Botswana

Wie überlebt man ohne Geld in einem fremden Land, in dem man niemanden kennt? Mit dieser Frage sahen wir uns plötzlich konfrontiert, als wir nach Botswana einreisten. Anders als in fast allen anderen Ländern Afrikas, in die wir einreisten, war hier an der Grenze niemand. Auch keine Geldwechsler. Wir standen auf der Straße vor den weißen Grenzgebäuden von Südafrika und weiter hinten sahen wir die Containerbaracken Botswanas. Weit und breit war niemand. Keine anderen Reisenden und noch nicht einmal Grenzpersonal. Offensichtlich waren wir mal wieder irgendwo am Ende der Welt angelangt. Seit Tagen fuhren wir schon durch die Kalahari, eines der größten zusammenhängenden ariden Savannengebiete der Welt. Rechts und links der Straße war flache, langweilige, knochentrockene Strauch- und Graslandschaft. Erst noch die letzten 200 Kilometer durch Namibia, dann einen Tag lang langweilig durch Südafrika und jetzt hier nochmal 300 Kilometer durch Botswana. Dann würden wir in die erste größere Ortschaft kommen, in der es einen Geldautomaten geben soll – so hofften wir. Hier jedenfalls gab es nichts – keinen Geldautomaten und, anders als wir erwarteten, auch keine Menschen, die irgendein Interesse daran hatten unsere südafrikanischen Rand zu tauschen. Wir haben es ja immer so gemacht, dass wir beim Grenzübertritt einfach hinter dem Schlagbaum gewartet hatten, bis die Geldwechsler und SIM-Kartenverkäufer uns bestürmten. Das war immer ein bisschen aufregend und sehr komfortabel. Hier jetzt aber die totale Stille und Einsamkeit.

Vor uns liegt die Grenze zwischen Namibia und Südafrika. Schnell noch die letzte Zitrone auspressen und unsere Vorräte kontrollieren. An der Grenze wird uns alles frische Essen abgenommen, was Fruchtfliegenlarven enthalten könnte. Unsere Kekse können sie gerne behalten. Aber die will niemand.

Wir standen am Schlagbaum und parkten unsere Räder mitten auf der Straße. Wir erwarteten nicht, dass heute hier nochmal ein anderes Fahrzeug auftauchen würde. Schon die letzten Stunden hatte uns niemand mehr überholt. Offensichtlich hatten auch die Grenzbeamten keine Hoffnung auf Publikumsverkehr. Denn sie waren gar nicht erst aufgestanden heute Morgen. Das hätte man meinen können. Als wir in das kleine Hüttchen neben dem Schlagbaum hineinschauten, hing da ein Zettel „Lunch break“ – Mittagspause. Wir hätten uns die Dokumente auf der Theke unter den Arm klemmen können und einfach weiterfahren. Niemand hätte uns aufgehalten. Wir setzten uns auf die Wartebank und genossen die Stille. Den ganzen Tag über hatte der Wind in unseren Ohren geheult, der die letzten Tage gegen uns war. Nach einer Viertelstunde kam der südafrikanische Grenzer, und als er unsere Pässe sah, verkündete er ganz aufgeregt, dass Deutschland gestern Abend 7:1 gegen ein Land gewonnen habe, „das niemand kennt“. Dann durften wir passieren und standen auf der botswanischen Seite im Büro von Lillian. Lillian ist Zollbeamtin des Botswanischen Staates und ihre erste Amtshandlung bestand darin, sich über ihren Schreibtisch hinüberzubeugen und Imkes Hemdkragen ordentlich auszurichten. Danach fragte sie uns, ob wir Maul-und-Klauenseuche hätten. Wir verneinten und mussten das auf Lillians Formular mit unserer Unterschrift bestätigen. Schließlich wollte sie wissen, wo wir heute übernachten würden. Unsere Antwort: „Hier in Bokspits“. Das schien sie zu freuen, denn sie griff sofort zu ihrem Handy und telefonierte fröhlich. Soweit ich verstand kündigte sie im Dorf zwei Buren auf dem Fahrrad an. Zu uns sagte sie: „Doris erwartet Euch. Hinter dem Laden rechts und dann das weiße Haus bei der Post.“

Kekse gibt es hier in Südafrika in Übergröße. Kein Land für mich.

Wir waren mal wieder sprachlos, wussten wir doch aus vielfacher Erfahrung, dass Grenzbeamte in der Regel darauf achten mussten, dass ihr Auftreten vor allem einschüchternd ist. Aber wir waren eben noch nie in Botswana. Dies sollte eine von vielen Lektionen sein in botswanischer Mitmenschlicheit. Wer sie noch nicht erlebt hat, weiß nicht, dass es so etwas Schönes geben kann. Und das ist vielleicht besser so. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Freundlichkeit nicht fürchterlich vermissen werde, wenn ich dieses Land einmal wieder verlassen muss.

Endlich wieder im richtigen Afrika, wo wir vor jedem Dorfladen mit Enthusiasmus begrüßt werden.

Doris empfing uns mit dem Ausruf: „Wo sind eure Hütchen?“ Auch das gehört zur botswanischen Fröhlichkeit: So unkonventionell die eigenen Gedanken beim Anblick von Fremden auch sein mögen, man muss sie unbedingt laut aussprechen. Ebenso alle Fragen, die einem blitzartig durchs Gehirn zucken. Darum: „Wo sind eure Hütchen? Die Sonne brennt, ihr müsst immer Hütchen aufsetzen!“ Dabei hatten wir unsere komischen Helme mit Sonnenschutz extra abgenommen, bevor wir ins Dorf gefahren waren, damit wir nicht so doof aussehen.

Doris war die Verwalterin des dorfeigenen Guesthouses, betrieben vom Dorfentwicklungskomitee (VDC – Village Development Comitee). Fast jedes Dorf Botswanas hat so ein einfaches Guesthouse, das sehr billig und sehr einfach ist. Uns genügte es: Bett, Gemeinschaftsküche, Wasserhahn,  Eimerdusche. Jetzt allerdings mussten wir Doris beichten, dass wir kein Geld hatten, und befürchteten, dass wir fortgejagt werden würden. Schlimmstenfalls konnten wir ja auch außerhalb des Dorfs hinter irgendeinem Busch im Zelt schlafen. Machen wir ja sowieso die Hälfte der Zeit. Aber allein die Vorstellung hier in Botswana in die Wildnis geschickt zu werden, wenn man nach einer Übernachtung im Dorf fragt, ist eine absurde Vorstellung. Doris schickte uns natürlich nicht fort, nur weil wir kein Geld hatten.

Dorfentwicklungs-Komitee-Guesthouse. Eine klasse Einrichtung für Reisende in Botswana. Niedrige Preise, einfacher Standard, große Freundlichkeit.
Einfach beim Kghotla (Dorfgemeinschaftshaus) die kompetenten Frauen fragen. Hier in Botswana gilt wieder: Gar nicht lang mit den Männern aufhalten, einfach gleich die Frauen fragen.

Wir hatten zwar südafrikanische Rand, wir wussten aber schon aus dem Dorfladen, dass die hier niemand wollte. Und wechseln kann auch niemand, weil jeder nur noch mit dem Handy bezahlt und kein Bargeld hat. Wir aber hatten keine Bezahlapp und keine botswanischen Pula (Pula heißt übrigens Regen und der ist hier in der Wüste bekanntlich auch ziemlich wertvoll). Doris konnte unser Bekenntnis aber gar nicht schocken. Ganz anders als wir erwarteten sah sie das Problem gar nicht darin, dass sie von uns kein Geld bekommen würde. Sie machte sich vielmehr sofort Sorgen darüber, dass wir ja dann die nächsten Tage nichts kaufen konnten, bis wir nach drei Tagen in Tsabong den nächsten Geldautomaten antreffen würden. „Ihr braucht Geld!“ Hütchen und Geld – sie hatte die Sache auf den Punkt gebracht.

250 g Datteln zu einem Ziegel gepresst ist Raketentreibstoff.

Wir hatten uns in der Gemeinschaftsküche unsere Nudeln gekocht und Doris zum Essen eingeladen. So saßen wir um den kaputten Steintisch auf den typischen, halbkaputten Plastikstühlen Afrikas und Doris dachte nach. Doris hatte den einzigen Teller und die Gabel, Imke und ich aßen aus dem Topf. Jetzt begann Doris zu telefonieren und präsentierte uns nach drei weiteren kurzen Telefonaten ihren Plan: Wir würden unsere südafrikanischen Rand (ca. 150 Euro) Doris geben und sie würde diesen für die hiesigen Verhältnisse ziemlich großen Geldbetrag einem Typ aus dem Laden mitgeben, der morgen nach Südafrika fährt und dort ihren Onkel trifft, der in Rietfontain lebt. Der hätte genügend Pula und tausche das Geld. Der Ladenbesitzer komme dann am nächsten Tag, wenn er seine Besorgungen im Nachbarland erledigt habe, wieder zurück nach Bokspits. Lillian (die Grenzbeamtin) habe am Mittwoch einen Gerichtstermin in der Bezirkshauptstadt Tsabong und würde uns auf der Straße überholen und uns das Geld dann auf dem Weg überreichen. Wenn sie uns verpasse, dann lasse sie das Geld bei dem Kgosi (dem Dorfchef) von Khuis. Wenn wir diese kleine Ortschaft durchfahren würden, sollten wir nach dem Chef fragen, das sei das rote Backsteinhaus links. Der würde uns dann das Geld geben. Doris war zufrieden mit ihrem Plan.

In keiner aller vorstellbaren Welten sollte man in einem fremden Land auf so einen Handel mit einer komplett fremden Person eingehen. Das war die Lektion, die unser Kulturkreis uns von Kindheit an lehrte. Also zog ich meinen Geldbeutel, leerte ihn komplett und schob das dicke Geldbündel über den Tisch zu Doris. Afrika hatte uns zum Glück schon etwas zum Besseren verändert. Als wäre nichts geschehen, steckte sie das Geld ein. Dann sprachen wir über andere, wichtigere Dinge bis es dunkel wurde.

Am nächsten Tag standen wir früh in der Dämmerung und Kälte auf (nachts liegen die Temperaturen hier auf 1000 m Höhe um den Gefrierpunkt) und fuhren los. Später sagte uns Doris am Telefon, wie traurig sie gewesen sei als der Morgen so kalt und wir weg waren. Wir hatten jetzt gar kein Geld mehr und auch nicht mehr genug zu Essen, bis wir Tsabong erreichen würden. Wir machten uns aber erstaunlicherweise überhaupt keine Sorgen. Die botswanischen Vibes hatten uns schon zu guten Teilen geheilt. Wir waren noch keine 24 Stunden in Botswana und die afrikanische Freundlichkeit, die wir teilweise in Namibia so vermisst hatten, begann uns wieder zu tragen.

Imke bekommt die Landessprache Tswana beigebracht. Eine Schülerin, drei Lehrerinnen.
Große Pause

Botswana – ein Musterland Afrikas

150 Kilometer waren es bis Khuis, wo uns Doris schon telefonisch angekündigt hatte und es wieder ein Guesthouse des VDC geben würde. Botswana ist seit seiner Unabhängigkeit 1966 eine demokratische Erfolgsgeschichte. Die Dörfer haben Selbstverwaltungs-Komitees und sind vor allem von Frauen mit ziemlich viel Power betrieben. Hier gibt es zum Beispiel in den meisten Dörfern Kinderbetreuung für Babys ab drei Monaten für berufstätige Mütter. In jedem kleinen Dorf gibt es eine Bibliothek und ein Dorfgemeinschaftshaus. Botswana hat einen der höchsten Bildungsdurchschnitte und die längste Schulbesuchsdauer aller afrikanischen Länder. Dies ist umso erstaunlicher, weil Botswana, als es noch britische Kolonie war, eines der ärmsten Länder der Welt war. Wir spüren die unmittelbaren Auswirkungen eines Gemeinwesens, das sich um die Armen, Hilfsbedürftigen und die Anliegen der Bürger in den ländlichen Regionen kümmert. Botswana gilt als Musterbeispiel hinsichtlich politischer Stabilität, sozialer Entwicklung, Pressefreiheit und niedriger Korruption. Der 200 Pula- Geldschein ist der Schein mit dem höchsten Nennwert. Auf ihm sind lesende Kinder abgebildet. Das ist kein Zufall. Der erste demokratisch gewählte Präsident des frisch unabhängig gewordenen Landes (nachdem es britische Kolonie war) entschied Bildung besonders zu fördern. Seither ist das im Wesentlichen so geblieben.

Der wertvollste Geldschein bildet das Wertvollste des Landes ab: lesende Kinder.

Warum ist Botswana zu so einem Vorbild politischer und zivilgesellschaftlicher Entwicklung geworden? Vielleicht liegt es daran, dass die riesigen Diamantenvorkommen des Landes (zweitgrößte der Welt) erst ein Jahr nach der Unabhängigkeit entdeckt wurden. So konnte die Kolonialmacht keine Ausbeutungsstrukturen aufbauen und ein großer Teil des Reichtums bleibt im Land. Dieser Reichtum kommt anders als in Südafrika und Namibia nicht nur einer kleinen superreichen Minderheit zu Gute, sondern wird zur Entwicklung des Allgemeinnutzens verwendet. Hier merken wir in jeder Begegnung, wie diese faire Wohlstandsverteilung zu gesellschaftlichem Frieden führt. Es ist eine Ironie der Geographie, dass Botswana die beiden Länder (Südafrika und Namibia) mit der ungleichsten Wohlstandsverteilung als Nachbarn hat.

Autobahnraste auf dem Transkalahari Highway

Wir fuhren also durch die langweilige Savannenebene der Kalahari ohne Geld und es fiel uns gar nicht auf, denn es gab nichts zu kaufen. Am zweiten Tag, nachdem wir im Zelt zwischen den Büschen abseits der Straße übernachtet hatten, bremste ein roter, vollbesetzter Kleinwagen neben uns und hielt mitten auf der Straße an. Es war ja sowieso kein Verkehr hier, den ganzen Tag nicht. Das Seitenfenster wurde heruntergekurbelt und eine fremde Frau streckte mir ein dickes Geldbündel entgegen, unser jetzt in die botswanische Landeswährung Pula gewechseltes Geld. Lillians Gerichtstermin war verschoben worden, daher hatte sie das Geld jemand anderem gegeben, der es jetzt mir überreichte als sei es ein alter Lappen, der mir gerade runtergefallen war. Das war immerhin ein Betrag in der Höhe des wöchentlichen Durchschnittslohns hier in Botswana. Dieses Geld ging durch die Hände von mindestens fünf fremden Menschen und kam über zwei Grenzen und 300 Kilometer hinweg zu uns zurück. Wir hatten nie Zweifel daran gehabt. Als das kleine rote Auto wieder davonbrauste und wir auf der einsamen Straße standen, waren wir aber doch irgendwie gerührt. Was war das für ein Land, in dem so viel Vertrauen und Ehrlichkeit durch den Alltag strömt, als sei dies alles selbstverständlich. Da standen wir nun wieder allein auf der Straße und ein Hauch von Paradies wehte uns an.

Links ist der Grenzzaun zu Südafrika, 30 Kilometer rechts von der Straße beginnt Löwengebiet – aber die Straße gehört uns. Drei Autos begegnen uns am Tag auf den ersten 300 Kilometern.

Behütet in Botswana

Als wir in Khuis ankamen, fanden wir das einfache VDC-Guesthouse und wieder gab es eine sehr fröhliche Begrüßung für uns. Diesmal mit Gladis, bei der wir ja schon durch Doris telefonisch angekündigt waren. Gladis hat eine sehr große, alte und extrem coole Sonnenbrille auf, die gut zu ihrer Wollmütze passte. Ihre Begrüßungsfrage schreit sie uns mit schriller Stimme entgegen: „WARUM?“ Sie zeigt ungläubig auf die vollgepackten, staubigen Räder. Dann schaut sie uns an. Wir waren dreckig und nicht schick angezogen – wir übernachteten letzte Nacht ja auch im Busch bei den Löwen. Sie wiederholt ihre Frage: „WARUM?“ Ich wollte keine allzu spitzfindige Antwort geben und sagte ihr, wir würden nicht miteinander reden hier, wenn wir mit dem Auto reisen würden. Wir hätten sicher nicht angehalten, wir wären hier einfach durchgefahren. Gladis lachte herzlich und schüttelt mir die Hand. „Ja, hier halten keine Touristen.“ sagt sie.

Seit wir eine botswanische SIM-Karte haben, rufen uns Doris und Lillian, Lovisa und Katrina täglich an. Sie machen sich Sorgen und wollen wissen, wo wir gerade sind. Doris gibt uns Empfehlungen für günstige Übernachtungsgelegenheiten. In Tsabong treffen wir Doris Halbschwester: „Ich habe ein kleines Herz und muss beim Abschied immer weinen, wenn ich nette Menschen treffe.“ Und wir sind schon bei Lillians Schwester in Jwaneng angemeldet. Wir sind noch keine Woche in Botswana und werden weitergereicht wie Familienmitglieder zu Besuch in der Heimat. Mit jedem Dorf, in dem wir übernachten, wächst die Liste unserer botswanischen WhatsApp-Kontakte und alle fragen jeweils wieder am Ende des Tages, wo wir heute schlafen und ob alles gut sei. Und jeden Tag wächst unsere Familie weiter. Wir fühlen uns behütet.

Katrina vom VDC-Guesthouse in Werda begrüßt Imke mit einer extrem festen Umarmung.
Morgens hat sich im Dorf rumgesprochen, dass wir da sind und alle wollen uns nochmal zum Abschied umarmen.

20.000 Elefanten für Deutschland

All dies ist noch bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass wir bisher in Botswana kaum Menschen getroffen haben. Denn Botswana – dieser Satz kommt jetzt vermutlich vielen Leserinnen unseres Blogs bekannt vor – ist eines der dünnstbesiedelsten Länder der Erde. 70 Prozent der Landfläche Botswanas bedeckt die Kalahari, eigentlich eine Halbwüste, die größte zusammenhängende Sandfläche der Erde. Dort lebt eigentlich niemand. Denn nur fünf Prozent der Fläche Botswanas ist für Landwirtschaft geeignet. Wilde Tiere gibt es aber in Botswana sehr viele. Auf seine 2,5 Millionen Einwohner kommen 130.000 Elefanten, also rund ein Elefant auf 20 Einwohner. Auch die Löwenpopulation ist hier besonders hoch. Allerdings sind die meist im Norden, im feuchten Okavango-Delta. Wir hingegen bleiben im Süden. Wie schon erwähnt wollen wir auf dem Rad nicht den großen Wildtieren begegnen. Zumindest nicht den Fleischfressern.

Die Straße, die wir die letzten Tage einsam gefahren waren, liegt 30 Kilometer südlich des Löwengebiets. So unsere Information, die immerhin von einem Helikopterpilot kommt, der für eine der großen Trophäenjagd-Farmen arbeitet. Eine umstrittene Sache, diese Trophäenjagd. Botswana sagt, so finanziere es auch seine großen Naturschutzgebiete, immerhin fast 40 Prozent seiner Landfläche sind Schutzgebiete. Der Jagdtourismus soll natürlich Devisen einbringen und ist nach der Diamantenförderung und der Landwirtschaft eine der größten Einnahmequellen. Hier gibt es vor allem Tourismus des gehobenen Preissegments. Erst dieses Jahr hat Botswana die Eintrittspreise in seine Parks teilweise verdoppelt. Als die deutsche Regierung Botswana für das Ausmaß der hier praktizierten Trophäenjagd kritisierte, schlug die botswanische Regierung vor, Deutschland solle 20.000 Elefanten übernehmen – Deutschland bekomme sie geschenkt. Dabei ist die Einfuhr von Jagdtrophäen in Deutschland im Unterschied zu seinen EU-Nachbarn wenig beschränkt. Bitswana wollte mit seiner Geschenkidee auch auf diese Doppelmoral hinweisen. Abends auf unserem Wildcampingplatz vor Khuis beobachten wir auf der südafrikanischen Seite des Tals einen offenen Landrover, von dem aus Touristen auf Großwild schießen. Wir hoffen, dass es nicht die schönen Eland-Antilopen trifft, die nachmittags minutenlang neben uns hergelaufen sind.

Wenn das nächste Dorf zu weit weg ist, schlafen wir im Busch versteckt von der Straße.

„Sozialismus funktioniert nicht“

Wir treffen einen weißen Farmer. Er ist aus Namibia eingewandert. Er steht in seinem Farmbedarfsgroßmarkt und erzählt uns, dass er monatlich wegen der Maul- und Klauenseuche Millionen von Pula verliert. Er schimpft auf die botswanische Regierung und den Sozialismus. Welchen er meint, sagt er uns nicht. „Sozialismus funktioniert nicht“, sagt er. Seine Rede fällt in das populistische Narrativ von „denen da oben gegen uns hart Arbeitenden…“ Dabei gehört er ökonomisch sicher zu „denen da oben“. Er kann gar nicht mehr aufhören und schildert uns seine ganze Weltsicht, die uns sehr an manche Wutbürgeransprachen aus unserer Heimat erinnert. „Sozialismus funktioniert nicht“ ist sein wiederholtes Fazit und wir fragen uns, wie das denn so ist mit dem botswanischen Sozialismus. Bei allem, was wir die letzten Tage erlebt haben, fallen uns eine ganze Reihe von Menschen ein, für die das botswanische Konzept von Gemeinschaft sehr gut funktioniert: Entwicklungsprogramme gegen Hunger, freie Bildung, öffentliche Bibliotheken auf den Dörfern, die erfolgreichste Antiaidskampagne der Welt, freie Gesundheitsversorgung für alle, staatliche Kinderbetreuung auf den Dörfern, Hilfspakete für Gebärende… Dagegen sind die USA sozial gesehen eine unterentwickelte Bananenrepublik. Wenn das „Sozialismus“ ist, dann scheint er für die Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen hier ganz gut zu funktionieren.

Ein Beispiel dafür ist die beeindruckende Gründungsgeschichte der ersten und einzigen Universität Botswanas. 1976 wollte die Regierung Botswanas eine Universität errichten, doch dem Land fehlten die notwendigen finanziellen und materiellen Ressourcen. Ein Jahr nach der Unabhängikeit war Botswana eines der ärmsten Länder der Welt. Deshalb griff Botswana auf sein Tradition des „batho ba dithuso“ („Menschen, die helfen“) zurück, um den Bau der Universität zu ermöglichen. Batho ba dithuso ist ein Konzept, das die gemeinsame Verantwortung von Einzelpersonen und Gemeinschaften betont, um sich an Vorhaben zum Wohl der Gesellschaft zu beteiligen. Zugleich steht es für das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Führung sowie für die Mahnung an Führungspersönlichkeiten, ihren Gemeinschaften zu dienen.

Lüneburger Heide oder Kalahari? Bist Du Dir sicher?

Aus dieser in der botswanischen Tradition verwurzelten Praxis entwickelte sich die Kampagne „Motho le Motho Kgomo“ („Ein Mensch, ein Rind“). Ziel der Kampagne war es, die finanziellen Mittel für den Aufbau eine Universität bereitzustellen, finanziert durch das Volk.

Die Kampagne „Ein Mensch, ein Rind“ wurde zu einem Symbol des nationalen Zusammenhalts und verkörperte auf eindrucksvolle Weise Botswanas traditionelle Werte der Selbsthilfe und des gemeinschaftlichen Beitrags. Sie vereinte Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Die Beiträge, die zur Finanzierung der einzigen Universität Botswanas kamen von Armen und Reichen und wurden in vielfältiger Form geleistet – darunter Geldspenden, Vieh, Getreide und andere wertvolle Güter. Wer reicher war, sollte mehr spenden, und wer arm war, spendete im Rahmen seiner/ihrer Möglichkeiten.
Die Kampagne war ein spektakulärer Erfolg und führte nicht nur zur Gründung der Universität, sondern auch dazu, dass der Wert von Bildung in der ganzen botswanischen Gesellschaft tief verwurzelt wurde. Sie führte auch dazu, dass sich ein Gemeinwesen bildete, das aus einem der ärmsten Länder der Welt ein Land machte, das heute weniger auf ausländische Fachkräfte angewiesen ist als andere afrikanische Länder. Solche und ähnliche Aktionen auf regionaler Ebene führen auch dazu, dass die Bevölkerung einen starken Sinn für das Allgemeinwohl und ein politisches Bewusstsein der Mitregierung besitzt.
Wenn wir Menschen treffen fragen wir gerne auch, was sie von der Regierung und dem neuen Präsidenten halten. Erst gestern sagte uns eine arme, ältere Frau in einem sehr kleinen Dorf über den neuen Präsidenten: „Ich kann noch nicht viel sagen. Ich glaube er macht seine Sache ganz gut. Aber ich habe gesehen, dass er eine Gucci-Brille und einen Gucci-Gürtel trägt. Hat er denn vergessen, dass WIR es sind, die ihn einkleiden?“ In den langen Stunden im Sattel in der lanweiligen Kalahari habe ich viel Zeit, um über die Worte des Farmers und der Frau aus dem Dorf nachzudenken. Die Frau scheint mir mehr begriffen zu haben.

Wenn wir Menschen treffen fragen wir gerne auch, was sie von der Regierung und dem neuen Präsidenten halten. Erst gestern sagte uns eine arme, ältere Frau in einem sehr kleinen Dorf über den neuen Präsidenten: „Ich kann noch nicht viel sagen. Ich glaube er macht seine Sache ganz gut. Aber ich habe gesehen, dass er eine Gucci-Brille und einen Gucci-Gürtel trägt. Hat er denn vergessen, dass WIR es sind, die ihn einkleiden?“ In den langen Stunden im Sattel in der lanweiligen Kalahari habe ich viel Zeit, um über die Worte des Farmers und der Frau aus dem Dorf nachzudenken. Die Frau scheint mir mehr begriffen zu haben.

Eine Skulptur auf dem Campus der Botswana Universität in der Hauptstadt Gaborone – sie zeigt einen Mann und ein Rind – erinnert bis heute an die Spendenkampagne, die ihre Gründung ermöglichte.

Kampf


Nicht immer haben wir anspruchsvolle Gedanken von Politik und Kultur unserer Reiseländer. Manchmal, vor allem in den letzten Tagen, verengt sich unsere Wahrnehmung auf einen langen Tunnel von körperlicher Entbehrung. Botswana ist fast so groß wie Frankreich, aber der Höhenunterschied von der tiefsten und der höchsten Stelle des Landes beträgt nur rund 400 Meter. Botswana ist flach und die Kalahari ist langweilig. Seit Tagen schlägt uns ein durch keine Erhebung gebremster Gegenwind ins Gesicht. Um eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zwölf (12!) Stundenkilometern zu halten, müssen wir alle Kräfte aufbringen, die in unseren kampferprobten Beinen stecken. Zehn Minuten nach Arbeitstagsbeginn denke ich dann oft: „Ich will absteigen und in den Straßengraben liegen. Bitte keine weitere Minute mehr.“ So fahren wir täglich fünf bis sechs Stunden, die Kekspausen nicht mitgerechnet. Die Schultern und Nacken verkrampfen vom Gegensteuern der Windböen, die uns die Lenker aus der Hand reißen wollen. Der Wind ist überall und immer. Wenn wir nachmittags angekommen sind und wir von den Rädern steigen, sind die Beine so viereckig, dass wir kaum geradeaus gehen können. Das Zelt aufgebaut, gekocht und Kleider gewaschen, legen wir uns auf den Rücken und falten die Hände auf der Brust und lassen genüsslich die Heldenschmerzen langsam verklingen. Manchmal ist das der schönste Moment des Tages. Das volle Hier und Jetzt. Ja, auch das muss gesagt werden in dieser Reihe von Berichten aus exotischen Gegenden: Eine sehr schöne Grunderfahrung ist immer wieder der Schlaf der totalen körperlichen Erschöpfung.

Nachts werden die Geräusche ums Zelt lauter. Wir sind nicht allein in der Kalahari.

Ebola

Der Wind stellt sich uns in den Weg, wird uns aber nicht aufhalten. Etwas ganz anderes stellt sich uns in den Weg, das uns aufhalten könnte. Noch ist es weit weg, aber wir beobachten es schon seit einiger Zeit. Im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo gibt es einen Ebolaausbruch. Alle Anzeichen sprechen leider dafür, dass er zu einer der schlimmsten Ebolaepedemien jemals werden könnte. Die Regionen, die bisher betroffen sind, grenzen an unsere geplante Reiseroute. Schon jetzt wissen wir eigentlich, dass wir unsere Pläne ändern müssen. Wir haben diesen Gedanken in den letzten Wochen immer wieder verdrängt. Je weiter wir kommen, desto weniger ist das allerdings möglich. Zum Glück haben wir über Freunde gute Informationsquellen bei Ärzte ohne Grenzen. Wir werden in den nächsten Wochen unsere Pläne ändern müssen – mal wieder.

Nach dem Gottesdienst in Tsabong. Vielleicht noch nie in meinem Leben wurde ich in so kurzer Zeit so oft umarmt.