Der Gesang der Mönche

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„Wenn Du jemanden ohne Lächeln siehst –  schenke ihm Deines.“

Sprichwort aus Myanmar

Die Dunkelheit und der Singsang vermischen sich zu einem kühlenden Brei. Sechs Worte auf einem Ton gehalten, dann ein Schlusston. In pausenloser Wiederholung sickert das gesungene Mantra in das Bewusstsein, wie das braune Wasser im Bad nebenan aus der rostigen Leitung. Wann haben die Mönche mit dem Gesang begonnen? Ich weiß es nicht. Er war schon immer da. Schon immer da: der Gesang und die Bäume, die hier zwar ganz ohne Unterholz in lichtem Abstand stehen, deren hohes, mächtiges Blätterdach allerdings auch noch das geringste Sternenlicht abschirmt. Die Dunkelheit und der Singsang sind hier undurchdringlich. Das Zeitempfinden verliert sich in dieser monotonen Finsternis der burmesischen Nacht. Vielleicht ist es erst Mitternacht, vielleicht aber fängt es in einer halben Stunde auch schon zu dämmern an. Das endlose Mantra könnte die Zeit dehnen oder komprimieren, beides erscheint mit gleich gültig. Habe ich überhaupt schon geschlafen? Was, wenn sie nie mit Singen aufhören werden? Sechsfacher Gleichton, tieferer Abschlusston. Sechsfacher Gleichton, tieferer Abschlusston. Würde ich weghören können, wenn ich es wollte? Sechsfacher Gleichton, tieferer Abschlusston. Liegt es ganz bei meinem Hören, ob es einschläfernd oder beklemmend klingt? Ich lausche in die Dunkelheit und fühle mich umschmeichelt vom Gesang der Mönche, ein beruhigendes Gefühl, als ob jemand an meinem Bett über meinem fiebrigen Schlaf wachen würde. Es ist beinahe das einzige Geräusch dieser Nacht. Alle paar Minuten mal der beiläufige Schrei eines Tieres, ein Vogel oder ein Affe? Dahinter, darüber, alles ausfüllend der gezeitenhaft an- und abschwellende Gesang der buddhistischen Mönche. Mehr als 50 Meter entfernt sind sie nicht. Wir haben das Kloster nicht gesehen, aber es gibt sie überall. Kleine, meist mit Blattgold belegte Stupas stehen überall in der Landschaft, manchmal im Dickicht des lichten Dschungels versteckt, manchmal alles überragend. Myanmar ist reich an Goldvorkommen. Aber fast alles Gold bleibt im Land und wird als Blattgold über Zehntausende von Buddhastatuen und Stupas der Klöster und Tempel gelegt. Zehntausende buddhistischer Sonnen werfen ihr Licht in den roten Staub Burmas. Nachts jedoch ist das Land dunkel. Selbst in den Städten ist Licht rar und Strom öfter nicht zuverlässig. Tagsüber ist es die Sonne, die vom Blattgold zurückgeworfen wird, nachts ist es der Widerhall des Mantras, der dem Buddha Form gibt. Sechsfacher Gleichton, tiefer Abschlusston.

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Die unabsehbare Wiederholung schmeckt metallisch unter der Zunge. Wir sind in Myanmar. Seit drei Tagen liege ich hinter der dämpfenden Milchglasscheibe des leichten Fiebers. Die Welt dringt weniger als Geschichte zu mir hindurch als durch Stimmungen. Ein schaler Geschmack der Wiederholung und des Wartens zermürben mich. Ich möchte weiterfahren, muss mich aber einmal mehr gedulden. Heftiger Husten und Fieber in den Tropen – das könnte vieles sein. Ein Arzt mit verlässlicher Diagnose ist in Myanmar nicht einfach zu finden. Für manche Erkrankung sind wir selbst vorbereitet. Unsere Reiseapotheke ist beeindruckend und beruhigend gleichzeitig. Ich erinnere mich an den Ratschlag unseres Tropenmediziners, bei unklarem Fieber und diffusen anderen Symptomen immer auch an Malaria denken! Ich mache einen Malaria- Bluttest. Malaria habe ich zum Glück nicht. Schließlich geht das Fieber weg, der Husten bleibt. Wir warten noch zwei fieberfreie Tage. Dann fahren wir los. Der Straßenbelag ist schlecht, das Treten geht zäh. Wir quälen uns über die ersten Tage. Ist es die Klimaumstellung? Die Schwächung durch die Krankheit? Die lange Pause vom Radfahren? Es könnte besser laufen. Aber wir sind froh, dass wir wieder fahren. Die Länge der Etappen wird bestimmt durch die Entfernungen zwischen den Unterkünften. Hier in Myanmar, das sich erst vor rund drei Jahren dem Ausland und dem Tourismus überhaupt geöffnet hat, ist es streng verboten zu zelten. Wir sind auf die einfachen Gästehäuser und Hotels der Kleinstädte angewiesen. Zum Glück sind die Etappen der ersten Tage machbar.

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Dazwischen gibt es fast nur von Palmblättern gedeckte Hütten. Sie sind aus Bambus gebaut, oft mit fein geflochtenen Wänden, und stehen auf Stelzen. Im Schatten der breitblättrigen Bananenpalmen liegen die Ochsen im Schatten. Schweine und Hühner suchen nach etwas Essbarem. Kinder sind auf dem Fahrrad oder zu Fuß auf dem Weg zur Schule und winken begeistert, stoßen sich gegenseitig an und rufen ihre Freunde herbei, wenn sie uns sehen. Alle Menschen, Männer und Frauen, tragen lange, eng gewickelte Röcke. Ein Anblick, der für uns zunächst ungewohnt ist. Schmunzelnd denke ich, dass es den Burmesen mit uns genauso geht. Auch wir sind ein exotischer Anblick, denn sie nennen uns „die Hosenmenschen“.

Männer, Frauen und Kinder sind mit einer Art Kriegsbemalung vor allem auf den Backenknochen geschminkt, einer Paste, die vor der Sonne schützen soll. Sie heißt „Thanaka“ und ist ein gelblich-weißer Brei aus fein geriebener Baumrinde. Sie hat auch den Ruf, gegen Hautalterung sowie Husten und Erkältung zu wirken. Vermutlich hustet Ralph nur deswegen noch, weil er sich weigert, sich schminken zu lassen.

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Wir sehen Bauern, die mit Ochsen ihre Felder pflügen oder auf Ochsenkarren Wasser in rostigen Tonnen zu den Dörfern transportieren; Frauen, die mit breiten Basthüten auf den Köpfen Unkraut aus der roten Erde auf den Feldern reißen. Wie in so vielen Ländern staune ich, was und wie viel man auf dem Kopf transportieren kann – Wasserkrüge, riesige Holzbündel, ganze Palmstämme. Egal, welche Arbeit verrichtet wird, ob Frauen beim Straßenbau Teerbrocken mit der Hand zerkleinern, Baumstämme zersägt oder Felder bepflanzt werden – alle Menschen tragen ausschließlich Flipflops, bei jeder Tätigkeit. Ich sehe kein einziges Paar Schuhe. Das hat aber sicherlich nichts mit der Wärme zu tun, sondern mit der Armut. Myanmar ist das ärmste Land Südostasiens. Wir bekommen das einmal mehr täglich auf der Straße zu sehen.

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Während der Mittagsstunden herrscht eine entspannte friedliche Stimmung in den Dörfern. Die Burmesen liegen im Schatten vor den Hütten, mit ihren Kindern auf dem Schoß, auf sehr gemütlich aussehenden kunstvoll geflochtenen Bastliegen. Anatomisch perfekt geformt, könnte ich schon bei ihrem Anblick einschlafen, wenn ich schwitzend an ihnen vorbeifahre, und ich wünsche mir so eine Liege in der sehr weit entfernten Vorstellung, in der ich mal wieder zu Hause in einem Garten liegen werde, in der gemäßigten Klimazone. Wenn wir irgendwo im Dorf im Schatten eine Pause machen und ein paar Kekse essen, werden wir freundlich-zurückhaltend bemerkt, man lächelt uns zu, nickt verständnisvoll – ja, ein wenig im Schatten sitzen, das muss sein! Aus Interesse kommt man auf einen kleinen Schwatz vorbei, lächelt viel, hat wenig gemeinsame Sprache aber viel gegenseitiges Verständnis – und lässt uns dann gleich wieder in Frieden ausruhen.

Bei unseren Fahrten über Land gibt es nicht viel Abwechslung. Am Straßenrand ein kleiner Stand, mit einer vergilbten chinesischen Thermoskanne, selbstgemachtes Fettgebäck oder kleine Tütchen voll Weißnichtwas, die zum Verkauf am Baum hängen. Mir fällt auf, dass die Burmesen Blumen lieben. Die Frauen tragen sie im Haar, morgens werden sie frisch vom Moped weg verkauft und vor den vielen Buddhastatuen und goldenen Pagoden, die zu Hauf in jedem Dorf stehen, niedergelegt. Eine einzelne Blume in einem Glas ziert auch den kleinsten Bananen- oder Kokosnussstand am staubigen Straßenrand unter dem kühlenden Schattendach des Luftwurzelbaums.

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Es ist nicht zu übersehen, wie tief verwurzelt der Buddhismus in diesem Land ist. Was uns zunächst noch exotisch vorkam, ist längst zu eine gewohnten Anblick geworden: Mönche und Nonnen jeden Alters, in dunkelrote oder zartrosige Tücher gewickelt, sehen wir in jedem Dorf. Sie besuchen mit den anderen Kindern die Schulen oder sind in der dunstigen Morgenkälte in Reihen mit Töpfen unter den Armen auf den Straßen unterwegs, um die Essensspenden der Dorfbewohner einzusammeln. Vor jedem Haus und jedem kleinen Straßenrestaurant machen sie Halt. Die Menschen ziehen ehrfürchtig ihre Schuhe aus, wenn sie sich ihnen nähern, und füllen ihnen Reis, scharfe Soße und Früchte in die Gefäße – die einzige Mahlzeit des Tages für die Mönche und Nonnen.

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Noch eines lieben die Burmesen: Musik. Immer laut und scheppernd, gerne romantisch-kitschig. Sie dröhnt von den kleinen Pickup-Taxis herunter, von deren Ladefläche uns ein Dutzend kichernde, auf Säcken sitzende Frauen zuwinken und sich begeistert quietschend gegenseitig in die Arme kneifen, wenn wir fröhlich zurückwinken. Immer ist gerade irgendwo ein Fest, eine Hochzeit oder eine Klostereinweihung, die schon von weitem von Musik angekündigt werden, die die Lautsprecher scheppern lässt. Jeden Tag passieren wir mehrere gut gelaunte, natürlich von dröhnender Musik untermalte Straßensperren, bei denen die Dorfbewohner Geld für ihre vielen Klöster von den Vorbeifahrenden sammeln. Zum Dank für unsere Spende erhalten wir zwei Rosen überreicht. Vermutlich war es aber weniger unsere mickrige Spende als die Fremdenfreundlichkeit, die uns die liebevoll an unsere Räder angesteckten Rosen bescherte.

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Dann wieder viele Kilometer rote Erde, locker bestanden von vereinzelten Palmen oder weit ausladendend Blätterschirmen der Luftwurzelbäume. Verkehr ist nicht viel, dafür, dass wir uns fast immer auf den wenigen Überlandhauptstraßen bewegen. 90 Prozent Motorroller, daneben Kleinlastwagen als Sammeltaxis, die auf ihrer überdachten Ladefläche an Personen alles aufladen, was am Straßenrand die Hand hebt. Dritter Verkehrsbestandteil: Ochsenkarren. Für sie gibt es immer neben dem schlechten Teerbelag einen tief gefurchten Staubabschnitt. Jenseits davon beginnt der Dschungel oder die roterdige Steppe.

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Wen wir nicht auf den Straßen treffen, sind die Militärs. Es gibt keine Checkpoints, keine Truppentransporte, keine Jeeps. Einfach gar nichts, was auf die jahrzehntelange brutale Geschichte Burmas als Militärdiktatur hinweist. Wir wundern uns. Hier und da fahren wir an einer Kaserne vorbei. Anders als wir es aber aus China gewohnt sind, gibt es keine martialische Waffenshow für das vorbeireisende Publikum. Das will nichts heißen und nicht viel aussagen über den Zustand dieses Landes im Jahr 2018. Allerdings ist es unterdessen erst eine demokratische Wahlperiode nach dem Ende der absolutistischen Herrschaft der Generäle über dieses Land. Inoffiziell regiert immer noch das Militär. Auch Polizei begegnet uns nur ausnahmsweise. Kaum, dass wir ein Land nennen könnten, in dem uns weniger Staatsmacht auf den Straßen begegnet wäre. Die jüngste Geschichte hier würde anderes nahe legen. Noch in den 90er-Jahren wurden die Proteste für mehr Demokratie brutal niedergeschlagen. Zehntausende wurden bestialisch ermordet und viele, die sich gegen die Militärherrschaft aussprachen, verschwanden einfach in den Folgejahren. Die demokratischen Wahlen 1990, die einen überwältigenden Sieg der Demokratiebewegung zur Folge hatten, wurden einfach für ungültig erklärt. Es dauerte noch ein Vierteljahrhundert, erst 2014 gab es in Myanmar Wahlen, die eine erste Öffnung zur Demokratie versprachen. Aber gerade an der jüngsten Rohingya-Krise ist zu sehen, wie schwer das Machtgemisch hier in Myanmar zu durchschauen ist. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi äußert sich nicht zu den Vertreibungen. Von der internationalen Gemeinschaft wird sie dafür scharf kritisiert. Vermutlich zeigt aber ihr Schweigen, wie wenig sie trotz ihres Wahlsieges im Land an den bestehenden Machtverhältnissen ändern kann. Ein Viertel der Sitze im Parlament sind immer noch für die Militärs reserviert und kaum ein Land dieser Welt hat einen prozentual so hohen Verteidigungshaushalt. Da zeichnet sich ab, wer immer noch die eigentlichen Herren im Haus Myanmar sind.

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Gerade angesichts der historischen Narben, die dieses Vielvölkerland trägt, fanden wir es fast schon zynisch, Myanmar das „Land des Lächelns“ zu nennen. Ein Tourismusprospekt-Etikett? Aber das ist es, was uns auf den Straßen begegnet, nicht das Militär, sondern das Lächeln der Zivilisten. Nicht das plakative Prospektlächeln. Überall begegnet uns fast verlegene Zurückhaltung, vielleicht sogar etwas Furcht vor den Fremden. Wir sind es ja gewohnt durch Regionen zu reisen, in denen sonst keine Touristen durchkommen, geschweige denn Halt machen. Daher ist diese erschrockene Zurückhaltung, die verlegen-überraschte Reaktion über uns Fremde nichts Neues. Hier allerdings befinden wir uns nicht nur in einer abgelegenen Region. Burma hat sich erst vor kurzer Zeit aus der internationalen Isolation zaghaft geöffnet. Engster politischer Verbündeter des Landes war lange Zeit Nordkorea, was allein schon genug sagen würde über den Grad der Isolation, die das Militär über dieses Land verhängt hat.

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Jetzt plötzlich kommen Fremde. Aber auch die Touristen bewegen sich natürlich nur auf schon ausgetreten Pfaden. Sie kommen nach Bagan, der Tempelhauptstadt, nach Mandalay, sie fahren zum idyllischen Inle-See. Sie möchten Fotos der Streckhals-Frauen aus dem Dschungel machen und von den Fischern, die sich ein Ruder ans Bein binden. Wer fährt schon durch die roterdige hügelige Steppe? Wer hält in den Provinznestern, die wir ansteuern müssen, weil es dort die einzigen Gästehäuser gibt. Die burmesische Regierung schreibt uns vor, dass wir in Hotels und Gästehäusern übernachten müssen – denen, die für Ausländer zugelassen sind. Wir kennen das ja schon aus China und fügen uns. Aber so kommen wir mal wieder in die Ecken, in die sonst keiner schaut, der hübsche Fotos machen möchte und einen 14-tägigen Pauschaltrip gebucht hat. Wir fahren stundenlang über Land, die einzige Abwechslung sind immer wieder kleine Schreine, in denen ungebrannte Tonkrüge stehen mit Trinkwasser für Reisende. Daneben ein grob aus Bambus gezimmerter auf Stelzen stehender und mit Palmblättern überdachter Wartestand.

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Leider waren wir die letzten Wochen immer wieder krank. Nach der längeren Radpause in Indien fiel uns das Weiterfahren ohnehin wieder recht schwer. Die Bedingungen hier in Myanmar machten es nicht einfacher. Erst hatte ich Fieber, dann ging es Imke schlecht. Gestern hatte ich dann wieder Fieber. Wir wollen aber weiter, wollen dass die Reifen wieder rollen über den holprigen hügeligen Asphalt hier auf den Landstraßen Burmas. Wir sind leider etwas frustriert. Nach einer Woche hatten wir das Gefühl, dass wir jetzt wieder in eine gute Routine kommen, dann warf uns die nächste Krankheitsphase wieder aus der Bahn. Heute machen wir also noch einmal einen erzwungenen Ruhetag und nutzen die Zeit, um Euch einen ersten etwas unvollständigen Bericht zu schreiben. Es ist lange her, seit wir von der Schule in Indien berichtet hatten und so wird es Zeit für ein Lebenszeichen für Euch. Wir hoffen, dass wir morgen wieder weiterfahren können. Wir wollen zurück auf die Straße zu den Burmesen, deren sanfte Freundlichkeit uns über die heißen Hügel des Dschungels trägt.

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Denn obwohl uns der Tourismus-Slogan „Land des Lächelns“ angesichts der offensichtlichen Armut der Menschen und der nicht sichtbaren grausamen Geschichte Myanmars zynisch vorkommt, ist es doch das Lächeln der Menschen, das uns hier am meisten vorwärts trägt. Seit dem Iran haben wir uns von den Leuten, die wir auf der Straße treffen, nicht mehr so willkommen gefühlt. Die Burmesen begegnen uns auf eine unaufdringliche, sanfte und zurückhaltende Art, die sehr angenehm ist. Schon nach den wenigen Radtagen hier sehe ich immer noch viele lächelnde Gesichter wie Momentaufnahmen vor mir, die sich mit tief ins Herz eingesenkt haben. Da ist das ungläubig-staunende Lächeln des Ochsenkutschers, das sein schmales ausgemergeltes Gesicht unter dem Strohhut kurz hell macht, als er uns bemerkt.  Da ist das begeistert-aufgeregte Lachen der Frau, die vor ihrer Hütte gerade noch im Staub saß und Wäsche wusch, und die nun von meinem Winken aus der Hocke hochgerissen wird. Sie springt auf, winkt lachend zurück, nimmt schnell ihr Kleinkind hoch und wedelt mit dessen kurzem Arm, damit es auch der wundersamen Fremden ein „Bye-bye“ hinterherruft. Und da ist das Lächeln der Straßenarbeiterin, die gerade noch Steine kleingeklopft hat, als ich ihr zuwinke. Unsere Blicke begegnen sich, zwei Fremde aus völlig unterschiedlichen Welten sehen sich für einen Augenblick in die Augen. Sie richtet sich auf, dreht abwesend und fassungslos verlegen über diese Begegnung den Hammer in ihren Händen, und ein Strahlen tief von innen heraus erfüllt ihr Gesicht. Sie lächelt.

 

Oh, Ost ist Ost, und West ist West, und es verbindet sie nichts,

bis Himmel und Erde stille stehen, am Tage des Jüngsten Gerichts.

Doch zählen weder Ost noch West, Erziehung, Geburt oder Geld,

wenn zwei starke Menschen ins Antlitz sich sehen, und kämen sie von den Enden der Welt.

Rudyard Kipling, Die Ballade von Ost und West

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