Namibia

Ein Licht so klar und durchdringend liegt über der weiten, grünen Landschaft, als wäre es der erste Morgen aller Tage. Seit zwei Stunden sind wir auf der Staubpiste unterwegs, die sich wie ein fremdes Band durch diese Einsamkeit zieht. Kein Auto und kein Mensch sind uns bisher begegnet. Namibia ist nach Grönland und der Mongolei das am dünnsten besiedelte Land der Erde. Stille umgibt uns. Wenn wir anhalten und das Knirschen unserer Reifen auf dem Schotter verstummt, wollen wir diese Erhabenheit nicht durch lautes Reden unterbrechen. Wir schweigen und schauen. Das silberne kniehohe Gras mit den weichen Puffelähren wiegt sich leicht im Wind. Das breite Tal ist bewachsen von einzelnen weit auseinander stehenden Bäumen und Büschen. Erstaunlich grün ist es hier, obwohl der Boden staubtrocken ist. Es hat in dieser Regenzeit so viel geregnet wie in 100 Jahren nicht, sagen die Einheimischen. Der Himmel ist so blau, dass man das Weltall dahinter zu erahnen glaubt. Das weite Tal, eine gigantische schräge Ebene, ist die perfekte Bühne für ein Schauspiel, dessen einzige Zuschauer wir zwei kleinen Menschen hier sind.

In einer übersinnlichen Choreographie wogen sie in langsamen Schritten durch das dünende Silbergras. Sie bewegen sich in Zeitlupe. In weiter Formation ziehen sie dahin, als würden sie über ein Meer aus Savannengras segeln. Giraffen. Über die gesamte kilometerweite Ebene verteilt, als folgen sie einem wiegenden Rhythmus hin zum Horizont. Ich bin in diesem Moment fest überzeugt, diesen Anblick nie mehr zu vergessen. Wie Dinosaurier aus einer anderen Zeit kommen sie mir vor. Zu groß um aus dieser Wirklichkeit zu sein. Zu steil, zu vertikal. Erhaben und amüsant zugleich. Das sich Wiegen und der Schritt unbeirrbar flüssig. Unwillkürlich muss ich beim Anblick der Höhe an Stolpern denken. Da zieht mich die Bewegung in den Bann und ich wiege mich innerlich mit. Nie werden sie stolpern oder unmajestätisch sich bewegen. Dann sehe ich die kleinen Stummelhörnchen und bekomme Zweifel. Gravität gekrönt mit einem Hörnchen Lächerlichkeit.

Wir stehen reglos. Natürlich ignorieren sie uns. Wir Kurzen, wir Uneleganten. Dann bleibt die uns Nächste stehen. 100 Meter entfernt schaut sie uns an. Schaut auf uns herab. Eine halbe Minute schauen wir uns an und wir halten vor Ehrfurcht den Atem an. Dann wendet sie sich ab und schreitet gemächlich weiter. Wir sind nichts. Allein diese unproportional hohen Wesen und die stille Weite.

Wieder einmal haben wir das Gefühl klein zu sein angesichts der Größe dieses menschenleeren Landes und seiner grandiosen Natur. Fast dreimal so groß wie Deutschland ist Namibia. Aber nur rund drei Millionen Menschen leben hier, hauptsächlich in den drei großen Städten und im wasserreicheren Nordwesten an der Grenze zu Angola. Von dort kommen wir. Die ersten 250 Kilometer unserer Strecke waren noch asphaltiert. Jetzt fahren wir schon seit zwei Wochen auf Schotterpisten. Manchmal läuft es ganz gut. Dann gibt es wieder Abschnitte, da ist die Oberfläche der Piste geformt wie Wellblech und wir werden gerüttelt und kommen bei aller Anstrengung nicht über sieben Kilometer in der Stunde. Das ist nicht nur körperlich herausfordernd, sondern auch psychisch. Um uns die Weite und in uns das Wissen, dass noch über 2000 Kilometer Schotterpiste in Namibia vor uns liegen. Insgesamt werden es 2880 Kilomter Piste sein, so unser Plan. Dreimal die gesamte Länge von Deutschland.

Der Tafelberg bei der kleinen Ortschaft Bergsig

Es gab Tage, da hatten wir Zweifel, dass wir das durchhalten würden. Dann wieder teilen wir diese klare Stille durch das Knirschen unserer fünfeinhalb Zentimeter breiten Reifen und fühlen uns unbesiegbar. Aber schon eine halbe Stunde später zwingt uns tiefer Sand oder zu grober Schotter abzusteigen. Schiebend haben wir selten das Gefühl unbesiegbar zu sein. So haben wir uns daran gewöhnt, die inneren und äußeren Extreme zu durchleben. Wir wundern uns selbst, dass wir uns gerade hier so stark fühlen. Wir machen mehr Ruhetage und fahren dazwischen noch härter als bisher. Das scheint uns gut zu tun. Wir fühlen uns wohl hier draußen.

Löwen gab es nach Auskunft der Einheimischen hier nicht. Elefanten aber schon.


Das Disneyland Afrikas

„Habt ihr schon Löwen gesehen?“ fragen die Kinder unserer Freunde zu Hause. „Macht Fotos von den Löwen!“ Ich möchte sie nicht enttäuschen und sage nicht, dass wir keine Löwen sehen möchten.  Dabei haben die Kinder schon Recht. Namibia ist in gewisser Hinsicht das Disneyland Afrikas. Hier wohnen Simba der Löwe, Dumbo der Elefant und Rudolph das Rhinozeros. So könnte man den Eindruck bekommen, wenn man die touristischen Safari-Lodges besucht. Sie ähneln Spahotels mit wachsimprägniertem Baumwollzelt-Charme. Das (garantiert) letzte große Abenteuer des weißen Mannes. Mit allradgetriebenen Offroad-Dieselmonstern durch unberührte Landschaft rasen und weite Staubfahnen hinter sich herziehen. Abends Fleisch (auf keinen Fall Schwein, so versichern die weißen Namibianer) über dem offenen Holzfeuer braten und die ganz großen Player der Savanne auf der Checkliste abhaken: Löwe, Elefant, Leopard, Nashorn, Kaffernbüffel. Die sogenannten „Big Five“ der Großwildjagd. What?? sagt da die Giraffe. Tja, liebe Giraffe, Du nicht, Du bist für Mädchen! Hier weht noch ein Lüftchen Männlichkeitsvorstellung aus der Kolonialzeit.

Manchmal haben die paar Hütten am Straßenrand so eine Wasserversorgung mit elefantensicherer Mauer. Das ist ein schöner Luxus für uns um unsere Vorräte aufzufüllen.
Die Himba wohnen noch wie vor zweitausend Jahren in sehr kleinen Lehmrundhütten.

Die bescheidene Staubpiste, auf der wir jetzt schon zwei Wochen unterwegs sind, wird hier der „Goldhighway“ genannt. Hier fahren die Touristen mit am Flughafen gemieteten Camping-Jeeps und spülen das Geld ins Land. In den letzten vier Jahren hat sich die Anzahl der Touristen, die Namibia besuchen verfünffacht.  Die Piste sollte längst asphaltiert werden. Aber das Vorhaben wurde abgesagt. Die Touristen finden es abenteuerlicher auf Staubpisten, erklärt uns Herbert der Lodge-Besitzer. Die Big Five sind ein Produkt, das hier gut vermarktet wird, Herbert nennt es „eine Gelddruckmaschine“. Da passt es gut, dass die fünf Großwildjagdtiere auf die Geldscheine Südafrikas gedruckt werden. Übrigens auch offizielles Zahlungsmittel hier in Namibia neben dem Namibianischen Dollar. Immerhin war Namibia bis noch vor recht kurzer Zeit eine Art Kolonie Südafrikas (unabhängig erst seit 1990). Natürlich war „Kolonie“ nicht die offizielle Bezeichnung. Aber die weißen namibianischen Männer mussten in der südafrikanischen Armee dienen und unterstanden dem südafrikanischen Gesetz, während die Schwarzen in Homelands angesiedelt waren. Das scheint bis heute nachzuwirken. Während unser Bericht über Guinea hieß, „On est ensemble“, muss es hier eher heißen, we are apart. Apartheid.

Wer heute nach Namibia fliegt um Urlaub zu machen, will eher nicht diese Geschichte hören, sondern Geschichten erzählen können von wilden Tieren. So könnte man zumindest den Eindruck bekommen, wenn man die Angebote in den Lodges anschaut. Uns werden ständig Elefanten und Löwen angeboten mit Angabe der Sichtungswahrscheinlichkeit in Prozentzahlen. Elefant 90 %, Löwe 60 % – vermutlich weil kleiner und besser beim Verstecken. Allgemeine Verstörung, wenn wir dann entgegnen, dass wir auf keinen Fall Löwen sehen wollen. Es ist uns offengestanden auch zu teuer – für denselben Preis könnten wir zehnmal Pizza Essen gehen. Giraffentouren würden wir eventuell machen, aber die gibt es nicht. Arme Giraffe, zählt nicht.

Auf rund 1000 Metern Höhe gab es morgens dicke Nebelfelder. Verstecken sich dort die Geisterelefanten, die wir in Angola nicht gefunden haben?

Herbert, der Lodgebetreiber erzählt. Eine Busladung (30 Personen) untergebracht in seinen Chalets brächten 3000 Euro ein pro Tag. Seinen Angestellten zahle er zwar noch den Mindestlohn, wenn das Geschäft aber laufen würde sicher bald auch mehr. Der namibianische Mindestlohn ist 60 NamDollar, 3 Euro. Am Tag. Da schadet es wirtschaftlich nicht, dass Namibia gemeinsam mit Südafrika weltweit die Länder sind, in denen die Einkommen am ungleichsten verteilt sind. Das heißt, der Unterschied zwischen Ärmsten und Reichsten ist maximal groß. Das ist besonders für die lohnintensive Tourismusbranche sehr gut. Sehr viel Service für sehr sehr wenig Geld. Dabei ist ein Urlaub in Namibia nicht billig.

Aber auch hier ist es so, dass die kleinen Touranbieter hart arbeiten müssen für ihr Geld. Der Löwenanteil wird unter den drei großen Monopolisten in der Tourismusbranche Namibias aufgeteilt. Die kaufen sich ganze Landstriche als „Concessions“ und jeder der diese Landesteile besucht, muss dann zahlen. Wie bei den großen Minengesellschaften sind das auch ausländische Konsortien und viel Geld bleibt dann nicht im Land. In manchen Lodges, an denen wir vorbeifuhren, kostete die Übernachtung 500 Euro. Mit drei Euro am Tag kann aber hier in Namibia niemand leben, denn die Lebensmittelpreise sind hoch. Mehr als in allen anderen Ländern Afrikas, die wir durchreisten, begegnen wir hier bettelnden Menschen. In Swakopmund sehen wir Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem suchen. Wir fahren an fürchterlich zerfallenen Wellblechbehausungen und Lehmhütten vorbei. So lebt die ärmere Mehrheit der Namibianer, vorwiegend die Schwarzen.

Wir sind große Fans der Grader. Da halten wir schon mal an, verneigen uns und applaudieren.  Im Gegenzug werfen die Fahrer uns Kusshände zu.

Währenddessen genießen wir es, dass wir in den Supermärkten auch wieder Joghurt kaufen können, die Badezimmer europäischen Standard haben und wir in Ikea-eingerichteten Zimmern übernachten, die sich in keiner Kleinigkeit von AirBnB in Madrid oder Kopenhagen unterscheiden. Das ist auf eine gewisse Weise nur möglich, weil das Land so reich und so arm zugleich ist. Sinnbild dafür ist für uns der sogenannte „Donkey-Boiler“ geworden. Die schicken Chalets mit eigenem Bad in den Safari-Lodges haben keine Solar-Heißwasseranlage auf dem Dach. Nein. Hinter der stylischen Hütte ist eine verrostete Wassertonne, unter der ein Feuer gemacht wird, so dass die Touristen heiß duschen können. Dafür kommen jeden Morgen und jeden Abend dutzende Angestellte und feuern hinter jedem Chalet den Boiler an. Jeden Abend und jeden Morgen. Das ist viel billiger als Solarpanele. Dank der niedrigen Löhne.

Man muss schon genau hinsehen oder die Leute fragen, um einen Laden zu finden. Nicht immer steht drauf, was drin ist.
Oder er ist verlassen und sieht eher wie ein gruseliger Ort aus.
Und so sehen dann die meisten Lebensmittelläden von innen aus, die wir auf dem Weg finden.

Während die Adventure-Touristen mit ihren Toyota Landcruisern mit 80 oder mehr Kilometern in der Stunde an den bettelnden Familien am Rand der Piste vorbeirasen, werden wir von jedem Kind und von jeder Mutter angehalten und möchten uns erklären und können es nicht. Gestern erzählte uns ein US-Amerikaner, dass er am Flughafen beim Mieten seines Campers ermahnt wurde, nicht auf offener Strecke anzuhalten und nicht mit Einheimischen zu reden. Wir staunen. Da ist es uns recht, dass wir selten in Lodges übernachten und dann nicht warm duschen mit dem Wissen, dass das warme Wasser mit Hungerlohn befeuert wird. Aber unser Kalt- und Nichtduschen ändert auch nichts an den Verhältnissen.

Im Felsentor bei Seisfontain

Namibia ist schön. Die Landschaft, die Tiere, das Erlebnis der Wildnis. Mehr als in allen bisherigen Ländern Afrikas auf unserer Route genießen wir hier das Großartige der Natur. Etwas aber ist ganz anders in diesem Land. Es fällt heraus aus unseren bisherigen Afrikaerfahrungen. Als wären wir auf einen anderen Kontinent geraten, haben wir plötzlich keinen Kontakt mehr zu den einheimischen Schwarzen. Wir spüren ein allgemeines Misstrauen, eine Sprachlosigkeit. Wir hätten mit Englisch eine einfache gemeinsame Sprache – aber es gibt keine Gemeinsamkeit. Das ist unser Eindruck nach drei Wochen im Land. Mit den weißen Namibianern finden wir Gespräche.

Der Albtrauf bei Bad Urach

Bisher, von Marokko bis Sierra Leone und Angola, waren wir dankbar, dass wir trotz unterschiedlicher Hautfarbe offenherzig Kontakt fanden. Hier haben wir den Eindruck, mit wenigen Ausnahmen, dass wegen der unterschiedlichen Hautfarbe diese Ebene nicht existiert. Hat das mit der Apartheidsvergangenheit Namibias zu tun? Mit der allgegenwärtigen Präsenz von weißen Luxustouristen neben der Armut der vorwiegend schwarzen Bevölkerungsmehrheit? Die einen die Bedienten, die anderen die Bediensteten, und nicht zufällig verläuft die Grenze zwischen beiden entlang der unterschiedlichen Hautfarbe? Wir spüren deutlich, das Miteinander ist gestört. Man ist sich fremd. Auf der einen Seite das Naturparadies, auf der anderen Seite der Sündenfall im Miteinander der Hautfarben.

Vielleicht ist unser Eindruck bisher zu oberflächlich. Vielleicht verzerrt sich das Nebeneinander von paradiesischer Tierwelt und von Misstrauen geprägtem menschlichen Miteinander in dieser Gesellschaft, weil es so unvergleichbare Gegeneindrücke sind. Viele Menschen treffen wir ja eh nicht. Da vergessen wir kurz, wenn wir mit der Piste kämpfen, dass uns etwas fehlt. Namibia ist anders für uns. Irgendwie ist Namibia wirklich ein bisschen wie Afrikas Disneyland. Es gibt viele Angestellte und wenig echte Menschen – für uns Touristen.

Vielleicht sehen wir hier in Namibia auch nur deutlich, welche Konsequenzen eine besonders ungleiche Wohlstandsverteilung hat. Vielleicht gibt es bei uns zu Hause dieselbe Tendenz und wir sehen sie nur nicht so deutlich.

Acanthoplus discoidalis – erstaunlich groß und kommt an unserem heutigen Schlafplatz zu Hunderten vor.
Um das Brandbergmassiv soll es die weltweit größte Artenvielfalt an Skorpionen geben. Entgegen unserer bisherigen Überzeugung, so lesen wir uns noch abends im Zelt aus Wikipedia vor, gibt es hier auch für den Menschen gefährliche Exemplare. Gute Nacht.


Getrennte Welten

Weil wir auf ein Paket mit Fahrradersatzteilen von zu Hause warten, wollen wir ein paar Tage in Hentjes Bay bleiben. Wir dachten, wir hätten ein Zimmer gemietet, es ist aber ein ganzes Haus mit drei Schlafzimmern im Reichenviertel, keine 40 Meter vom Strand. Es ist billig – wir sind vermutlich gleichzeitig für die nächsten Tage hier so eine Art Housesitter. Als wir mit dem Schlüssel in der Tasche die Adresse aufsuchen, wundern wir uns und müssen erstmal mit der Fernbedienung die Alarmanlage für das Anwesen deaktivieren. Dann öffnen wir das elektrische Tor der Einfahrt zum Haus und sind in einer anderen Welt. Die Straßenzüge sind menschenleer. Stacheldrahtgekrönte 3 Meter hohe Mauern schützen die Villen. Beim übernächsten Nachbarn ist es sogar oben auf der Mauer ein Elektrozaun „Vorsicht Hochspannung!“.  24 Stunden sind wir jetzt hier und genießen diese absurd andere Art zu übernachten. 24 Stunden haben wir nun keinen anderen Menschen gesehen. Wir haben das Tor offen gelassen und zum Frühstück auch die Haustür. Frische Luft rein! Irgendwie sind wir es nicht gewohnt so isoliert zu sein.

Schon vor Beginn der Dämmerung fingen die Kinder in der Schule an zu singen. Das war schön.

Da ruft es von draußen. Ich gehe zur Haustür. Bis zum Tor sind es 25 Meter. Dort steht ein älterer Schwarzer mit einem Rechen. Als er mich sieht, nimmt er seine Mütze ab und grüßt. Er redet mich mit „Sir“ an und deutet mit dem Rechen Bewegungen an. Ich gehe zu ihm hinaus. Er fragt, ob er den sandigen Vorplatz des Tors rechen soll. Uns ist aufgefallen, dass dies hier üblich ist – das sieht sehr hübsch aus. Ich schaue die Straße entlang. Es ist alles ordentlich gerecht und nirgends ist ein Mensch zu sehen. Er zeigt mir sein leeres Portemonnaie und sagt es, würde 10 Nam-Dollar kosten (50 Eurocent). Ich sage, er brauche nicht rechen und gebe ihm 20 Nam-Dollar. Überschwänglich bedankt er sich, nimmt meine Hand und schüttelt sie und sagt, er heiße Johann. Die ganze Zeit hat er verlegen seine Mütze in der Hand. Mir fällt auf, dass ich durch die Löcher in seinen Schuhen seine Zehen sehen kann. Er wünscht mir einen guten Tag und Gottes Segen. Es ist 11 Uhr vormittags und kein Mensch zu sehen und kein Geräusch zu hören. Alle Tore sind versschlossen. Die Reichen leben hier auf einem anderen Planeten.

Aufziehendes Gewitter am Brandbergmassiv

Hätte ich die Anweisungen befolgt, die im Haus foliert an der Wand unter der Zentralschalte der Alarmanlage hängen, wäre mein Tor verschlossen und der Alarm für den Außenbereich aktiviert. Deprimiert gehe ich zurück zum Haus. Vielleicht ist die ökonomische Trennung, die die Reichen in einer separaten Welt isoliert, noch gründlicher als die Apartheid.

Ich erzähle Imke die Begebenheit und wir überlegen, ob das diese Trennung ist, die uns so verstört seit wir hier in Namibia sind. Das passt ja schon auffällig dazu, dass Namibia den zweitletzten Platz in der Liste des Gini-Koeffizienten belegt, unter allen Ländern dieser Welt. Was so süß wie der Name eines Meerschweinchens klingt, bezeichnet den Grad der ungleichen Einkommensverteilung. Extremere Ungleichheit als in Namibia gibt es weltweit nur noch in Südafrika. Unser erster Eindruck nach drei Wochen hier: Das ist die Fortführung der Apartheid mit wirtschaftlichen Mitteln. Uns ist klar, dass das eventuell eine kontroverse These ist. Das ist aber die aktuelle Lektion, die Namibia uns angeboten hat.


In der Wüste Namib

Oft sind wir am Tag ohne jeden Kontakt zu Menschen unterwegs. Da verblassen dann solche negativen Gedanken. Gestern zum Beispiel sind wir von Uis nach Hentjes Bay an die Atlantikküste gefahren. Dazu mussten wir die Namibwüste durchqueren. Eine etwas besondere Art von Wüste. Sie soll die älteste Wüste der Erde sein. Noch bevor die Kontinente auseinander drifteten, soll es diese Wüste schon gegeben haben. Unvorstellbare Zeiträume blättern sich da auf im Geschichtsbuch der Erde. Sie hat auch eine ungewöhnliche Form, die Namib. Etwa 2000 Kilometer lang, ist sie, bei Hentjes Bay aber nur etwas über 100 Kilometer breit. Von Uis aus sind es 130 Kilometer, die vor uns lagen. Wir waren nicht sicher, ob wir das an einem Tag schaffen würden und nahmen Wasser für zwei Tage mit, insgesamt 16 Liter. Denn wir wussten, dass die Windverhältnisse in dieser Küstenwüste ebenfalls eigenartig sein würden. Als wir früh morgens vor Sonnenaufgang starteten, zog uns ein starker Wind in die Wüste und wir cruisten zwei Stunden lang mit rund 30 Stundenkilometern immer tiefer in dieses flache Meer aus Sand, Horizont und Himmel. Dann, nach knapp 50 Kilometern, erstarb der Rückenwind plötzlich und innerhalb von wenigen Minuten schlug uns der Wind in derselben Stärke aus der entgegengesetzten Richtung ins Gesicht. Jetzt hatten wir das beklemmende Gefühl, diese Urwüste hatte uns nur eingesogen, um uns in ihrer unwirtlichsten Tiefe festzuhalten.

Nichts wuchs hier, keine Büsche, kein Baum, kein Gras. Wir waren umgeben von einer Staubfläche, die sich bis zum Horizont erstreckte wo rote, grimmige Felskegel sich im Dunst erhoben. Selbst die Schlangen, vergraben sich hier im Sand, um sich vor der brennenden Sonne zu schützen. Wir wurden gewarnt. Auf dem pfeilgeraden Asphaltband, das vor uns lag, war kein Verkehr. Wir waren allein hier. Wüsteneinsam. Auch in fünf Kilometer Entfernung von der Straße hätte man noch unser Zelt gesehen. Es gab keine Erhebung, keinen Felsen, kein Rettung vor der Ebene. Also nahmen wir unsere Kräfte zusammen gegen den Wind.
Wir wechselten uns ab und gaben einander Windschatten. Mit allen Kräften kämpften wir gegen diese unsichtbare Macht und kamen quälend langsam voran. Weit und breit gab es keinen Windschutz, keinen Schatten bis zum Horizont. Stunde um Stunde traten wir an gegen den Wind und die Einöde. Lang war nicht klar, ob unsere Kräfte ausreichen würden. Dann gegen 15 Uhr lagen nur noch 20 Kilometer zwischen uns und Hentjes Bay und wir wussten, wir würden es schaffen. Es waren die härtesten 20 Kilometer des Tages.

Der erste Asphalt nach drei Wochen Schotterpiste.
Der einzige Schatten auf unseren 130 Kilometer durch die Namibwüste.

Als wir schließlich im Zentrum von Hentjes Bay vor dem SPAR standen und uns ungläubig umschauten, hätten wir genauso in einer Kleinstadt in den USA oder Australien sein können. Aber Hentjes war so seltsam wie die Namib. Hentjes Bay liegt am Atlantik und hat trotzdem keinen Hafen. Die gewaltige Dünung des Ozeans macht diesen Küstenabschnitt seit Jahrhunderten zum Friedhof für Schiffe und für deren Besatzungen. Wer sich aus seinem gestrandeten Schiff an Land rettet, ist der Wasserwüste des Ozeans zwar entkommen, wird aber ohne Hilfe in der Wüste Namib  verloren sein. Daher auch der makabre Name: Skelett-Küste.

Hentjes Bay liegt mitten in der Wüste. Die Sanddünen der Namib gehen hier direkt in den Atlantik über. Die nächste Ortschaft an der Küste in Richtung Norden ist rund 800 Kilometer Luftlinie entfernt in Angola. Die Straße vor dem SPAR ist asphaltiert wie noch drei andere hier. Ansonsten ist hier alles auf Sand gebaut und die Straßen dieser knapp 5000 Einwohner-Gemeinde sind Sandpisten. Das alles merkt man nicht vom Supermarktparkplatz aus, auf dem wir jetzt stehen und uns Buttermilch mit einer kalten Pizza aus dem Bäckerregal reinziehen. Es ist Samstag und die Leute fahren mit ihren Jeeps an den Strand zum Angeln. Die Straßen sind menschenleer und still. Alles ist hier etwas anders im Vergleich zu dem Afrika, das wir bisher kennen gelernt haben.