen Alltag in Afrika. Dabei ist der Ablauf bei unserer Ankunft im Dorf immer gleich. Eine Choreographie von afrikanischem Pragmatismus, Herzlichkeit und Gastfreundschaft:
Ich fahre auf die erste Frau zu, die ich sehe, steige vom Rad und begrüße sie. Ich strecke ihr meine Hand entgegen, und mein Tswana reicht für die ersten Floskeln: „Guten Tag, wie gehtˋs? Danke, gut, und Ihnen? Ich bin Imke aus Deutschland, das hier ist mein Mann Ralph.“ Dann ist meist die Freude und die Belustigung über mein Stammeln schon so groß, dass sie mich umarmt und die nächsten Scherze auf Englisch ganz selbstverständlich folgen. „Ihr seid müde und sucht einen Platz zum Schlafen? Nein, ein Guesthouse gibt es bei uns nicht, aber kein Problem, kommt mit, ich bringe euch zum Khosi.“
Unsere kleine Karawane zieht durchs Dorf, von rechts und links aus den Gärten kichern die Nachbarinnen vor Begeisterung, und ich glaube genau zu verstehen, was sie Keabetswe hinterherrufen: „Wo hast Du denn die beiden gefunden? Woher kommen diese Buren?“ Und Keabetswe wiederholt vor jedem Haus, als stolze Ersthörerin, die Geschichte unserer Reise und zählt jede einzelne unserer Stationen in Botswana exakt in der von uns aufgezählten Reihenfolge auf. Ein paar kreischende ungläubige Nachfragen: „Echt? Von Deutschland? Mit DEM Gepäck?“ Kopfschütteln, breites kraftvolles Lachen, dann sind wir am nächsten Haus und die Geschichte beginnt von vorn.

„Ich will ein Foto mit Dir!“, fordert Keabetswe selbstbewusst ein, bevor wir das Kgotla erreichen. Natürlich stellen sich sofort noch ein paar Nachbarinnen dazu. Eine ältere Frau legt mir fest den einen Arm um die Schulter und drückt sich an mich, mit der freien Hand fasst sie neugierig-verzückt in meine Haare und lässt ihre Finger durch meine Strähnen gleiten. „Ich bin schon grau, ich bin eine alte Frau“, sage ich lachend zu ihr. Ich weiß nicht genau, ob oder was sie verstanden hat, auf jeden Fall greift sie ganz selbstverständlich beherzt an meine Brüste, prüft sie mit sanftem Druck, lacht dann und klopft mir auf die Schulter. „You are ok!“ Wie eine Zusage klingt das in meinen Ohren, ganz grundsätzlich. Schön und lustig fühlt es sich an, und zu meiner eigenen Überraschung überhaupt nicht übergriffig oder peinlich. Ihre Freundin fasst meine beiden Hände, sieht mir in die Augen und sagt: „Your journey will be ok.“ Mit diesem Segenswort entlassen sie uns, heftig mit beiden Armen winkend.

Imke erhält die Diagnose: „You are OK.“

Beim Kgotla steht meist ein Dorfgemeinschaftshaus, in dem der Khosi und seine Mitarbeiter ihre Büros haben. Davor ein Baum, die Flagge Botswanas und ein traditioneller Holzzaun aus schrägen unbearbeiteten dicken Stämmen als Umfriedung. Immer begrüßt uns ein „Security“-Beauftragter, der das Kgotla Tag und Nacht bewacht. Uns erscheint diese Bewachung eher der Ehrerbietung des Ortes zu entsprechen als echten Bedrohungen. Manchmal sitzen auch drei fröhliche alte Damen in gelben Warnwesten auf Plastikstühlen im Hof. Ihre Tätigkeit verstehe ich nicht ganz, aber sie sind die „Police-Volunteers“ – so steht es ganz ordentlich auf ihren Warnwesten. Sie springen gleich von ihren Plastikstühlen im Schatten des Baumes auf und holen uns zwei weitere typische afrikanische Plastikstühle heran, nicht ohne vorher ihre Stabilität zu prüfen, das gehört auch immer dazu. Dann sitzen wir gemeinsam etwas zu gewollt aufrecht auf den Plastikstühlchen und warten auf den Khosi. Es dauert nicht lange, da nähert sich ein älterer Herr im schlottrigen Anzug mit Krawatte (und Krawattennadel!). Wir begrüßen ihn höflich, stellen uns vor, überreichen ihm unsere Dankeskarte und fragen, ob wir im Dorf übernachten dürfen. Als ob so etwas täglich vorkommt, überlegt der Khosi keine zwei Augenblicke, dann weist er uns einen Zeltplatz neben dem Dorfgemeinschaftshaus zu und ordnet seine Mitarbeiter an, uns die Toiletten zu zeigen und den Wasserhahn. Dann verschwindet er wieder in seinem Büro. Weniger als 5 Minuten dauert unser Einchecken. Und wir können mal wieder nicht glauben, wie man so schnell mit allem Nötigen versorgt werden kann. In Guinea war das eine Prozedur von mindestens zwei Stunden.

Zuerst hatten sie schon die Westen abgelegt, weil Feierabend war, dann wollten sie sie aber für das Abschiedsfoto unbedingt nochmal anziehen.

Wenn wir uns dann noch zum Laden führen lassen, in dem es auch gekühlte Getränke gibt, fragt Ralph die Verkäuferin, was die Lieblingsgetränke der Police-Volunteers und des Dorfchefs sind. Als wäre es die natürlichste Frage auf der Welt, zieht die Verkäuferin dann zwei Dosen Cola, eine Fanta und ein Tetrapack Fruchtsaft aus der Kühltruhe. Der Dorfchef muss immer das größte Getränk bekommen.

Mpho, die Security-Mitarbeiterin (ihr Name bedeutet „Geschenk“), macht sich Sorgen um uns, wenn wir bei dieser Kälte im Zelt schlafen. Sie pflückt uns zwei Orangen vom Baum, damit wir „unser Immunsystem stärken.“ Nachdem ihre 12h-Schicht abends um sechs bei Einbruch der Dunkelheit endet, kann ich sie nicht davon abhalten, eine Decke von Zuhause zu holen, die sie uns für die Nacht ausleihen möchte. Ich begleite sie durch das dunkle Dorf, vorbei an traditionellen Rundhütten, die hier oft neben den kleinen Häusern stehen, vor denen sich Menschen am Feuer wärmen. Über den Sandpfad gehen wir gemeinsam zu ihrem kleinen Einraum-Häuschen, das sie gemietet hat. 450 Pula (gut 30 Euro) koste die Monatsmiete, das sei ganz schön viel. Stumm denke ich, dass das der Preis ist, den wir für ein wirklich einfaches Zimmer in einem touristischen Guesthouse für eine Nacht zahlen (die Safari-Lodges im Okawango-Delta kosten das Fünf- bis Zehnfache am Tag). Aber sie ist froh, dass sie wenigstens diesen Job hat. Sie ist zwanzig und möchte ihr eigenes Geld verdienen, damit sie ihre Eltern unterstützen kann, wie sie sagt. Vorher war sie Müllsammlerin (sozusagen im Öffentlichen Dienst) in der Hauptstadt, das sei ihr immer ein bisschen peinlich gewesen, wenn sie jemand erkennen würde, aber immer noch besser als nichts. Aber sie mache sich Sorgen, denn den Security-Job könne sie jederzeit verlieren.

Mpho wird gleich losgehen und uns eine Decke für die Nacht bringen. Wir hoffen, dass es nicht ihre einzige ist.

Viele Menschen erzählen uns Ähnliches. Wenn man eine gute Bildung wolle, müsse man eine Privatschule besuchen, aber die seien für viele unbezahlbar. Auch mit guter Ausbildung und abgeschlossenem Studium sei es oft unmöglich, einen Job zu finden. Die Lebensmittelpreise sind teilweise höher als in Deutschland, aber die Löhne um ein Vielfaches geringer. „Wir kämpfen. Es ist schwierig.“ Diese Sätze hören wir leider sehr oft.

Im Hintergrund sieht man noch die Alten, die für die Auszahlung ihrer Rente seit 2 Uhr nachts angestanden waren. Jetzt, um 8 Uhr, beginnt die Auszahlung und es scheint nicht für alle zu reichen.

Meist leert sich der Dorfplatz vor dem Kgotla am späten Nachmittag, wenn der Dienst der Mitarbeiter endet und alle nach Hause gehen. Ab und zu sehen uns noch zwei, drei höflich zurückhaltende Kinder beim Zeltaufbau zu und helfen uns. Wir machen eine kleine Koch-Show und sie schauen uns zu, als wären wir das leibhaftige TikTok. Bewegungslos stehen sie zwei Meter neben uns zu dritt oder zu viert in der Reihe und verfolgen jede unserer Bewegungen mit den Augen. Gebannt stumm und ein bisschen verlegen stehen sie so da.  Wenn wir gut drauf sind und fertig gekocht ist, stehen wir auf, drehen uns zu ihnen und verbeugen uns gemeinsam tief, wie es die Schauspieler am Ende der Aufführung tun. Wenn wir uns wieder aufrichten, schauen wir meist in entsetzte Gesichter, die sich erst aufhellen, wenn wir dann in Lachen ausbrechen und uns selbst applaudieren.

Erst haben wir gar nicht verstanden, warum schon so früh morgens sich alle in einem Halbkreis aufstellen. Dann begriffen wir, dass alle zu unserer Verabschiedung gekommen sind.

Meistens werden wir aber völlig in Ruhe gelassen und höchstens von den Vorbeigehenden vorsichtig aus dem Augenwinkel betrachtet. Wir sitzen auf unseren Matten im Staub, die untergehende Sonne färbt den Himmel orange, und wir beobachten, wie das Dorfleben um uns herum langsam zur Ruhe kommt. Zur Dämmerung kommt dann der Nachtwächter. Er holt die botswanische Flagge ein (gibt es nur in den größeren Dörfern), rollt sie sorgfältig zusammen, schließt dann das Tor im Zaun und tritt zu uns ans Zelt. „Good evening, Sir. Ich bin die ganze Nacht über hier. Hier ist ein sicherer Ort. Seien Sie Zuhause.“

Wir haben ganz Botswana durchquert und sind jetzt in Francistown. Von hier sind es nur noch 90km bis Simbabwe. Ein neues Land erwartet uns. Und wieder ist es so, dass uns der Abschied schwerfällt. Selten habe ich mich so behütet gefühlt wie hier in Botswana. Es ist wahrlich ein friedliches Land. Die täglichen Anrufe von Lillian, die Text-Nachrichten von Keabetswe und unsere Afrika-Symphonie der Zeltnächte neben dem Kgotla – Botswana wird für mich immer dieses Behütetsein bedeuten.